Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Woanders ist es auch schön

Rissima reist durch Georgien macht wunderbare Bilder, hat ein georgisches Kälbchen getroffen und erzählt wunderbare Geschichten dazu. Das Schönste ist, dass sie uns mitnimmt.

Bekanntlich und Sie als leidgeprüfte Leserinnen und Leser wissen davon ein Lied zu singen, ich kann keine Sprache richtig und mache auch im Deutschen entsetzlich viele Fehler, deswegen finde ich es immer so spannend zu hören wie andere Sprachen lernen, die von mir sehr verehrte Frau Istrice lernt gerade Niederländisch.

Ich musste darüber so sehr lachen, dass ich einen Schluckauf bekam.

Die Sache mit den Erdbeerhüttchen handgeschnitzt sozusagen. Via Frau Kaltmamsell

Wer wenn nicht der Tierarzt quiekte beim Wort Mondkalb verzückt auf? Das Ganze klingt jedenfalls nach einer tollen Idee.

Ein tolles Blog , dass in jeder Hinsicht die Augen öffnet und immer wieder bin ich mir sicher genau dafür ist das Internet erfunden worden.

Howard Jacobson denkt über Antisemitismus nach.

Ein wunderbares Buch über Straßenhunde, die in Indien viel häufiger vorkommen als Kühe und die doch nur selten jemand so sieht und beschreibt.

Ich rufe also wie üblich zum Tierarzt herüber, der die Musikempfehlung der Woche herbeirufen soll. Der Tierarzt ruft: Mädchen, Let’s eat Grandma. Ich stehe auf und geht zum Tierarzt herüber, denn nur ein Mann im Fieberwahn würde doch einen solchen komplett wahnsinnigen Vorschlag anbringen. „Tierarzt“, sage ich also,“seit wann hast Du derartiges Fieber?“ „Fieber?“ krächzt der Tierarzt, Du wolltest Du doch eine Musikempfehlung für die verehrten Leser!“ Indeed, knurre ich, aber die Aufforderung eine Großmutter zu verspeisen, klang in meinen Ohren kannibalisch aber nicht musikalisch. „Doch, doch, sagt der Tierarzt, die heißen so.“Falling Into Me“ singen die Großmütteresser und ich bin dann wohl offiziell alt. Spießig war ich ja schon immer.

Das Wagenrad der Assimilation

Es ist eine Katastrophe“, sagt die liebe C.

„Es ist ein Wagenrad“, sage ich.

Die liebe C. lacht. Sie sagt: „Deiner Großmutter wäre das nicht passiert.“

„Niemals im Leben“, sage ich und lache auch. Meine Großmutter verstand sich wie niemand sonst auf die Assimilation. Meine Großmutter gehörte ja schließlich, wie sie niemals müde wurde zu betonen, zur zweiten Generation der assimilierten Juden. Keine Ghettoluft, sondern erst österreich-ungarische, dann deutsche Bürger. Aber wir, was sind wir eigentlich, die Generation 1 und 2 nach Auschwitz? In jedem Fall machen wir Fehler, die meine Großmutter niemals gemacht hätte.

Meine Großmutter wusste ganz genau, wie groß der Adventskranz für das Wartezimmer sein musste, damit niemand sagte:

„Die Frau Doktor ist aber knausrig.“

Oder

„Die Juden protzen ja wieder mächtig.“

Letztes Jahr hatte die liebe C. den Adventskranz völlig vergessen.

Die Leute der Stadt sagten: „Bei der alten Frau Doktor hätte es das nicht gegeben und die Frau Doktor hat eben nur noch die Flüchtlinge im Kopf. Die liebe C. aber vertrat einen an Krebs erkrankten Kollegen, der die Dörfer versorgt an den Wochenenden. Aber gesagt hat die liebe C. nichts, denn „Es ist doch klar, dass die Juden bei jeder Gelegenheit noch mehr Geld scheffeln.“

Dieses Jahr aber ist der Adventskranz nichts weiter als eine Zumutung. Der Jude lernt es eben nicht.

Meine Großmutter wusste, dass man auch als Jud bei der Christmette zu erscheinen hatte, aber ging niemals zu der Christmette bei der die kleine Stadt unter sich sein wollte.

Meine Großmutter wusste, dass der Jude Karfreitag und auch an Ostern nichts in der Kirche zu suchen hat.

Nur mein Großvater hatte keine Wahl, er war der Kantor der Kirche und folgerichtig sagte Fräulein Patensky, die Diakonin, dass es eine Sünd sei, dass der Jud die heiligen Lieder spiele, aber die Zeiten waren eben so und Fräulein Patensky kniff die Lippen zusammen.

Meine Großmutter wusste, dass auch wenn man Schubert aus dem Kopf spielen konnte, immer die Noten auf dem Halter liegen ließ, damit man die Nicht-Juden nicht vorführte.

Meine Großmutter ließ mich die Aussprache aller deutschen Worte üben, das-h- das ich jahrelang nicht richtig sprechen konnte, üben bis mir die Ohren bluteten. Es gilt die Deutschen nicht mit dem schlechten Gebrauch ihrer Sprache zu reizen, sagte sie. Ihr Deutsch und unser Deutsch ist verschieden sagte sie und gab zu, dass auch sie niemals bis auf den Grund der deutschen Sprache vorgedrungen sein, denn wie konnte es sein, dass dieselben Nachbarn, die eben noch grüßten, schwiegen als die Familie nach Auschwitz fuhr?

Meine Großmutter hatte von ihrem Vater, der so stolz war, dass sie auf das Gymnasium kam, dass man als Jude am besten immer nur Klassendritter ist, um nicht dem Bild des vorwitzigen Juden zu entsprechen und so war meine Großmutter immer Klassendritte und dass meine Großmutter wirklich promoviert worden war und nicht nur aus Gewohnheit Frau Doktor gerufen wurde, verschwieg sie sogar vor sich selbst.

In einer und mag sie auch noch so freundschaftlich geführten Auseinandersetzung sagte meine Großmutter, hat der Jude niemals zu vorlaut zu widersprechen, immer gilt es im Gegenüber kein unangenehmes Gefühl hier mit einem Juden zu sitzen aufkommen zu lassen, im Zweifelsfall hat der Jude immer Unrecht, sagte meine Großmutter.

Eine Jude geht nicht bei Rot über die Ampeln.

Eine Jude lärmt nicht auf der Straße.

Eine Jude trennt den Müll vorbildlich.( Die Orientalen schmeißen ja den Dreck auf die Straße.)

Ein Jude erinnert die Nichtjuden nicht ständig daran, dass er Jude ist.

Ein Jude spricht niemals über Antisemitismus.

Wiederfährt einem Juden ein Unrecht, so beklage er sich nicht. Es gibt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, sagte meine Großmutter.

Nichts empört den Nicht-Juden so sehr, wie einen über Antisemitismus jammernden Juden. Erwarte niemals irgendeine Form der Unterstützung. Jude Sein, sagte meine Großmutter ist Einsamkeit als Lebensform. Sie hat Recht. Mag in Stockholm eine Synagoge angebrannt werden, mögen in Berlin Chöre rufen, stirb du Judenschwein, so ist auch das eine Sache der Juden und niemals eine Sache der Gesellschaft selbst.

Ein Jude hat seine Dinge stets griffbereit, packt den Nicht-Juden die Wut, so gilt es vorbereitet zu sein.

Diese Woche schrieb mir jemand eine Email. In der Email stand, finden Sie es nicht komisch, dass sie als Jude dem Muslim und Türken Deniz Yücel und Mesale Tolu ins Gefängnis schreiben? Das könnte doch sehr unangenehm sein, dass ihnen ein Jude schreibt.
Na dann wollen wir mal froh sein, dass die Karten wohl nicht ankommen. Im Gefängnis sein, ist ja schon schlimm genug, aber im Gefängnis zu sitzen und dann bekommt man Post vom Juden ist wirklich unaushaltbar schlimm.

Warum schämst Du Dich so Jude zu sein, schrie ich meine Großmutter an, da war ich achtzehn Jahre alt und wollte die Chanukkia ins Fenster stellen und meine Großmutter verweigerte sich und sagte: „Was ist nur in Dich gefahren Kind?“ Aber als ich nicht aufhörte zu schreien: „Warum schämst Du Dich so ein Jude zu sein, da hielt meine Großmutter erst meine Hände und dann mich so fest, bis ich glaubte, ich würde ersticken und sagte: „Ich halte das nicht aus, wenn Sie Dich auch noch erschlagen.“ Ich habe niemals aufgehört mich zu schämen.

Die Chanukkia steht auf dem Tisch und niemals am Fenster.

Meine Vater besorgte Marzipan und rote Schleifen. Geleesterne und solche mit Zuckerrand. Mein Vater kaufte dicke rote Kerzen und Tannenzapfen aus Schokolade. Mein Vater malte ein Schild: „Bitte greifen Sie zu.“ Wir wünschen Ihnen eine gesegnete und gesunde Adventszeit.“

Die Leute sagen: „Niederegger Marzipan- die Juden haben es eben.“

Die Leute sagen: „ Die glauben das doch gar nicht. Aber der Jude lügt ja gern.“

Die Leute sagen: Solche Angeber, die Juden.“ „Da kannste nichts machen.“

Die liebe C. am Telefon lächelt. „Immerhin originell“ sagt sie.

Ich sage: „Also hübsch ist er schon.“

Mein Vater sagt: „Er riecht nach Winter und Wald und Schnee.“

Der F. der ehemalige liebenswürdige Gefährte sagt: „Ich wette niemand traut sich den goldenen Tannenzapfen zu nehmen.“

Die liebe C. sagt zu mir am Telefon: Sie hat Dich geliebt Süße, sie hat Dich so geliebt.“

Ich nicke und schlucke.

Die Mali-Tant ruft an und sagt: Geh Mädi, hast gehört wie es den Juden ist ergangen in Göteborg? Geh Du musst mir halt scho versprechen, dass Du net gehst in a Shul fir a Tanz.

Es hat keine Juden in Irland, Mali-Tant, sage ich.

Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, ich bin a oide Frau, i will net sehen Dich verschossen.“

Geh Mali-Tant, es wird scho gut gehen, sage ich.

Meine Großmutter sagte: Der Erfolg eines Juden misst sich in seiner Unsichtbarkeit. Sie musste es wissen, sie war ja schließlich die Tochter eines assimilierten Juden der ersten Generation.

Die Leute sagten, wenn die Schlangen in der Poli-Klinik zu lange war: „Na geh halt zum Judendoktor, die nimmt dich dran.“

Die Juden das sind eben die Anderen.

 

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Fieberhaft

In der Nacht aber geträumt ein Gnom oder Troll säße auf meinem Brustkorb und hämmerte mit einem silbernen Löffel, Tonleitern an meinen Rippen entlang. Schmerzhaft ist das nicht, nur sehr eintönig eben und als ich mich zwinge die Augen zu öffnen, um den Gnom um einen Taktwechsel zu bitten, starrt mich die Katze missmutig an. Ohne Silberlöffel, aber mit ihrem Schwanz pocht sie ungestört weiter. „Katze“, sage ich der Tierarzt schläft heute Nacht nicht hier.“ Empört miaut die Katze und verdächtigt mich bestimmt, ich hätte den Tierarzt im Schrank versteckt. Dem ist nicht so und da die Katze auf meine Gesellschaft keinen gesonderten Wert legt, schleicht sie schließlich die Treppe herunter und rollt sich auf dem Sessel zusammen. Ihr Schwanz bewegt sich keinen Millimeter mehr.

Irgendwann schlafe ich wieder ein. Am Morgen plötzlich hohes Fieber. Aber ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, sondern muss mich wie immer beeilen. Im Zug heftiger Schüttelfrost, der mir kalt in den Nacken atmet. Man lässt sich nicht gehen, sagt meine Großmutter von Fern und ich wickle mich dichter in den blau-grauen Schal. In Dublin, nasser und feucht-kalter Wind, einen Moment lang sehe ich mich schon ausgleiten, aber dann stolpere ich doch nur und gehe etwas langsamer weiter. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken mich unter meinem Schreibtisch zusammenzurollen. Meine Großmutter spitzt spöttisch die Lippen und ich atme langsam gegen den Schwindel an.

Im Seminar trinkt ein Student mit schlürfenden und schmatzenden Lippenbewegungen, Milch aus einem Zweiliterkarton. Seinen Kopf lehnt er weit zurück in den Nacken und setzt den Milchkarton nicht ein einziges Mal ab ab. Ich sehe unter den Tisch, ob sich dort nicht irgendwo eine Milchpfütze bildet, aber ich täusche mich und endlich setzt der Student den Karton wohlig schmatzend ab. Mit beiden Händen wischt er sich den Milchbart ab und kramt nach seinen Unterlagen. Die anderen Studenten schlürfen aus Kaffeebechern oder Wasserflaschen, in denen Schrumpfköpfen gleich welke Zitronen- und Gurkenscheiben schwimmen. Contenance flüstert mir meine Großmutter zu und ich atme tief durch bevor wir endlich beginnen.

In der Mittagspause mit B. verabredet. Nudelsuppe, sagt er und ich nicke. Doch als die dampfenden Suppenschüsseln vor uns auf dem Tisch stehen, wird mir schlecht. Ich winke ab und schiebe die Schüssel so weit weg von mir wie es nur geht. Zum Glück hat der B. Hunger für Zwei und löffelt meine Suppe ebenfalls aus. Am liebsten legte ich den Kopf auf die Arme, aber der B. erzählt mir von seiner komplizierten Scheidung und wer will ihm da aufmunterndes Nicken versagen? Von hinten flüstert mir meine Großmutter ins Ohr: „Sitz bloß gerade Kind.“ Ich drücke den Rücken durch.

Auf dem Rückweg zur Universität sehe ich den Mann wieder, der seit zwei Jahren regelmäßig auf der Straße steht, auf einer Israel-Fahne herumtrampelt und auf Rücken und Bauch zwei Plakate umgehängt hat, die Juden als Kinderschlächter und Weltherrscher in groben Posen zeigt und dazu krakeelt der Mann wie von Sinnen vor allem von der Weltbedrohung Zions und dem mörderischen Juden an sich. Unermüdlich in sich endlos wiederholenden Schleifen, so als sei in seinem Magen ein Lautsprecher installiert, der unermüdlich von vorn zu quäken beginnt. Rau und heiser ist die Stimme des Mannes und mit einem unangenehmen krächzenden Bellen trägt er nimmermüde seine Schimpftiraden vor. Als ich den Mann zum ersten Mal bemerkte, rief ich die Polizei herbei. Die Polizisten bemerkten kühl, dass der irische Staat die Meinungsfreiheit seiner Bürger schütze. Heute aber hat der Mann sich ein neues Plakat vor den Bauch geschnallt. Es zeigt das Mädchen Anne Frank, lächelnd und heiter in die Kamera sehend und unter dem lachenden Mädchengesicht verdammt der Mann heiser krächzend den neuen amerikanischen Präsidenten. Trump ist nackt bis auf eine Israelfahne und Steve Bannon hält eine Stürmer-artige Postille in der Hand und tanzt lachend auf einem Hakenkreuz. Der Mann kräht, dass der „Muslimban“ eine jüdische Verschwörung sei und immer wieder zeigt er auf das lachende Mädchen Anne Frank. Weißglühend tobt die Wut in meinem Magen aber schon steht meine Großmutter hinter mir, legt mir den Arm auf den Rücken und zieht mich weg.

Am Nachmittag sitze ich in Mantel und Schal gehüllt und versuche gegen das Rauschen in meinen Ohren, dem Vortragenden zuzuhören. Es gelingt so mittel und dies ist keineswegs die Schuld des Vortragenden. Urplötzlich aber steckt mir ein Lachen in der Kehle. Kein freudiges, aufmunterndes oder herzhaftes Lachen, sondern ein Biest von Gelächter, das mir in die Rippen sticht, mir mit den Fingern das Zwerchfell zusammendrückt und sogar bis an meine ewig kitzeligen Fußsohlen herunterreicht. Schließlich verschwinde ich ins Bad und werde von einem grässlichen Gelächter geschüttelt, ein Lachen das mit Steinen um sich wirft, diabolisch und schmerzhaft. Ein Lachen, das mich frierend und kalt und noch schwindeliger als ohnehin schon zurücklässt. Für einen Moment lang lehne ich die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Kind, sagt meine Großmutter und schüttelt den Kopf: „Steh bloß wieder auf, hörst Du?“
Dann zurück zu Vortrag und den Wattebergen in meinem Kopf.

Am Abend dann endlich zu Haus. Mit Mühe, Jacke und Stiefel ausgezogen, nur um rückwärts auf das alte, grüne Sofa zu fallen. Auf dem Plattenspieler Schuberts Erste Symphonie, die genau so scheppert und die Wirklichkeit ins Merkwürdige verzerrt, wie dieser Tag auch mich seltsam lozierend zwischen Traum und Wirklichkeit schwanken lässt. Dann wird alles schwarz. Später aber glaube ich, dass meine Großmutter neben mir auf dem Sofa sitzt und einen kühlen Waschlappen auf meine Stirn legt. Aber als ich endlich die Augen öffne, ist ihr Gesicht schon verschwunden. Statt ihrer legt der Tierarzt seine Hand auf meine Stirn. „Danke, Tierarzt“ will ich sagen, aber schon zieht die Dunkelheit mich zu sich zurück. „Du hast Fieber, höre ich ihn sagen, aber vielleicht hat der Tierarzt auch etwas ganz anderes gesagt. Dann wird alles endlich still.

Angesichts der Zerstörung

Die ganze Woche kracht es und zieht zwischen meinen Rippen. Immer und immer wieder lese ich diesen Satz: 17 jüdische Gräber  sind in Belfast am vergangenen Wochenende zerstört wurden. Acht Jugendliche so liest man weiter, sind mit Hammer und Meißel auf die Grabsteine losgegangen, um sie auseinanderzuhacken, auseinanderzuschlagen und die Namen auszuradieren. Es knistert in meinen Rippen. Ich stelle mir das vor. Was sind das für Jugendliche? Fahren sie zusammen in den Baumarkt um Werkzeug zu kaufen und haben sie dann an Oma’s Gartenzwergen ausprobiert, welcher Hammer der Schlagkräftigste ist? Kippt man bevor man die Werkzeuge in einen Rucksack wirft noch ein paar Bier oder hört man Hitlerlieder? Fragt man Mama, Papa, Onkel, Tante und den Skinheadbruder um Rat? Oder gibt es inzwischen schon Youtube-tutorials gesponsert von den nimmermüden Antisemiten hier und dort? Es gibt auch in Belfast keine jüdische Gemeinde mehr. In den 1980er Jahren sind die meisten der in Nordirland lebenden Juden nach Israel, die USA oder mainland Britain emigriert. Natürlich hat man nicht versucht sie aufzuhalten. Darin sind sich die ewig verstrittenen Protestanten und Katholiken einig.Die Zeitung indes vermeidet sorgfältig das Wort Antisemitismus auszuschreiben.Es lohnt ja die Mühe nicht, dort wo es keine Juden mehr gibt. Hate crime klingt doch auch schlimm und noch dazu so schön allgemein.

Es kracht in meinen Rippen und ich stelle mir vor, wie die Jugendlichen johlend und lachend auf dem Friedhof stehen und den Hammer schwingen so lange und wieder und wieder bis die Steine n dem Druck und den Schlägen nicht mehr standhalten und zerbrechen. Ob sie das filmen? Ob sie wohl mit stolzgeschwellter Brust sich gegenseitig anfeuernd, denn es braucht ja Kraft und Ausdauer für ihr Tun? Zerstörung ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Es zieht zwischen meinen Rippen. Natürlich hat kein Passant etwas gesehen, wundert sich kein Elternteil darüber, dass acht Kinder mit Hammer und Meißel nach Hause kommen. In Europa ist die Zerstörung von siebzehn jüdischen Gräbern natürlich keine Nachricht, man kennt sich aus in Europa und man ist gründlich gewesen in Europa, so gründlich wie selten sonst. Nicht einmal eine Stunde entfernt von dem kleinen irischen Dorf in dem ich wohne, liegt Belfast und meine Rippen pressen sich schmerzhaft gegen meine Hand. Wie jeden Sonntag kommt der Priester um ein Uhr zu Tisch. Heute gibt es Zitronenhuhn. „Ein Rezept aus der Levante“, sage ich und der Priester sieht mich an. „Read On“ sagt er, ich habe doch auch davon gelesen. Dass er nicht über Steuervorteile amerikanischer Konzerne redet, ist uns beiden klar. Ich lege mir die Hand auf die Rippen. Dann reden wir über andere Dinge. Über Brahms Drittes Klavierkonzert. Über John le Carré und englische Kindheiten. Über meine lange Nächte. Über die Sache der Kirche. Wären da nicht meine stechenden Rippen, wäre es ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch. „Read On“ sagt der Priester, „ich bin darüber doch genau so traurig, wütend und entsetzt wie Sie.“ Lange sehe ich ihn an. Schmale Hände. Ein schmales Gesicht. Müde Augen. „Nein“ sage ich und es zieht zwischen meinen Rippen, nein sage ich, dass Sie sind nicht.“ Das ist ja Teil des Problems. Zum ersten Mal hole ich das Schachbrett nicht aus der Kommode hervor und der Priester steht auf. „Read On“ sagt er und dann sagt er nichts weiter. Ich sage ihm nicht, dass es zwischen meinen Rippen kracht über der Vorstellung, dass nicht einmal auf einer kleinen, verregneten Insel im nördlichen Atlantik, die jüdischen Toten in Ruhe gelassen werden, sondern auch hier schlägt man die kaum wahrnehmbaren Reste jüdischen Lebens einfach kaputt. Ich denke an meine Großmutter, die mit bitterem Lächeln sagte: 1938 schrie man in Europa: „Juden geht nach Palästina.“ 1948 schrie man: „Juden raus aus Palästina“ und heute nimmt man einfach Hammer und Meißel und schlägt, die Gräber derjenigen, die sich sicher glaubten in Stücke. Noch immer steht der Priester vor mir und will etwas sagen bevor er auf seine Hände sieht. Wäre er nicht Priester und wäre ich nicht ich, wäre ich nicht die mit den krachenden Rippen, er nähme mich jetzt bei den Händen. So gehen wir nur auseinander und zum ersten Mal in den zwei Jahren brechen die Worte ein. Dann drehe ich mich und sitze lange auf dem alten, grünen Sofa. Es kracht und zieht, es reißt und knackt in meinen Rippen und will nicht enden.

Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.

Leise Stimmen

“I like to look at the advertisements/ Sutton’s Coal, Gibney’s Wine, Cash’s Bread/and wonder will one of us ever appear/ on signs like these. Will we see/ a Goldberg plastered on the side of a tram?”,

Simon Lewis, “The side of a Tram”

Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist die Ausstellung, die unter dem Namen „Representations of Jews in Irish Literature“ noch bis Anfang August in der Royal Irish Academy  zu sehen ist. Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist auch das Jüdische Leben in Irland- es gibt nahezu keins. Aber wie in Zusammenhängen allen jüdischen Lebens heißt das noch lange nicht, dass es keinen Antisemitismus gebe. Der blüht in Irland wie überall und die Repräsentation von Juden in der irischen Literatur, ist dann auch zu weiten Teilen eine Reise in das überreiche Land der Stereotypen, die so alt sind wie das Judentum selbst. Die spezifisch irischen Wurzeln des Antisemitismus beginnen in Chroniken des 13. Jahrhunderts und werden stetig befeuert. Edmund Spenser einem der notorischsten Kolonialideologen des 16. Jahrhunderts, der gegen Iren und Juden gelichermaßen wütete und sich wohl nur beim Verfassen schwülstiger Lobeshymnen auf Elisabeth I von seiner eigenen Wut erholte, machte den Anfang in einer langen Reihe von Diffamierung und lautem Krakeel. Oliver Cromwell, so evangelikal-radikal wie besessen vom irischen Untergang konversierte mit dem Rabbi Menasseh ben Israel, den Rembrandt beinahe zärtlich malte. Die in Dublin geborene Maria Hall hat dieses Gespräch 1832 in einem sehr lesenswerten Buch „The Buccaneer“ nachempfunden. Eindrucksvoll erinnert die Ausstellung daran, dass die Debatten um die Judenemanzipation nicht nur von Moses Mendelssohn und Napoleon geführt wurden, sondern einen spezifischen anglo-irischen Kontext hatte: die viel zu selten gelesene Schrift  „ Reasons for Naturalizing the Jews in Great Britain and Ireland“gehört zu den seltenen Leuchttürmen in einem doch über weite Strecken mehr als nur überschattetem Verhältnis. Charles Macklin, der irische Gustaf Gründgens des 18. Jahrhunderts, der im wahrlich alttestamentarischen Alter von 106 Jahren verstarb, machte Shylock zu seiner Paraderolle. Er gefiel sich vor allem darin Antisemitismus zu ästhetisieren sprich bühnenreif zu machen. Er traf auf offene Ohren, staunende Augen und empfängliche Herzen. Daneben zeigt die Ausstellung so rührend wie hilflose Versuche der jüdischen Theatertruppe in den 1950er George Barton’s Broadway Flop „Ramshackle Inn“ auf die Bühne zu bringen. Die sorgfältigen ausgeschnittenen Zeitungsausschnitte und aufbewahrten Programmhefte erzählen noch einmal eine ganz, eigene und eigentlich schon vergessene Geschichte des Versuches eine eigene Stimme zu finden. Es sind aber durch die Jahrhunderte die anderen, die laut und lauter werden. Maria Edgeworth, die mit „Castle Rackrent“ ein frühes Buddenbrooks vorlegt, macht ihre Romane zum steten Panoptikum des gierigen, schlauen wie verschlagenen Händlers und Wechslers, der dem irischen Landadligen nicht das letzte Hemd auf dem Leibe gönnt. Andere wie Charles Lever pflichten ihr bei, sein Porträt des jüdischen „moneylender“ greift tief in die Mottenkiste ewig wiederholter Hässlichkeiten. Man kennt das ja. Man kennt das ja nicht anders. Im 20. Jahrhundert aber geht der Ausstellung ein wenig die Luft aus. Leopold Bloom darf nicht fehlen, obwohl er mir immer als einer der leblosesten Figuren im schillernden Ulysess vor. Wirklich vergeben aber wurde die Chance die Geschichte der Dubliner Solomons zu erzählen. Ärzte, Poeten, Künstler, vor allem aber Freigeister und ja auch Iren erzählen sie jüdische Geschichte und nicht nur Geschichten über Juden. Michael Solomons  zudem gehörte zu den frühen Verfechtern von Geburtenplanung und legalen Abtreibungsregelungen-aktueller kann es kaum werden, diskutiert ganz Irland doch erbittert den 8. Verfassungsartikel- wie schon in den 1930er und 1980er Jahren. Seine Lebensbeschreibung „One doctor in its time“ ist ein eindrucksvolles Zeitzeugnis und sei Ihnen dringend zur Lektüre anempfohlen. Überhaupt ist die Familie mehr als nur illuster zu nennen: Vater Bethel, Rugby-Spieler und glühender Verfechter der irischen Unabhängigkeit, Estella Salomons Künstlerin und ihre Schwester Sophie: Opernsängerin. Daneben wirkt die Tafel zu den Bindestrichidentitäten blutarm und vor allem im direkten Vergleich mit realen Biographien so konstruiert, dass sie wohl für einen universitären „turn“ taugen mag, aber nichts erhellt. Zeitgenössische Stimmen jüdischer Literatur fehlen völlig, aber die Abwesenheit ist ja nie nur Leere, sondern zeigt einmal mehr wie klein, unscheinbar und leicht zu übersehen jüdisches Leben und jüdische Stimmen in Irland sind. Angesichts einer bemerkenswert großen und sichtbaren muslimischen Gemeinde, die in Irland auch eine religiöse Heimat gefunden hat -As-Salaam-Alaikum und ungezählten christlichen Gemeinden aller, aber wirklich aller Couleur, stimmt es doch bedenklich, dass Juden in der irischen Gesellschaft bestenfalls in Buchform existieren, ansonsten aber in der irischen Gesellschaft keine Rolle spielen oder auch nur als fehlend wahrgenommen würden. Das gilt natürlich nicht für den Antisemitismus.

Wenn Sie Büchern und der englischen Wissenschaftskultur zugetan sind, lohnt sich ein Besuch in der Royal Irish Academy auch über den Besuch der Ausstellung hinaus. Die Ausstellung „Representation of Jews in Irish Literature“ ist noch bis zum 05. August 2016 zu sehen.

Royal Irish Academy, Academy House, 19 Dawson Street, Dublin 2, Montag bis Freitag, 10-17 Uhr, Eintritt frei.