Sonntag

🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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FrĂŒh am Morgen hat das Gras nasse FĂŒĂŸe.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die BĂ€ume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit SchuhgrĂ¶ĂŸe 36 und mir mit SchuhgrĂ¶ĂŸe 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die BĂ€ume. In die BĂ€ume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne WettbĂŒro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das FrĂ€ulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hÀtten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte fĂŒr einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kÀmpfe mit den biestigen KirschbaumÀsten.

Die Vögel brĂŒllen SchlachtgesĂ€nge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen ObszönitÀten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine FĂŒĂŸe wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den FĂŒĂŸen und finde die Leiter nicht.

Zum GlĂŒck ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „SĂŒĂŸe, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttÀuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzĂ€hlt sie der lieben C. vom RĂŒcken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine WaschschĂŒssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde spĂ€ter weiß ich auch alles vom RĂŒcken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genĂ€ht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen fĂŒr Quelle und Neckermann nĂ€hten.

Sie sagt: Wir FlĂŒchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als FlĂŒchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fÀhrt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rĂŒhre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen fĂŒr den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die GĂ€ste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wĂ€re Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lÀsst es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der HĂ€ngematte zurĂŒck und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker getrĂ€umt, den ich ĂŒberall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein KĂ€sebrot.

Wir liegen im Gras und erzÀhlen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der BÀume und dem flackernden Sonnenlicht erzÀhlt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist mĂŒde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium fĂŒr Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der ZugfĂŒhrer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus fĂŒr den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glĂŒcklich.

In der S-Bahn sitzen zwei MĂ€dchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hĂ€lt voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurĂŒck.

FĂŒr eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau BrĂŒllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fĂŒnf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilĂ .

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch fĂŒr die Katze, eine SchĂŒssel Wasser fĂŒr den Hund, drei Esslöffel MĂŒsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, fĂŒr den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schlĂ€ft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der TĂŒr, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nĂ€chsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon mĂŒder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen ZuckerwĂŒrfel. Der ZuckerwĂŒrfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. MĂŒde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte AnzĂŒge, verstohlenes GĂ€hnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, LeinenmĂ€ntel, öfter noch aber Schal, MĂŒtze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafĂŒr die Wange ans Fenstern und sieht uns mĂŒde Gestalten an. BĂŒrogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten spĂ€ter Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wĂŒtender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnĂ€ckige Anruferin.

SpĂ€ter kommt die Auszubildende zur TĂŒr herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den MĂŒlleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir ĂŒben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. FrĂŒher habe ich oft versucht sie zu trösten, TaschentĂŒcher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlĂ€ngertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schĂŒttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts ĂŒber andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir ĂŒben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fĂ€llt nichts ein wie ich das Ă€ndern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. WeinkrĂ€mpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lĂ€sst sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafĂŒr ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut fĂŒr heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspĂ€tet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen KĂ€se!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit fĂŒr den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus ĂŒber seinen Tag. Die Frau des KrĂ€mers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hĂ€tte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des KrĂ€mers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des KrĂ€mers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurĂŒck ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schlĂ€ft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzĂ€hlt mir etwas von einem Pelikan ohne TrĂ€nenflĂŒssigkeit.

Ich erzÀhle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grĂŒnen Sofa und gehe mit Durs GrĂŒnbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs GrĂŒnbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein trĂ€umen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gÀhnt, da schlÀft die Katze schon.

ZĂ€hne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die TĂŒr und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin fĂŒr das Aufschließen des Tages verantwortlich, wĂ€hrend nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den SchlĂŒssel fĂŒr die Nacht in die Kommode legt, gĂ€hnt und sagt: „MĂ€dchen erzĂ€hl mir doch…“

Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es MĂ€dchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnĂ€ckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein MĂ€dchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschĂ€mt mĂ€dchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die TrĂ€nen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schĂŒtte Sonnenblumenkerne und natĂŒrlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr FrĂŒhstĂŒck einnimmt. „Ich schĂ€me mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herĂŒber, der gĂ€hnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „MĂ€dchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als KĂ€lbchen.“ Der Tierarzt schĂ€umt sich das Gesicht ein. „MĂ€dchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche KĂ€lbchen ApfelstĂŒcke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, KĂ€lbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafĂŒr Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hĂ€ttest Du KĂ€lbchen nicht mit dem Internat fĂŒr schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wĂ€re doch wirklich schrecklich, nĂ€hme die Wange des Tierarztes ĂŒber dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hĂŒpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes MĂ€dchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schĂ€mt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „MĂ€nnerbesuch noch vor dem FrĂŒhstĂŒck, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt LĂ€cheln, jenes LĂ€cheln von dem die HĂŒhner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner MĂ€dchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schĂŒttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nĂ€mlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem HerzanhĂ€nger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die ZĂ€hne und die alte Freundin Wildtaube frĂŒhstĂŒckt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses FrĂ€ulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als wĂŒrde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stĂŒnde man den armen Verwandten zwar auch ein StĂŒck Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herĂŒber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herĂŒber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herĂŒber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine FlĂŒche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen ĂŒber den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrĂŒbt, denn ich hĂ€nge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herĂŒber, der den Bademantel von den Schultern fallen lĂ€sst. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt lĂ€uft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrĂŒbt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„MĂ€dchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen FrĂŒhstĂŒcksteller auszuschlagen.“ Dann lĂ€sst der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin lĂ€uft rot an und winkt zurĂŒck. „Die Frau ist 93 und feiert nĂ€chste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, ĂŒberkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh MĂ€dchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nĂ€chster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats fĂŒr schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in AusnahmefĂ€llen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Einfach mal Ja sagen

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Weißt Du, was Dein Problem ist, sagt Schwesterchen ins Telefon hinein, wĂ€hrend sie eine saure Gurke verzehrt, Du musst einfach mal „JA“ sagen.

„Ja“, sage ich.

Das ist genau, das was ich meine, fÀhrt Schwesterchen fort, selbst wenn Du ja sagst, klingt das immer noch wie ein Nein.

„Na was denn nun, sage ich ja oder nein?“

Schwesterchen seufzt: „Es ist immer dasselbe mit Dir.“ „So wird Dich ganz bestimmt niemand heiraten und dann noch diese Haare.“ „Weißt du“-Schwesterchen beißt wieder herzhaft in die Gurke „ Du musst wirklich positiver, zugewandter, offener und vor allem bejahender werden, sonst wird es noch schlimm mit dir enden.“

„Du klingst schon wie Kommentatoren im Internet“, sage ich, aber Schwesterchen wiegelt ab: „Papperlapapp, sagt sie. Ich bin deine Schwester. „Versuch es doch einmal, sag doch einen ganzen Tag lang einfach mal „Ja.“

„In Ordnung“ seufze ich und Schwesterchen beschwört mich sie am Abend unbedingt anzurufen. Dann greift sie nach einer zweiten Gurke und ich lege auf.

„Hab einen schönen Tag“, murmelt der Tierarzt verschlafen unter der Decke hervor und schon springt der Hund auf die eine und die Katze auf die andere Bettseite.

„Ja“, sage ich, Dir auch.“ Eine Antwort bleibt aus.

Im Institut treffe ich auf die Auszubildende. Die Auszubildende sagt: „FrĂ€ulein Read On, ich hab da mal eine Frage. Wenn ich bei der PrĂŒfung in der Berufsschule durchfalle, bin ich dann durch die ganze Ausbildung gefallen?“

Ich ĂŒberlege kurz und sage : „Ja.“

Die Auszubildende starrt mich an, heult auf und verschwindet schluchzend im Bad.

Zwanzig Minuten spĂ€ter klopft die beste Chefin der Welt an die TĂŒr.

„Was meinst Du ist der G. nicht völlig falsch hier?“

Ich nicke und sage: „Ja.“

Die J. wiegt den Kopf hin und her. „Ich hatte auf eine etwas diplomatischere Antwort von Dir gehofft, sagt sie etwas in der Art von „Nein, aber….“

Schwesterchen hat mich zum Ja verdonnert, sage ich und die J. lacht bis ihr die Knie wackeln, wir trinken Tee und ich sage, um zu deiner Frage zurĂŒckzukommen: „Ja, aber…“

Um die Mittagsstunde herum, kontrolliere ich mit dem Hausmeister die Lampen. In der InstitutskĂŒche rumort der Praktikant an der SpĂŒlmaschine herum.

„FrĂ€ulein Read On, kann ich Sie einmal etwas fragen?“

„Ja, bitte“, sage ich, so dass bestimmt selbst Schwesterchen nichts auszusetzen hĂ€tte.

„FrĂ€ulein Read On, ich habe herausgefunden, dass wenn man den zweiten SpĂŒlmaschinenkorb zu schwer belĂ€dt, und dann ganz schnell zieht, dann kann man verhindern, dass er vorn herĂŒberkippt. Dann reißt der Praktikant am Korb und die Mittelschiene der SpĂŒlmaschine bricht heraus, der SpĂŒlmaschinenkorb donnert auf den Boden.

Ich sehe den Praktikanten an und sage: „Ja, jetzt ist die SpĂŒlmaschine richtig kaputt.“

Der Praktikant starrt mich an.

Ich sage nicht: „Was fummeln Sie an der SpĂŒlmaschine herum?“

Ich sage nicht: „Nein, das ist doch alles nicht wahr!“

Ich sage nicht: „Warum sitzen Sie nicht am Schreibtisch und stellen die Namensschilder fĂŒr die Tagungsteilnehmer fertig?“

Ich sage: „Ja, Hausmeister dann nehmen Sie die SpĂŒlmaschine doch gleich noch mit.“

Hinter dem Praktikanten feixt hĂ€misch die Auszubildende. Sie lacht wie nur sehr schöne Frauen lachen können und als der Hausmeister und ich weitergehen, da fragt der Praktikant: Du ist die immer so drauf?“ Meine Schwester wĂŒrde ihre Freude an der Auszubildenden haben: „Ja, ruft sie nĂ€mlich und sagt: und noch viel schlimmer.“

Ja, sage ich viele Male in viele, verschiedene Telefone und erklĂ€re jedem einzelnem Fellow des Instituts wie die neue SpĂŒlmaschine funktioniert.

Ja, bitte schließen sie die TĂŒr fest.

Ja, bitte nur ein Tab.

Ja, wenn der SpĂŒlvorgang beendet ist, dann ist das Geschirr noch heiß.

„Na FrĂ€ulein Read On, ruft die Frau des KrĂ€mers spĂ€ter als ich zur TĂŒr des Ladens hereinkomme, Sie sieht man ja auch nur von hinten.“

„Ja, sage ich, das kann Ihnen doch nur Recht sein.“

Die Frau des KrÀmers spitzt die Lippen.

„Sie wissen doch, wie ich das meine.“

Ja, sage ich und lege Eier, Paprika und Cheddar Cheese auf die Ladentheke.

Die Frau des KrĂ€mers erklĂ€rt mir, dass alle Politiker faule Bratzen seien und ergeht sich in einer langen Litanei, die ich mit einem „Ja, was bin ich ihnen schuldig abkĂŒrze?“

Die Frau des KrĂ€mers schĂŒttelt den Kopf. Sie haben Fieber, FrĂ€ulein Read On, Sie sind der personifizierte Widerspruch, Sie widersprechen sogar sich selbst, wenn es Ihnen zu langweilig ist. „Ist das so, Ja?“ sage ich und die Frau des KrĂ€mers ist endgĂŒltig davon ĂŒberzeugt, dass ich nicht nur Fieber habe, sondern lĂ€ngst in ein Fieberdelirium eingetreten bin.

Ich aber wandere zurĂŒck ins Oberland. Dort gĂ€hne ich ins Spiegelbild, quirle Eier, schneide Paprika, Koriander, reibe Cheddar Cheese und greife nach den indischen GewĂŒrzen, die man fĂŒr ein Garam Masala Omlette eben braucht.

Der Tierarzt lehnt an der KĂŒchentĂŒr.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht.
Der Tierarzt sieht Ei, Paprika, KĂ€se und GewĂŒrze.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht noch weiter.

Ich richte Salat in eine SchĂŒssel, stelle Teller, GlĂ€ser und Besteck auf den Tisch und verteile Omlette, Bon AppĂ©tit, Tierarzt.

Der Tierarzt stochert im Ei.
Der Tierarzt schiebt den Salat an den Rand des Tellers.

„MĂ€dchen sagt er, nur theoretisch angenommen, ich wĂŒrde nie wieder etwas essen , dann wĂŒrde ich doch sterben?“

„Ja“, sage ich, wenn Du auch noch aufhörst zu trinken, dann geht es noch schneller.“

Der Tierarzt starrt mich an.

„Ich meinte das doch nur theoretisch.“

Ja?, sage ich und der Tierarzt wĂŒrgt an zwei Gabeln Omlette.

Dann ruft Schwesterchen an: „SĂŒĂŸe und hast Du Ja gesagt?“ Ja, sage ich und Schwesterchen seufzt: „Nun sag schon. Eine heulende Auszubildende, eine lachende Chefin, ein verstummter Praktikant, eine unglĂ€ubige Frau des KrĂ€mers und ein bemauzter Tierarzt, berichte ich.

Schwesterchen seufzt. „Wirklich SĂŒĂŸe, das schaffst nur du.

Ja, sage ich.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau BrĂŒllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilĂ .

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jĂ€hrlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurĂŒck. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, lĂ€uft nicht gut? Der Installateur schĂŒttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schĂŒttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zĂ€hlt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgerĂ€umter und kaut auf dem Honigbrot. „SĂŒĂŸ hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit AusbildungsplĂ€tzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schĂŒttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der AufklĂ€rungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht SchwiegermĂŒtter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwĂ€rts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklĂ€rt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem ParfĂŒm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklĂ€rt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukĂŒnftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrĂŒmpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stĂŒrme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte TĂŒrklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und GesprĂ€chsfĂ€den, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurĂŒck in den SĂŒden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsĂŒchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen ĂŒber einem Bier und natĂŒrlich is punk not yet dead, der GemĂŒsehĂ€ndler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei BĂŒcher ab, die BĂŒcher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist lĂ€ngst schon verblasst und mir ist als seufzten die BĂŒcher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzĂ€hlen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich ĂŒber den MĂŒll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern grĂ€ulich sĂŒĂŸen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele trĂ€umen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, fĂŒr zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht ĂŒber das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spĂ€t Abends in einem leeren BĂŒro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war Ă€lter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.

 

‚Nur auf ein halbes StĂŒndchen…‘

 

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Manchmal ist es ja so. Das Telefon schellt und am anderen Ende meldet sich eine entfernte Freundin, die eher eine gute Bekannte ist. Sie sagt: Read On, wir sind auf der Durchreise in Richtung SĂŒden. Weißt doch wir fahren halt immer Ski ĂŒber Jahresschluss und machten Station in Berlin. WĂ€r doch nett man wĂŒrde sich wiedersehen. Aber ich sage Dir gleich wir haben nicht mehr als ein halbes StĂŒndchen ĂŒber, aber das muss Dir doch zupass kommen, Du hast doch eh nie Zeit. Zwar habe ich vergessen, dass die gute Bekannte ĂŒber den Jahreswechsel eisige HĂ€nge herunterstĂŒrzt, aber das ich immer eilig bin, dass stimmt schon. Nun ist es aber auch so, dass meine Großmutter, die preußischste unter den deutschen Juden war und meine Großmutter sagte: „Kind man muss etwas anbieten, sagt sich Besuch an.“ und meine Großmutter meinte damit nicht trockene Salzstangen oder staubige KrĂ€cker. Da ich noch immer einem krĂ€chzenden Raben Ă€hnle, wickle ich mich in einen dicken Schal und ein weiches Plaid und hole KĂ€se, Brot und Weintrauben ein. Nicht einmal mal meine Großmutter wĂŒsste darĂŒber zu schimpfen. Ich decke den Tisch, falte Servietten, scheuche den Tierarzt in den Keller Wein zu holen und warte auf das Eintreffen der guten Bekannten und ihres mir gĂ€nzlich unbekannten Mannes. Es schellt, man kĂŒsst sich und die gute Bekannte sagt:

„Ach Read On, eigentlich lohnt sich das MĂ€ntel Ablegen ja gar nicht, wir bleiben doch nur auf ein halbes StĂŒndchen, aber da du ja eh den Tisch gedeckt hast, wollen wir sie, also die MĂ€ntel doch aufhĂ€ngen.“

Ich nicke.

Die gute Bekannte und ihr Gemahl schĂŒtteln dem Tierarzt die Hand.

„Ich wĂŒrde mich ja richtig vorstellen“, sagt sie, aber wir bleiben ja nur auf ein halbes StĂŒndchen, da lohnt es sich ja gar nicht mit dem Kennenlernen.“

Der Tierarzt sagt: „Hallöchen.“

Dann sitzen wir am Tisch.

„Ich sage: „Also es gibt einen ZiegenfrischkĂ€se mit KrĂ€utern, Greyerzer KĂ€se, TrĂŒffelkĂ€se, der KĂ€se, der ausschaut wie ein Camembert ist ein Reblochon und der KĂ€se in Ziegelsteinform ist wirklich ein Camembert.“

Die gute Bekannte sagt: „Read On, ich hatte doch gesagt, wir bleiben nur auf ein halbes StĂŒndchen, und ĂŒberhaupt der Fettgehalt von KĂ€se und noch dazu von diesem KĂ€se.

Ich lĂ€chle und betone der KĂ€se sei organisch-biologisch und die Oliven im Brot seien unter toskanischer Sonne gereift und die Weintrauben an den sonnigsten der sĂŒdlichen HĂ€nge gereift.

„Brot“ quiekt sie, habe sie schon sieben Jahr nicht mehr gegessen und auch Weintrauben stehe sie eher kritisch gegenĂŒber.“

„Tierarzt“, sage ich, tu mir doch die Liebe und hol die Traubenschere, denn die preußischste Großmutter unter den deutschen Juden, fand es gĂ€be nichts WiderwĂ€rtigeres als knipste der Besuch mit den FingernĂ€geln in den Trauben herum.

„Aber nur ein winziges StĂŒckchen“ haucht die gute Bekannte und ich schneide vorsichtige Ecken vom KĂ€se ab, der Tierarzt knipst Weintrauben dazu und ich suche das kleinste Eck Brot aus dem Korb heraus.

„Aber nur ein winziges SchlĂŒckchen“, sagt die gute Bekannte als ich mich mit der Weinflasche nĂ€here.“ Ein winziges SchlĂŒckchen also.

In den nĂ€chsten zweieinhalb Stunden erfahren wir alles ĂŒber

: die missratenen Kinder des Gemahls,  der nun eben gerade mit dem Tierarzt parliert.

: eine leidige Zahnsache der guten Bekannten

:Ärger mit dem ĂŒbellaunigen Chef einer Druckerei

: die horrenden Preise fĂŒr den Skipass

: den Vorzug Ă€gyptischer Seide fĂŒr Kopfkissen

: die PlĂ€ne fĂŒr den Sommerurlaub

: ihre GlutenunvertrÀglichkeit

: ihre Erfahrungen mit Heilsteinen

: Ärger mit dem Umtausch von Weihnachtsgeschenken.

An den KĂ€se, den Wein und das Brot muss ich nicht erinnern, die gute Bekannte bittet nĂ€mlich ihren Mann, den Tierarzt und mich um das Abschneiden einer weiteren, winzigen Ecke, dem NachfĂŒllen eines zweiten klitzekleinen Tropfens und des Naschens einer einzigen, weiteren Traube. Nach einer Stunde bringt der Tierarzt eine zweite Flasche Wein aus dem Keller hervor, ich wasche eine weitere Traube ab und schneide Brot auf. Nach zweieinhalb Stunden ist die KĂ€seplatte leer, der Wein geleert und vom Brot der letzte KrĂŒmel verzehrt.

Die gute Bekannte kĂŒsst mich zweimal links und zweimal rechts: „Du Read On, es war wirklich schön einmal auf eine halbe Stunde bei Dir vorbeizuschauen, wenn wir nĂ€chstens Mal mehr Zeit haben, dann musst Du mir unbedingt erzĂ€hlen, was Du so machst. Ich nicke und lĂ€chle. „Ach“, sagt sie wirklich fein, der KĂ€se, ich habe ja nur ein einziges StĂŒckchen probiert und ĂŒber das Brot und die Weintrauben kann ich nichts sagen, ich esse seit Jahr und Tag schon keine Kohlenhydrate mehr nach vier Uhr. Dann sieht die gute Bekannte den Tierarzt an: „Alles Gute“ sagt sie und entschuldigt sich dafĂŒr, dass sie sich in einer halben Stunde wirklich keine Namen merken könnte.

„Der Tierarzt sagt: „Aber Hallöchen!“

Das Ehepaar winkt, hupt und braust davon.

Wir gehen hinauf, fegen BrotkrĂŒmel, tragen die leeren Flaschen hinunter und waschen Teller wie GlĂ€ser ab.“

„Ein halbes StĂŒndchen, ja?“ sagt der Tierarzt.

„Ein halbes StĂŒndchen“, sage ich.

„Die Uhren gehen anders in Deutschland“, sagt der Tierarzt und klingt fast wie meine Großmutter, die bekanntlich die preußischste unter den deutschen Juden war und sich niemals mit dem KĂ€semesser auch noch Butter auf das Brot geschmiert hĂ€tte.

Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, PfĂŒtzen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schĂŒtzenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nĂ€chstgrĂ¶ĂŸeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach MĂŒnzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was fĂŒr ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders HĂŒbscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfĂ€ngt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so frĂŒh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flĂŒsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen BĂ€cker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem StĂŒck Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dĂŒrfen gern lĂ€stern, wie sehr dieser Blog damit beschĂ€ftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel ĂŒber reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den sĂŒdlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem MotzverkĂ€ufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart fĂŒr ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem SĂ€ufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schĂŒttelt enttĂ€uscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine HĂ€nde an dem Kaffeebecher wĂ€rmt und fĂŒrchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. SpĂ€ter an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-SchlĂŒssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann ĂŒber GroßmĂŒtter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem MĂ€dchen und das MĂ€dchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen MĂ€dchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das MĂ€dchen weg von dem Hund. Der Hund und das MĂ€dchen hĂ€tten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind lĂ€nger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier wĂŒrde er in Ruhe gelassen, in der Stadt wĂŒrden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er kĂ€me nicht mehr so schnell hoch. „Auf die GroßmĂŒtte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die GroßmĂŒtter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.

Kopflos

In der Nacht kehrt der Sturm zurĂŒck in das kleine Dorf. StĂ¶ĂŸt gegen die TĂŒren, rĂŒttelt an den Fensterrahmen, wirft mit hĂ€sslichem GelĂ€chter die Blumentöpfe des Priesters zu Boden, greift schließlich mit spitzen , kalten Fingern nach dem Dach des kleinen windschiefen Hauses, in dem ich lebe. Aber auf dem Boden, da stehe auch ich, mit wirr wehenden Shetlandponyhaaren, einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Krokodil darauf, den Winterflanellbetthosen und einer Taschenlampe. Sturm gegen FrĂ€ulein heißt es und der Wind heult triumphierend auf, aber schon muss er sich die HĂ€nde vor das Gesicht halten, zu hell ist die Taschenlampe, zu erinnyengleich wehen die Haare und grĂ€ulich öffnet das Krokodil auf dem T-Shirt sein schreckliches Maul. Der Sturm aber dreht sich polternd und fluchend um, wirft eine Handvoll Gischt und Sand in meine Richtung, dann aber dreht er ab, um im Unterland nach losen Schindeln zu suchen.

Am nĂ€chsten Morgen wird der Sturm schauerliche Rache am von der Frau des KrĂ€mers angeschafften Weihnachtsmann genommen haben. Die Frau des KrĂ€mers hat nĂ€mlich einen riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann angeschafft. Der Weihnachtsmann war zwei Meter fĂŒnfzig hoch, hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und da er nicht nur als Weihnachtsmann fungierte, sondern auch als WerbetrĂ€ger hatte die Frau des KrĂ€mers mit schwarzem Edding quer ĂŒber sein Gesicht geschmiert: „Ho Ho Ho- Christmas offers. Beats every High Street.“ Da die Frau des KrĂ€mers aber nicht allein auf die Kraft des Weihnachtsmannes und die Wirkung des schwarzen Eddings vertraute behĂ€ngte sie das bedauernswerte Geschöpf mit blau, rot und grĂŒn funkelnden Lichterketten und da vor dem KrĂ€merladen ein gewaltiger Baum steht, hieß sie den KrĂ€mer dickes Seil besorgen und am letzten Sonntag wurde der Weihnachtsmann unter Ächzen und Seufzen, unter Klagen und Schreien von der Tochter der Frau des KrĂ€mers, dem Elektriker und dem KrĂ€mer selbst am Baum gefesselt und wer immer unser Dorf durchfuhr, der sah sich einem gewaltigen Weihnachtsmann gegenĂŒber, der mit dicken Seilen um die Brust und wackelndem Kopf an einen Baum gefesselt war. Die Frau des KrĂ€mers aber war stolz, stolz es den StĂ€dtern, die die Frau des KrĂ€mers herzlich verachtet einmal so richtig gezeigt zu haben, stolz darauf frĂŒher als alle anderen weihnachtlich sinnstiftend zu wirken, stolz darauf, dass unser kleines Dorf, weitab von den Lichtern der Stadt und seit Jahr und Tag schon ohne Straßenlaternen nun auch im Dunkeln rot, blau und grĂŒn fluoreszierte und niemanden der im KrĂ€mersladen eine Flasche Milch und Brot einholte, vergaß sie darauf hinzuweisen, dass der Weihnachtsmann dort drĂŒben, genau der, der gefesselt am Baum hing, ihre und allein ihre Idee gewesen sei und bis auf den Tierarzt, der die Frau des KrĂ€mers der ĂŒblen QuĂ€lerei alter MĂ€nner bezichtige, machten wir alle Ahhhhh und Ohhhh und liefen so schnell wir konnten davon, denn wer weiß schon ob die Frau des KrĂ€mers nicht auch uns an BĂ€ume kettete, versprĂ€che sie sich dadurch höheren Absatz.

Dann aber kam der Sturm, gereizt ohnehin schon, durch meine Taschenlampe und mich, unbefriedigt darĂŒber, mir das Dach nicht entreißen zu können. Was sind schon ein paar lĂ€ppische Blumentöpfe fĂŒr einen Herrn von und zu Sturm? Missmutig pfeifend, fluchend und schreiend, rannte der Sturm ins Unterland hinunter. Still lag das Dorf in seligem Schlummer. Die Frau des KrĂ€mers nĂ€mlich schwört auf warmen Whiskey als Einschlafhilfe: „Nur fĂŒr die Gesundheit, FrĂ€ulein Read On“ und so schlief die Frau des KrĂ€mers tief und trĂ€umte vielleicht vom Weihnachtsmann draußen vor der TĂŒr. Auch ich lag schon wieder im Bett, zog mir die Decke bis zur Nasenspitze und der Tierarzt murmelte etwas von: „KĂ€lbchen, ach KĂ€lbchen hast du kalte Zehen.“ Der Sturm aber rastlos und von heftigem Zorn gepackt, erreichte den KrĂ€mersladen, sah die Bank und den schlafenden, gefesselten Weihnachtsmann. Das Elend, das nun folgte ist kaum zu beschreiben und gesehen habe ich es ja auch nicht. Aber der Sturm tat sein grĂ€ssliches Werk, ohrfeigte den Weihnachtsmann heftig, riss ihm ohne Gnade den Kopf ab, zerfetzte die Lichterketten, schlug ihm ein Bein ab und stie0 ihn so fest in die Rippen, bis die Luft aus seinen Rippen entwich. Dann hatte der Sturm genug vom Dorf und seinen Bewohnern, bestieg die gut vertĂ€ute Barke am Ufer und segelte schon davon, hinfort an neue Ufer und neue DĂ€cher, als Pfand wohl behielt er den Kopf des Weihnachtsmannes, denn der blieb unauffindbar.

Am Morgen aber, ich rannte zur Bahnstation bot sich ein schreckliches Bild. Ein kopfloser, schlaffer Torso war alles was vom Weihnachtsmann blieb, so schlaff, dass auch die Seile ihn nicht mehr hielten, ein zusammengesunkenes, kopfloses Elend ohne Spannung und gÀnzlich beraubt seines Lebens und auch seiner Lichterketten.

Die Frau des KrĂ€mers aber stand nicht minder fassungslos vor den TrĂŒmmern ihres ganzen Stolzes. „Das ist Sabotage“ schrie sie und reckte die Faust zum Himmel. Der KrĂ€mer indes kehrte den traurigen Haufen, der einmal an einen Baum gefesselter Weihnachtsmann war, zusammen. SpĂ€ter sagte der Tierarzt, „die Frau des KrĂ€mers habe ein christliches BegrĂ€bnis fĂŒr den so hinterrĂŒcks Ermordeten gefordert“, aber der Priester habe abgewiegelt und der Frau des KrĂ€mers versichert, dass aus ihr nur der erste Schmerz spreche“, die Frau des KrĂ€mers aber habe vor Zeugen versichert, dass der Weihnachtsmann gerĂ€cht werde und der Priester sich besser der Liebe zu aller Kreatur erinnern möge.“ Der Priester sei dann schnell gegangen. Das Barometer im Dorf aber stĂŒnde auf Sturm.

Sonntag

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Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte HĂ€rte, aber im spĂ€ten Herbst ist der Himmel zahm und blĂŒtenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herĂŒber nĂ€hert sich ein KlabauterfrĂ€ulein mit klappernden ZĂ€hnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch DĂŒnengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurĂŒck ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mĂ€ĂŸig begeistert an und sucht vor meinen kalten FĂŒĂŸen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nĂ€mlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schĂ€umenden NovembernĂ€chten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berĂŒhmten Seetanggeigen und den FischgrĂ€tencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und wĂ€hrend der Champagner in Strömen fließt, nĂ€hern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch fĂŒr Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen NĂ€chten Tierarzt schĂ€umt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schlĂ€ft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den HĂ€nden, hĂ€lt sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herĂŒber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schlĂ€ft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten StĂŒck Roastbeef zu begnĂŒgen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brĂŒht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzĂ€hlt: er sei Pfarrer, das wĂŒssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hĂ€tten diese vertonten Gedichte auch ĂŒber die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe fĂŒr andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene SchĂŒler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die SchĂŒler hĂ€tten so gelĂ€rmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das SchĂŒlerorchester in Stellung gebracht, die SĂ€ngerin mit HohngelĂ€chter bedacht und schließlich PapierkĂŒgelchen auf die BĂŒhne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hĂ€tten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die BĂŒhne, die SĂ€ngerin, eine SchĂŒlerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die KĂŒbel voll Wut und Verachtung, die fĂŒr die AufklĂ€rungssprechstunde ĂŒber mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare fĂŒr die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz YĂŒcel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die HĂ€me, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende HĂ€me, immer hĂ€ssliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man mĂŒde und mĂŒder und immer nur mĂŒder und lachend und munter pfeifen die johlenden AllesverĂ€chter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die SĂ€ngerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die GeigenkĂ€sten.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurĂŒck, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fĂ€hrt das Drei-Uhr Boot vorbei.

Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „FrĂ€ulein read On, FrĂ€ulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „FrĂ€ulein Read On, FrĂ€ulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertrĂ€nken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hĂ€ngt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen ĂŒber den geplagten FellowrĂŒcken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich grĂŒndlich ab. Ich wĂ€re die Letzte, die einem Fellow das DuschglĂŒck verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde HandtĂŒcher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen MĂŒllsĂ€cken entsorgt. Manchmal ĂŒberkommt mich aber auch ein pĂ€dagogischer Impuls, das GefĂŒhl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verĂ€ndern. Achtsamkeit, FĂŒrsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen MĂŒllsack greifen.) In meinem unbĂ€ndigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows wĂŒrden sich das Handtuch ĂŒber die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natĂŒrlich irrte ich mich. Als ich bei meiner RĂŒckkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs BadetĂŒcher auf den Fliesen, schlitterte ich ĂŒber gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und GebĂ€ck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, VerbesserungswĂŒnsche vorzutragen und ĂŒberhaupt zu berichten, wie sie sich fĂŒhlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und GebĂ€ck kommt zu einem Preis und die Fellows mĂŒssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob ĂŒberschĂŒtte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natĂŒrlich auch die sauber gebrausten RĂŒcken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen HandtĂŒcher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder fĂŒr sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zustĂ€ndig ist. NatĂŒrlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurĂŒckgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich ĂŒbermorgen schon wieder HandtĂŒcher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im ĂŒbrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues KĂŒmmern: Einen Toaster wĂŒnschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und MĂ€use um KĂ€sebrotkrĂŒmel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fĂŒhlen sich ĂŒberfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft mĂŒde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. VortrĂ€ge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die VortrĂ€ge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops fĂŒr Karriereoptionen tĂ€ten sie schon gern besuchen, aber da mĂŒsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete trĂ€fe. Meine AusfĂŒhrungen darĂŒber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zĂ€hlen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier AtmosphĂ€re und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den WĂ€nden und lege sie zu den vielen anderen und immer Ă€hnlichen Zetteln und ĂŒberlasse die Fellows bei Kaffee und GebĂ€ck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die ToilettentĂŒren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die TĂŒr. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natĂŒrlich, ich schließe niemals die TĂŒr.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. TĂŒr zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der TĂŒr ab. „FrĂ€ulein Read On“ krĂ€chzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den HandtĂŒchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben FrĂ€ulein Read On“, der Schriftseller ĂŒberreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der HandtĂŒcher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der HandtĂŒcher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzĂ€hlt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer HĂŒhnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wĂ€re nicht die J. wĂŒrde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse HandtĂŒcher in der Dusche.“