In der Tiefe der Nacht

Meine Schwester ruft an. Spät in der Nacht ruft sie mich an. Schwesterchen sorgt sich, manchmal in der Nacht. In der Nacht sind die Sorgen größer als am Tag. 2 Monate noch bis Bébé No.5 auf die Welt kommt. So viele Nächte. So viele Schatten. „Leg nicht auf“, sagt meine Schwester. Ich lege nicht auf, sondern gehe aus dem Schlafzimmer herunter, um den Tierarzt nicht zu wecken, wickle mich in ein dickes Tuch und lege mich auf das grüne Sofa. Im Sessel schläft die Katze. Der Sturm lacht ein tiefes, ein dunkles Lachen. Aber Schwesterchen fürchtet sich in dieser Nacht vor allem: vor dem Klabautermann, vor der Nacht, vor dem hustenden Sturm, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, es gibt Nächte, die sind dunkler als andere Nächte und meine Schwester sagt: „Leg nicht auf.“ Ich lege nicht auf, sage ich und singe ihr ein Lied ins Ohr. Aber meine Schwester fürchtet sich vor dem Lied mitten in der Nacht. Das Lied ist so allein, wie ich sagt sie heute Nacht. Ich höre auf zu singen und dann fällt mir ein, wie es war als ich klein war und ich immer, wenn ich den langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland war, zu ihr ins Bett kroch, wenn ich mich fürchtete, ich fürchtete mich oft als ich ein Kind war.

Meine Großmutter wachte auf, wenn ich zu ihr kam. Meine Großmutter hatte einen leichten Schlaf und ich hatte immer kalte Füße, aber vielleicht wachte sie auch aus anderen Gründen auf. Ich habe sie nie gefragt, denn ich wusste ja, wenn ich kam, dann wachte sie auf.

„Ich fürchte mich so vor dem hässlich grinsenden Mond, sagte ich zu ihr und zeigte aus dem Fenster. Siehst Du er lacht über mich.“

Meine Großmutter erzählte mir von der unglücklichen Liebe des Mondes zur Sonne, aber ich fürchtete mich noch immer vor dem versetzten Liebhaber und seinem kalten Lachen.

„Komm, flüsterte meine Großmutter mir in ihr Ohr“, wir spielen ein Spiel. Wir finden etwas was noch viel, gefährlicher, ungemütlicher und schrecklicher ist, als der hämische Mond oder Donar auf seinem Wagen oder den knallenden Blitzen draußen auf der Straße.“ Ich fange an:

Meine Großmutter sagte: Mit einer Kutsche durch die engen Straßen der Stadt fahren, nur um vor dem Stadttor in eine Falle von Straßenräubern zu geraten und beim Ziehen der Pistole feststellen: Das Pulver ist nass

Ich musste ein bisschen kichern unter der Bettdecke, trotz der Räuber.

Ich sagte: Eine Leiter an den Apfelbaum schieben, bis in die Krone klettern, dann fällt die Leiter um.

„Uhuhuh“ machte meine Großmutter, die durchaus etwas von einem Uhu hatte, wenn sie kicherte.

„Mit einem Segelboot auf das offene Meer heraus fahren, nur um festzustellen, dass das Boot ein Leck hat und man selbst nicht schwimmen kann.

„Zu dumm“, kicherte ich.

„In ein Labyrinth hineinlaufen und erst mitten in den dichten Hecken feststellen, dass die Hose ein Loch hat und in der Hosentasche ein Kompass war, panisch umherirren, nur um dann den Minotaurus zu wecken.

Meine Großmutter schauerte und überlegte:

„Mit einem Stein auf den saftigen, roten Apfel zielen, den Apfel herunterholen, aber auch den Bienenstock treffen, die Bienenkönigin beim Mittagsschlaf treffen und beim Davonrennen alle Olympiarekorde brechen.

„Die erste Geige im Orchester spielen und bei einer großen Premiere herausfinden, dass alle anderen ein ganz anderes Stück spielen als man selbst, dann spielt gar keiner mehr und der Dirigent jagt einen vor Augen der gesamten Stadt davon.

„Aiaiaiai“, sagte meine Großmutter und irgendwann waren die Wolken vor den Mond gezogen und verbargen sein Lachen, Donar, der rächende Donnerg*tt hatte die Lust verloren und die Blitze hatten beim Nachbarn eingeschlagen und ich schlief in den Armen meiner Großmutter ein, die glaubte man könnte die Angst vor etwas, mit etwas anderem herausgruseln, aber mehr noch glaubte meine Großmutter noch an den Halt der kleinsten Geschichte.

„Okay“, sage ich zu meiner Schwester am Telefon, erinnerst du dich wie Ami und ich uns in der Nacht bis zum Vergnügen gruselten? Bist du bereit?“

Meine Schwester muss fast schon ein kleines bisschen lachen: „Ihr Beiden“, sagt sie und ich muss schlucken, denn so lange bin ich schon Großmutterlos.

„Los geht es“, sage ich: „Eine alte Ruine erforschen, erst bricht der Professor sich ein Bein, aber noch bevor der Sanitätsdienst kommt, streicht eine Banshee durch die alten Räume und singt von Mecki Messer und seinem abenteuerlichen Leben.

Meine Schwester lacht. „Eine Banshee kann singen?“

Ich sage: „Eine Banshee singt gar nicht schlecht.“

Meine Schwester sagt: „Mitten im Wald einen Wolf mit Bauchweh treffen ihn ins Krankenhaus bringen, seine Frau verständigen und noch von ihr auf dem Parkplatz gefressen werden.“

Abscheulich, sage ich.

Aber dann fällt mir wirklich das allergruseligste ein: „Im Kühlschrank nach selbstgemachten Vanillepudding greifen, den größten Löffel nehmen, den man kriegen kann, einen gewaltigen Happen verschlingen, nur um festzustellen, dass die Auszubildende Selleriesuppe im Kühlschrank vergessen hat.

Schwesterchen am Telefon lacht so sehr, dass Bébé No. 5 erwacht und ihr gegen die Rippen stößt.

„Ihr Beiden“, sagt Schwesterchen und gähnt sie und sagt: „Süße, die Sorgen sind leichter und leiser geworden.“

„Gute Nacht, Schwesterchen“, sage ich, aber ich liege noch lange wach und denke an meine Großmutter und denke an all die Jahre, in denen ich glaubte meine kalten Füße weckten sie auf und nicht wusste, dass die Erinnerungen sie wachhielten Nacht für Nacht.

Ein letzter Karton

Regen vor dem Fenster. Pfützen im Garten. Wind überall. Das Meer schlägt gegen die Felsen. Die Schafe haben missliche Gesichter. Tee und die Zeitung. Der Tierarzt sieht erst aus dem Fenster und dann zu mir. „Kannst Du allein fahren?“, fragt er, er fragt viel zu leise. Der Regen, der Wind, der Teekessel, Beethoven 7. Symphonie im Radio sind lauter. Aber ich höre ihn doch. „Ja“, sage ich und suche nach den Schlüsseln. Die Autoschlüssel liegen in der Schale aus Weinblättern im Flur, die Schlüssel zum Haus in dem der Tierarzt viele Jahre lang wohnte, liegen in seinem Wetterfleck. Der Wetterfleck hängt am Haken.

„Bis gleich“, sage ich und der Tierarzt sieht aus dem Fenster. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt ich nicke. Das Haus des Tierarztes ist verkauft, ausgeräumt ist es schon längst, nur ein paar Dinge gibt es noch zu holen, die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten, sagte ich zum Notar am Telefon. „Prima“, sagte der Notar. Ich fahre mit dem Auto vom Oberland ins Unterland, so viel Regen gegen die Scheiben, das Auto ist ein Ruderboot.

Drei Dörfer liegen zwischen dem Oberland und dem Haus des Tierarztes. Ich stelle das Auto vor dem Gartentor ab. Pfützen im Garten, das Tor knarrt, der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen, dann geht die Tür doch auf. Pfützen auf dem Boden. Das Haus ist dunkel und ich stehe am Fenster. Vor dem Fenster ist das Meer. Grau ist das Meer und es ist kalt. Noch einmal gehe ich durch das Haus. Behalten hat der Tierarzt nicht viel. „Ich brauche nichts mehr“, sagte er und seine Frau sagte dasselbe. Ich verkaufte die Möbel und überwies die Hälfte der Summe an seine Frau. Einmal habe ich sie danach noch angerufen. „Was mit ihren Sachen werden solle?“, fragte ich sie auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht saß sie in Ota neben dem Telefon, vielleicht war sie ausgegangen. Ich ließe das Telefon lange klingeln.

So viele Kleider, Hosen und Mäntel. Aber die Frau rief niemals zurück. Mit dem Tierarzt spricht sie schon lange nicht mehr. Ich habe die Kleider alle verschenkt. Noch einmal habe ich nicht auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Aber viele Wochen später noch habe ich davon geträumt, dass sie ihre Kleider und Mäntel zurückforderte, irgendwann hörten die Träume auf. Die Küche ist leer, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, im Arbeitszimmer steht ein Karton.

Hat der Karton schon immer dort gestanden? Ich erinnere mich nicht. Aber jetzt steht er da und ich mache den Karton auf. Im Karton ist ein vertrockneter Blumenstrauß, Ehreringe, Schleifenband und dann sehe ich die Bilder. Der Tierarzt ist jung auf den Bildern. So jung. „Du bist so jung“, denke ich und sehe den Tierarzt an. Die Bilder beginnen mit dem Haus. Der Tierarzt und seine Frau vor dem Haus. Der Tierarzt mit Nägeln zwischen den Zähnen, die Hände halten ein Regal. Das Regal habe ich auseinandergenommen fällt mir ein. Der Tierarzt hat nichts gesagt, als ich aus dem Regal viele Bretter machte, aber hier auf dem Bild baut der Tierarzt das Regal auf. Der Tierarzt mit einem Regenschirm in der Hand und dann ein zweites Bild: Der Tierarzt und seine Frau unter dem Schirm im Regen, sie lacht, ein helles Lachen, der Tierarzt und seine Frau auf einer Picknickdecke, der Tierarzt liest ein Buch auf dem Bild. Der Tierarzt und seine Frau schlafen auf einem Schaukelstuhl. Ein Bild und vielleicht ist es das schönste von allen, der Tierarzt mit viel längeren Haaren als heute und einer schwarzen Ente unter dem Am. Die Ente hieß Guiness und war eines der vielen Tiere, die der Tierarzt irgendwann unter seine Arme nahm, aber ich habe Guiness nicht mehr kennengelernt.

Irgendwann sind die Bilder nicht mehr in Irland, sondern in Japan und irgendwann hören die Bilder auf. Etwas war anders denke ich, und nehme noch einmal ein Bild in die Hand und erst dann fällt mir auf was anders ist. Der Tierarzt sitzt an einem Tisch und schält eine Birne und ein Bild weiter ißt seine Frau einen Birnenspalt und auf einem dritten Bild läuft dem Tierarzt Birnensaft aus dem Mundwinkel. Dann fällt mir auf was anders ist: die Bilder sind alle aus einer Zeit in der, der Tierarzt noch gegessen hat und ich sehe die Bilder noch einmal an. Ich sehe eine Butterdose, ein Brotmesser, Krümel auf der Picknickdecke, den Tierarzt mit einem Stück Kuchen in der Hand. Geburtstagskuchen. Der Tierarzt mit Sahne auf der Nasenspitze, der Tierarzt am Herd. Vielleicht Spaghetti Bolognese. Der Tierarzt schält eine Banane mit diesem Lächeln bei dem die Frau des Krämers und alle Frauen zwischen Dublin und Dingle just swoon, der Tierarzt beim Abwasch, Schaum an den Armen, der Tierarzt mit einem Paar Kirschen im Ohr. Der Kirschbaum im Garten ist immer noch kahl.

Aber dann lege ich die Bilder zurück in den Karton, ich trage den Karton ins Auto, nehme einen Wäschekorb mit Geschirr mit und dann schließe ich die Tür zum letzten Mal zu. Die Schlüssel in den Briefkasten wie versprochen. Am Meer halte ich an, Schuhe aus, Kleid aus, die Strickjacke auch, ich laufe ins Meer und schwimme viel zu lange in der kalten See und dem kalten Regen. Dem Meer ist es egal, ob man weint und ich denke an den jungen Mann und seine Frau auf den Bildern und dann schlägt eine Welle über mich hinweg. „Es hat einmal eine Zeit gegeben in der der Tierarzt gegessen hat“, sage ich ins Meer hinein und schwimme weiter. „Aber nicht mit Dir“, sagt das Meer und das Meer irrt sich nie.

Dann fahre ich zurück. Nasses Haar und sandige Füße. „Das ist der Rest“, sage ich und stelle den Karton auf den Tisch.

„Die Bilder, sage ich, die Bilder ich hätte dich vorher fragen sollen. „Nein“, sagt der Tierarzt und macht den Karton auf, „Du musst mich nicht fragen, ich hätte dich nicht bitten dürfen.“ Ich wasche das Meer und die Kälte ab und als ich zurückkomme, sieht der Tierarzt noch immer die Bilder an. „Ihr wart ein schönes Paar“, sage ich. „Ich sage nicht, warum willst Du das nicht mir mir?“  Auch nicht: „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“ Ich sage: „Hast Du etwas gegessen?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er. Vor dem Fenster der Regen, das Meer, der Wind, ich wasche ab. Im Radio spielt jemand Chopin.

Woanders ist es auch schön

Rissima reist durch Georgien macht wunderbare Bilder, hat ein georgisches Kälbchen getroffen und erzählt wunderbare Geschichten dazu. Das Schönste ist, dass sie uns mitnimmt.

Bekanntlich und Sie als leidgeprüfte Leserinnen und Leser wissen davon ein Lied zu singen, ich kann keine Sprache richtig und mache auch im Deutschen entsetzlich viele Fehler, deswegen finde ich es immer so spannend zu hören wie andere Sprachen lernen, die von mir sehr verehrte Frau Istrice lernt gerade Niederländisch.

Ich musste darüber so sehr lachen, dass ich einen Schluckauf bekam.

Die Sache mit den Erdbeerhüttchen handgeschnitzt sozusagen. Via Frau Kaltmamsell

Wer wenn nicht der Tierarzt quiekte beim Wort Mondkalb verzückt auf? Das Ganze klingt jedenfalls nach einer tollen Idee.

Ein tolles Blog , dass in jeder Hinsicht die Augen öffnet und immer wieder bin ich mir sicher genau dafür ist das Internet erfunden worden.

Howard Jacobson denkt über Antisemitismus nach.

Ein wunderbares Buch über Straßenhunde, die in Indien viel häufiger vorkommen als Kühe und die doch nur selten jemand so sieht und beschreibt.

Ich rufe also wie üblich zum Tierarzt herüber, der die Musikempfehlung der Woche herbeirufen soll. Der Tierarzt ruft: Mädchen, Let’s eat Grandma. Ich stehe auf und geht zum Tierarzt herüber, denn nur ein Mann im Fieberwahn würde doch einen solchen komplett wahnsinnigen Vorschlag anbringen. „Tierarzt“, sage ich also,“seit wann hast Du derartiges Fieber?“ „Fieber?“ krächzt der Tierarzt, Du wolltest Du doch eine Musikempfehlung für die verehrten Leser!“ Indeed, knurre ich, aber die Aufforderung eine Großmutter zu verspeisen, klang in meinen Ohren kannibalisch aber nicht musikalisch. „Doch, doch, sagt der Tierarzt, die heißen so.“Falling Into Me“ singen die Großmütteresser und ich bin dann wohl offiziell alt. Spießig war ich ja schon immer.

Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

Woanders ist es auch schön

Ein langer Abschied von einem großen Hund und überhaupt ist der Text auch ein großes Lob auf den Eigensinn. Davon kann es nie genug geben, nicht bei Menschen, Hunden oder Kanarienvögeln. Nur bei Kälbchen wäre weniger Eigensinn schön…

Die mysteriöse Seite 7. Sehr großartig und auch sehr eigensinnig!

Eine chinesische Dystopie, die fürchterlich real klingt.

Das Internet ist, da bin ich mir immer noch sicher für diese Momentaufnahmen erfunden worden und auch die Momente kurz vor Kassenschluss müssen festgehalten werden.

Die schönsten Bilder der Woche kommen aus Lahore wo Frauen Rad fahren.

Das Hotel Süden.

„The trial… seemed to represent an Ireland so many of us recognise. The VIP area and the house party. The entitled, mocking men. The WhatsApps and the too-many drinks. The slut-shaming and the misogyny“. Das ist auch Irland und die Beklemmung bleibt.

Tierarzt, Musik bitte. Der Tierarzt rennt mit dem Hund ( auch sehr eigensinnig ) die Treppe hinunter, greift nach einem Schuh, der Hund schnappt sich den anderen und ruft: Radie Peat & Daragh Lynch bitte auf den Plattenspieler . Dann Handgemenge, aber dafür mit guter Musik. So kann Irish Folk auch klingen, sollten auch sie unsere verregnete Insel besuchen, lassen sie die schauerlichen Original Irish Music lieber links liegen und gehen lieber auf ein Konzert von Radie Peat.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch für die Katze, eine Schüssel Wasser für den Hund, drei Esslöffel Müsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, für den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schläft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der Tür, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nächsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon müder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen Zuckerwürfel. Der Zuckerwürfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. Müde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte Anzüge, verstohlenes Gähnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, Leinenmäntel, öfter noch aber Schal, Mütze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafür die Wange ans Fenstern und sieht uns müde Gestalten an. Bürogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten später Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wütender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnäckige Anruferin.

Später kommt die Auszubildende zur Tür herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den Mülleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir üben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. Früher habe ich oft versucht sie zu trösten, Taschentücher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlängertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts über andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir üben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fällt nichts ein wie ich das ändern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. Weinkrämpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lässt sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafür ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut für heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspätet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen Käse!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit für den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus über seinen Tag. Die Frau des Krämers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hätte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des Krämers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des Krämers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurück ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schläft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzählt mir etwas von einem Pelikan ohne Tränenflüssigkeit.

Ich erzähle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grünen Sofa und gehe mit Durs Grünbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs Grünbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein träumen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gähnt, da schläft die Katze schon.

Zähne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die Tür und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin für das Aufschließen des Tages verantwortlich, während nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den Schlüssel für die Nacht in die Kommode legt, gähnt und sagt: „Mädchen erzähl mir doch…“

Was ich nicht mehr schreibe.

Ich schreibe keine Liebesbriefe mehr. Dabei habe ich so viele Jahre lang Liebesbriefe geschrieben, ich war fünfzehn vielleicht und schrieb Liebesbriefe gegen Bezahlung. Aber das ist schon lange her.

Ich schreibe keine Einkaufszettel mehr, murmele ich nicht beständig: Eier, Zucker, Milch vergesse ich die Dinge auch mit Notizblock.

Ich schreibe keine Träume mehr auf. Die letzten Seite des dicken Notizheftes sind leer. Vielleicht hat man irgendwann alle Träume gehabt.

Ich schreibe keine Gedichte mehr. Vielleicht fehlen mir die Gedichte am Meisten, manchmal fange ich noch einmal an. Dann fällt mir ein halbes Gedicht ein und ich suche nach Papier und Stift, aber dann sehe ich das Papier, das Gedicht und den Stift und nach einer halben Zeile, lege ich den Stift weg, zerreiße das Papier und dann ist auch das Gedicht schon wieder verschwunden.

Ich schreibe keine Dissertation mehr. Ein Glück.

Ich schreibe außerhalb des Büros so wenig Emails, dass es eigentlich keine mehr sind. Es fehlt mir nicht, obwohl ich einmal viele Emails geschrieben habe, vielleicht waren es auch Liebesbriefe, so genau will ich mich nicht mehr erinnern und das Postfach mache ich einmal im halben Jahr auf. Verpasst habe ich in keinem der halben Jahre etwas und immer, wenn ich doch wieder anfing diesem oder jenem eine Email zu schreiben, die nichts mit bürorelevanten Dingen zu tun, so habe ich es immer früher als später bereut. Ich schreibe keine Emails mehr.

Ich schreibe kein Tagebuch mehr.

Ich schreibe keine Kalendereinträge mehr, die Jahre sind alle gleich lang und ich habe kein Bedürfnis danach, nachzusehen, ob ich vor zwei Jahren in der Philharmonie war oder nicht. Irgendwann ist mir die Neugier verlorengegangen und der Kalender erinnert mich doch dann und wann an diesen Verlust. Jedes Jahr schenkt die liebe C. mir einen neuen Kalender, aber am Ende des Jahres sind alle meine Kalender leer.

Ich schreibe keine Wünsche mehr auf, falte sie nicht mehr in kleine Papierdreiecke und fädle die Dreiecke nicht mehr in einen Flaschenhals ein und ich fahre auch nicht mehr zum Fluss oder ans Meer, um eine Flaschenpost auf den Weg zu bringen.

Ich schreibe keine Noten mehr auf das Notenpapier, das sich noch immer in der Kommode stapelt.

Ich schreibe keine Notizen mehr für verstiegene Romane auf.

Ich schreibe keine Limericks mehr, keine Nonsenswörterfolgen, keine Post-It Klebezettel, keine Anleitungen mehr wie aus einer Cola-Flasche ein Segelboot wird.

Ich schreibe so selten Kommentare ins Internet, dass ich sagen kann: Ich schreibe keine Kommentare ins Internet.

Ich schreibe keine Rezepte mehr auf und nur noch selten schreibe ich Rezepte weiter.

Ich schreibe keine ganzen Nächte mehr durch.

Ich schreibe keine Fragen mehr auf die schwarze Schiefertafel. Ich habe die Schiefertafel den Nichten geschenkt. Wer weiß vielleicht fallen ihnen in die Antworten ein.

Ich schreibe keine Buchstaben mehr auf beschlagene Fensterscheiben.

Ich schreibe so wenig Nachrichten wie es nur geht. Es geht immer noch weniger.

Ich schreibe keine angefangen Sätze mehr mit dem blauen Kugelschreiber auf meinen Arm. Zwischen 16-22 waren meine Arme immer bedeckt mit blauen Notizen, sie sind alle längst gluckernd im Abfluss der Badewanne verschwunden. Das letzte was ich von ihnen sah, war eine blaue Schaumkrone.

Ich schreibe keine Geschichten mehr mit den Fingern zwischen die Rippen eines Anderen, früh am Morgen wenn die Welt und der Andere auch noch schläft.

Ich schreibe nicht mehr auf, was ich im Kaffeesatz lese. Viel getaugt hat die Wahrsagerei ohnehin nie.

Ich schreibe keine Märchen mehr auf für die Nichten 1-3 und den Neffen. Die Nichten und der Neffe suchen sich längst eigene Geschichten aus.

Ich beschreibe nur noch selten Bilder, Menschen, Dinge.

Warum schreiben Sie denn?, fragte mich jemand, unvermittelt, aber dann auch nicht so unverhofft.

Weil mir nicht anderes einfällt, als das Wort, wenn ich darüber nachdenke, woran ich mich festhalten kann, sage ich. Was ich nicht sage ist: Eigentlich schreibe ich nicht mehr viel und vielleicht ist dieses Blog ja die letzte rostige Leiter, die mir geblieben ist.

Aber mein Gegenüber sieht mich verwundert an.

Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das gibt es doch gar nicht.

Wie mich einmal ein böses Schwein ritt

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Vor Jahr und Tag war ich einmal in Avignon. Ich war nicht allein, sondern wie so oft sehr und sehr unglücklich verliebt. An diesem Wochenende aber war ich glücklich, doch ich bin ja nicht umsonst das Fräulein, welches das Unglück anzieht und so sah auch das Schicksal in Avignon auf mich herunter, spuckte in die Hände und sah zu, wie ich ins Verderben lief.

Das Hotel in Avignon war so schön wie alt, es war ein Hotel wie vor der Französischen Revolution, ein Hotel mit schweren Spiegeln und Kommoden mit Marmorplatten, mit Blumenvasen die mir zum Kinn reichten und schwerem, schönen Silber auf den Tischen. Es war Sommer in Avignon und in einem Alkoven mit Blick auf den Fluss, da stand ein Tisch. In den Tisch verliebte ich mich fast so sehr, wie in den Begleiter jener Tage, der Tisch war zierlich, ohne zerbrechlich zu sein, seine Beine hatten etwas von jener lässigen Haltung, die jenen Adligen zu Teil war, die Marie Antoinette noch mit Schafen spielen sahen, geschnörkelt und dabei doch lässig hingeschwungen, die Tischplatte war rund, dabei aber keineswegs eierförmig, sondern vortrefflich gerundet, eine Tischplatte an der es unmöglich ist, sich einen blauen Fleck zu holen. Unter der Tischplatte aber verbarg sich eine Schublade für Liebesbriefe, Fischbesteck und getrocknete Rosen. Der Tisch war in einem dunklen Grün gestrichen. Der Begleiter jener Tage lehnte sich gegen den Tisch, lächelte zart, strich mit den Fingern über die Platte, das Schicksal stand in einer schattigen Ecke, lachte schon laut, bleckte die Zähne und schwor, dass mich ein böses Schwein reiten solle und dieser Tisch mein Verderben würde.

Erst aber fuhr ich zurück nach Berlin und in mir war der dringende Wunsch erwacht, auch so einen Tisch zu besitzen und von nichts zu entmutigen, suchte ich Tandler und Tandler auf, beschrieb den Tisch und eines Tages, das Schicksal johlte, wurde ich fündig. Zwar waren die Füße mehr brandenburgisch-preußisch als südfranzösisch, die Platte ein bisschen gröber als jener Tisch in Avignon, aber auch der Tisch beim Berliner Tandler besaß eine verborgene Schublade, ich sah mich an jenem Tisch Tee trinken, die Zeitung lesen und dann und wann küsste die Liebe mich schon vor zehn Uhr. Ich bezahlte den Tisch, der Tandler lieferte und voll glücklichen Staunens strich ich über die Tischplatte. Der Tisch war in einem rostbraun gestrichen, aber ich sah den Tisch schon in einem matten Dunkelgrün glänzen und lächelte still. Das Schicksal hingegen gröhlte und lud sich Gäste ein.

Ich kaufte Abbeizmittel, Schaber, und Schleifpapier. Nach zwei Dosen Abbeizmittel war der Tisch dunkelblau, nach vier Dosen war der Tisch wieder braun. Das Schicksal und seine Freunde saßen auf dem Sofa und hielten sich die Rippen vor Lachen. Nach sechs Dosen war der Tisch noch brauner, ich hatte rote Kaninchenaugen, entzündete Hände, aber mich ritt das Schwein von Avignon, ich kratzte einen halben halben Ölsockel vom Tisch, ich warf den Spatel in die Ecke, ich kratzte Farbschichten vom Tisch mit Rasiermessern,die mir die Fingerkuppen zerschlitzten, aber der Tisch blieb braun, denn der Vorbesitzer des Tisches, muss ein Freund von erdigen Tönen gewesen sein, die man in Steuerbehörden oder Kasernen erwartet aber nicht auf einer Tischplatte. Als die Rasierklingen nichts mehr vermochten, nahm ich Glasscherben zu Hilfe und endlich schien mir als sei ich an einem Naturzustand des Tisches angekommen. Darüber war ein halbes Jahr vergangen und ich sah aus, wie man sich Pestkranke vorstellt, aber das Schwein von Avignon hörte nicht auf mich zu reiten und ich sah mich noch immer am dunkelgrünen Tisch sitzen und die Zeitung aufschlagen. Das Schicksal johlte lauter. Ich strich den Rand des Tisches dunkelgrün. Grün wie das Moos am Rande des Waldes. Dann ging ich schlafen, endlich schien mir sei das Wunder von Avignon nahe. Am nächsten Morgen hatte der Tisch einen grünen Rand mit rostbraunen Flecken. Ich experimentierte mit Laugen, ich verschliss kiloweise Bimmsstein, ich verbrauchte Kilometer an Schleifpapier. Ich lag fluchend über dem Tisch, ich flehte, ich bettelte, ich beschwor die G*tter, aber kaum war eine Ecke abgeschliffen, schon drückte sich neues rostbraun durch die Tischplatte hindurch. Nach anderthalb Jahren unentwegten Werkens hatte ich Hände, die den Klauen von Alligatoren ähnelten, meine Augen waren rot wie die eines Kaninchens, ich hustete rostbraune Flecken und unbändiger Zorn überkam mich und ich trat gegen den Tisch. Ich brach mir den Zeh. Vier Wochen später beehrte mich die L. sie hachzte und seufzte, was für ein Kunstwerk dieser Tisch, das rohe, das abgeschliffe- unfertige, die Marmorierung der Platte, sag Read On, hängst Du sehr an dem Tisch? Ich knirschte bitter mit den Zähnen, das Schicksal krakeelte, nimm das Ding, sagte ich zur L. und die L. sagte: „Aber ich will es nicht geschenkt, hörst Du, ich leihe es mir, bis du den Tisch zurückhaben willst.“ Ich murmelte etwas von „Niemals und nur über meine Leich“, aber die L. nahm den Tisch wirklich und anders als ich, frühstückt sie mit dem O. an jenem Tisch, liest die Zeitung, bewahrt Fischbesteck in der Schublade auf, fährt über das gemaserte Holz und die schenkt Tee nach. Immer wieder bin auch ich bei der L. zugegen, sitze am Tisch und sehe missmutig auf die rostbraunen Flecken, das graue Holz und den dunkelgrünen Rand. Die L. sieht dann zu mir herüber und sagt: „Aber Read On, wenn Du Deinen Tisch zurückhaben willst, dann sag es mir jederzeit.“ Ich aber schüttle den Kopf, den auf dem Sideboard das sitzt Schicksal, stopft sich die Faust in den Mund, um vor Lachen nicht zu platzen, denn ich bin mir sicher, wenn der Tisch wieder beim mir stünde, es dauerte kaum vierzehn Tage, da kaufte ich wieder Abbeizmittel, dunkelgrüne Farbe und scharfe Rasierklingen, um doch noch einen Tisch wie jenen in Avignon mein Eigen zu nennen, denn wenn einen erst einmal ein böses Schwein reitet, dann lässt es einen niemals mehr los und ganz sicher bin ich mir, dass wenn die Schicksale Schulstunde haben, ich als Exempel diene, für Tücke und List und die Macht des Schicksals anhand eines einfachen Tisches, an dem vielleicht Marie Antoinette Torte aß, oder ein Marquis einer Comtesse die Finger küsste. In Avignon aber bin ich seither niemals mehr gewesen und auch an Tandlern mit Tischen in der Auslage gehe ich schnurstracks und sehr schnell vorbei. Den das Schicksal ist niemals fern meiner Wege und Tische.

Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

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In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.