Kunst aber als Brotbelag

Bekanntlich bekomme ich immer am Mittwoch eine Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse, nebst zwei Flaschen Milch. Am Donnerstagmorgen schwamm ich so vor mich hin im See und wie ich so schwamm wurde ich hungrig. Ha, dachte ich mir, ein Brot soll es sein, wenn Du zurückkommst und dann hängte ich Handtuch und Bademantel auf, wusch den Bikini aus und stapelte Obst, Käse und Brot auf dem Tisch. So bunt sind die Biokisten im Sommer, so vielfältig und so schwer ist es sich zu entscheiden, was man den auf dem Brot haben mag. Erstmal also ein Butterbrot mit Salz und Schnittlauch dazu, aber dann lockte das bunte mich all zu sehr und wie ich also mit Messer, Brot und Käse, der Tomate und all den anderen Dingen, da so saß, da fiel mir Piet Mondrian ein und ich wäre ja nicht ein albernes Fräulein, das wohl in anderen Zeiten schrullig genannt worden wäre, hätte ich nicht den Finger erhoben und zu meiner alten Freundin Wildtaube auf dem Fensterbrett gesagt: KunstGeschichtealsBrotbelag it is meine Liebe. Die alte Freundin hat nachsichtig gegurrt, denn sie kennt mich ja schon viele Jahre. Das Schöne aber ist, es gibt so viele Menschen, die auch Lust haben ihr Brot mit Kunst zu belegen.

oder

So hat es angefangen, aber viel schöner ist das, was all die anderen machen mit ihren Broten.

Sehen Sie mal was die fabulöse Miss Megaphon macht:  

Und schon geht es mitten in die Romantik hinein mit Casper David Friedrich

Gefolgt von Jan Vermeer


Ich bin sehr verliebt!

Was wäre Kunst ohne Hunde?

Anselm Kiefers Galerist wundert sich sicher schon….

Das ist keine Wurst!

Aber das ist der Schrei:

Ohne Paul Klee geht es ja ohnehin nie!

Ich finde diese Salvador Dali Interpretation einfach großartig!

Und natürlich Vincent van Gogh:

Es gibt ja Ideen, die hätte man furchtbar gern selbstgehabt….

Dies ist nur eine kleine Auswahl,aber wenn Sei mögen dann sehen Sie sich auf Twitter um- dazu müssen Sie dort nicht Mitglied sein, man kann einfach #KunstGeschichteAlsBrotbelag eingeben und viele, viele Schätze entdecken.

Natürlich ist das ganze eine kleine Alberei, aber nur albern ist es dann doch nicht, weil es wie ich finde zeigt, dass das Internet nicht nur das passive Konsumieren ist, sondern viele unterschiedliche Menschen zum Mitmachen und Selbermachen inspiriert. e13Kiki hat dafür einmal den Begriff des #bingecreating erschaffen und ich glaube das trifft es sehr gut. Das Internet, das sind noch immer wir alle und es liegt an uns, ob wir uns inspirieren lassen und immer wieder das Staunen lernen.

Was ich sehr hoffe ist, dass die vielen bunten, belegten Brote zu Gesprächen und Diskussionen führen zum Entdecken neuer Künstler, zum Wälzen von Kunstkatalogen, was man legen könnte und vielleicht auch zu einem Ausstellungsbesuch, um sich weiter und wieder zu begeistern für all die große und kleine Kunst, die noch immer das größte Potential hat Menschen zusammenzubringen und dass das gerade passiert, das freut und rührt mich besonders.

Auch Das Nuf hat Lieblingsbrote mit Kunstbelag gesammelt.

Das Fräulein indes reist heute dem Tierarzt an die Ostsee nach und hat noch kein einziges Reisebrot geschmiert….

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

Das Offensichtliche:
Der Haushalt ist der Erwähnung nicht wert. Auch nicht, dass zum ersten Mal die Kinder 1-4 nicht den Belag von der Pizza herunterpulten oder nur den Rand knusperten, sondern alles, alles, alles aufaßen ist es nicht. Das lag nämlich nicht an mir und meinen Pizzabackkünsten, sondern an einem Schwimmbadnachmittag. In London nämlich ist es heiß.
So heiß, dass auch ein Wassereis-Everest in vier Kindermündern schneller schmolz als der Tierarzt sagen kann: „Wer soll das alles essen?“
Die Kinder 1-4 sind natürlich jeder Erwähnung wert und das Staunen, das nicht nachlässt über Bébé No. 5, das kleine Täubchen, das Lächeln meiner Schwester und das Glück meines Schwagers, das ist so offensichtlich, dass es jede Erzählung nur kleiner machte. Deswegen stellen sie es sich vor, das ganze große Glück.

„Fünf“, sagt meine Schwester. Eine Handvoll, sage ich und küsse ihre Fingerspitzen.

„Wie schön Du bist“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Wäschst Du mir die Haare?“, fragt sie.

Ich wasche ihr die Haare. Meine große Schwester seufzt selig genau so wie das kleine Täubchen im Arm ihres Vaters.

Wir spannen die Hängematte auf. Ein Wochenbett kann auch eine Hängematte sein. Bébé No. 5 ist einverstanden.

Am Abend, Kind 1 liest, Kind 2 kichert mit einer Freundin am Telefon, und die Kinder 3 und 4 schlafen schon aber es lag nicht an meiner Geschichte von Fräulein Rosa und einem Ausflug zum Nil, sondern an den sommerschweren Gliedern, sollen Schwager, Schwesterchen und Bébé Zeit für sich allein haben.

„Sag das nicht“ protestiert Schwesterchen.

Ich werfe ihr Kusshände zu und dann gehen der Tierarzt und ich einkaufen. Das ist der Rede wert, denn der Tierarzt kann doch Lebensmittel in gehäuften Mengen kaum ertragen. Aber er nickt und zählt die Jutebeutel.
Zum Wochenbettservice gehört nicht nur Vollpension, sondern auch ein gut gefüllter Kühlschrank mit Sachen, die sich Schwesterchen und Schwager sonst eher verkneifen. Fünf Kinder gibt es nicht für umsonst.

Auf der Straße steht die Hitze. London atmet so als sei es Brindisi.

In den Pubs trinken die Leute Aperol Spizz und ganz London ist entschlossen sich heute Abend zu verlieben.

Zwei U-Bahnstationen weiter steigen wir aus. Ein großer Sainsbury an der Ecke.

Wir kaufen das Lieblingsgranola von Kind No. 1, Joghurt auf dem Luxury steht, der Tierarzt sucht nach den Lieblingssäften vom Schwesterchen, ich sage zum Mann an der Theke mit Delikatessen: Mehr davon. Der Mann nickt. Ein Anlass?, fragt er. „Oh ja, sage ich, eine ganze Handvoll!“ Der Mann lacht. „Davon auch mehr“, sage ich.
Wir kaufen Erdbeeren und Clotted Cream, Lachssteaks, Salat, belgische Schokolade, Mangopüree und von jeder Sorte Italienischer Nudeln mindestens zwei, sage ich. Wir kaufen den Kaffee, den mein Schwager sonst nur zum Shabbes trinkt.
„Wir brauchen einen zweiten Wagen“, sagt der Tierarzt, um eilig hinzuzufügen: „Ich gehe schon.“
„Wir treffen uns beim Käseregal“, rufe ich ihm hinterher.
Dann kaufe ich Brokkoli und junge Erbsen, und reife Ananas.
Neben mir steht ein Mann, alt ist der Mann. Ein Gesicht wie ein verwitterter Wetterfleck. Eine Jacke trägt er trotz der Hitze. Unscheinbar ist die Jacke, aber erst als ich Bananen in den Wagen lege, fällt mir auf: fadenscheinig ist das richtige Wort. Der Mann steht vor einer Kiste mit Kohl und Mohrrüben. Gelb ist der Kohl schon und die Mohrrüben haben welkes Grün. Aber am Abend da setzt Sainsbury die Preise herunter. 50 Percent off steht an der Kiste. Der Mann legt einen Kohlkopf und vier Mohrrüben in seinen Korb. Er sieht zum dem Regal mit den Südfrüchten herüber. Aber die Melone, die Mango und auch die Ananas sind nicht heruntergesetzt. Auch nicht die British Strawberries und die Kirschen, die dunkelroten, die kosten weiterhin 3 Pfund.
Da ist der Mann schon an mir vorbeigegangen. Vor einer Kiste mit Kartoffeln steht er, drei Kartoffeln fingert er schließlich heraus und legt sie zu den Möhren und dem Kohl dazu.
Ich gehe zum Käseregal, aber plötzlich sehe ich sie überall, die alten Leute links und rechts von mir, mit einem fast leeren Korb in der Hand und im Korb liegen immer die gleichen Dinge. Was in ihren Körben liegt, das ist reduziert. 30%, 50% und wer Glück hat der bekommt vielleicht eine Packung Würstchen, die beim Transport beschädigt wurde um 70% reduziert.
Eine Frau hat eine Flasche Milch und eine Tüte Salisbury Chocolate Chips im Korb und sieht steht vor einem Schild auf dem steht Salisbury Delectable Cakes, Aber die Kuchen sind nicht reduziert und die Frau geht weiter. Der Tierarzt findet mich schließlich beim Käse, denn ich bin fest entschlossen Käse zu kaufen, denn die Kinder wachsen und wie wir alle, lieben sie Käse. Richtigen Käse nicht die Familienpackung Gummigouda von Lidl.
Neben mir steht wieder der Mann mit dem krummen Rücken, dem Stock in der einen Hand und dem Korb in der anderen, er sieht auf ein Stück Gorgonzola herunter. Das Stück Gorgonzola kostet 2 Pfund und 19 Pence. Ich habe drei größere Stücke Gorgonzola im Einkaufswagen zu liegen und der Tierarzt, sagt: „Mädchen willst du den Parmesan oder?“ Ich nicke und sehe dem Mann nach, der ohne Gorgonzola in der Hand zur Kasse geht. Dann legen auch wir den halben Supermarkt auf das Band, wir füllen die vier Jutebeutel und den riesigen Wanderrucksack auf meinem Rücken. Hinter uns legt der Mann seine Einkäufe aufs Band.
„Tierarzt“, sage ich, „warte kurz“ und dann wuchte ich den Rucksack wieder von meinem Rucksack herunter, sprinte zum Käseregal, greife nach Gorgonzola, einem Stück Emmentaler, einer großen, gelben Honigmelone British Strawberries und Kirschen als ich wieder an der Reihe bin, ist der Mann noch damit beschäftigt seine Einkäufe umständlich in einen Beutel zu verstauen.
„Sorry Sir, sage ich vorsichtig und er sieht mich misstrauisch an, sorry Sir, we bought so much, we really can not carry even the tiniest bit more, would you mind taking those?“

Ich lege den Käse und das Obst vor ihm hin.

Er starrt mich an.

„Thanks for helping“, sage ich und „Goodbye.“

Dann gehen wir aus dem Sainsbury hinaus.

Ich drehe mich nicht um, aber nicht wegen des schweren Rucksacks auf meinem Rücken, sondern weil ich mich erinnere, noch ganz genau, als ein Fremder in einem Supermarkt in Berlin als auch ich, kaum Geld hatte, mir Käse, frisches Brot und Birnen übergab, mit den Achseln zuckte und sagte: „Ich hatte ganz vergessen, ich vertrage den Käse gar nicht mehr.“ Irgendeine Allergie.“ „Helfen Sie mir, wäre doch schade, wenn das schlecht würde.“ Ich hatte am Regal mit Dosenravioli mein Kleingeld gezählt.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt vor dem Supermarkt.

„Tierarzt“, sage ich.

Mehr sagen wir nicht.

Es ist noch immer nicht dunkel, als wir die Wohnungstür aufschliessen und auch nicht als wir die Einkäufe in Kühlschrank und Speisekammer verstaut haben und auch nicht als ich Schwesterchen, Bébé No. 5 und den Schwager auf die Nasenspitze küsse.

Sonntag

🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

Sein oder Bewusstsein

In der letzten Woche rief mich die Berufsschule an. Die Dame am Telefon sagte: „Es gibt ein Problem mit der Auszubildenden.“
„Oh“, sagte ich.
„Ja“, sagte die Dame am Telefon.
„Die Auszubildende sei lernresistent“, sagte die Dame am Telefon.
„Lernresistent?“, echote ich.
„Ja“, wiederholte die Berufsschuldame. „Die Auszubildende verweigerte das pflichtgemäße Erfüllen von bürokauffraulichen Aufgaben, weil ein Fräulein Read On Ihr gesagt habe, dass der Weg zur Lösung von Sachaufgaben auch anders und logischer als von der Berufsschule vorgegeben zu erreichen sei.
„Nun huste ich, Logik ist ja ein weites Feld. Dabei eben ein komplexes, ein philosophisch nicht uninteressantes Feld.“
Die Berufsschuldame hustete böse. „Sie sind wohl eine von denen die glauben Sie müsste mir meinen Beruf erklären.“
„Keineswegs“, beeile ich mich zu versichern. Mich interessierten nur Probleme der Logik in ihrem weiteren Sinn. Etwa die Frage nach der aristotelischen Umkehrung der…
Die Berufsschuldame am Telefon schweigt.
Dann schweige auch ich.
„Problem“, sagt sie, na also. Da haben wir es ja.“
„Die Auszubildende sei ihr auch noch frech gekommen. Ungeheuerlich.“
„Es gelte nun einmal Maßnahmen in Sachen Auszubildende zu erarbeiten. Ob Sie mich um ein Gespräch ersuchen könne.“
„Immer“, sage ich. „Wirklich immer.“

Dann schlich ich zur besten Chefin der Welt herüber.
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich, eine erzürnte Berufsschuldame hat sich angekündigt. Es geht um Maßnahmen, Sachaufgaben, Frechheiten und die Auszubildende.“
Die beste Chefin der Welt lachte lang und herzlich. „Read On“, sagte sie Deeskalation, Auszubildende muss bestehen, Zukunft, keinen Einschüchterungsversuchen nachgeben. So sehr die Auszubildende an unseren Nerven sägt, sie ist unsere Auszubildende. Was ist dein Plan?“
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich: „Philosophie.“
„Guter Plan“, antworte sie und nickte.

„Auszubildende“, sagte ich. Ihre Berufsschullehrerin kommt am Montag zu einem Gespräch zu mir. Ich erwarte vorbildliches Verhalten. Zwischen 16 und 17 Uhr fällt hier nichts um, heult keiner, kreischt nichts, fliegt nichts, brennt nichts. Ist das klar?
Fräulein Read On, war das jetzt eine rhetorische Frage?
Ich zähle bis 30.
„Auszubildende frage ich dann doch noch einmal: „Wer ist ihr Lieblingsschauspieler?“
„Benedict Cumberbatch“, sagt die Auszubildende und fummelt an ihrem iphone herum. Hier sehen Sie mal. 
„Weiß G*tt sage ich, der Mann verdient sein Geld auch nicht leicht.“

Am Montag Nachmittag kommt die Berufsschuldame.
„Ich freue mich sehr“, sage ich und reiche Kaffee und Gebäck und lächle wie ein Honigkuchenpferd.
Die Berufsschuldame sieht mich eher nicht so freundlich an.
„Unverschämte Schülerin
„Wie so jemand überhaupt an ein solches Institut kommt.“
Noch nie vorgekommen.
Seit dreißig Jahren in der Berufsschule.
Erfahrung.
Konsequenzen.
Akte
Sie hätte sich eine Philosophin ganz anders vorgestellt.“
„Ich bin leider keine Philosophin“, sage ich.

Ihr Gesicht verzieht sich ein wenig, wie sich Gesichter immer verziehen, wenn sehr attraktive Frauen jemanden wie mich sehen.
Dann strafft sie sich und sagt:
„Sei es drum, die Auszubildende muss gehen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder so machte wie er wollte und sie müsse sich auch nicht die patzigen Besserwissereien dieser Person anhören.
„Moment“, sage ich also und lächle so breit ich kann. „Das Problem mit der Auszubildenden liegt anders als sie denken.“
„So?“, sagt die Berufsschuldame.
„Ja“, sage ich.
Es handle sich neben ein Problem von Sein oder Bewusstsein.
Im Regelfall sei es durchaus richtig anzunehmen, dass eine Auszubildende zur Bürokauffrau von ihrer Bürotätigkeit geprägt wäre. Eine solche Auszubildende übe auch nach Büroschluss Maschine schreiben, träume von Prozentaufgaben und ordnete auch ihre Gewürze nach dem im Büro gebräuchlichen Sortiersystem. Sicherlich hätte auch eine solche Dame Vorlieben und Abneigungen, aber im Großen und Ganzen sei eine solche Auszubildende mit Leib und Seele dem Büro und natürlich der Berufsschule verpflichtet.

„Wir beide fahre ich fort, sind im Übrigen fast einer Meinung, auch ich weiß natürlich, dass die Auszubildende gar nicht daran denkt, dass Telefon abzunehmen, nur weil es klingelt, dass die Auszubildende Weinreste in Büropflanzen gießt und Dokumente, die hier nicht behagen löscht. Allein in der Diagnose und in der Konsequenz, die Sie ja hier auch schon ansprachen, unterscheiden wir uns. Während Sie annehmen und wer kann es Ihnen verdenken, dass schiere Unfähigkeit das Verhalten der Auszubildenden erklärt, so weiß ich doch die Ursachen liegen tiefer.“

Die Berufsschuldame starrt mich an.
„Die Auszubildene sage ich und ich sage es sehr ernst und sehr leise und beuge mich ein kleines bisschen über den Tisch hinweg nach vorn, ist eigentlich keine Auszubildende zur Bürokauffrau, sondern Benedict Cumberbatch.“
Die Berufsschuldame starrt mich entgeistert an: „Das ist nicht ihr Ernst!“
„Doch, doch, sage ich, die Auszubildende ist Benedict Cumberbatch und nur weil das gerade nicht klappt, heißt das noch nichts, oder anders gesagt, es heißt vornehmlich nur, dass die Auszubildende sich im Moment nicht hauptsächlich mit ihrem Sein als Bürokauffrau identifiziert, sondern mit ihrem Bewusstsein als erfolgreicher Youtubestar äh Benedict Cumberbatch. Hier aber kommen wir natürlich zum Kernproblem der ganzen leidigen Angelegenheit. Die Auszubildende empfindet natürlich logischerweise die Anforderungen, die die Berufsschule an sie stellt als eine Unmöglichkeit, eine Zumutung, ja als einen klaren Angriff auf ihr Bewusstsein.“
Ich zucke mit den Achseln „natürlich, sage ich und fahre fort, ist es sehr fraglich, ob die Auszubildende wirklich einmal Youtubestar wird oder ob sie einmal Benedict Cumberbatch bei der Oscarverleihung dankt, aber Fakt ist die Auszubildende sieht sich auf dem Weg zu höheren und höchsten Ehren und allein deshalb nicht aus Unverschämtheit, oder Dummheit sei die Auszubildende widerspenstig und lernunwillig, sondern aus dem einfachen Grunde, dass sie an kommende Tage voll Ruhm und Ehre glaube und nicht ganz so sehr an die Notwendigkeit zu lochen, zu staplen und abzuheften. Allein das erklärte die ja nicht zu verschweigende Neigung der Auszubildenden zu harschen Antworten. Es sei eben eine Art praktische Vertiefung ihrer Bewusstseinshaltung.“

Bevor die Berufsschuldame fortfahren kann, werfe ich ein. „Wer würde schon Benedict Cumberbatchs Lösungswege bezweifeln, solange sie neue Türen öffnen und würde sich für den Umgang mit ähm- und da muss ich überlegen, denn Bach ist wohl doch eine andere Kategorie- Beyoncé sich etwas anderes als Nachsicht und Rücksichtnahme empfehlen?“
„Gilt es nicht gerade im Fall der Auszubildenden, die beschwert von der Macht der Ideen so manch kummervolle Stunde durchlebt, geduldig zu begleiten, um sie auf den Fall der Fälle, dass die Macht der Ideen nicht so weit reicht, wie sie glaubt mit dem Zertifikat der Bürokauffrau auszustatten?“
Dann lächle ich strahlend und frage noch einmal: „Noch etwas Kaffee?“
Die Berufsschuldame sieht mich ernst, sehr ernst an.
Das mit der Macht der Ideen, woher haben Sie das?
„Vom Herrn Professor Hegel“, sage ich.
„So, so“, sagt die Berufsschuldame.
Ich lächle.
Dann will ich es noch einmal auf sich beruhen lassen, man soll ja die Träume äh das Bewusstsein junger Menschen fördern und formen.
„Ganz ihre Meinung“ sage ich und verabschiede die Berufsschuldame.

Die Auszubildende stürzt jubelnd aus dem Vorratsraum und überhört das Telefon.

Ich gehe zur besten Chefin der Welt.
„Und?“, fragt sie.
Geschafft, sage ich.
„Und Wie?“ fragt sie.
Mit Benedict Cumberbatch und Hegels Dialektik.
„Seit wann weißt Du, wer Benedict Cumberbatch ist?“ fragt die beste Chefin der Welt.
„Benedict Cumberbatch ist ein Otter der Hegels Wissenschaft der Logik liest“, sage ich.
„Oder?“

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Mit der Dämmerung aufgestanden, die Katze zur Tür hereingelassen, den Hund zur Tür herausgelassen, dem Tierarzt, Tee gereicht und bis zum Flughafen rekapituliert was ich über die Appenzeller Bauernkriege weiß und versucht mir Rosseau und die Insel der Seligen zu vergegenwärtigen. Gestört werden meine Bemühungen durch den Tierarzt, der mir aufträgt mich mit den Schweizer Kälbern, ihren Gewohnheiten und Eigenarten vertraut zu machen und möglicherweise eine Brieffreundschaft für Kälbchen herauszuholen. Ich versuche den Tierarzt davon zu überzeugen, dass am Ufer der Limmat keine Kälber mehr weiden, but to no avail.

„Bis heute Nacht“, ruft der Tierarzt und schiebt mir schweizerisch akkurat Küsse in die Kleidertaschen.

„Bis heute Nacht, wenn alles klappt“, rufe ich, denn der Tag hat es in sich und Küsse stecke ich dem Tierarzt in den Pullover.

Dann eile ich in den Flughafen und nach Pass, Bordkarte, Laptop, Schuhe okay, lese ich in der Irish Times und dann hebt das Flugzeug ab.

Zwei Stunden später, recke und strecke ich mich, stecke das Buch in die Tasche und bin in der Schweiz.

Zürich hat Sonnenschein.

In der Navette zum Flughafenterminal schollert auf einmal Jodelmusik, Choralähnliches und Kuhglockengeläut, alle Welt erschrickt. Aber es ist nur eine Werbeaktion von Yours. Switzerland.

Dann viele Treppen hinauf und hinunter und mit der S-Bahn Numero 16 zum Hauptbahnhof. Glücklich, wer nur einen Schnappsack hat und sitzen kann, der Rest der Reisenden verteidigt die Koffer und belauert andere Reisende mit großem Misstrauen.

Auf dem Sitz liegt so eine Umsonstzeitschrift und da ich natürlich ganz im Sinne des Tierarztes nachsehe, ob nicht doch ein Kälbchen Heinrich oder eine Kuh Margarethe inseriert: Interessen: Heuwirtschaft, Butterblumensmoothies und Dart nur ernsthafte Zuschriften bitte, aber leider habe ich kein Glück.

Dafür hat die Zeitschrift „20 Minuten“ eine Rubrik Doktor Sex und als Aufklärungssprechstundenverantwortliche lerne ich ja immer gern dazu. Abgesehen von der Antwort auf die Frage- staune ich wirklich sehr darüber, dass es noch Zeitschriften jenseits der Praline oder anderer Magazine gibt-, die aber vielleicht doch eine andere Leserschaft ansprechen als den Schweizer Pendler, ein Bild auswählen, dass eine junge Frau zeigt, der man von hinten unter die Unterwäsche fotografiert und die halb auf einem Mann liegt.

Und mir ist da ganz egal, ob man da ein Standbild aus American Pie ausgeschnitten haben. Das Bild ist in dem Zusammenhang völlig unangemessen. Ich finde das nämlich ziemlich bedenklich, dass man eine Aufklärungskolumne hat, die Sexualität als schlechten Pornofilm abbildet und dabei etwas außer Acht lässt, was essentiell ist: gegenseitigen Respekt, angemessene Abbildung  und das Vermeiden tatschigen Voyeurismus‘. Also liebe Schweizer vielleicht überlegen sie ja noch mal in der Redaktion ob es nicht angemessenere Bilder gibt und wenn Sie gerade so zusammensitzen: Slut Shaming ist jeder Aufklärung entgegengesetzt und its not funny either. Weil ich gerade dabei bin und guter Rat nicht immer teuer ist: Es gibt nichts Dümmeres und Peinlicheres als Aufklärung durch dümmliche Witze und Pornobildchen zu verballhornen, es verhindert nämlich etwas Wunderbares: Vor allem jungen Menschen den Zugang zu Intimität zu vermitteln. Dass das sich hier noch in einem Zusammenhang abspielt, in dem es Minderjährige Beteiligte geht, macht es schlechter nicht besser. IMG-6370.jpg

Wie immer, wenn ich in der Schweiz bin, bewundere ich die Stille im Zug, auf den Straßen, im Café, eine Frau löffelt seelenruhig und völlig hingegeben ihren Capuccino wie ein Süppchen.

Stellen Sie sich das mal in Berlin vor!

Mich irritiert die Schweizer aber auch immer sehr, denn ich bin bekanntlich ein Mensch, der ständig stolpert, zu laut lacht, Chaos ist mein dritter Vorname und weiß G*tt was fehlt mir der indische Krach. Vor ein paar Jahren, da war ich schon einmal in Zürich, da wollte mir jemand an einer Tramhaltestelle die Handtasche entreißen, ich aber bekam das mit und schrie: „Hey, Sie verdammter Dieb, schämen Sie sich, was würde ihre Mutter sagen?“ So viel Krach ließ den Dieb erstarren und mir blieb die Tasche erhalten.

Mich auf dem Weg zur Universität nur zweimal verlaufen.

Verdrängt wie steil der Weg hinauf zur Universität ist.

In der Mensa der ETH sehr schlechten Kaffee und sehr viel blaue Rivella getrunken. Ich liebe Rivella.

In der Mensa der ETH kann man alles über Flechtfrisuren lernen, was man schon immer lernen wollte.

Ein Vorstellungsgespräch an der Universität Zürich.

Zitternde Knie und immer wieder die Frage, ob man das sagt, was man eigentlich sagen möchte, ob man den Anderen wirklich anspricht, ob man nicht doch in Phrasen zurückfällt oder ob sich vielleicht doch eventuell ein Gespräch entwickelt, was man fortsetzen will auch als gemeinsame Arbeit.

Einen Kaffee getrunken. Sonnenschein.

Ausschau gehalten nach Thomas Mann, der doch viel spazieren ging. Ihn wohl doch verpasst.

Manches bleibt bloße Möglichkeit.

Mit der Trambahn zum Flughafen zurück. Ist das nicht besonders schön? Meine alte Seele, die doch immer noch im 19. Jahrhundert lebt, quietscht in den Kurven.

Ein belegtes Brot gekauft und einen Grapefruitsaft dazu.

Weiteratmen.

Kein Kälbchen getroffen, einer Taube Krumen gestreut, nur einen einzigen Hund gesehen.

Im Flughafen passiert mir etwas was mir nicht mehr so oft passiert. Eine Frau dreht sich um zu mir und fragt mich: Ist das der BA-Flug nach London? „Oh ja“, sage ich und dann erzählen wir bis wir in London landen. Wie schön, dass ist das mir das doch wieder passiert, denke ich, dass mir jemand ihre Geschichte in die Hand legt und ich höre zu. Die Geschichte, die Telefonnummer und das Lächeln der Frau vorsichtig eingesteckt. Auf ein Wiedersehen hoffen.

In London gerannt und gerannt und Glück gehabt. Der Flug nach Dublin ist verspätet. Herzziehen nach meiner Schwester. Von London City Airport zu ihr sind nur 30 Minuten. Es ist schwer an meiner Schwester einfach vorbeizufahren. Es ist noch schwerer sie anzurufen und nicht hinüberzufahren.

Letztes Sonnenlicht über London.

Die Sonne tanzt über die Flugzeugflügel.

Ich denke an Ikarus, der es auch zu toll trieb. Vielleicht auch ich.

In Irland ist es dunkel.

Ich sage: „Oh Tierarzt, what a day.“

Der Tierarzt sagt: „Oh Mädchen what a day.“

Der Hund schläft schon, die Katze schlürft Milch, eine Tasse Tee vor dem offenen Fenster.

Ich gähne und die Nacht gähnt zurück.