Ein Satz mit X…

Vor ein paar Wochen lag eine Einladung im Briefkasten. Schweres Papier, goldener Rand. Adressiert an den Tierarzt und so legte ich die Einladung auf den tierärztlichen Stapel und vergaß den Brief sofort. Am Abend aber, ich versuchte die Katze davon abzuhalten, die Keksdose durch Herumkullern auf den Dielen zu öffnen, fragte der Tierarzt: „Mädchen willst Du an einem Sonntag im Juni zu einer Taufe nach Westcork fahren?“

„Tierarzt“, sagte ich, „ wenn es Dir ein Herzenswunsch ist, fahre ich mit Dir zu einer Taufe nach Westcork.“

Der Tierarzt aber schüttelte, vergnügt den Kopf, denn der Tierarzt teilt nicht nur Freud und Leid mit einem seltsamen Fräulein,sondern weiß inzwischen auch, wie ein Nein klingt.

Mein Verhältnis zu Taufen ist nämlich ein angespanntes, wenn auch nicht nicht aus religiösen Bedenken, allein der komischen Note wegen, die mir bei der letzten besuchten Taufe so sonderbar auffiel, denn da rief der Vater des Täuflings schon vor der Kirche: „Die Geschenke können jetzt abgegeben werden.“ Ich hatte mir die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zwar immer ganz anders vorgestellt, aber was weiß schon einfacher Jude von solchen Dingen?

„Wunderbar“, sagt der Tierarzt ob meiner Antwort. „Er habe die Mutter des Täuflings nie sonderlich gemocht, sie habe in der Anatomieklausur schamlos bei im abgeschrieben und als es die Klausur zurückgab ,ihn noch ob eines Fehlers beschimpft.

„Nebelkrähe“, sage ich.

Damit ist das Thema erst einmal beschlossen und der Umschlag wandert auf einen dritten Stapel von Dingen, die es zu erledigen gilt, wenn es regnet oder alle Fenster geputzt sind.

Dies war gestern Abend der Fall.

„Heavens“, sagte der Tierarzt,wir haben noch gar nicht die Taufe abgesagt.“

Gesagt, getan“, sage ich und hole eine Karte mit goldenen Luftballons- durchaus ein himmlisches Segnungsmotiv- aus der Kartenkiste.

Der Tierarzt faltet einen Schwan aus einem Geldschein.

Ich nehme den guten Füller zur Hand und schreibe.

Liebe Eltern, liebe und dann stocke ich und sehe zum Tierarzt auf.

„Wie ist der Name des Kindes?“

Der Tierarzt dreht die Karte in den Händen umher.

„Mädchen“, sagt er, der Name kommt mir ganz komisch vor, hier steht Irene Xanthippe.“

„Tierarzt, sage ich, Du bist müde und wer müde ist, sieht schlecht und wer schlecht sieht, der liest absurde Namen vor. Niemand nennt sein Kind Irene Xanthippe.“

Außerdem ist der Name schon ein Widerspruch an sich. Irene ist der Name einer Friedensgöttin, während Xanthippen noch den besten Frieden zu zernörgeln wüssten. Keine auch noch seltsamen Eltern würden aus ihrem Kind doch einen lebenden Widerspruch machen, sage ich und mache Licht an.

Der Tierarzt murrt: „Hier steht Irene Xanthippe“.

„Gib her“, schnaufe ich und sehe auf die Karte aus schwerem Papier. „Habe ich mich nicht über Jahre mit Handschriften aus dem 17. Jahrhundert herumgequält, um jetzt an einer Taufkarte zu scheitern?“

Die Einladung ist gedruckt, aber den Namen des Kindes haben die Eltern handschriftlich hinzugefügt.

„Von wegen Irene“, sage ich triumphierend. „Da steht India.“

„India?“ murmelt der Tierarzt.

„Bist Du Dir sicher?“

Ich sehe wieder auf die Karte, je länger ich auf die Karte sehe, desto unsicherer werde ich. Vielleicht auch Indigo, murmele ich.

Schwieriger aber noch ist der zweite Name auf der Karte.

„Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Xenophilia“, buchstabiere ich.

„Ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

Das scheint noch absurder zu sein als Xanthippe.

„Xiphantia“ wagt der Tierarzt einen neuen Versuch.

„Tierarzt“, schüttle ich den Kopf, da ist doch ein Mädchen und kein Saurier.

Ich hole die Lupe.

Der Tierarzt sagt: „Ich habe mal ein Rennpferd namens Xaphania behandelt.

„Weiß G*tt Tierarzt, aber hat deine Bekannte etwas das gleiche Rennpferd behandelt und ihm geschworen, wenn es seinen Huf hebt, dann benenne ich das Erstgeborene nach ihm?“

Der Tierarzt denkt nach und sagt: „Wohl eher nicht.“

Ich klamüsere indes noch immer mit der Lupe herum.

„India Xenobia“, sage ich.

Aber dann schwanke ich doch, denn schreibt man Xenobia nicht Zenobia, wenn man sein Kind schon nach der einstigen Königin Palmyras benennt?

„Vielleicht fahre ich fort, hat sie den Namen irgendwo falsch abgeschrieben, wie damals bei dir in der Anatomieklausur?“

„Wie bitte schreibt man einen Namen für das eigene Kind irgendwo falsch ab?“

„Tierarzt, sage ich, nichts einfacher als das. Das war in etwas so:

In die Praxis deiner Bekannten kam eines Nachmittags eine Frau mit einer Boa Constrictor namens Queen Z und nach abgeschlossener Behandlung, fragte sie die Besitzerin wofür das Z im Namen der guten Schlange denn stünde. Queen Zenobia verehrte Schlangen wie keine Zweite, erzählte stolz die Schlangenbesitzerin, die aber auch sehr heiser war, dann klingelte dreimal das Telefon, deine Bekannte hatte aber nur den ersten Strich vom Z gemacht, als sie sich erinnerte, doch den Schlangenamen aufzuschreiben, stand am Ende Xenobia auf dem Waschzettel.

„Mädchen“, lacht der Tierarzt. Niemand spaziert mit einer Würgeschlange umher.“

„Tierarzt“, sage ich, wir sprechen uns noch einmal, wenn du einige Jahre in Berlin gelebt hast.

Dann kehre ich seufzend zur Karte zurück.

„Da steht Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Tierarzt, sage ich, selbst wenn die ihr Kind Xanthippe genannt haben, können wir das niemals und zwar unter gar keinen Umständen auf die Karte schreiben.“

„Was schreiben wir dann?“

Ich hole Buntstifte und male neben: „Liebe Eltern“ einen gelben Kreis, tupfe Kulleraugen hinein, male, grüne, rote und lila Locken an den Babykopf und ein I und ein X zwischen das Gemalte.

Der Tierarzt, die Katze und der Hund starren auf das bunte Chaos.

Es gelingt mir nur sehr selten alle drei Hausgenossen zu beeindrucken, aber dann schreibe ich weiter: „bedauern wir sehr, nicht an der Taufe eures herzigen Kindes teilnehmen zu können.“

Später der Brief liegt auf dem Stapel: „Fertige Post“ und ich liege im Bett, „Weißt Du,sagt der Tierarzt und zieht sich ein Schlaf-T-Shirt über, ich bin wirklich froh, dass wir beide so einfache Namen haben.“

„Du Mädchen, ich Tierarzt, da kann wirklich nichts schief gehen.“

Hmmm, sage ich und der Tierarzt geht sich die Zähne putzen. Bevor er im Bad verschwindet, dreht er sich noch einmal um. „Mädchen, ich glaube wirklich, sie haben das Kind Irene Xanthippe genannt.“

Wie man Erdbeeren essen muss.

Die ersten Erdbeeren aber muss man bei Sonnenaufgang essen, kühl muss das Gras noch sein unter den Füßen und man pflückt sich eine Hand voll nur ab. Die ersten Erdbeeren im Mund müssen sandig sein und rau auf der Zunge liegen und erst dann schmeckt die süße und die Feuchte der Nacht. So muss man die ersten Erdbeeren essen.

Später dann, die Sonne steht hoch schon am Himmel, da läuft man wieder in den Garten herunter. Die Erdbeeren leuchten rot und man hält eine Schüssel in den Händen. Die Schüssel kann aus alter, weißer Emaille sein oder aus schweren Steingut, aber keine Plastikschüssel ist gut genug für die Erdbeeren. Dann streift man sich die Schuh von den Füßen und steigt vorsichtig ins Erdbeerfeld und vorsichtiger noch streift man die Erdbeeren von den Stielen, um sie in die Schüssel zu legen. Auf keinen Fall aber wirft man die Erdbeeren mit einem dunklen Plonk! In die Schüssel. Man soll großzügig im Leben und das gilt auch für das mühsam gejätete Erdbeerfeld hinten im Garten. Niemals pflückt man alle Erdbeeren ab, sondern man lässt dem Igel, ein paar Erdbeeren zum Dessert, denn auch der Igel liebt den Sommer sehr. Die alte Freundin Wildtaube und auch den Amseln und Staren soll man den Sommer versüßen. Nur ob auch die Kröte dann und wann zum Erdbeerfeld hüpft, das weiß ich nicht.

Hat man eine Schüssel voll mit Erdbeeren, hält man das Gesicht in die duftende Pracht. Atmet die schwere Süße, den Sonnenschein und das Versprechen ein und wieder aus, das in den Erdbeeren liegt. Niemals darf man die Erdbeeren in Wasser ertränken, sondern vorsichtig nur spült man sie ab und dann kommen Menschen auf seltsame Ideen, denn sie wissen nicht wie man Erdbeeren ist. Wissen nicht, dass man Erdbeeren nicht zuckern, nicht mit Balsamico-Essig beschämen oder in Sahne ertränken muss. Erdbeeren ißt man mit beiden Händen, vorsichtig legt man sich die Erdbeere zwischen die Lippen, tastet mit der Zungenspitze an den Rändern der Erdbeere entlang, zerbeißt sie nicht wie ein Stück zähes Fleischman, sondern drückt langsam fast ganz ohne Zähne die Erdbeere im Mund zusammen, bis einem der Saft der Erdbeere in den Mund und dann über das Kinn läuft, langsam kaut man die Erdbeere bis man ihre Schärfe schmeckt und nicht nur die Süße.

Harmlos ist die Erdbeere nicht, sondern die Erdbeere ist verräterischer noch als Lippenstiftspuren auf weißen Hemde, Erdbeeren nämlich bleiben noch lange im Mund, haften im Mundwinkel, schieben sich unter das Zahnfleisch, locken Zungen, Münder, Herzen zu sich hinein. Es gilt sich vorzusehen, denn wer der Erdbeere und ihrer schweren Süßigkeit erst einmal verfällt, der ist verloren, nicht zuletzt ging Gustav von Aschenbach auch an den überreifen Früchten zu Grunde.

Vorsichtig also muss man sein bei der Wahl derjenigen, mit denen man sich Erdbeeren teilt, von deren Lippen man Erdbeeren pflückt und noch vorsichtiger gilt es abzuwägen wem man Erdbeersaft aus den Mundwinkeln leckt. Denn dazu sind Erdbeeren da. Selbst die Erdbeeren eingeweckt im Regal im Keller wissen noch etwas von den unendlichen Sommern und der Liebe mit ihrem scharfen Schwert.

Fernhalten aber und da kann kein Zweifel bestehen, muss man sich von denjenigen, die mit dem Messer Erdbeeren grob zerhacken oder in einen Schnellmixer tun, um dann Proteinpulver auf die Erdbeeren zu gießen und diese Mischung dann in Plastikflaschen in ein Fitnessstudio zu tragen. Erdbeeren vergeben so etwas nicht. Es gilt bei der Partnerwahl vorsichtig zu überprüfen, wie das Verhältnis des Verlobten oder auch nur des Juni-Geliebten zu den Erdbeeren ist.

Abzuraten ist von jenen, die eine Erdbeere grob und in einem Stück verschlingen. Niemals wird aus ihnen ein tastender Küsser, sondern immer werden ihre Hände zu schnell unter Blusen und Rocksäume fahren. Obacht ist auch vor jenen angebracht, die mit triumphierendem Blick behaupten, Erdbeeren seien eigentlich Nüsse. Grobheiten werden ja nicht davon besser, dass man sie laut herausblökt. Mit einem solchen Partner, werden sie niemals einen großen Sommer, dafür aber viele, kleine Misslichkeiten erleben. Unerfreulich sind auch diejenigen, die einen duftenden Teller voller Erdbeeren mit Kopfschütteln betrachten und sagen: „Ist das alles zum Dessert?“ Noch schlimmer, sagt man seien jene Barbaren die Erdbeeren zusammen mit klebrigen Marshmallows grillen. Auch hier droht ihnen Ungemach, Menschen nämlich die das Einfache nicht schätzen, werden niemals ein Geheimnis erkennen oder auch nur die angedeutete Geste eines überschlagenen Knies zu würdigen wissen. Nur die wenigsten wissen mit einer Erdbeere umzugehen, zu viele sind vorschnell, grob oder schlichtweg nicht in der Lage im richtigen Moment mit dem Zeigefinger an einem Kinn entlangzufahren, bevor die Seidenbluse Schaden nimmt.

Am besten lassen sich Erdbeeren mit Kindern, Igeln und Wildtauben teilen.

Aber im Sommer empfiehlt es sich durchaus, einer Sommerbekanntschaft eine Erdbeere anzureichen und zu sehen, ob Zungenspitze und Erdbeersaft zusammenpassen. Ansonsten laufen sie lieber zurück in den Garten, pflücken sich eine Handvoll Erdbeeren und liegen halb in der Sonne, halb im Schatten und spüren der schweren Süße der roten Früchte nach.

Sonntag

🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Grenfell Towers-Ein Jahr später.

Am 14 Juli 2017 mitten in der Nacht rief mich meine Schwester an. Meine Schwester sagte: Es brennt in London. Ein Haus brennt. Es ist alles live im Fernsehen. Es sind Menschen in dem Haus, ich kann den Rauch riechen hier bei mir am Fenster. Da verbrennen Menschen in dem Haus. Grenfell Towers hieß der Wohnblock, North Kensington. Meine Schwester stand am Fenster und sah den brennenden Turm und meine Schwester und ich schwiegen am Telefon. Am nächsten Morgen waren 72 Menschen verbrannt.
Das ist doch Dickens, sagte ich zum Tierarzt am nächsten Morgen. 2017 verbrennen Menschen in London, mitten in der Stadt vor unser aller Augen.
Der Tierarzt schwieg, denn was hätte er schon sagen sollen.

Damals las ich die Nachrichten, klickte mich durch Videos,hörte Politiker, Aktivisten, Überlebende, las Zeitungsartikel, war mir sicher,dass das Versagen bei der Verwaltung, bei der Lokalpolitik, bei der Bauwirtschaft lag. Bitter lag es einem auf der Zunge und ich dachte oft an die Toten und die Lebenden und was das heißt für eine Gesellschaft, für uns, verbrennen in einer Nacht 72 Menschen. Das sind indische Nachrichten, aber dann waren es Nachrichten aus Großbritannien.

Fast ein Jahr später sitze ich im Flugzeug nach Zürich und auf meinen Knien liegt die London Review of Books,die ich in sklavischer Ergebenheit lese, so lese wie andere die Auto-Bild oder die Gala. Eine ganze Ausgabe widmet die LRB den Grenfell Towers. Oder besser Andrew O’Hagan hat eine ganze Ausgabe lang Platz bekommen um über die Nacht in der es brannte, nachzudenken.

Er beginnt so: „At daybreak on 14 June 2017, a large maladorous cloud hung over West London. You could see it for miles, acrid and acrimonious, the whole country waking up with a sense of disorder. And people required an answer. So we wiped our eyes and blamed the council.“

Es ist ein langer, ein quälender Text, ein Text von dem man immer wieder die Augen lösen muss, ein Text von dem man sich erholen muss, ein Glas Wasser, ein zweites und erst dann kann man weiterlesen. O’Hagan erzählt die Geschichten derjenigen, die dort lebten, erzählt von ihren Hoffnungen,Träumen, Enttäuschungen, von ihrem Blick auf London und es ist eine erzählende Beschreibung bis in den Tod hinein. Aber das ist es nicht allein, es ist kein Text, der nur memorial ist. Es ist ein Text über uns alle, über mediale Wahrnehmung, über die Verbreitung von Fakten, die sich niemals feststellen lassen und doch ungeprüft weitergetragen werden, über die Sehnsucht nach Schuldigkeit, nach Klarheit und was es heißt, wenn diese Sehnsucht so stark wird, wenn die Suche nach Schuldigen so geführt wird, dass es am Ende Schuldige gibt, die keine sind.

Das ist neben den Lebensbeschreibungen, das Eindrücklichste was dieser Text tut. Alle Welt war davon überzeugt, schon in der Nacht, dass der Council die Menschen im Stich ließ, dass Grenfell die Geschichte ein so schwerwiegender Vorwurf, der bis heute das Narrativ über Grenfell trägt, dem auch ich glaubte, und der sich doch kaum halten lässt:

„The council found hotels for hundreds of residents that day. Everyone from the tower who wanted to go and everybody from the blocks below. Housing officers arrived at the town hall while the tower was still on fire, and some of them barely left the office for days. They had their own ‘emergency attack’ plan and they sent out ten or 12 officers to each rest centre. Everybody was desperate for a list of the missing, but it isn’t easy to provide that. For a start, it was difficult to be sure so early on, and while the media were desperate to know and busy accusing everyone who didn’t have the information to hand of being ignorant, careless or callous, you have to be very careful with lists of the missing. People can turn up and it’s out of order to release information that families might rely on. It’s the job of the police, but everyone wanted the housing officers to confirm names, although they couldn’t, wouldn’t and shouldn’t. ‘It felt as though we were doing the police’s job as well,’ an experienced housing officer told me. ‘That’s how we felt. Officers were being asked these questions, and the council was being blamed for not being able to say whether a family member was alive or not, but it was never our job. The council was being presented with an impossible task.’

But something strange began to happen. A feeling turned into a slogan, and suddenly the ‘narrative’ the social workers talked about later was in place: the council was on a mission to neglect. At one level, the narrative was connected with something both the public and the media wanted: a story of our austere times, a totemic unfairness myth. Then, as one of the housing officers put it, Emma Dent Coad, the new MP for Kensington, ‘starts saying to the press “the council isn’t here,” and it was absurd.’ Council workers on the ground felt she was treating the whole thing as if it were a political game.

Und:

“ You know what?’ another head of service told me. ‘On day two, we sent a ton of people out to the hotels to settle people. The housing officers were there and everybody was active. And at one point early on, one of my colleagues called and said: “Actually the families have said can you stop sending people.” That’s the irony.’

‘It doesn’t fit the narrative,’ another one said, ‘but in actual fact there were too many helpers. And there were too many donations. And there were too many crazies. But you won’t hear that on Newsnight.’

‘As often as possible,’ Frida from Children’s Services said, ‘we had to sit down and cross-check to see that every family had a keyworker. But families would then say to journalists and politicians, “Oh no, I’ve not seen anybody from the council,” because they didn’t associate the person sat next to them in the room with people from the council.’

Es ist die Geschichte über uns alle, über die Fatalität von Wahrnehmungen, die Echt-Zeit Suggestion, das auch hierzulande anschwellende Brüllen, dass nach einem Mord oder was auch immer, spätestens fünf Minuten später Ursache, Name und Anschrift frei verfügbar sein müssen, das Verwechseln, dass Internet-Aktivisten in Wahrheit gar keine Informationen haben, sondern nur über das schreckliche Wort Reichweite verfügen, das aber völlig ungeprüft, es ist eine Geschichte darüber, davon wie wenig wir darüber wissen, wer sich alles, wo engagiert, weil es leichter ist, Vorwürfe zu erheben, über Gutmenschen zu grölen, Sozialarbeiter zu verachten, Lehrer zu beschimpfen und es immer, wirklich immer besser zu wissen. Es ist die Geschichte von Prominenten, die nichts wissen und viel sagen, es ist die Geschichte von Tory-England, das sich all seiner Prinzipien selbst enthoben hat und von Teresa May, der egal ist welche Köpfe rollen, solange es nur nicht ihr eigener ist.

„Holgate was due to take part in a telephone meeting with the prime minister, Sajid Javid and other ministers that Friday at 3 p.m. It had been arranged by Number 10. Just before it began, Barradell warned Holgate that one of the ministers, probably the prime minister, was going to suggest in the course of the call that the Grenfell survivors be promised that they would be rehoused within the next two or three weeks. Holgate was gobsmacked: it wasn’t possible for any council anywhere to find homes for so many people in that time. ‘You can’t reject this,’ Barradell said. According to my sources, the telephone conversation – May and Javid speaking, Holgate assumed, from a cabinet briefing room; Holgate and Barradell gathered around a box on a table in the town hall – was about what could practicably be offered to the victims. The prime minister was keen that action should be decisive; it was put to the two town clerks that people should be told they would be rehoused in either two or three weeks. Laura Johnson, the borough’s head of housing, had made the point elsewhere that day that victims would not feel ready to make a decision about housing for some time yet. It was too big a decision and many of them were very traumatised. She had decades of experience with tenants. Rock Feilding-Mellen said that experienced housing officers had told him the same thing, ‘that the people who’d lost their flats would quite rightly need time before reaching such an important decision, and they had every right to have that time.’ But the ministers insisted.”

Es ist eine Geschichte darüber, dass wir in Zeiten leben, die Helden sucht und dafür werden Geschichten imaginiert, die wie hier nicht stattgefunden haben.

“David Lammy, the Labour MP for Tottenham and a family friend of the artist Khadija Saye, accused the authorities of covering up the ‘true’ number of the dead in order to prevent a riot. ‘Trust is at rock bottom in the community,’ he said. ‘Failure to provide updates of the true number that died is feeding suspicion of a cover-up.’ ‘Residents saw dozens of people jumping out of windows to escape the fire.’ ‘Bodies piled up in stairwells and corridors.’ When Emily Maitlis of Newsnightasked Lammy to justify these comments, he retreated in a welter of compassion for those who ‘witnessed it’. ‘I wasn’t there,’ he said.”

Es ist die Geschichte von Feuerwehrmännern, die falsche Entscheidungen treffen oder nicht anders treffen konnten,so ist das auch die, die es wissen müssen, können sich irren. Aber vielleicht ist das Traurigste von allem doch die Erkenntnis, dass es inzwischen unmöglich scheint, dass Trauer möglich ist, auch wenn es keinen Skandal gibt, sondern viele Zusammenhänge fatale Kraft gewinnen. Das ist das Schreckliche, dass wir Trauer nur noch im Gefolge von Skandal und Aktivismus, von gefühlten Fakten, von ignorierter Realität und vom Beharren wir wüssten es besser, denn wir haben doch live zugesehen, möglich scheint. Aber es ist nicht genug. Es ist nicht genug.

Die Rubrik hier heißt Woanders ist es auch schön. Aber das trifft für den heutigen, den einzigen Link, den ich Ihnen sehr ans Herz legen will nicht zu. 72 Menschen sind tot, mitten in London, in der Mitte von uns.

Der Text aber ist beides zugleich und das ist selten geworden unter den lauten und lauteren Stimmen unserer Tage. Der Text ist Mahnung und Gedächtnis zugleich.

Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

Sein oder Bewusstsein

In der letzten Woche rief mich die Berufsschule an. Die Dame am Telefon sagte: „Es gibt ein Problem mit der Auszubildenden.“
„Oh“, sagte ich.
„Ja“, sagte die Dame am Telefon.
„Die Auszubildende sei lernresistent“, sagte die Dame am Telefon.
„Lernresistent?“, echote ich.
„Ja“, wiederholte die Berufsschuldame. „Die Auszubildende verweigerte das pflichtgemäße Erfüllen von bürokauffraulichen Aufgaben, weil ein Fräulein Read On Ihr gesagt habe, dass der Weg zur Lösung von Sachaufgaben auch anders und logischer als von der Berufsschule vorgegeben zu erreichen sei.
„Nun huste ich, Logik ist ja ein weites Feld. Dabei eben ein komplexes, ein philosophisch nicht uninteressantes Feld.“
Die Berufsschuldame hustete böse. „Sie sind wohl eine von denen die glauben Sie müsste mir meinen Beruf erklären.“
„Keineswegs“, beeile ich mich zu versichern. Mich interessierten nur Probleme der Logik in ihrem weiteren Sinn. Etwa die Frage nach der aristotelischen Umkehrung der…
Die Berufsschuldame am Telefon schweigt.
Dann schweige auch ich.
„Problem“, sagt sie, na also. Da haben wir es ja.“
„Die Auszubildende sei ihr auch noch frech gekommen. Ungeheuerlich.“
„Es gelte nun einmal Maßnahmen in Sachen Auszubildende zu erarbeiten. Ob Sie mich um ein Gespräch ersuchen könne.“
„Immer“, sage ich. „Wirklich immer.“

Dann schlich ich zur besten Chefin der Welt herüber.
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich, eine erzürnte Berufsschuldame hat sich angekündigt. Es geht um Maßnahmen, Sachaufgaben, Frechheiten und die Auszubildende.“
Die beste Chefin der Welt lachte lang und herzlich. „Read On“, sagte sie Deeskalation, Auszubildende muss bestehen, Zukunft, keinen Einschüchterungsversuchen nachgeben. So sehr die Auszubildende an unseren Nerven sägt, sie ist unsere Auszubildende. Was ist dein Plan?“
„Beste Chefin der Welt“, sagte ich: „Philosophie.“
„Guter Plan“, antworte sie und nickte.

„Auszubildende“, sagte ich. Ihre Berufsschullehrerin kommt am Montag zu einem Gespräch zu mir. Ich erwarte vorbildliches Verhalten. Zwischen 16 und 17 Uhr fällt hier nichts um, heult keiner, kreischt nichts, fliegt nichts, brennt nichts. Ist das klar?
Fräulein Read On, war das jetzt eine rhetorische Frage?
Ich zähle bis 30.
„Auszubildende frage ich dann doch noch einmal: „Wer ist ihr Lieblingsschauspieler?“
„Benedict Cumberbatch“, sagt die Auszubildende und fummelt an ihrem iphone herum. Hier sehen Sie mal. 
„Weiß G*tt sage ich, der Mann verdient sein Geld auch nicht leicht.“

Am Montag Nachmittag kommt die Berufsschuldame.
„Ich freue mich sehr“, sage ich und reiche Kaffee und Gebäck und lächle wie ein Honigkuchenpferd.
Die Berufsschuldame sieht mich eher nicht so freundlich an.
„Unverschämte Schülerin
„Wie so jemand überhaupt an ein solches Institut kommt.“
Noch nie vorgekommen.
Seit dreißig Jahren in der Berufsschule.
Erfahrung.
Konsequenzen.
Akte
Sie hätte sich eine Philosophin ganz anders vorgestellt.“
„Ich bin leider keine Philosophin“, sage ich.

Ihr Gesicht verzieht sich ein wenig, wie sich Gesichter immer verziehen, wenn sehr attraktive Frauen jemanden wie mich sehen.
Dann strafft sie sich und sagt:
„Sei es drum, die Auszubildende muss gehen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder so machte wie er wollte und sie müsse sich auch nicht die patzigen Besserwissereien dieser Person anhören.
„Moment“, sage ich also und lächle so breit ich kann. „Das Problem mit der Auszubildenden liegt anders als sie denken.“
„So?“, sagt die Berufsschuldame.
„Ja“, sage ich.
Es handle sich neben ein Problem von Sein oder Bewusstsein.
Im Regelfall sei es durchaus richtig anzunehmen, dass eine Auszubildende zur Bürokauffrau von ihrer Bürotätigkeit geprägt wäre. Eine solche Auszubildende übe auch nach Büroschluss Maschine schreiben, träume von Prozentaufgaben und ordnete auch ihre Gewürze nach dem im Büro gebräuchlichen Sortiersystem. Sicherlich hätte auch eine solche Dame Vorlieben und Abneigungen, aber im Großen und Ganzen sei eine solche Auszubildende mit Leib und Seele dem Büro und natürlich der Berufsschule verpflichtet.

„Wir beide fahre ich fort, sind im Übrigen fast einer Meinung, auch ich weiß natürlich, dass die Auszubildende gar nicht daran denkt, dass Telefon abzunehmen, nur weil es klingelt, dass die Auszubildende Weinreste in Büropflanzen gießt und Dokumente, die hier nicht behagen löscht. Allein in der Diagnose und in der Konsequenz, die Sie ja hier auch schon ansprachen, unterscheiden wir uns. Während Sie annehmen und wer kann es Ihnen verdenken, dass schiere Unfähigkeit das Verhalten der Auszubildenden erklärt, so weiß ich doch die Ursachen liegen tiefer.“

Die Berufsschuldame starrt mich an.
„Die Auszubildene sage ich und ich sage es sehr ernst und sehr leise und beuge mich ein kleines bisschen über den Tisch hinweg nach vorn, ist eigentlich keine Auszubildende zur Bürokauffrau, sondern Benedict Cumberbatch.“
Die Berufsschuldame starrt mich entgeistert an: „Das ist nicht ihr Ernst!“
„Doch, doch, sage ich, die Auszubildende ist Benedict Cumberbatch und nur weil das gerade nicht klappt, heißt das noch nichts, oder anders gesagt, es heißt vornehmlich nur, dass die Auszubildende sich im Moment nicht hauptsächlich mit ihrem Sein als Bürokauffrau identifiziert, sondern mit ihrem Bewusstsein als erfolgreicher Youtubestar äh Benedict Cumberbatch. Hier aber kommen wir natürlich zum Kernproblem der ganzen leidigen Angelegenheit. Die Auszubildende empfindet natürlich logischerweise die Anforderungen, die die Berufsschule an sie stellt als eine Unmöglichkeit, eine Zumutung, ja als einen klaren Angriff auf ihr Bewusstsein.“
Ich zucke mit den Achseln „natürlich, sage ich und fahre fort, ist es sehr fraglich, ob die Auszubildende wirklich einmal Youtubestar wird oder ob sie einmal Benedict Cumberbatch bei der Oscarverleihung dankt, aber Fakt ist die Auszubildende sieht sich auf dem Weg zu höheren und höchsten Ehren und allein deshalb nicht aus Unverschämtheit, oder Dummheit sei die Auszubildende widerspenstig und lernunwillig, sondern aus dem einfachen Grunde, dass sie an kommende Tage voll Ruhm und Ehre glaube und nicht ganz so sehr an die Notwendigkeit zu lochen, zu staplen und abzuheften. Allein das erklärte die ja nicht zu verschweigende Neigung der Auszubildenden zu harschen Antworten. Es sei eben eine Art praktische Vertiefung ihrer Bewusstseinshaltung.“

Bevor die Berufsschuldame fortfahren kann, werfe ich ein. „Wer würde schon Benedict Cumberbatchs Lösungswege bezweifeln, solange sie neue Türen öffnen und würde sich für den Umgang mit ähm- und da muss ich überlegen, denn Bach ist wohl doch eine andere Kategorie- Beyoncé sich etwas anderes als Nachsicht und Rücksichtnahme empfehlen?“
„Gilt es nicht gerade im Fall der Auszubildenden, die beschwert von der Macht der Ideen so manch kummervolle Stunde durchlebt, geduldig zu begleiten, um sie auf den Fall der Fälle, dass die Macht der Ideen nicht so weit reicht, wie sie glaubt mit dem Zertifikat der Bürokauffrau auszustatten?“
Dann lächle ich strahlend und frage noch einmal: „Noch etwas Kaffee?“
Die Berufsschuldame sieht mich ernst, sehr ernst an.
Das mit der Macht der Ideen, woher haben Sie das?
„Vom Herrn Professor Hegel“, sage ich.
„So, so“, sagt die Berufsschuldame.
Ich lächle.
Dann will ich es noch einmal auf sich beruhen lassen, man soll ja die Träume äh das Bewusstsein junger Menschen fördern und formen.
„Ganz ihre Meinung“ sage ich und verabschiede die Berufsschuldame.

Die Auszubildende stürzt jubelnd aus dem Vorratsraum und überhört das Telefon.

Ich gehe zur besten Chefin der Welt.
„Und?“, fragt sie.
Geschafft, sage ich.
„Und Wie?“ fragt sie.
Mit Benedict Cumberbatch und Hegels Dialektik.
„Seit wann weißt Du, wer Benedict Cumberbatch ist?“ fragt die beste Chefin der Welt.
„Benedict Cumberbatch ist ein Otter der Hegels Wissenschaft der Logik liest“, sage ich.
„Oder?“

Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

Woanders ist es auch schön

Herr Buddenbohm über das gefühlte Früher, einen Wildledermantel und die Lage der Welt an sich.

Ein Text mit einem schmerzhaften und eindrücklichem Echo.

Serena Lawless über die schmerzhaften Folgen einer Operation. Vor allem aber ein Text,der ohne die metaphorische Verklärung von Schmerzen, Erblindung und vorsichtiger Besserung auskommt.

Das wunderbare an Blogs ist, dass sie einen immer wieder mitnehmen in die Berge ans Meer oder auch in himmlisches Grau.

Beim Barte….von Karl Marx.

Ein mitreißender Text für das Miteinander. Via Kiki.

Ich kann mich gar nicht  satt sehen.

Auch nach dem irischen Referendum, die Folgen für Frauen,die keinen Zugang zu legalen Abtreibungen haben sind äußerst schwerwiegend.

In Irland ist es seit Tagen warm und ich weiß jetzt, dass der Tierarzt Shorts mit Flamingos besitzt und diese auch trägt. Der Sommer ändert alles. Musik gibt es natürlich auch, diese Woche von den Pillow Queens.

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Mit der Dämmerung aufgestanden, die Katze zur Tür hereingelassen, den Hund zur Tür herausgelassen, dem Tierarzt, Tee gereicht und bis zum Flughafen rekapituliert was ich über die Appenzeller Bauernkriege weiß und versucht mir Rosseau und die Insel der Seligen zu vergegenwärtigen. Gestört werden meine Bemühungen durch den Tierarzt, der mir aufträgt mich mit den Schweizer Kälbern, ihren Gewohnheiten und Eigenarten vertraut zu machen und möglicherweise eine Brieffreundschaft für Kälbchen herauszuholen. Ich versuche den Tierarzt davon zu überzeugen, dass am Ufer der Limmat keine Kälber mehr weiden, but to no avail.

„Bis heute Nacht“, ruft der Tierarzt und schiebt mir schweizerisch akkurat Küsse in die Kleidertaschen.

„Bis heute Nacht, wenn alles klappt“, rufe ich, denn der Tag hat es in sich und Küsse stecke ich dem Tierarzt in den Pullover.

Dann eile ich in den Flughafen und nach Pass, Bordkarte, Laptop, Schuhe okay, lese ich in der Irish Times und dann hebt das Flugzeug ab.

Zwei Stunden später, recke und strecke ich mich, stecke das Buch in die Tasche und bin in der Schweiz.

Zürich hat Sonnenschein.

In der Navette zum Flughafenterminal schollert auf einmal Jodelmusik, Choralähnliches und Kuhglockengeläut, alle Welt erschrickt. Aber es ist nur eine Werbeaktion von Yours. Switzerland.

Dann viele Treppen hinauf und hinunter und mit der S-Bahn Numero 16 zum Hauptbahnhof. Glücklich, wer nur einen Schnappsack hat und sitzen kann, der Rest der Reisenden verteidigt die Koffer und belauert andere Reisende mit großem Misstrauen.

Auf dem Sitz liegt so eine Umsonstzeitschrift und da ich natürlich ganz im Sinne des Tierarztes nachsehe, ob nicht doch ein Kälbchen Heinrich oder eine Kuh Margarethe inseriert: Interessen: Heuwirtschaft, Butterblumensmoothies und Dart nur ernsthafte Zuschriften bitte, aber leider habe ich kein Glück.

Dafür hat die Zeitschrift „20 Minuten“ eine Rubrik Doktor Sex und als Aufklärungssprechstundenverantwortliche lerne ich ja immer gern dazu. Abgesehen von der Antwort auf die Frage- staune ich wirklich sehr darüber, dass es noch Zeitschriften jenseits der Praline oder anderer Magazine gibt-, die aber vielleicht doch eine andere Leserschaft ansprechen als den Schweizer Pendler, ein Bild auswählen, dass eine junge Frau zeigt, der man von hinten unter die Unterwäsche fotografiert und die halb auf einem Mann liegt.

Und mir ist da ganz egal, ob man da ein Standbild aus American Pie ausgeschnitten haben. Das Bild ist in dem Zusammenhang völlig unangemessen. Ich finde das nämlich ziemlich bedenklich, dass man eine Aufklärungskolumne hat, die Sexualität als schlechten Pornofilm abbildet und dabei etwas außer Acht lässt, was essentiell ist: gegenseitigen Respekt, angemessene Abbildung  und das Vermeiden tatschigen Voyeurismus‘. Also liebe Schweizer vielleicht überlegen sie ja noch mal in der Redaktion ob es nicht angemessenere Bilder gibt und wenn Sie gerade so zusammensitzen: Slut Shaming ist jeder Aufklärung entgegengesetzt und its not funny either. Weil ich gerade dabei bin und guter Rat nicht immer teuer ist: Es gibt nichts Dümmeres und Peinlicheres als Aufklärung durch dümmliche Witze und Pornobildchen zu verballhornen, es verhindert nämlich etwas Wunderbares: Vor allem jungen Menschen den Zugang zu Intimität zu vermitteln. Dass das sich hier noch in einem Zusammenhang abspielt, in dem es Minderjährige Beteiligte geht, macht es schlechter nicht besser. IMG-6370.jpg

Wie immer, wenn ich in der Schweiz bin, bewundere ich die Stille im Zug, auf den Straßen, im Café, eine Frau löffelt seelenruhig und völlig hingegeben ihren Capuccino wie ein Süppchen.

Stellen Sie sich das mal in Berlin vor!

Mich irritiert die Schweizer aber auch immer sehr, denn ich bin bekanntlich ein Mensch, der ständig stolpert, zu laut lacht, Chaos ist mein dritter Vorname und weiß G*tt was fehlt mir der indische Krach. Vor ein paar Jahren, da war ich schon einmal in Zürich, da wollte mir jemand an einer Tramhaltestelle die Handtasche entreißen, ich aber bekam das mit und schrie: „Hey, Sie verdammter Dieb, schämen Sie sich, was würde ihre Mutter sagen?“ So viel Krach ließ den Dieb erstarren und mir blieb die Tasche erhalten.

Mich auf dem Weg zur Universität nur zweimal verlaufen.

Verdrängt wie steil der Weg hinauf zur Universität ist.

In der Mensa der ETH sehr schlechten Kaffee und sehr viel blaue Rivella getrunken. Ich liebe Rivella.

In der Mensa der ETH kann man alles über Flechtfrisuren lernen, was man schon immer lernen wollte.

Ein Vorstellungsgespräch an der Universität Zürich.

Zitternde Knie und immer wieder die Frage, ob man das sagt, was man eigentlich sagen möchte, ob man den Anderen wirklich anspricht, ob man nicht doch in Phrasen zurückfällt oder ob sich vielleicht doch eventuell ein Gespräch entwickelt, was man fortsetzen will auch als gemeinsame Arbeit.

Einen Kaffee getrunken. Sonnenschein.

Ausschau gehalten nach Thomas Mann, der doch viel spazieren ging. Ihn wohl doch verpasst.

Manches bleibt bloße Möglichkeit.

Mit der Trambahn zum Flughafen zurück. Ist das nicht besonders schön? Meine alte Seele, die doch immer noch im 19. Jahrhundert lebt, quietscht in den Kurven.

Ein belegtes Brot gekauft und einen Grapefruitsaft dazu.

Weiteratmen.

Kein Kälbchen getroffen, einer Taube Krumen gestreut, nur einen einzigen Hund gesehen.

Im Flughafen passiert mir etwas was mir nicht mehr so oft passiert. Eine Frau dreht sich um zu mir und fragt mich: Ist das der BA-Flug nach London? „Oh ja“, sage ich und dann erzählen wir bis wir in London landen. Wie schön, dass ist das mir das doch wieder passiert, denke ich, dass mir jemand ihre Geschichte in die Hand legt und ich höre zu. Die Geschichte, die Telefonnummer und das Lächeln der Frau vorsichtig eingesteckt. Auf ein Wiedersehen hoffen.

In London gerannt und gerannt und Glück gehabt. Der Flug nach Dublin ist verspätet. Herzziehen nach meiner Schwester. Von London City Airport zu ihr sind nur 30 Minuten. Es ist schwer an meiner Schwester einfach vorbeizufahren. Es ist noch schwerer sie anzurufen und nicht hinüberzufahren.

Letztes Sonnenlicht über London.

Die Sonne tanzt über die Flugzeugflügel.

Ich denke an Ikarus, der es auch zu toll trieb. Vielleicht auch ich.

In Irland ist es dunkel.

Ich sage: „Oh Tierarzt, what a day.“

Der Tierarzt sagt: „Oh Mädchen what a day.“

Der Hund schläft schon, die Katze schlürft Milch, eine Tasse Tee vor dem offenen Fenster.

Ich gähne und die Nacht gähnt zurück.

Andere Zeiten

 

„Bist Du sehr müde?“, fragt der Tierarzt, nach der Nachtschicht auf dem Parkplatz.

Das ist keine Frage. Das ist eine Bitte.

2Keineswegs“ sage ich.

„Danke, sagt der Tierarzt. Danke Mädchen.“

Dann fahren wir nicht nach Norden, sondern nach Süden. Ich schlafe für 40 Minuten. Die Sonne schläft noch ein bisschen länger.

Der Tierarzt parkt den roten Volvo und wir gehen die lange Promenade von Bray hinunter.

In ein paar Stunden kommen Touristen essen Eiscreme, die Kinder fahren auf einem bunten, blinkenden Karussell, Hunde rennen ins Meer und die

Aber der Tierarzt ist lang schon zu schmal, zu sehr Schatten als das Kinder, Mütter, Väter und auch Tante Anny nicht mit dem Finger auf ihn zeigten. Sieh mal, da geht der Schatten.

So gehen wir vor den Touristen, den Strandbesuchern und Hundehaltern durch den frühen Morgen.

Der Morgen ist kühl und klamm über unseren Schultern.

Aber warme Hände holt der Tierarzt aus seinen Taschen.

„Komm, Mädchen, komm.“

Das Bray Head ist geschlossen. Seit Juli 2017 schon.

Das haben wir nicht bemerkt.

Wir haben nicht einmal bemerkt, dass wir seit Juli 2017 nicht mehr in Bray gewesen sind.

Einmal noch früher, wir waren uns unserer Hände noch gar nicht sicher, da haben der Tierarzt und ich einmal im Bray Head übernachtet.

Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.

Den Gästen gefiel es.

Die Suppe war kalt.

Im Zimmer Wasserflecken an den Wänden.

Kaltes Wasser im Hahn, wer weiß schon wie lange die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden konnten.

Die Bettdecken waren bordeauxrot, fadenscheinig schon, die Matratzen ächzten schon als sie uns sahen.

Ich verdrehte die Hände hinter dem Rücken, denn das sind immer so meine Ideen. Wenn es nur nach 1900 riecht, ist mir egal ob im Kronleuchter Stücke fehlen und das Telefon stumm blieb, nahm man den Hörer ab.

Aber der Tierarzt holte meine Hände hinter dem Rücken hervor, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: Mädchen und ich zählte die Lachfältchen um seine Augen.

Es waren viele.

Bates Motel, sagte der Tierarzt und am Ende der Nacht wusste der Tierarzt, dass ich keine Filme oder Serien kenne.

Geschlafen haben wir nicht in den klammen Betten, sondern aus dem Fenster gesehen, die Schiffe gezählt, vor meinem Auge aber wanderten noch einmal die Sommerfrischler vorbei, die hier seit 1880 oder so ähnlich für ein paar Wochen Seeluft tranken.

Aber schon als wir dort eine Nacht lang vor dem Fenster saßen, da war das Hotel schon Geschichte.

Jetzt ist es verschlossen, im frühen Nebel trostlos und leer.

Angeblich gibt es einen Investor.

Aber schon gähnt der Morgen und wir gehen dicht ans Meer gedrückt den Cliff Way entlang.

Schwer und feucht ist die Luft.

Möwen kreisen langsam und morgenschwer über uns und neben uns.

Schwalben nisten in den

Der Fingerhut tastet vorsichtig nach uns, ob wir nicht schöne Opfer wären.

Der Ginster lächelt. Der Ginster hat etwas Onkelhaftes. Der Ginster raucht heimlich Pfeife, da bin ich mir sicher.

Die Hecken tropfen fröhlich auf unsere Köpfe.

Der Himmel ist erst grau, dann wirft die Sonne mit dem Kissen nach dem fahlen Geliebten, dem Mond. Das Kissen ist bestickt mit Hyazinthen und der Himmel hat blaue und dann als der Mond sich in seine Decke wickelt mit morgenkalten Zehen, da schimmert der Himmel auch silbern.

„Wovon träumst du Mond, fragt die Sonne?“

„Immer von Dir!“, sagte die Sonne.

Der Tierarzt lacht.

Langsam tauchen Schiffe aus dem Nebel auf.

Ein Schiffshorn tutet.

Wir winken vergeblich.

Auf der Hälfte der Strecke trinken wir heißen, süßen Tee aus der Thermosflasche.

Eine Fasanendame nickt uns zu und wir nicken angemessen freundlich zurück. Auch für Familie Fasan gilt.

Wenn die Busse kommen, ist alles zu spät.

Schließlich liegt Greystones vor uns, aber wir gehen noch ein Stück weiter.

Ich halte mein Gesicht in die ersten Rosen.

Noch blüht der Flieder.

Der Tierarzt hat die letzten pinken Kastanienblüten im Haar.

Mit dem ersten Zug fahren wir zum roten Volvo zurück.

Ich trinke gegen meine Gewohnheit Kaffee ohne Milch.

Der Tierarzt trinkt gegen seine Gewohnheit Tee mit zu viel Zucker.

Auf der Straße zurück nach Norden kommen uns die ersten Busse entgegen.

Ich bin so müde, aber der Tierarzt lacht mit den Blüten im Haar und singt ein altes Wiegenlied.

Zuhause wickle ich mich eine blaue Decke aus fast demselben hyacinthenblau wie die der Sonne.

Der Tierarzt lehnt noch für einen Moment in der Tür. Dann nimmt er den Hund mit hinaus.

„Wie du leuchtest, Tierarzt denke ich „ noch einmal, hell und frei und sonnengelb.“

Dann schlafe ich ein.

Vielleicht träume ich von einem Hotel aus alten Tagen.

Vielleicht aber auch von einer Welt ohne Schatten, als ich wieder aufwache später am Tag ist die Sonne hell und warm und ich habe alle Träume vergessen.