Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Woanders ist es auch schön

Frau Casino steht in der Lieberman-Villa an und plötzlich, unverhofft ist da die Wut, die eine große Geschichte ist.

Wie es ist 18 Jahre alt zu sein. Eine Reise um die Welt.

Frau Excellensa ist zurück und sie schreibt über Chemnitz im November.

800 Meter in Pasing.

Wie der Krieg und Pfeffer zusammenhängen. Eine andere Geschichte des Krieges in Syrien.

Frau Leppin kümmert sich auch wenn sie eigentlich lieber ganz woanders wäre. Ein Text über die Geschichten, die wir lieber vergessen würden.

Clare Sands singt und alles ist gleich ein kleines bisschen heller.

Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.

„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

Oft und öfter kann man-oft in Kolumnen- die Frage lesen, die den deutschen Kolumnenschreiber sehr umzutreiben scheint und die da lautet: „Ist nach 73 Jahren nicht auch mal genug mit der Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Juden?“ „Wann darf man endlich wieder Judenwitze machen?“
Auch außerhalb von Zeitungskolumnen werde ich das öfter gefragt als ich gefragt werden möchte. Noch vor der Frage aber staune ich über die stets zweifelsfrei konstruierte Vorstellung man nähme als Deutscher besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten, der in Deutschland oder auch nicht verbliebenen Juden.

Das suggeriert ja stets ein Leben auf Zehenspitzen, einen hastigen Blick über die Schulter-hört der Jude mit- eine fortwährende Selbstgeisselung um ja nicht rücksichtslos zu erscheinen und diese Selbstwahrnehmung führtseit Jahrzehnten nun schon von morgens bis abends vor dem Juden einen Bückling zu machen, das erstaunt mich schon sehr.

Mein Vater nämlich ein Kind der 1950er Jahre und Jude dazu, das Kind des Judendoktors (anders nannte man meine Großmutter nie- geschah das aus Rücksichtnahme?)- hörte wie selbstverständlich im Kindergarten den lustigen Reim: „In einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, holen ihn die Mäuse. Meine Großmutter, die fand dass dies zu weit ginge, bekam von den Kindergärtnerinnen erklärt, dass dies doch nur ein Scherz sei, vorgetragen von harmlosen Kindern und mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, sondern ein kleiner Junge sich halt daran gewöhnen müsse.

Natürlich gewöhnte er sich und seine Mutter mahnte ihn zur Vorsicht und auch mir viele Jahre später, erklärte sie man schweige zu antisemitischen Bemerkungen wie auch zu Judenwitzen, denn man könne nie wissen, ob eines Tages eine Kränkung, eine Beschwerde, ein Nachsatz nicht auch noch zu ganz anderen Dingen führen könnte. Die anderen Dinge, das lernte ich noch bevor ich lesen und schreiben lernte, waren so schrecklich, dass meine Großmutter sich für Stunden im Schlafzimmer einschloss und mit dem Kleiderbügel auf sich einschlug.

Meine Großmutter mahnte zur Vorsicht. Es gelte und hier würden die Zeitungskolumnisten wohl aufhorchen, läsen sie dieses kleine Blog, es gälte Vorsicht walten zu lassen, Rücksicht zu nehmen, Massnahmen zu ergreifen und lieber zu lachen als nach einer Antwort zu suchen. Von meiner Großmutter also lernte ich:

Sei niemals Klassenbester, höchstens Klassendritte.

Akzentfreies Deutsch ist deine beste Lebensversicherung.

Trag niemals eine Brille, die deine Nase noch größer erscheinen lässt.

Lache über Judenwitze.

Verhalte dich unauffällig. Wenn Du einen neuen Mantel kaufst, trag dazu niemals auch die neuen Schuhe.

Tiefstapeln. Immer.

Frag niemals einen Deutschen nach der Vergangenheit. Nicke anerkennend, versichert man dir, natürlich habe man Juden versteckt.

Sei höflich, zuvorkommend und schmerzresistent. Das Leben in Deutschland hat seinen Preis.

Lerne alle Klischees, alle Vorurteile, alle Zerrbilder über Juden kennen, die es gibt. Umso sicherer bist du.

Meide Gedenktage an die Deutschen sich der Juden erinnern. Sie wollen unter sich sein. Wir stören nur.

Ich stritt mit ihr heftig und erbittert. Sie ließ nicht los, sie sah nach rechts und nach links ging sie über die Strasse. Sie sah noch einmal nach links und noch einmal nach rechts. Die Wirklichkeit hatte sie schon einmal getrogen.

Die jüdischen Freunde in New York und Tel Aviv und Paris lachten, wann immer die Sprache auf die Vorsichtsmaßnahmen meiner Großmutter kam.

Ich verteidigte sie.

Sie ist nicht verrückt, sagte ich.

Sie ist ein deutscher Jude.

Sie schwiegen dann die Freunde.

Eines Tages, damals lebte ich schon nicht mehr in Deutschland, sondern in Los Angeles, da traf mich mit meiner Freundin Miri, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. (Vorsicht, sagt die Stimme meiner Großmutter ). Miri und ich saßen in Santa Monica und sahen aufs Meer. „Wusstest du, dass ich in Düsseldorf geboren und aufgewachsen bin, sagte sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Miri“, sagte ich, du bist auch ein Jecke. Sie lächelte, denn sie war längst a Californian Princess als Kolumnenschreiber fürchte ich bemerken sie den Witz gar nicht. Aber damals als Miris Vater in Düsseldorf arbeitete, ging sie auf eine Grundschule. Sie war der Jude und die anderen Kinder waren es nicht. So ist das heute in Deutschland auch wenn in den Kolumnen immer etwas vom lebendigen Judentum steht, die Lehrerin jedenfalls, sagte, dass Miri neu und Jude sei und nach ein paar Wochen sagte Miri achselzuckend, sagten die Kinder, dass ihre Eltern sagten, dass die Juden alle ganz reiche Leute seien, die den Deutschen die Wohnungen nach dem Krieg weggenommen hatten und die Deutschen hätten auf der Straße gelebt und gehungert wegen der Juden. Die Juden würde man an ihren Nasen erkennen und die ganze Welt würde die Juden nicht mögen, weil sie sich schon immer für was Besseres gehalten hätten. Meine Freundin Miri war 1998 acht Jahre alt und am Nachmittag zu Hause nahm meine Freundin eine Küchenschere zur Hand und versuchte sich die Nasenspitze abzuschneiden. Meine Freundin Miri wollte kein Jude mehr sein. Zum Glück fand ihre Mutter sie rechtzeitig und ihr Vater beschloss das Experiment Deutschland zu beenden. Ihr Vater hatte zuvor mit der Lehrerin über die Sache mit den Juden und den langen Nasen gesprochen, aber die Lehrerin fand, dass sei doch nur ein Scherz, so seien Kinder eben.

Der Kolumnist unserer Tage aber zitierte einen Psychologen. Die ständige Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten erzeuge einen Juckreiz, der sich dann eben in hochgerissenen rechten Armen, Höcke-Reden oder Witze über den jüdischen Geschäftssinn ergießen würde.

Ich kenne im Gegensatz dazu aber keine Juden, die zum Beispiel beim Rewe am Morgen sie haben Milch vergessen, vom plötzlichen Verlangen überfallen werden einen Deutschen zu ohrfeigen, aber meinem Freund Aaron ist das in Deutschland mit seiner Kippa auf dem Kopf schon mehr als einmal passiert. Ist das der Juckreiz der empfundenen Rücksichtnahme, ein etwas grober Scherz mit dem sich endlich Luft verschafft?

Vor einem Jahr habe ich am 9. November aufgeschrieben, warum ich das Putzen von Stolpersteinen, die oft so offensiv vorgetragene Gedenkkultur und überhaupt die Vereinnahmung jener Toten, die eben auch meine Familie sind für so schmerzhaft, so problematisch, so erschöpfend halte.

Mich haben dazu viele böse Emails erreicht. Sie alle forderten mehr Rücksichtnahme von mir dem Juden, den Deutschen gegenüber, sie bräuchten diesen Raum, diese Steine, dieses Gedenken für sich. Das müsse ich endlich akzeptieren.

Es ginge nicht nur um die Befindlichkeiten den Juden.

Das Gleiche meinen die Kolumnisten wohl auch, schreiben sie über die Frage, ob es denn nun genug sei mit jener vielzitierten Rücksichtnahme, die es außer in der deutschen Imagination niemals gegeben hat.

Die Realität nämlich ist für Juden eine ziemlich ernste Angelegenheit, auch noch 73 Jahren.

Die besagte Kolumne finden sie so einfach, dass ich sie nicht verlinken muss.

Wie der Oktober riecht

Der Oktober riecht nach verbrannter Milch früh am Morgen. Nach feuchter Erde und der letzten gelben Rosenblüte riecht der Oktober. Schon zerfaellt die Bluete, eine letzte Hand voll Rosenduft.Nach Kürbis im Ofen und Rosmarin aus der alten, rostigen Dose links im letzten Regal.
Nach nassen Socken riecht der Oktober und feuchten Bettlaken draussen im Hof auf der gelben Waescheleine, die auch nach einem langen Nachmittag nicht trocken wird. Der Oktober riecht nach Quitten, schwer und süss sind die Quitten, weich ist ihr Flaum gegen meine Wangen. Der Oktober riecht nach Rotweinkuchen, den meine Schwester so liebt und den ich ihr immer backe, aber nie probiere. Schwesterchen macht omm-nomm-omm.

Der Oktober riecht nach Torf und nassem Laub, seltener nach Sonnenflecken und oft nach den Orangenschalen, die die M. in den Küchenofen wirft. „Oh wie das knallt“, sagt sie und erschauert. Die Orangenschalen knistern. Der Oktober riecht nach einem frischen Bücherstapel und der Wärmflasche in meinem Bett. Immer an den Füssen. Meine Füsse sind immer kalt. Aber im Oktober sind sie immer noch etwas kälter als ohnehin. Der Oktober reicht nach Birnenkompott. Meine Grossmutter weckte Jahr für Jahre viele Gläser ein. Ich mag Kompott nur selten, zu klebrig, zu süss und zu modrig ist mir der Saft. Aber meine Grossmuter habe ich geliebt und so wecke ich doch Jahr für Jahr Äpfel und Birnen ein. Die D. freut sich doch immer so und ich kann dann ohne schlechtes Gewissen Apfelgelee einkochen. Der Oktober riecht nach aufgeschobenen Dingen aus dem März, nach schlechtem Gewissen ohne ersichtlichen Grund, der Oktober riecht nach einem Konzert mit einer schlecht gestimmten Geige und einem Kinofilm in dem der Held, die Helden schon wieder nicht küsst, sondern mit ihrer Schwester nach Nizza reist, nur um dort unglücklich zu versterben.

Der Oktober riecht nach Andersen Mächen und warmen Apfelkuchen. Der Oktober riecht nach Kamillentee und dem ersten argen Schnupfen. Hatschi. Der Oktober riecht nach dem Heckenschnitt und schalem Bier auf dem Tisch einer Kneipe. Der Oktober riecht nach Kerzen und fuenfstimmigen Nichtengesang. Der Oktober riecht nach Briefpapier und Spaghetti mit Chili und Parmesan. Der Oktober riecht nach Uff und Ach und verraetselten Träumen. Der Oktober riecht nach Arbeit und noch mehr Arbeit und ach, das muss ja auch noch werden.
Der Oktober riecht nach frischem Brot und Brot, das man nicht essen kann. Der Oktober riecht Walnusseis. Der Oktober riecht nach der missgestimmten Katze, die vergeblich versucht mit der Pfote an eine Spinne aus ihrem Netz zu angeln. Wenn die Katze missguenstig ist, haben wir alle etwas davon. Nur die Spinne lacht und hangelt sich weiter nach oben.

Der Oktober riecht nach Kefir aus dem Glas und zu frühem Aufstehen, nach kaltem Atem im Badezimmer und Pfefferminzzahnpaste. Der Oktober riecht nach Samtjacketts und jenem Mann auf dem Bahnsteig der mit seiner Zigarre blaue Wolken in den stillen Morgen bläst.
Der Oktober riecht nach dem billigen Weinbrand der Trinker. Sie merken den Winter viel frueher als wir. Der Oktober riecht nach Furcht in allen Lebenslagen und ein bisschen nach Wehmut, denn dieser Sommer war lang wie blau. Nach Heimweh riecht der Oktober, denn im Oktober reisen viele Klassen nach Irland. Ein Junge schluchzt in das Fell eines alten Plüschdrachen und seine Freunde sagen: „Bruda, wir rufen deine Mami gleich noch mal an.“ Der Oktober riecht nach Stahlwolle und den Geheimnissen eines Werkzeugskoffers. Der Werkzeugkoffer gehört dem Heizungsinstallateur. Der Installateur knurrt über Ventile und kratzt sich mit einem Zimmermannsbleistift hinter dem Ohr. Das wort Zimmermannsbleistift wollte ich schon immer einmal schreiben, manchmal kommt sie dann doch die richtige Gelegenheit. Der Oktober riecht nach heisser Zitrone und wässrigem Porridge.
Der Oktober riecht nach Ariel 3 in 1, denn ich wasche doch noch einmal die hellblaue Steppdecke bevor der Winter wirklich kommt.

Der Oktober riecht nach den Buchsbaumhecken auf einem Friedhof nahe dem Meer.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Frau Wortschnittchens olfaktorische Impressionen kommen von der Suedhalbkugel

Bei Ijuno kommt der Oktoberduft aus Indien.

Loosy hält in Berlin die Nase in die Luft.

Kiki erinnert sich an den Geruch Ihrer Kindheit und auch Abwesenheit lässt sich erschnuppern.

Auf der Suche nach Ernst Barlach-Hamburg(2)

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Leer ist das Museum. Aber auch das stimmt nicht ganz. Die Sonne ist ja da, lehnt sich gegen die Fenster als wolle sie an diesem Morgen auch endlich einmal in Ruhe ins Museum gehen. Aber nicht nur die Sonne ist da, an der Kasse sitzen zwei Damen, sie freuen sich über Besuch sagen sie und das hört man in einem Museum ja gar nicht so oft, wie man denken mag. Hier hört man es. „Sie sind zwischen den Zeiten da“, sagen sie. Eine Ausstellung ist gerade abgebaut, die Andere wird gerade aufgebaut. „Zwischen den Zeiten“, sage ich, ja da haben sie Recht.“ Den halben Preis teile ich mir mit der Sonne. „Lassen Sie sich Zeit“, sagen die Damen, sie sagen es wie man es sagt, kommt Besuch, den man schätzt. Ich nicke, Jacke, Tasche, Rucksack bleiben im Schrank. Große Fenster zeigen in den Park hinaus. An der Außenwand lehnen zwei Barlach-Skulpturen. Es hat den Anschein als nickten sie mir zu, als brächen auch sie auf zu einem Spaziergang, hinaus in den Sonnenschein, als nickten sie mir beiläufig zu, ich nicke zurück, sie wenden sich dem Garten zu und ich bleibe im Haus.

Die Sonne legt mir die Hand auf den Rücken. „Komm“, sagt die Sonne, komm.“ Wer würde da stehen bleiben? Die Figuren von Ernst Barlach sind anders als andere Skulpturen, in ihnen liegt nichts von der stolzen Kälte römischer Bürger und nichts wissen sie von der monumentalen Strenge, die Richard Serra seinen Plastiken gibt. Hier bei Barlach findet man kein rostigen Stahl, keinen blanken, weiß polierten Marmor, wie das 19. Jahrhundert es sich erfand. Seine Skulpturen atmen, leise zwar, aber atmen tun sie doch. Sie wenden sich manchmal nach rechts oder links, zeigen einem ein ernstes oder ein heiteres Gesicht, werfen einem manchmal einen Blick zu fragend, zögernd, halten die Hand hin, unmerklich fast, tippen einen mit der Schulter an, sagen: bleib doch noch oder auch das ist mir schon passiert, wenden sich ab, finden man möge ein anderes Mal wiederkommen, seine Figuren lassen sich etwas anmerken, ziehen einen zurück oder halten einen fest. Alles kann man ihnen suchen, alle Haltungen sind ihnen möglich, nur die kühle Distanz liegt ihnen nicht.

Ernst Barlachs Figuren sie alle wissen etwas.

Einmal vor vielen Jahren bin ich in Güstrow gewesen, dort hängt ein Abguss des Engels. Jener Engel, der schwer ist, schwerer wiegt als andere Engel, der nichts hat von der flirrenden Leichtigkeit die man Engeln gemeinhin zuschreibt. Jener Engel mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz trägt schwer an sich selbst. Das Original jenes Engels gibt es nicht mehr. Eingeschmolzen haben die Nationalsozialisten den Engel von Güstrow.

Später in den Jahren danach hat man Abgüsse anfertigen können einen zweiten und dritten Engel. Zum letzten Mal habe ich ihn nicht in Güstrow gesehen, sondern in der Tate in London, der Engel an der Wand und ein größerer Schatten hinter ihm. Ein älteres Ehepaar kam zur Tür herein, sie sah den Engel dort an der Wand, hielt sich am Türrahmen fest, sah auf den Engel, sie sagte: „Oh Kate, oh Kate what can we do to take your pain way?“ Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter im ersten großen Kriege verlor und nicht mehr zurückkam.

Barlach gab seinem Engel ihr Gesicht. Nicht absichtlich, das Gesicht kam und blieb.

Damals im Dom von Güstrow fragte ich wieder und wieder, warum die Bürger von Güstrow sich nicht vor den Engel gestellt haben, warum der Pfarrer den Kirchenschlüssel aus der Hand gab, warum in Deutschland immer alles preisgegeben werden kann, aber darauf bekommt man nie eine Antwort. So viele Fragen bleiben immer im Dunkeln.

Lange hat die Frau vor dem Engel in der Tate Gallery gestanden, auf Zehenspitzen stand sie, so als wollte sie Käthes Gesicht in ihre Hände nehmen und endlich, endlich würde der Schmerz weniger werden.

So ist das mit Ernst Barlachs Figuren. Sie zeigen, was man fühlen kann.

What can we do to take your pain away?

DqhQjaMX0AMZNT3Aber hier in Hamburg fliegt der Engel nicht. Hier sind noch immer die Sonne und ich allein im Museum. Die Lauschenden heißt die Figurengruppe an der äußeren Wand. 1934 hat Barlach sie begonnen, 1935 stellt er sie für Hermann Reemtsma fertig, der sich entschließt Barlach und seine Figuren nicht für sich selbst zu behalten, sondern dieses Museum in Hamburg initiiert und realisiert, so dass ich so viele Jahre nach 1935 vor den Figuren stehe, die an der Wand lehnen zufällig fast, als hätten wenig bekannte Umstände sie an diesen Ort geführt, als sie nicht weniger Fremde hier als ich es bin. Die Lauschenden nennt Barlach die Figurengruppe und ich stelle mich lange zu ihnen dazu. Lauschen dieses Wort hat im Deutschen einen doppelten Boden. Lauschen kann man einem Bach-Choral, ein Kind lauscht auf dem Schoß seiner Mutter, im Garten kann man den Vögeln lauschen und lauschen kann man in der Nacht und man hört vielleicht eine Eule oder auch nur den eigenen Herzschlag. Aber so eindeutig ist das nicht bei diesen Lauschenden hier. Ob die Frau mit dem Hut wohl dem Regen lauscht oder doch den Nachbarn hinter der Tür? Allen Figuren ist eine Haltung inne, die ganz anders sein mag als es den Anschein hat

Keine der Figuren hört etwas Eindeutiges, denn im Lauschen liegt immer auch schon die Möglichkeit des Belauschens, des Belauscht-Werdens, das Lauschen ist der Beginn jeder Preisgabe. Das ist auch eine Erkenntnis des Jahres 1935.

Lange lausche ich vor dem Fries.

Die Sonne und ich wandern langsam durch das Haus.

Vor einer Frau, auch sie eine Skulptur, bleibe ich stehen. Ich stehe hinter ihr, vor mir ihr Rücken, lange sehe ich ihr zu, wie sie ein Bild an der Wand ansieht. Nach einer ganzen Weile wird mir schwindelig, belausche ich nicht sie und ihre Zwiesprache mit einem Bild. Lieber gehe ich weiter.

Wer ist Ernst Barlach? fragte ich meine Großmutter und saß auf ihrem Schoß. In meiner Hand lag ein Katalog seiner Werke. So viele Jahre ist das schon her. Ernst Barlach hat einmal geschrieben: „Ich habe keinen Gtt, aber Gtt hat mich, sagte sie. Ernst Barlach war auf der Suche nach dem Unvorstellbaren sagte sie. Ich merkte es mir und suche noch immer danach worauf es ankommt.

Vielleicht ist auch Sehen, Suchen und Lauschen zugleich.

Auf der Suche nach Ernst Barlach- Hamburg (1)

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Jenisch-Park in Hamburg-Klein Flotttbek

Auf dem Flughafen ist es noch dunkel. Neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind aus Amerika und in Europa sind sie der Geschäfte wegen. Ihre Firma sei nach einer Insel aus Mikronesien benannt, sagt die andere Frau, stolz klingt sie, so als sei die Firma eine Art fernes Paradies. Die andere Frau schweigt über Mikronesien. Dann hebt sie ihren Armen. Sie hat eine Apple-Uhr am Handgelenk und ihrer Kollegin führt sie vor, was die Uhr alles kann. Es gibt im Grund nichts, was diese Uhr nicht kann. „Aber das Beste ist“, sagt sie und holt tief Luft, „das Beste ist das diese Uhr einen immer findet, auch wenn der Kontakt zum Mobile phone abgerissen ist, die Uhr findet einen immer.“ Man merkt der Frau an, dass es ihr ums Gefunden Werden geht, wer weiß schon wie lange es das letzte Mal her ist, das jemand nach ihr gesucht hat, der kein Stück Metall an ihrem Handgelenk ist. Ihre Kollegin aber starrt auf die Uhr und auf ihre eigenes abgeschabtes Samsung Telefon.

In Hamburg ist es auch noch früh. Ich kaufe Fahrkarten für die S-Bahn. Eine Frau versucht verzweifelt einen zwanzig Euro Schein zu wechseln, niemand hat so viel Kleingeld. „Sie zwingen mich zum Schwarz fahren“ ruft die Frau einem S-Bahn Mitarbeiter zu. „Jo“, sagt der und da bin ich mir sofort sicher, wirklich in Hamburg zu sein. Bis nach Klein-Flottbek fährt man eine ganze Weile S-Bahn: Hamburg wacht auf, die Möwen gähnen, die Menschen gähnen, Leon soll still sitzen, aber Leon will lieber mit dem Mülleimer spielen, wenn Leon jetzt nicht lieb ist, findet Leons Mutter, dann wird die Fahrt zu Oma abgebrochen. Leon schluchzt. Am Hauptbahnhof steigen drei Hunde aus und viele Menschen zu, eine Frau setzt sich neben mich. Sie riecht so nach Zigarettenrauch wie ich mir vorstelle wie Helmut Schmidt gerochen haben muss. Sie hustet erst ausführlich und wie so oft bedauere ich, dass es keine Spucknäpfe mehr gibt, dann bellt sie in ein Telefon und weckt ihren Gefährten mit einer Abreibung über sein Trinkverhalten. Noch auf dem Bahnsteig steckt sie sich, kaum ausgestiegen eine Zigarette an. Vier Freundinnen suchen eine Straße auf der Reeperbahn. Aber wie das wissen sie nicht. Eine ältere Dame mit Perlenkette und Cashmere Kombination räuspert sich und sagt: Nehmen se mal die Schanze und dann immer schön links halten, nech. Die vier Freundinnen staunen. „Na ich bin ja nu mal von hier nech“, sagt die Dame und ihre Augen funkeln. Wer sie sieht, der ahnt etwas von den Nächten über die man lieber nur andeutungsweise spricht.

Dann gibt die Stadt nach, roter Backstein und Garten mit Schaukeln, Kirchtürme und Rosenhecken, grüne Flecken im Stadtgrau, eine Station nach Othmarschen steht auf meinem Reisezettel, ich steige aus. Klein Flottbek hat Sonnenschein, gelbes Laub raschelt unter meinen Füßen. Die Häuser haben weiße Gartenzäune und die Autos sind höher als die Gartenzäune. Drei Kinder spielen Fußball auf einem Stück Rasen. „Vati“, rufen sie. „Vati komm, spiel mit uns.“ Vati kommt, nimmt Anlauf, zielt, ach weh, den Ball verfehlt, den Schwung nicht abgefangen, Vati fällt ins Gras. „Ach Mensch Vati“, rufen die Kinder. Vati rappelt sich hoch. „Mein Rücken“ ächzt er hervor und humpelt davon. An ein Auto gelehnt streckt er seinen Rücken durch. Die Mutter der Kinder ruft vom Haus herüber: „Wo ist denn Vati?“ Die Kinder rufen: „Rücken.“ Mutti weiß genug, ich kicke den Ball zurück und schon biegt die Straße nach links. Eine alte Scheune ist jetzt eine Bar. Pferdeställe, die Boxentüren gibt es noch versprechen ein erstklassiges Wohnerlebnis, im Park ist das rot und golden, ein Teppich wie für Könige. Ein Hund rast in einen Laubhaufen, eine Laufgruppe rennt vorbei, eine Krähe verschluckt sich fast an einer Nuss, die Sonne malt uns allen Kringel auf die Nase, das Jenisch-Haus glänzt weiß, ich gehe die Treppen hinauf.

Es ist noch immer früh, Milchkaffee trinke ich und ein Franzbrötchen dazu, der Teller hat einen grünen Rand, ich sehe aus dem Fenster, gegenüber steht ein fast unauffälliges weißes Gebäude. Ernst-Barlach-Haus steht an der Wand. Meine Hände sind warm an der Tasse. Deswegen bin ich hier.
So schlecht kann ich atmen im Moment, immer ist das zu wenig Luft, zu schwer knackt mein Brustkorb, so bleiern ist die Luft.

Vielleicht, denke ich, ist die Luft leichter in der Nähe von Ernst Barlach, der mir immer nah war, seine Figuren tragen so viel, vielleicht können sie auch mich ein Stück mittragen.
Ein Mann kommt an den Tisch und will etwas wissen.
Es tut mir leid, sage ich, aber ich bin nicht zum Sprechen hier, nur zum Atmen.
Er dreht sich um. Ich bezahle und dann ganz langsam gehe ich zu Ernst Barlach herüber.

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Ernst-Barlach Haus im Jenischpark, Hamburg 

Drei Pfannen

Sie werden es sicher allesamt ahnen, aber ich war schon immer eher seltsam. Deswegen kann es sie kaum überraschen, erzähle ich Ihnen, dass vor vielen Jahren als ich ein kleines Mädchen war und die langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, ich eines Tages einen der guten silbernen Löffel aus dem Buffet nahm und aufbrach zu einer Wanderung ins Schlaraffenland. Ich bedauere es sehr, dass meine Großmutter mich einholte als ich um die Ecke bog, die doch geradewegs ins Schlaraffenland führt. Dann kamen andere Jahre und andere Dinge und ich verlegte mich aufs Seufzen.
Ach, denke ich hin und wieder es wäre schon gar zu schön einen giftgrünen Schlafrock zu besitzen wie der geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer, aber noch niemals habe ich einen solchen Schlafrock gesehen, obwohl ich schon zweimal einen Solchen anprobiert habe. Meine Erinnerungen an die Stadt Merseburg sind auch deswegen eher verklärt, denn die Zaubersprüche ich kann es nicht anders sagen, haben es mir sehr angetan, Harry Potter indes ist fast gänzlich an mir vorbeigegangen und ich muss zugeben, dass mir der liebe Herr Teufel und die dreizehnte Fee lieber sind als noch die begabtesten Superhelden unserer Tage.

Die Sehnsucht aber eines Tages in Begleitung von Beelzebub Irrwitzer und der dreizehnten Fee ins Schlaraffenland hinüberzulaufen, hat mich nie so ganz verlassen. Aber wie schon gesagt, die Jahre waren nicht danach und niemals hätte ich erwartet, dass an einem grauen Mittwochmorgen zu frühster Stunde tatsächlich, ein Teilgebiet des Schlaraffenlandes nur wenige hundert Meter weiter zur Jahrestagung lädt. Man muss nämlich wissen, das Schlaraffenland ist ja in der Tat sehr groß- dass sich mit den Jahren eine Art Union schlaraffischer Provinzen gebildet haben. Die Republik der Schokoladenbrunnenbauer zum Beispiel oder die dichten Wälder der Lebenkuchenhausverzierer, nicht zu vergessen die Paradiesäpfelbauer die am Lac Limonade zu finden sind.

Besonders verhält es sich aber mit dem Verein der Pfannkuchenfreunde, die auch unter dem Namen Pfannkuchenvereinigung publizieren, denn sie haben keinen festen Sitz im Schlaraffenland sondern sie reisen durch die Welt.
Niemand anders als der Graf von Zimt&Zucker, ein Mann von Welt und leiser Melancholie, denn sein Geliebter der schöne Herr Omelette verschwand eines Tages in Pilz-O-Tanien und ward nicht mehr gesehen.Der Graf von Zimt&Zucker seufzt sehr oft und manche sagen, er verlegte die Jahrestagung der Pfannkuchenfreunde nur deshalb weit ausserhalb der Grenzen des Schalraffenlandes, weil er noch immer hoffte der schöne Herr Omelette kehrte doch noch einmal zurück. Aber das steht in den Sternen.
Die Jahrestagung indes ist eine wichtige und ernste Angelegenheit. Die neusten Statuten zum Thema Pfannkuchen, Eierkuchen, Crepe Royal werden verlesen, beim feierlichen Festessen der Vereinsaspiranten gilt es die magische Nummer von 45 Pfannkuchen zu bezwingen. Die jährliche Würdigung des Rekordhalters, der im Jahre 1702 sage und schreibe 702 Pfannkuchen verschlang, gehört zu den rhetorischen Höhepunkten. Gelöster wird es beim Pfannkuchenball. Haben Sie je ein Pfannkuchenmenuett bewundert-Sehen Sie, es gibt für alles ein erstes Mal. Einzig der Freundeskreis Krapfen sind auch Pfannkuchen sorgt regelmäßig für Radau.
Es ist allein dem diplomatischen Geschick des Grafen Zimt&Zucker zu verdanken, dass nicht aus Rosinen scharfe Waffen werden. Es sind sieben Tage voll Pfannkuchen und Glück.
Nun werden sie mit Recht sagen: Was machen Sie uns den Mund wässrig, was sprechen sie in Andeutungen und Lobeshymnen, wenn wir doch nicht wissen, wie erkennen wir, dass die Jahrestagung der Pfannkuchenfreunde stattfindet? Wichtiger noch wie nehmen wir Teil am bunten Reigen im Hause des Grafen Zimt&Zucker?

Ha, kann ich ihnen sagen, nichts einfach als das. Drei Pfannen stehen vor besagtem Gebäude, drei Pfannen in denen die ersten drei Pfannkuchen gebacken wurden, anno dazumal. Sie befinden sich in Besitz des verehrten Grafen Zimt&Zucker. Stehlen kann man sie nicht. Man erzählt sich Beelzebub Irrwitzer selbst habe die Pfannen in eine Tinktur getaucht, die jedem Dieb schon am Gedanken die Pfannen einzustecken hindere und so trete der reisende Pfannkuchenfreund vor die Pfannen, nehme Haltung und flüstere deutlich aber, darauf kommt es an: Im Namen von Zucker, Mehl und Ei, ich will ein Pfannekuchen sein! Hernach gilt es die drei Pfannen dreimal kräftig aneinander zu schlagen, hierauf öffnet sich die Tür und es gilt einzutreten.

Nun werden Sie sagen Fräulein Read On wie war es denn, wo sie doch sozusagen ganz am Ziel ihrer Wünsche und Träume angekommen waren? Ich aber kann nur mit den Schultern zucken, ganz wie damals bog der Bus um die Ecke, der mich wie andernmals meine Großmutter daran hinderte, meine Aufwartung dem Grafen Zimt&Zucker zu machen.

Aber eins ist gewiss eines Tages da kommt die Vereinigung der Pfannkuchenfreunde auch in ihr Land, ihre Stadt und ihr Dorf. Grüßen Sie den Grafen Zimt&Zucker von mir. Ich habe ihn fast so gern wie den geheimen Zauberrat Beelzebub Irrwitzer und die dreizehnte Fee.

Woanders ist es auch schön

Was für ein besonders schöner Versuch sich selbst auf die Spur zu kommen. Das ist überberhaupt etwas was sich schnell vergessen laesst, aber Lehrer-Sein ist nicht nur ein ausnehmend kommunikativer Beruf, sondern hat auch sehr viel damit zu tun, auszuhalten, dass man eigentlich immer angesehen wird.

Ein wunderbarer Artikel ueber Kamel Daoud und das Schreiben Algerienueber Algerien. Seine Buecher lege ich Ihnen allen sehr ans Herz.

Ich weiss nicht, aber wie soll man da weiterreden?

Eine der besten Nachrichten diese Woche.

Ein Porträt über Kristina Hänel und ihren Kampf für das Informationsrecht über Schwangerschafts­abbrüche.(Bezahlpflichtig)

Anke Gröner schreibt über Ihren Einsatz  als Wahlhelferin am vergangenen Wochenende. Ein Text nicht nur über das Was, sondern auch das Wie der Demokratie.

1,79 Euro

Vor aller Augen. Remabrandts Nachtwache wird restauriert. Via e13Kiki

The Wanderer eines jener Lieder, die man sich in die Manteltasche legen kann.

Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.