„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

Oft und öfter kann man-oft in Kolumnen- die Frage lesen, die den deutschen Kolumnenschreiber sehr umzutreiben scheint und die da lautet: „Ist nach 73 Jahren nicht auch mal genug mit der Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Juden?“ „Wann darf man endlich wieder Judenwitze machen?“
Auch außerhalb von Zeitungskolumnen werde ich das öfter gefragt als ich gefragt werden möchte. Noch vor der Frage aber staune ich über die stets zweifelsfrei konstruierte Vorstellung man nähme als Deutscher besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten, der in Deutschland oder auch nicht verbliebenen Juden.

Das suggeriert ja stets ein Leben auf Zehenspitzen, einen hastigen Blick über die Schulter-hört der Jude mit- eine fortwährende Selbstgeisselung um ja nicht rücksichtslos zu erscheinen und diese Selbstwahrnehmung führtseit Jahrzehnten nun schon von morgens bis abends vor dem Juden einen Bückling zu machen, das erstaunt mich schon sehr.

Mein Vater nämlich ein Kind der 1950er Jahre und Jude dazu, das Kind des Judendoktors (anders nannte man meine Großmutter nie- geschah das aus Rücksichtnahme?)- hörte wie selbstverständlich im Kindergarten den lustigen Reim: „In einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, holen ihn die Mäuse. Meine Großmutter, die fand dass dies zu weit ginge, bekam von den Kindergärtnerinnen erklärt, dass dies doch nur ein Scherz sei, vorgetragen von harmlosen Kindern und mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, sondern ein kleiner Junge sich halt daran gewöhnen müsse.

Natürlich gewöhnte er sich und seine Mutter mahnte ihn zur Vorsicht und auch mir viele Jahre später, erklärte sie man schweige zu antisemitischen Bemerkungen wie auch zu Judenwitzen, denn man könne nie wissen, ob eines Tages eine Kränkung, eine Beschwerde, ein Nachsatz nicht auch noch zu ganz anderen Dingen führen könnte. Die anderen Dinge, das lernte ich noch bevor ich lesen und schreiben lernte, waren so schrecklich, dass meine Großmutter sich für Stunden im Schlafzimmer einschloss und mit dem Kleiderbügel auf sich einschlug.

Meine Großmutter mahnte zur Vorsicht. Es gelte und hier würden die Zeitungskolumnisten wohl aufhorchen, läsen sie dieses kleine Blog, es gälte Vorsicht walten zu lassen, Rücksicht zu nehmen, Massnahmen zu ergreifen und lieber zu lachen als nach einer Antwort zu suchen. Von meiner Großmutter also lernte ich:

Sei niemals Klassenbester, höchstens Klassendritte.

Akzentfreies Deutsch ist deine beste Lebensversicherung.

Trag niemals eine Brille, die deine Nase noch größer erscheinen lässt.

Lache über Judenwitze.

Verhalte dich unauffällig. Wenn Du einen neuen Mantel kaufst, trag dazu niemals auch die neuen Schuhe.

Tiefstapeln. Immer.

Frag niemals einen Deutschen nach der Vergangenheit. Nicke anerkennend, versichert man dir, natürlich habe man Juden versteckt.

Sei höflich, zuvorkommend und schmerzresistent. Das Leben in Deutschland hat seinen Preis.

Lerne alle Klischees, alle Vorurteile, alle Zerrbilder über Juden kennen, die es gibt. Umso sicherer bist du.

Meide Gedenktage an die Deutschen sich der Juden erinnern. Sie wollen unter sich sein. Wir stören nur.

Ich stritt mit ihr heftig und erbittert. Sie ließ nicht los, sie sah nach rechts und nach links ging sie über die Strasse. Sie sah noch einmal nach links und noch einmal nach rechts. Die Wirklichkeit hatte sie schon einmal getrogen.

Die jüdischen Freunde in New York und Tel Aviv und Paris lachten, wann immer die Sprache auf die Vorsichtsmaßnahmen meiner Großmutter kam.

Ich verteidigte sie.

Sie ist nicht verrückt, sagte ich.

Sie ist ein deutscher Jude.

Sie schwiegen dann die Freunde.

Eines Tages, damals lebte ich schon nicht mehr in Deutschland, sondern in Los Angeles, da traf mich mit meiner Freundin Miri, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. (Vorsicht, sagt die Stimme meiner Großmutter ). Miri und ich saßen in Santa Monica und sahen aufs Meer. „Wusstest du, dass ich in Düsseldorf geboren und aufgewachsen bin, sagte sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Miri“, sagte ich, du bist auch ein Jecke. Sie lächelte, denn sie war längst a Californian Princess als Kolumnenschreiber fürchte ich bemerken sie den Witz gar nicht. Aber damals als Miris Vater in Düsseldorf arbeitete, ging sie auf eine Grundschule. Sie war der Jude und die anderen Kinder waren es nicht. So ist das heute in Deutschland auch wenn in den Kolumnen immer etwas vom lebendigen Judentum steht, die Lehrerin jedenfalls, sagte, dass Miri neu und Jude sei und nach ein paar Wochen sagte Miri achselzuckend, sagten die Kinder, dass ihre Eltern sagten, dass die Juden alle ganz reiche Leute seien, die den Deutschen die Wohnungen nach dem Krieg weggenommen hatten und die Deutschen hätten auf der Straße gelebt und gehungert wegen der Juden. Die Juden würde man an ihren Nasen erkennen und die ganze Welt würde die Juden nicht mögen, weil sie sich schon immer für was Besseres gehalten hätten. Meine Freundin Miri war 1998 acht Jahre alt und am Nachmittag zu Hause nahm meine Freundin eine Küchenschere zur Hand und versuchte sich die Nasenspitze abzuschneiden. Meine Freundin Miri wollte kein Jude mehr sein. Zum Glück fand ihre Mutter sie rechtzeitig und ihr Vater beschloss das Experiment Deutschland zu beenden. Ihr Vater hatte zuvor mit der Lehrerin über die Sache mit den Juden und den langen Nasen gesprochen, aber die Lehrerin fand, dass sei doch nur ein Scherz, so seien Kinder eben.

Der Kolumnist unserer Tage aber zitierte einen Psychologen. Die ständige Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten erzeuge einen Juckreiz, der sich dann eben in hochgerissenen rechten Armen, Höcke-Reden oder Witze über den jüdischen Geschäftssinn ergießen würde.

Ich kenne im Gegensatz dazu aber keine Juden, die zum Beispiel beim Rewe am Morgen sie haben Milch vergessen, vom plötzlichen Verlangen überfallen werden einen Deutschen zu ohrfeigen, aber meinem Freund Aaron ist das in Deutschland mit seiner Kippa auf dem Kopf schon mehr als einmal passiert. Ist das der Juckreiz der empfundenen Rücksichtnahme, ein etwas grober Scherz mit dem sich endlich Luft verschafft?

Vor einem Jahr habe ich am 9. November aufgeschrieben, warum ich das Putzen von Stolpersteinen, die oft so offensiv vorgetragene Gedenkkultur und überhaupt die Vereinnahmung jener Toten, die eben auch meine Familie sind für so schmerzhaft, so problematisch, so erschöpfend halte.

Mich haben dazu viele böse Emails erreicht. Sie alle forderten mehr Rücksichtnahme von mir dem Juden, den Deutschen gegenüber, sie bräuchten diesen Raum, diese Steine, dieses Gedenken für sich. Das müsse ich endlich akzeptieren.

Es ginge nicht nur um die Befindlichkeiten den Juden.

Das Gleiche meinen die Kolumnisten wohl auch, schreiben sie über die Frage, ob es denn nun genug sei mit jener vielzitierten Rücksichtnahme, die es außer in der deutschen Imagination niemals gegeben hat.

Die Realität nämlich ist für Juden eine ziemlich ernste Angelegenheit, auch noch 73 Jahren.

Die besagte Kolumne finden sie so einfach, dass ich sie nicht verlinken muss.

75 thoughts on “„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

  1. So ist das eben: die Opfer sind schuld, weil sie den Tätern Gewissensbisse verursachen. Die Nigger, die sich als Sklaven verkaufen ließen, die Schlampen, die sich vergewaltigen ließen, und all die anderen, klar die Juden auch, was mussten sie sich auch umbringen lassen.
    Und nun muss eben mal Schluss mit den Gewissensbissen sein, am besten dadurch, dass man an den Opfern Tätermerkmale entdeckt, durch die die Täter nun selbst zu phantasierten Opfern werden.

  2. Das deckt sich mit dem, was Oliver Polak in seinem neuen Buch „Gegen Judenhass“ schildert. Darin berichtet er auch von einem Erlebnis mit einem bekannten TV-Moderator, einem Comedian und einem weiteren Moderator bei einem gemeinsamen Auftritt im Jahr 2010, ohne jedoch deren Namen zu nennen. Trotzdem machte Polaks Verlag Stress und wollte das Buch nicht drucken, weil der TV-Moderator ebenfalls Autor des Verlages ist. Nun kam heraus, dass es sich bei dem TV-Moderator um Böhmermann handelt. Buch und Outing waren der Anlass für diese Kolumne (dessen Verfasser ich übrigens nicht schätze und sonst auch nicht lese).

    Zu Oliver Polaks Buch schreibt der Kolumnist: „Das Buch ist nicht lustig, sondern sehr traurig, weil Polak darin schildert, was einem als Jude in Deutschland widerfährt.“ Und drei Absätze weiter heißt es: „Wer Polaks Buch liest, fragt sich, auf was normale Deutsche kommen, wenn sie einem Juden begegnen.“

    Berechtigte Frage.

  3. H. hat die Kolumne nicht gefunden.
    Meint aber, dass sich die Deutschen immer verdammt viel Gedanken machen sollten über die Verbrechen vor mehr als 73 Jahren und danach. Von wegen „Spaß“: Vorurteile eh und je.

    • @ Hauptschulblues: Das Posting bezieht sich auf Jan Fleischhauers Kolumne im „Spiegel“, die unter der Überschrift „Deutscher Juckreiz: Darf man über Juden Witze machen?“ online veröffentlicht wurde.

      Der Satz mit dem Juckreiz stammt übrigens nicht von jenem Psychoanalytiker, den der Autor vor Jahren zu einem anderen, ausgesprochen widerlichen Fall befragte, sondern damit versucht Fleischhauer zu erläutern, was eine Übersprungshandlung ist (die aus Konfliktsituationen heraus entsteht). Dass diese Aussage nicht von jenem Psychoanalytiker stammt, erkennt man daran, dass dieser Satz weder zwischen Gänsefüßchen noch in indirekter Rede steht. Den Psychoanalytiker zitiert der Autor mit den Worten: „Je größer der Druck, sich anständig zu benehmen, desto näher liegt der Fauxpas“.

      Das mag eine Erklärung für widerliches Benehmen sein, ist aber keinesfalls eine Entschuldigung.

      • @arboretum: danke für den Hinweis.
        Sollte tatsächlich diese Kolumne gemeint sein liegt m.E. ein bedauerliches Missverständnis vor, das vielleicht hauptsächlich aus der gewählten Überschrift resultiert, aber nicht einen eigenen Wunsch des Autors im Sinne von “wann darf man endlich….“formuliert. Er befasst sich u.a. kritisch mit Fragen der Satire. Den Inhalt kann ich deshalb per se nicht als verletzend oder antisemitisch interpretieren, obwohl ich mich, wie üblich bei Fleischhauer (auch nicht mein Favorit) durchaus an einigen Passagen störe.
        Deutlich wird, an genannten Beispielen, was immer wieder passiert: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gesprochen, überall befinden sich Tretminen, weil das Feld so überaus sensibel ist.

      • @trulla, @arboretum @simone

        Schon beim Schreiben dieses Textes war mit klar, dass genau diese Kommentare kommen,dass der gute Kolumnist Fleischhauer doch zu dem Schluss kommt, man liesse die Judenwitze auch wenn es einen noch so juckt doch lieber in der Tasche, denn man wisse ja nie. Das ist eben der Unterschied den Sie machen und den ich nicht machen kann, für sie ist seine Ausgangsfrage eine Frage wie alle anderen und für mich ist sie das nicht. Das immer so harmlos eingeschobene Zauberwort von der Rücksichtnahme auf jüdische Gefühle, die man einmal abklopfen müsse auf für und wieder existiert eben nur in deutschen Debatten, aber nie in der jüdischen Realität. Da stellt sich nämlich einzig die Frage wie man am besten unauffällig bleibe und der Effekt dieser Kolumnen, die dann doch verneinen heißt in der Realität, dass von ganz anderen Seiten diese Frage auch gestellt und anders beantwortet wird, denn das sind die Resultate des Zündelns, dass mag sie nicht betreffen, aber mich betrifft es doch. Anhand dieser Kolumne und auch der Kommentare, die dann mir erklären ich hätte das doch alles falsch verstanden, zeigt sich auch wie vergeblich das Schreiben von Blogbeiträgen ist, die sich einmal aus der Perspektive der Anderen mit diesen Fragen befassen. Für uns ist dann nämlich nicht nur eine Debatte. Es ist nur eine kleine Randbemerkung, aber es gibt in Israel keine einzige Zeitung und keine einzige Kolumne, die darüber einmal ganz offen nachdenkt, ob man nicht mal richtig die Deutschen anpöbeln müsste.

      • @Trulla:
        Ein paar Kommentare weiter unten, habe ich versucht auszudrücken, wofür Sie genau die passenden Worte gefunden haben. Danke.

      • @Read on:
        Ich weiß nicht, ob Fleischhauer der gute Kolumnist ist und dass das Thema Sie auf einer anderen Ebene trifft kann ich nachvollziehen. In keinster Weise war es meine Absicht, ihre Gefühle zu verletzen. Es ist ein schwieriges, sensibles Feld.

      • der gute Kolumnist Fleischhauer

        Äh, da haben Sie mich jetzt aber wirklich missverstanden. Ich halte ihn explizit für keinen guten Kolumnisten und finde gerade diesen Text verquast.

        Und auch meine Aussage „berechtigte Frage“ bezog sich nicht auf die Frage, die der Kolumnist eingangs stellte – darf man solche Witze machen, zumal als nicht-jüdischer Deutscher – sondern auf den Satz:

        „Wer Polaks Buch liest, fragt sich, auf was normale Deutsche kommen, wenn sie einem Juden begegnen.

  4. Es gibt keine Alternative zum Dialog, zum gemeinsamen offenen Gespräch, um als Gesellschaft entscheiden zu können, wie wir zusammen leben wollen. Man kann aber offen nur sprechen mit Menschen, die zuhören wollen, nicht jedoch mit solchen, die einem bei nächster Gelegenheit nach dem Leben trachten. Dass Juden Deutschen diesbezüglich keinen besonders großen Vertrauensvorschuss gewähren, darf niemanden verwundern. Und dennoch: Es gibt keinen anderen Weg als den Dialog. Halten wir ihn gemeinsam am Leben!

  5. Liebe Read On, Sie haben mal wieder Worte für eine Thematik gefunden, die es nirgendwo anders – in meinen Augen – so zu lesen gibt. Danke dafür!

    Das große Problem in Deutschland ist, dass wir eine Kultur der Verleugnung geschaffen haben und das durchzieht sämtliche Themengebiete. Dabei steht immer im Vordergrund, dass den Opfern die Schuld gegeben wird, um die Täter zu entlasten. Die Täter, die sich zu Opfern stilisieren und dabei auch noch Verständnis finden, leben so von ihrer selbst erfundenen Opferrolle.

    Nur wer seine Schuld auch einsieht, kann daraus lernen. Man möge sich selbst so seine Gedanken machen, wie groß die Einsicht in die eigene Schuld überhaupt sein kann, wenn man diese noch immer so sehr von sich zu weisen versucht, dass man dafür sogar die Opfer verhöhnt.

    Was bleibt zu sagen? Lassen Sie uns reden. Immer wieder. Ich weiß, gerade jene, die die Macht haben, müssten mal zuhören anstatt stets „drüber zu bügeln“. Das „drüber bügeln“ ist so oft des Deutschen liebstes Kind. Und doch gibt es Menschen, die wollen zuhören, die sind an Ihrer Sichtweise interessiert und die sind dankbar dafür – so wie ich – dass Sie uns Ihre Welt durch Ihre Augen sehen und auch erfühlen lassen.

    Nur so, nur auf diesem Boden, kann echtes Verständnis erwachsen.

    Machen Sie weiter so. Bleiben Sie, wer Sie sind. Und sagen Sie Ihrem Freund Aaron, dass es mir persönlich leid tut. Wenn sich die Täter nicht entschuldigen, dann tue ich das für die Täter – es tut mir leid. Niemand sollte solche Erfahrungen machen müssen.

    Alles Liebe Ihnen!
    Clara P.

  6. Mit dem Putzen von Steinen ist nichts getan, gar nichts. Und wer Witze als „Lustig, ach-hab-dich-nicht so“ oder „Da lacht man halt drüber“ hinnimmt, dessen Charakter muss man nicht diskutieren. Ich werde es nie im Leben verstehen, warum man Menschen einer Religion wegen und dem Bekenntnis dazu ausgrenzen muss, von anderen Abartigkeiten ganz zu schweigen. Nein, es ist nicht mit dem Putzen und dem Blümchen an einem Denkmal getan. Es ist die innere und äußere Haltung, die zählen, immer im Leben. JEDEM gegenüber. Mein Land macht mir Angst. Und viele um mich herum auch.Herzlich, Sunni

  7. “ Der Antisemitismus ist verantwortlich für die Ermordung Millionen von Menschen, nur weil sie Juden waren. Und dennoch machen Komödianten und Satiriker, darunter auch Juden, Witze auf Kosten der Opfer und empfinden offensichtlich größte Genugtuung, wenn ihr Publikum brüllt und lacht. Da fragt man sich, was es da zu lachen gibt, wenn der jüdische Comedian Oliver Polak einem staunenden Publikum verkündet: „Ich habe diese neue App, sie heißt Anne-Frank-App und zeigt dir die besten Verstecke in Europa.“ Das ist eine krankhafte Art mit einem angeblich wachsenden Antisemitismus in Deutschland umzugehen, zumal wenn man sich, wie Polak, in Wirklichkeit Sorgen macht.“

    http://der-semit.de/antisemitismus-kein-witz/

      • Sog. tiefschwarzer Galgenhumor, auch ‚von einem Juden kommend‘ kann geschmacklos sein.
        Zitiere Abraham Melzer aus dem o.a. verlinkten Beitrag:
        „In Deutschland leben viel zu viele Experten solcher Witze. Wir haben naive Antisemitismus-Beauftragte von allerhöchsten Stelle und daneben auch ganz gewöhnliche, selbsternannte Antisemitismus-Experten, die uns permanent überzeugen wollen, dass ein neuer Holocaust vor der Tür steht, dass in Auschwitz bald die Schornsteine wieder rauchen werden und dass die DNA der Deutschen von Anfang an antisemitisch war. Man macht inzwischen ganz offen und öffentlich Witze über Juden und besonders beliebt sind Juden, die Witze über sich selbst und über den Holocaust machen, und dabei selber zu Witzfiguren werden. Sie erzielen auf Kosten von sechs Millionen ermordeter Juden billige Lacherfolge, wie zum Beispiel Oliver Polak, der mit seinen geschmacklosen und widerlichen Witzen inzwischen die Peinlichkeiten früherer selbsternannter Antisemitismus-Experten, und von der Presse als „Hofjuden“ titulierte Glaubensgenossen, längst mit seinem Motto „Ich darf das – Ich bin Jude !“, übertroffen hat.“

      • Was Satire darf oder auch nicht, ist meiner Meinung nach eine andere Frage, die ja seit Voltaire und länger diskutiert wird. Was mich hier umtreibt ist die Grundaussage nicht nur von Herrn Fleischhauer sondern vielen verwandten Geistern, dass man seit 73 Jahren in Deutschland auf Juden Rücksicht nehmen würde. Meine und viele andere Erfahrungen, die Juden in Deutschland seit 1945 machen, sprechen eine ganz andere Sprache und erzählen eine ganz andere Geschichte.

      • Dieses Konstrukt der angeblichen Rücksichtnahme ist in meinen Augen ebenfalls Ausdruck des strukturellen Antisemitismus. Es kommt ja immer im Zusammenhang mit solchen Fragen wie „wann darf man endlich wieder …“ oder steckt schon in der Frage selbst „ob es nicht nach 73 Jahren auch mal genug ist“. Da schwingt immer ein „nun habt Euch mal nicht so“ mit, und von da ist es nicht weit zu „das bildet Ihr Euch doch alles nur ein“. (Genau das klang auch bei dem Verleger durch, fehlte bloß noch die Behauptung, den Bühnenauftritt habe es nie gegeben und Polak alles nur geträumt.)

        Meine Erfahrung aus entsprechenden Gesprächen ist: Kratzt man bei denen, die mit der angeblichen Rücksichtnahme argumentieren, etwas am Lack, kommt noch mehr zum Vorschein. Auf was die Leute alles so kommen, wenn es um Juden geht, in der Tat.

  8. Die Ratschläge, die Ihre Grossmutter Ihnen gab, Ihnen aus ihrer Sicht geben musste, um Sie zu schützen, machen mir einen dicken Kloß im Hals.
    Ihre Grossmutter und so viele weitere Menschen haben unvorstellbar Schreckliches erlebt und ich bin immer wieder sprachlos angesichts dessen, was Menschen anderen Menschen angetan haben. Das darf niemals vergessen werden. Ich habe naiverweise immer gehofft, dass alle Menschen so denken, aber so ist es offensichtlich nicht. Vieles, was heute nicht nur in Deutschland passiert, macht mir Angst.

    Die besagte Kolumne habe ich gelesen und möchte dem Autor unterstellen (ich kenne ihn nicht und habe auch nichts anderes von ihm gelesen), dass er keine bösen Absichten hatte.
    „Es gibt nicht wenige, die finden, dass es 73 Jahre nach Kriegsende auch mal gut sein müsse mit der Rücksichtnahme.“
    Aus meiner Sicht versucht der Autor hier, die Denkweise von Anderen darzustellen. Inwieweit er einer der „nicht wenigen“ ist, bleibt unklar. Es wäre wünschenswert gewesen, er hätte seinen eigenen Standpunkt besser verdeutlicht.
    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich hier nicht schützend vor den Autor werfen, es ist nur mein Versuch, seinen Text zu verstehen und ihn nicht für etwas zu verurteilen, was er vielleicht gar nicht gemeint hat. Leider passiert das gerade hier im Internet ja viel zu häufig.

    • Ich habe nach dem ersten Lesen der Kolumne auch erst einmal nach dem Kontext suchen müssen, worum es genau geht, und dann den Text nochmals gelesen, um zu kapieren, worauf er eigentlich hinaus will.

      Ziemlich am Anfang der Kolumne heißt es:

      „Stellen wir die Frage etwas präziser: Darf man als Deutscher über Juden Witze machen? Schon schwieriger zu beantworten. Meine persönliche Meinung: Vielleicht ist dies ein Witzsektor, bei dem wir anderen den Vortritt lassen sollten.“

      Seiner Meinung nach sollte man das als [nicht-jüdischer] Deutscher also besser lassen. Und am Ende der Kolumne schreibt er:

      „Wer nur einen Bruchteil der Literatur über das „Dritte Reich“ gelesen hat, weiß, dass es die Deutschen verdient gehabt hätten, bis ins vierte Glied verflucht zu sein. Stattdessen hat die Weltgemeinschaft sie schon nach wenigen Jahren wieder gnädig in ihrer Mitte aufgenommen, mit der großzügigen Billigung der Israelis. Es ist eine vergleichsweise geringe Strafe, nicht das Erste herauszuplärren, was einem in den Kopf kommt, wenn man auf jemanden trifft, von dem man weiß, dass er Jude ist.“

      Ob die Formulierung „es ist eine vergleichsweise geringe Strafe“ passend ist, um ein Minimum an Anstand und Höflichkeit einzufordern – der Autor geht offenkundig (und leider zu Recht) davon aus, dass „nicht wenige“ nicht-jüdische Deutsche im Hinblick auf Juden eine Menge krudes Zeugs im Kopf hat – sei dahingestellt. Meiner Meinung nach ist sie es nicht, denn Anstand und Höflichkeit sind keine Strafe.

      Wie gesagt, ich mag den Verfasser genauso wenig wie Bauchweh.

    • Ich staune wirklich darüber wie sehr sie seine Frage berechtigt finden und ja wie sie in der Tat Erklärungsversuche finden für eine Kolumne, die so tut als müsse es endlich mal wieder eine Debatte darüber gegen, ob man nicht doch wieder Judenwitze wagen könne. Die Antwort, die er findet halte ich für sekundär, denn die Tatsache, dass diese Frage in einer der größten deutschen Zeitungen gestellt wird, spricht für sich.

      • Ich finde nicht seine Frage berechtigt, ob man über Juden Witze machen darf, zumal als nicht-jüdischer Deutscher, sondern die Frage „auf was normale Deutsche kommen, wenn sie einem Juden begegnen.“

        Da liegt doch der Hund begraben.

      • Mit anderen Worten: Mir ging es mit meiner Aussage „berechtigte Frage“ um den strukturellen Antisemitismus, mithin um das, vor dem Ihre Großmutter sich und später auch Sie mit ihren Verhaltensregeln zu schützen versuchte.

        Ich bitte darum, Fleischhauers Meinung nicht mit meiner zu verwechseln.

  9. Liebes Fräulein Read on, es ist sicher so, dass unsere Wahrnehmungen sich unterscheiden! Könnte es anders sein? Nie habe ich derart traumatische Erfahrungen machen müssen wie Sie, umso mehr habe ich immer Ihre Fähigkeit zur Liebe und Hilfe bewundert und anerkannt.
    Ganz bestimmt ist es nicht meine Absicht, Verletzungen oder Gefahren klein zu reden.

    Den Autor Feischhauer lese ich übrigens nicht, weil ich ihn für einen “guten“ Kolumnisten halte, ganz im Gegenteil bin ich zumeist ganz entgegengesetzter Meinung und habe ein anderes Weltbild.

  10. Danke meine Liebe, wie immer für Deine treffenden Worte. Ich möchte die Worte meiner Großtante ergänzen, die sich wohl sehr mit Deiner Großmutter verstanden hätte. Wissend hätten sie sich zugenickt und ich hätte ein „siehst Du, ich sage es Dir doch immer“ gehört. Tante E. hätte nun also ergänzt:

    Nimm nie das gute Geschirr, wenn Du Besuch hast.
    Kenne immer einen, der nimmt. (Der sich bestechen lässt)
    Stelle Dich immer hinten an, und lass am besten noch Menschen vor an Schlangen im Geschäft. Und suche stets ein Platz hinten auf den Gruppenfotos, damit Du nicht gesehen wirst.
    Sei besonders zurückhaltend, wenn Du einmal arbeiten wirst. Nimm die schlechtere Bezahlung auf niedrigeren Posten in Kauf.

    Und wieder hätte sie leise vor sich hin genickt. Über mein zum Glück so hell gewordenes Haar gestreichelt und gemurmelt „Gut, dass Du Dein Haar nicht von uns hast.“…

  11. Als ich mal wieder einem Besuch von außerhalb erklärte, warum es bei uns in München auf öffentlichem Gelände keine Stolpersteine gibt (weil einige Münchner Juden, allen voran die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, das nicht möchten), forderte der Besuch allen Ernstes: „Dann müssen die sich aber eine Alternative überlegen.“ Ich was so baff, dass ich nicht mehr als entgegnete als: „DIE müssen gar nichts.“
    (Die Lehren deiner Großmutter sind durch und durch bitter – und durch und durch nachvollziehbar.)

    • Das ist hier (in München) ein ganz besonderes Thema.
      Immer, wenn H.s z. B. in Berlin sind und auf Stolpersteine treffen, halten sie inne, lesen die Daten, denken an diese furchtbare Zeit ubnd fasse nneuen Mut, sich gegen antijüdischen Tendenzen zu stellen.
      Frau Knobloch, der Stadtrat, naja.
      Immerhin werden hier jetzt Dutzende Stolpersteine auf privatem Grund, aber auf Trottoirs, verlegt.

      • Es gibt aber nicht nur H.s die innehalten, sondern sehr viele die über die Stolpersteine trampeln, Sie herausbrechen, Sie beschmieren. Ein Großteil der Opferfamilien kann aus bekannten Gründen nicht dazu Stellung nehmen ob Ihnen diese Form des Gedenkens liegt und ich finde die Zugrifsrechte die Herr Demmig da ableitet problematisch.

  12. „Darf man als Deutscher über Juden Witze machen?“
    Nein, darf man nicht. Menschen mit Anstand grenzen keine Gruppe von Menschen aus und machen sie zum Ziel von Witzen. Weder Frauen, noch Juden, noch Behinderte, noch zu Große oder zu Kleine, weder Ossis noch Wessis, weder in Deutschland noch anderswo. Man darf es nicht, so einfach ist das. Und jede Kolumne zu diesem Thema zündelt und nimmt bewusst in Kauf, dass sie so verstanden werden kann, wie es der Autor gar nicht gemeint haben will. (Oder vielleicht doch?)

    • Im selben Medium erschien auch ein Debattenbeitrag von Arno Frank:

      Oliver Polak gegen Jan Böhmermann: Der Antisemitismus-Vorwurf
      Antisemitismus-Debatte um Böhmermann Den Gag wird man ja wohl noch machen dürfen – eben nicht!

      Jude von der Bühne, Hände desinfiziert: An einer Stand-Up-Einlage von Jan Böhmermann hat sich eine Debatte entzündet. Oliver Polak sieht die Szene als ein Symptom für Antisemitismus. Und das zu Recht.

      Die Geschichte mit Jan Böhmermann geht allerdings noch weiter, er war seither wieder auf Sendung. Wie die „Welt“ berichtete, quasselte er zwar von einem Skandal, nahm aber gerade nicht dazu Stellung, sondern brachte dann einen lahmen Gag. Und auch auf Twitter hatte er nicht viel dazu zu sagen.

      Böhmermanns lautes Schweigen zu den Antisemitismus-Vorwürfen

      Man darf nun gespannt sein, wie das ZDF damit umgeht – oder vielleicht auch nicht.

    • So sehe ich das auch! Jeder will mit Anstand und Respekt behandelt werden und hat auch jedes Recht dazu. Dabei spielt es meiner Meinung nach keine Rolle woran man glaubt, wie man aussieht oder wie man lebt.

  13. Ich habe gerade das Buch von Juna Grossmann zu Ende gelesen, da stoße ich hier auf Ihren Text und die vielen Kontinuitäten machen mich traurig und wütend, die Kontinuitäten zwischen Ihren Geschichten, denen Ihrer Großmutter, Ihres Vaters, von Juna Grossmann, ihrer Freund*innen und Bekannten – vielen verschiedenen jüdischen Menschen also. Und dann diese Kommentare , die versuchen zu verstehen, aber nicht die Betroffenen von offenem und subtilem Hass, Abwertung und Ausgrenzung, sondern immer immer wieder diejenigen, von denen das ausgeht. Dabei gilt: Diskriminierung bemisst sich nicht an der Absicht, sondern an der Wirkung. Und dahin muss auch unsere Aufmerksamkeit gehen.

    • Und dann diese Kommentare , die versuchen zu verstehen, aber nicht die Betroffenen von offenem und subtilem Hass, Abwertung und Ausgrenzung, sondern immer immer wieder diejenigen, von denen das ausgeht

      @ Clara: Seufz. Wenn Sie meinen, ich sei eine Fleischhauer-Versteherin oder gar Antisemiten-Versteherin, täuschen Sie sich. Vielleicht schauen wir nochmals, was ich tatsächlich geschrieben habe?

      In meinem ersten Kommentar (2.11., 9:55 pm) schrieb ich zu Mademoiselle Read Ons Posting, dass sich ihre Schilderung mit der Oliver Polaks Erfahrungen deckt, von denen er in seinem jüngsten Buch berichtet. Des Weiteren schrieb ich, dass Polak darin schildert, wie er von Jan Böhmermann, Serdar Somuncu und Klaas Heufer-Umlauf 2010 auf offener Bühne mehrfach beleidigt und übel diffamiert wurde. Ich verwies darauf, dass Polaks bisheriger Verlag KiWidas Buch nicht drucken wollte, obwohl er darin keine Namen nennt. KiWi veröffentlicht auch die Bücher von Böhmermann. Verleger Helge Malchow stellt sich also vor Böhmermann und gegen Polak, der die Zielscheibe dieser Häme und Ausgrenzung war. Ich verlinkte dazu einen Artikel von Stefan Niggemeier, der die Namen der drei nannte, die zuvor in der öffentlichen Debatte verschwiegen wurden. Niggemeier zitiert in dem Beitrag auch zwei Aussagen Malchows aus einem Interview mit der „Welt am Sonntag“, in dem Malchow Polak unter anderem „unseriöse Spielereien“ und „eine absolut gegenstandslose Unterstellung“ vorwarf.
      Über das Verhalten des Verlegers könnten wir auch mal sprechen, finden Sie nicht?

      Da ich bislang keine Gelegenheit hatte, Oliver Polaks Buch zu lesen, zitierte ich anschließend zwei Sätze aus Fleischhauers Kolumne und schrieb, dass seine Frage auf was normale Deutsche kommen, wenn sie einem Juden begegnen“ berechtigt. Es geht um strukturellen Antisemitismus.

      Mein zweiter Kommentar (3.11., 7:09 am) richtete sich explizit an Herrn Hauptschulblues, der die besagte Kolumne nicht fand. Ich nannte ihm das Medium, Autor und die Überschrift. Nebenbei machte ich darauf aufmerksam, dass es sich bei der Aussage „wie Juckreiz“ um einen O-Ton von Fleischhauer handelt. Mademoiselle Read On hatte das Zitat irrtümlich dem zitierten Psychoanalytiker zugeordnet (kann passieren, darf ich trotzdem richtig stellen). Des Weiteren schrieb ich, dass selbst eine etwaige Übersprungshandlung keine Entschuldigung für widerliches Benehmen ist. Muss ich Ihnen das tatsächlich nochmals eigens ausführen, Clara?

      Mein dritter Kommentar (3.11., 8:42 am) bezog sich auf Simones (3.11. 8:04 am). Ich habe mich nämlich gefragt, warum Fleischhauer nun meint, eine Debatte darüber führen zu müssen, ob man Witze über Juden machen darf. Also suchte ich nochmals und siehe da, in den Feuilletons liefen schon seit einer Woche allerlei Beiträge zu Polak und Böhmermann usw., das hatte ich nicht mitbekommen. Ich verlinkte in dem Kommentar nochmals den Artikel von Niggemeier. Denn Serdar Somuncu und Klaas Heufer-Umlauf sind nun auch keine Unbekannten, über die wird aber momentan weniger gesprochen. Somuncu moderiert die „Blaue Stunde“ im Radio 1 des RBB, am 21. Oktober sprach er über „Das Leben des Serdar S.“, also auch über seine Zeit auf der Bühne. Ob er in der Sendung auch jenen Auftritt im Jahr 2010 thematisierte, weiß ich nicht, ich habe mir den Podcast nicht heruntergeladen.

      Simone fand Fleischhauers Kolumne unklar, mir ging das ähnlich, darum zitierte ich ihr und mir zwei Passagen, auf die er wohl mit seinem verquasten Text hinaus wollte. Ich merkte dazu an, dass ich eine Formulierung unpassend finde, stimmte aber mit dem Autor insofern überein, indem ich schrieb dass „nicht wenige nicht-jüdische Deutsche im Hinblick auf Juden krudes Zeug im Kopf hat“.

      Finde ich seine Kolumne gelungen und die Frage in der Überschrift berechtigt? Nein.
      Bin ich der Meinung, dass wir über strukturellen Antisemitismus sprechen müssen? Ja.

      Das macht allerdings mehr Mühe, als ein paar Sätze für einen empathischen Kommentar hinzuschreiben (hätte ich auch vermocht – aber ist das dann wirklich eine Auseinandersetzung oder endet sie damit nur rasch?). Leider weiß ich auch keine Patentlösung, wie man Antisemitismus aus den Köpfen kriegt. Ich kann mich dem nur in meinem Umfeld entgegenstellen und immer wieder Diskussionen führen. Und das tue ich reichlich, seit vielen Jahren.

      • @arboretum
        Es ehrt Sie sehr, dass Sie sich hier um Erklärung bemühen, wenngleich ich meine, dass man Ihre und auch meinen Kommentar durchaus richtig verstehen kann.
        Es ist und bleibt wohl ein zu schwieriges, hochsensibles Thema, um sich dazu in ein paar wenigen Zeilen unmissverständlich zu äußern, weshalb ich für mich beschlossen habe, künftig darauf zu verzichten.

      • Dieses Blog versucht ja seit vielen Jahren viele Meinungen abzubilden. Ich lösche hier Kommentare fast nie- bis auf Morddrohungen- ich kann sehr viele Meinungen aushalten die ganz und gar nicht meiner entsprechen. Was ich eher unschön finde, ist das gschnappig anmutende: Dann werde ich auf Äußerungen verzichten. Das wäre mir als Letztes in den Sinn gekommen, aber ich wiederhole mich, es zeigt einmal mehr, dass man auch mit einem sehr offenen Verständnis von Bloggen und Kommentaren eigentlich auch nur alles falsch macht und das macht mich nach fünf Jahren nun auch etwas müde.

      • @arboretum
        Ich sage nicht, dass Sie „Fleischhauer-Versteher“ oder „Antisemitisus-Versteher“ sind. Mir ist nur aufgefallen, dass Sie nicht auf Mdm Read On’s Reaktionen auf Ihren Kommentar eingehen bzw. sich zu rechtfertigen versuchen und Ihre Perspektive in den Mittelpunkt rücken, statt Mdm Read On’s stehen zu lassen. Es wäre doch schön, wenn dafür zumindest auf ihrem Blog Platz wäre, oder?

      • @ Clara: Ach wissen Sie, es ist ja nicht so, dass ich hier erst seit vorgestern kommentiere. Ich nahm an, dass mich Mademoiselle inzwischen gut genug kennt und glaubte daher auch, mich nicht mehr zu der Frage erklären zu müssen, ob ich meine, es hätte seit 1945 in Deutschland eine besondere Rücksichtnahme gegenüber Juden gegeben (nein, bin ich nicht, war ich auch nie gewesen). Das Missverständnis hinsichtlich „berechtigte Frage“, das es nach meinem Dafürhalten zwischen ihr und mir gab, habe ich versucht zu klären, deshalb stimmt es auch nicht, dass ich nicht auf Read Ons Reaktionen auf meinen Kommentar eingegangen bin.

        Sehr wohl hatte ich aber nach Ihrem Vorwurf den Eindruck, mich Ihnen gegenüber rechtfertigen zu müssen. Daher stellte ich in meiner obigen Antwort an Sie meine Perspektive in den Mittelpunkt. Sie schreiben, dass ich stattdessen Mademoiselle Read Ons Perspektive hätte stehen lassen sollen. Wollen Sie mir damit etwa nahelegen, bei sensiblen oder/und schwierigen Themen auf Äußerungen zu verzichten?

    • @Read on:
      Wie Sie wissen, schätze ich Sie und Ihr Blog sehr und es würde mir sehr fehlen, wenn Sie hier nicht mehr schreiben würden.
      Auch habe ich die Möglichkeit zu kommentieren immer geschätzt und gern genutzt – wie andere Leser auch – und würde das auch künftig gerne tun.
      „Gschnappig“ zu sein ist nicht meine Art und mich zu bestimmten Themen nicht mehr äußern zu wollen ist eine persönliche Entscheidung, die weder in Ihnen noch in Ihrem Blog begründet ist.

  14. Ich kenne niemanden jüdischen Glaubens. Und wenn es so wäre, würde ich dieser Person ganz normal gegenübertreten, mich ganz normal mit ihr unterhalten. Warum sollte ich da Unterschiede machen? Ob Türke, Jude, Christ oder sonstwer – wir wohnen alle auf dieser Erde und es ist mir vollkommen egal, an was oder wen er glaubt, welche Hautfarbe er hat, wie groß seine Nase ist oder wie klein seine Augen.
    Ich kann diese Vorurteile nicht verstehen, ich werde sie nie begreifen.

  15. Danke, mit diesem Text ist alles zu dem Thema gesagt.
    Vielleicht halte ich diese Worte mal unter die eine oder die andere Nase, die sich über „meine“ Empfindlichkeiten, die ja wie Sie so treffend schreiben niemals ganz meine sein können, echauffiert. Wäre das recht?
    Natalie

  16. Ich habe mir diese Kolumne nun auch angeschaut. Sie ist hochgradig unausgegoren, um es vorsichtig auszudrücken. Der Schlußsatz „Es ist eine vergleichsweise geringe Strafe, nicht das Erste herauszuplärren, was einem in den Kopf kommt, wenn man auf jemanden trifft, von dem man weiß, dass er Jude ist“, empfinde ich gar als wirklich empörend.
    __________________________________

    Ein Wort noch zur Nase. Bei mir war es anders. Großmutter, die geliebte, forderte mich in meiner Kindheit mitunter auf, mit zwei Fingern das Näs’chen in die Mitte zu nehmen und mit ihnen, leichten Druck ausübend, hinabzufahren. Damit die Nase schmal bleibe …

    Doch nach außen – nie ein Wort …

  17. @clara: soll ich mich etwa angesprochen fühlen als jemand, der Menschen verstehen will, die Hass, Abwertung und Ausgrenzung verbreiten? Dagegen verwahre ich mich ganz entschieden und bitte Sie, doch genau zu lesen, was ich geschrieben habe. Sie werden doch nicht einen Satz finden, der das bestätigt!
    Ich habe mir allerdings die Mühe gemacht, sowohl Fleischhauer und auch Niggemeier genau zu lesen, um die Ausgangslage nachvollziehen zu können. Und habe diese Artikel tatsächlich in der Weise interpretiert, dass die Frage eigentlich war “was darf Satire bzw. darf Satire das?“ Das ist in meinen Augen ein sehr wichtiges und sehr schwieriges Thema, denn Satire lebt auch davon, Tabus zu berühren. Was der Autor Oliver Polak, an dessen Buch sich die Debatte entzündet hat, selbst offensiv genutzt hat.

    Mademoiselle Readons Bericht hat mich, wie ich in meinem ersten Kommentar schrieb, ganz sicher nicht weniger berührt als andere hier.

    • Meine Ausgangsfrage ist eine ganz andere, meine Debatte ist wirklich nicht, was darf Satire, sondern der Ausgangspunkt den Herr Fleischhauer und mit ihm viele Andere teilen, setzt voraus es hätte seit 1945 in Deutschland eine besondere Rücksichtnahme gegenüber Juden gegeben,ich teile diesen Standpunkt nicht, er ist ja prominent vertreten worden von Herrn Walser in der Paulskirche und vielen Anderen. Ich bin die Enkeltochter jener Juden, die einen unendlich hohen Preis bezahlt haben und bezahlen, um in Deutschland leben zu können.

      • Und es gehört sich nicht, absolut und überhaupt nicht, in einer wie auch immer gearteten Zeitungsdebatte/Debatte die Frage überhaupt zu stellen oder damit den Anstoß zum unbedenklichen Umgang damit zu geben. Das ist der Punkt. Das gebieten Historie, Anstand und Gewissen, falls man über die beiden letztgenannten Eigenschaften verfügen sollte.

      • Ich würde Herrn Fleischhauer, den ich nicht persönlich kenne, im Zweifel durchaus zugestehen, dass er Juden gegenüber eine besondere Rücksicht an den Tag legt. Nur folgt aus dieser Tatsache vielleicht etwas über die erhabenen Motive des Kolumnisten, aber eben rein gar nichts über die Realität jüdischen Lebens in Deutschland – ganz im Gegensatz übrigens zum Buch von Herrn Polak, das ja am Anfang dieser Kontroverse stand.

        Hätte er die Kolumne also besser gar nicht geschrieben? Vielleicht. Wer kann das schon abschließend beurteilen. Aber solange die Menschen noch miteinander reden (und Sie noch schreiben), ist nicht alle Hoffnung verloren!

  18. Vielleicht interessieren einige hier diese Sendungen am 6. u.7. Nov.2018 im Deutschlandfunk:
    NÄCHSTE SENDUNG: 07.11.2018 10:10 UHR
    Länderzeit
    Gegen Hass und Vorurteile
    Die Arbeit der Antisemitismusbeauftragten in den Bundesländern
    Am Mikrofon: Thekla Jahn

    ……………..
    Schwieriges Verhältnis von Juden und Muslimen in Europa
    Wer hat Angst vor dem Mann mit dem Bart?
    Von Daniel Cil Brecher

    Angst und Misstrauen beherrschen seit fast 20 Jahren das Verhältnis zwischen Juden und Moslems in europäischen Großstädten. Die einen sind wütend über die Behandlung von Palästinensern durch Israel, die anderen fühlen sich stellvertretend für den jüdischen Staat zu Zielscheiben von Hass und Gewalt gemacht.

    06.11.2018, 19:15 Uhr

    Hörertel.: 00800 – 4464 4464
    laenderzeit@deutschlandfunk.de

  19. Nach dem Gelesenen hier macht sich in mir Ratlosigkeit breit. Ich versuche zu verstehen. Bin selbst nächsten Fr an einer Gedenkfeier beteiligt, an welcher jüdischer Mitbürger unserer bayrischen Kleinstadt, die deportiert wurden erinnert werden soll mit Texten jüdischer Schriftsteller und Musik. Sollte so etwas unterbleiben? Meine Ansicht darüber ist/war bisher dass unsere Geschichte immer wieder ins Bewusstsein geholt werden sollte und kein Vergessen oder Verdrängen stattfinden sollte?

    • Ich bin weder gegen Gedenkfeiern noch Versuche die Geschichte wach zu halten. Wogegen ich bin ist die Übergriffigkeit und die Vereinahmung der Opfer für ganz eigene Interessen.
      Die Opfer und ihre Nachkommen haben auch ein Recht auf Trauer jenseits von Sonntagsreden und Beteuerungen.

      • Liebe readonmydear, danke für Ihre Rückmeldung. Übergriffigkeit und die Vereinnahmung der Opfer für eigene Interessen. Ja, da müssen wir Deutschen sehr wachsam sein. Manchmal ist der Aktionismus, der betrieben wird auch Ausdruck von Hilflosigkeit oder auch, um schlimme Gefühle nicht spüren zu müssen… Raum geben… Worte sind oft die Falschen…

      • Dem stimme ich ganz und gar zu und wünsche mir zutiefst, dass die unerträgliche Instrumentalisierung der Opfer zu fremd bestimmten Zwecken erkannt und beendet wird.

  20. Witze gehen immer gegen jemanden. Sie sollen erniedrigen. Nein, man macht keine Witze über jemanden. Man äußert sich nicht zu Körperteilen anderer Menschen. Es verletzt sie.
    Auch wenn sie lachen, es verletzt sie.
    Eine Freundin kannte die Familie Polak und hat mir ihre grausame Geschichte erzählt. Dass der Vater wieder an den Ort der Demütigung zurückkehrte, hat sie nie verstanden. Auch wenn ich den Humor von Oliver Polak oft nicht teilen kann, verstehe ich doch, was aus ihm heraus bricht.
    Und ob etwas verletzend ist, entscheidet das Ziel des Witzes, nicht der Witzeerzähler.
    Bitte schreib weiter, wir brauchen Deine Stimme.

  21. Vielleicht ist die Opfer-Täter-Debatte eigentlich die falsche. Es gibt das so etwas wie die Universelle Erklärung zu den Menschenrechte und das allgemeine Diskriminierungsverbot, egal gegen wen sich die Diskriminierung richtet. Rücksichtnahme ist in diesen politisch augheizten Zeiten hingegen immer gut.

    Wenn Juden Juden-Witze erzählen und sich selbst auf die Schippe nehmen – ich denke an Menschen wie Ephraim Kishon – ist das okay, und ich kann mitlachen, weil ich diese Art von Humor – ein Sich-Selbst-in-Frage stellen – mag. Ich muß selber keine erzählen. Ich muß auch keinen Polen-, Belgier- oder Ostfriesenwitze erzählen.

      • Dieses, Ihr Blog, ist für mich genau so ein Ort. Präziser: Ein Ort so einzigartig wie kein anderer. Wäre er nicht mehr, würde mir etwas ganz und äußerst essentielles fehlen.
        Ich danke von Herzen für all diese wichtige Poesie, Phantasie, die Denkanstösse und Wahrheiten, dem Leben – all dem, dem ich bisher hier begegnen durfte.
        Innige Grüße, Ev

  22. Pingback: Gegen das Vergessen und Leugnen – Raus aus der Affenfalle

  23. Bereits 1951 schrieb Hannah Arendt: „Wir können es uns nicht länger leisten, das, was in der Vergangenheit gut war, zu übernehmen und einfach als unser Erbe zu bezeichnen, das Böse dagegen zu verwerfen und als tote Last zu begreifen…“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

  24. Danke, für deinen klugen Text.
    Woher kommt eigentlich diese Verlangen, Juden-Witze machen zu „dürfen“?
    Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er Witze über Juden, Blondinen, Polen oder Schwaben macht? Gibt das ein Gefühl von Erhabenheit, Überlegenheit? Die anderen, ja… aber ich bin ja nicht so und deswegen kann ich mich über sie lustig machen. Und gleichzeitig wird impliziert das andere Aussehen, die andere Nationalität oder Religion sei minderwertig.
    Was hat das mit Humor zu tun?
    Für mich ist das auf einem ähnlichen Niveau wie all die Youtube-Videos, in denen Menschen sich bei Missgeschicken verletzen, wobei natürlich der spezifische Kontext jeweils sehr unterschiedlich ist.
    Ich bin Arzt, und kenne die in derartigen Videos bloßgestellten Menschen danach – wenn sie im Schockraum-CT liegen, wenn sie sich zurück kämpfen in ihr Leben, in Alltag. Und deswegen schmerzt es mich, solche Videos zu schauen aber auch Bekannte dabei zu beobachten, wie sie solche Videos schauen.
    Und genauso empfinde ich Schmerz bei oben genannten Witzen.
    Der einzge Mensch, über den ich Witze mache, bin ich selbst (und dann hat das manchmal auch einen selbstverletzenden Aspekt).
    Keine Judenwitze zu machen sollte nicht Rücksichtnahme sein, sondern aus der inneren Überzeugung heraus kommen, dass man es als Person nicht nötig hat, auf Kosten anderer zu lachen, da man weiß, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist.
    Ohne das Verhalten rechtfertigen zu wollen (eher, um einen Erklärungsversuch für mich selbst zu finden, wobei ich dann immer wieder auch den Eindruck habe, mir selbst etwas vorzumachen. Aber ich habe auf Nachfrage noch keine fundierte Antwort erhalten): Vielleicht beruht ein Teil dieses heutigen „Bedürfnisses“ Judenwitze machen zu „dürfen“ auch auf der (traurigen) Tatsache, dass für viele Deutsche der Begriff „Jude“ etwas abstraktes geworden ist, unterfüttert mit Vorurteilen und Neid (basierend auf Vorurteilen und Unkenntniss).

  25. Liebe Readon, nun auch von mir die Bitte, nicht aufzugeben. Weder die Hoffnung, noch Blog oder Stellungnahme. Ich bin sehr dankbar für Ihre Sicht, Ihre Gedanken und Worte. Ich hoffe, das klingt und ist nun nicht schon wieder selbstbezogen. Ich wünschte, dass die Veröffentlichung Ihrer Texte auch Ihnen hilft, ein Ventil und in Rückmeldungen Rückhalt zu finden.
    Es ist sehr komische Zeiten, die drohen, düster zu werden. Was können wir tun? Bis ich letztes Jahr Ihren Text zu und über die Stolpersteine las war ich so naiv, diese für eine sehr gute Idee zu halten. Ihr Bild des erneuten Mit-Füßen-Treten der Namen hat mich geschockt und ich bin beschämt, dass mir diese Sichtweise der Betroffenen nicht von alleine ein/aufgefallen ist. Seitdem denke an jedem, an dem ich vorbeikomme, auch an Sie. Wie kann man sich verhalten? Wie denken, was ist zu tun? Das können wir doch mit am besten über den Dialog finden und für diesen bin ich ganz besonders Ihnen sehr dankbar. Gleichwohl verstehe ich Ihre ‚Müdigkeit‘. Bitte bleiben Sie uns gewogen. Mit den allerbesten Wünschen, von Herzen

  26. @joriste
    Sie sind “beschämt, dass mir diese Sichtweise der Betroffenen nicht von alleine ein/aufgefallen ist“.

    Dazu ist zu sagen, dass es eben keine einhellige Sichtweise der Betroffenen gibt! Die meisten der prominenten Vertreter deutscher Juden stehen hinter dieser Art des Gedenkens. Frau Knobloch in München jedoch, und das ist ihr selbstverständlich unbenommen, ist eine vehemente Gegnerin, und von ihr kommt auch das Argument der Verschmutzung und mit Füssentretens. Es gibt eben wie in fast allen Fragen unterschiedliche Auffassungen und ein Für und Wider!
    Ich selbst habe mich mit der ursprünglich künstlerischen Aktion Demnigs, die enorme Dimensionen angenommen hat, befasst und stehe ihr positiv gegenüber. Diese Art eines ganzjährig stattfindenden und wie ich meine, nicht vereinnahmenden Gedenkens, erscheint mir sinnvoll. Das Grauen der Vernichtung ist doch passiert in unserer Mitte, der Nachbarschaft, dem Stadtteil, der Kleinstadt, dem Dorf. Die Mahnung und das Erinnern genau an dieser Stelle ist m.E. besonders eindringlich. Und zeigt außerdem auf, wie verlogen behauptet wird, man habe nichts davon gewusst.

    Und ich weiß aus meiner Stadt Hamburg, dass manche noch lebende Angehörige weite Reisen auf sich genommen haben, um an der Verlegung eines Steines teilzunehmen. Für diese ist es ein gutes Gefühl, dass ihre ermordeten Toten mit Namen und Daten geehrt und aus der Unsichtbarkeit geholt werden.

  27. Fräulein Readon, das tut mir wirklich sehr leid. Und! Vielen Dank für Ihre Perspektive. In einer besseren Welt, stelle ich mir vor, hätte ich vielleicht durch schieren Zufall ein dutzend deutscher jüdischer Freunde*, die mir längst ganz viel davon erzählt hätten, wie es so ist, Jude zu sein und ich hätte vielleicht mal zum Shabbat vorbeikommen gedurft.

    Es gibt viel, dass mich an der deutschen „Erinnerungskultur“ (I know, wurks) irritiert und bekümmert und Sie haben mich mit Ihrem Text darauf aufmerksam gemacht, dass da noch ganz andere Dinge im Argen liegen, die ich mir gar nicht vorstellen kann und die mich traurig machen.

  28. @Trulla: eben genau darum geht es mir. Readons Stimme ist für mich deshalb wichtig, weil sie ihre Gedanken, Positionen und Erlebnisse niederschreibt, die ich sonst möglicherweise (obwohl ich mich für informiert hielt/halte) nicht erfahren hätte. Dafür möchte ich ihr danken und sie ermutigen, dies weiter zu tun.

  29. Danke @Jakob „Keine Judenwitze zu machen sollte nicht Rücksichtnahme sein, sondern aus der inneren Überzeugung heraus kommen, dass man es als Person nicht nötig hat, auf Kosten anderer zu lachen, da man weiß, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist.“
    Und Danke @de Chareli „Universelle Erklärung zu den Menschenrechte und das allgemeine Diskriminierungsverbot“
    Das ist für mich die Quintessenz, dass wir Menschen egal welcher Hautfarbe, Religion, Nationalität, Geschlecht etc. als wertvoll und gleichwertig sehen und es deshalb nicht nötig haben, uns selbst durch Herabsetzung anderer „aufzuwerten“.

  30. Ihr Beitrag stimmt mich sehr nachdenklich. Lange hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass wir über so etwas in Deutschland noch einmal diskutieren müssen. Und doch ist es so gekommen. Für mich als Tochter eines Mannes, der die Zeit des Nationalsozialismus als junger Mensch erlebt hat und den diese Zeit bis heute verfolgt, ein großer Schmerz, denn ich verstehe nicht, wie sorglos und scheinbar unbedacht über Themen wie Witze über Menschen jüdischen Glaubens gesprochen wird. Ihr Beitrag rüttelt wach! Daher ist er wichtig, egal, wie die Reaktionen ausfallen.
    Mein Vater, 89 Jahre, bekommt noch heute Tränen in die Augen, wenn er über die Zeit des Nationalsozialismus spricht. Es verfolgt ihn, dass er als Kind damals nichts getan hat, um dem Entgegenzutreten, wogegen er bis heute so entschieden ist. Für ihn ist es unvorstellbar, wie Menschen die Gräuel der damaligen Zeit vergessen und beschönigen können. Vor einigen Wochen ist er in seinem Viertel losgegangen und hat sich vor jedem Haus, vor dem ein Stolperstein liegt, auf den Boden gekniet und ihn blank geputzt. Auch wenn man über die Symbolik der Steine streiten kann – diese Demut wünsche ich uns allen, damit wir der Verharmlosung schon im Kleinsten so entgegentreten, wie es nötig ist.

  31. Liebes Fräulein Read On, ich habe Sie vor einigen Wochen entdeckt und habe mich seitdem kreuz und quer durch Ihren Blog gelesen. Sie haben für mich jüdisches Leben in Deutschland (und darüber hinaus) das erste Mal wirklich „sichtbar“ gemacht, es gibt so viele Texte „über“ in der Schule zu lesen und so wenig „von“. Und jetzt stellen Sie sich die Frage, ob das alles so richtig ist, mit dem Blog. Darum möchte ich mich als eigentlich stille Leserin bei Ihnen bedanken, denn sie haben mich so oft zum Nachdenken gebracht.

    Nach diesem Text zum Beispiel fiel mir sofort Folgendes ein: Eines Tages kam ein neuer Junge in unsere Schulklasse, T. „Das ist T. und er ist jüdisch“, sagte unser Lehrer. Alle starrten T. an, der verlegen vor der Klasse stand. Warum hatte der Lehrer das so betont? Ich weiß es nicht. Es wurde nie wieder thematisiert, wie ein Tabu. Jetzt frage ich mich, wie oft T. still hielt, versuchte, nicht aufzufallen? War er wirklich so schüchtern? Wie viele dumme Sprüche musste er sich auf dem Schulfhof anhören? Wie viel haben wir Mitschüler und die Lehrer einfach überhört, bewusst oder unbewusst?
    Wie schwer muss es sein, stillzuhalten, wenn im Geschichtsunterricht alle zu einem herüber schielen? Wenn es immer wieder Diskussionen gibt darüber, ob Witze gemacht werden dürfen oder nicht, als wäre das überhaupt eine Frage, die „endlich mal“ gestellt werden müsste?

    Danke, dass Sie nicht stillhalten.

  32. Ich finde es immer wieder erschütternd wie krass Juden in Deutschland behandelt werden. Sei es Gastronomen, die telefonisch beschimpft werden, Menschen denen die Kippa vom Kopf gefegt wird oder Kinder die bedroht werden.

    Da frag ich mich immer, was in solchen Menschen vorgeht. Wie de-humanisiert muss man sein um so zu agieren? Und wieso wird gerade den Juden keine eigene Meinung eingeräumt? Bei jedem anderen, der sagen würde „Das ist blöd, das möchte ich nicht so.“ würde man sagen „Okay, dann lassen wir es“, aber bei Juden nicht. Sehr komisch alles.

  33. Liebe Read on, nehmen Sie an dem u.a. Kongress teil?
    „Junge Juden debattieren über ihre Zukunft in Deutschland
    Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 treffen sich junge Juden aus Deutschland zu einem Zukunftskongress in Berlin. Die junge Generation will das Land mitgestalten – „weil ich hier leben will…“

    http://www.migazin.de/2018/11/06/kongress-junge-juden-zukunft-deutschland/?utm_source=wysija&utm_medium=email&utm_campaign=MiGAZIN+Newsletter

  34. Pingback: Zuckersüß 310 | Zuckerbäckerei

  35. Ich habe den Artikel nicht gelesen und will es auch nicht.

    Jude, Christ, Moslem, …. Wir reden doch im Kern über verschiedene Religionen, richtig?
    Das hat doch nichts mit dem Geburtsland zu tun, richtig?
    Ich kann mit dunkelbrauner Haut und Mandelaugen oder mit heller Haut und blauen Augen jeder Art von Religion angehören, richtig?
    Und egal in welchem Land ich wohne (extreme Ausnahmen gibt es sicher… interessant! Da kenn ich mich nicht aus!), gibt es doch da auch andere Menschen mit meinem Glauben, richtig?

    Ich finde jeden Glauben „normal“ (wenn er nat. nicht irgendwie entartet ist, ihr wisst schon, was ich meine). Besonders das Judentum. Und meine Religion, natürlich. 😉
    Und Ich kann ein deutscher Jude sein, der hier in der zweiten Generation aus Afrika, Amerika oder Weißgottwo lebt. Das ist erstmal so egal, wie ein norwegischer Christ, der hier in der ersten Generation lebt oder ein kanadischer Moslem. Hindu. Buddhist.
    Religion ist doch nicht ein Land, richtig?
    Aber:
    Da gibt es die Geschichte.
    Und so viel Empathie ich auch aufbringen kann, es gelingt mir nicht das grauenvolle Geschehene nachzuvollziehen. Das hätte niemals geschehen dürfen, richtig? Unvorstellbar. In der Zeit, als meine Eltern Kinder waren. Alle wussten davon. Überall. Unvorstellbar!
    Das ist nur einer Religion „passiert“ und das ist als Mahnmal an uns alle unerschütterlich in der Geschichte verankert. Und in der Erinnerung der Menschen und in ihren Gefühlen. Wir sprechen über Religion.

    Und dann sprechen wir über Witze.
    Da gibt es jeeeeeeeede Menge schlechter und ein paar gute. (gut – schlecht – hachja …)
    Auf die Kosten von allen, sicherlich. Eventuell sind hier Blondinen bevorzugt. Ich weiß es nicht, ist mir auch egal.

    Aber hier sollte eben der gesunde Menschenverstand und die Realität doch endlich mal greifen.
    Und der Geschichtsunterricht.

    Falls irgendjemand in meinem Umfeld mit: „Ich hab da einen Judenwitz…“ oder „Weißt du warum Moslems …“ oder „Wie unterscheidet man einen katholischen Priester von einem …“ anfängt:
    Ganz ehrlich: dann höre ich mir den Witz erstmal an.
    Und dann entscheide ich.
    Ich hab schon ein paar echt gute „jüdische“ Witze von Juden gehört, noch nie einen guten über/ mit Christen und Moslems und so weiter.
    Leider kann ich mir keinen merken – bis ich die Pointe höre.

    Liebes Fräulein Read on.
    Ich bin ganz ihrer Meinung.
    Die Realität ist hier für Juden eine ernste Angelegenheit.
    Das ist ein sehr philosophischer Satz für jedermann. Jeden Tag.

    Die Religion ist leider für viele Menschen eine überaus ernste und mit negativen Emotionen beladene Angelegenheit. Und das ist ein Witz, weil genau so, sollte keinerlei Religion wirken. Das war sicherlich niemals „im Sinne des Erfinders“.

    Und wenn der „Witz“ nicht lustig ist, sondern verletzend dann kann man das sagen.
    Man muss sich dann eben genau so diesbezüglich wehren.

    PS: Ein Teil von mir wünscht sich jetzt dringend einen guten Witz. Vielleicht: Treffen sich eine Eintagsfliege und ein Mensch, …

  36. Es ist einfach der pure Wahnsinn was gerade wieder passiert.
    Und um zu verstehen, wie es dem Anderen geht braucht man das Erzählen. Denn man steckt nicht in des Anderen Haut und so versteh auf jeden Fall ich ein Stückchen mehr und ein Stückchen besser.
    Danke für Ihr Stückchen Leben teilen mit uns.
    Und ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nah, ich möchte aber gern sagen das es mir so sehr leid tut.
    Es klingt so flach und es kann nichts wieder gut machen, das weiss ich, bitte nicht falsch verstehen.
    Herzliche Grüße von Andrea Schmidt

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