Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

16 thoughts on “Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

  1. Wie heißt doch das Sprichwort: Sei freundlich im Leben, dann bekommst du ein Kälbchenportrait oder war es Dunkle irische Krämerinnenseelen werden auch mit roten Markisen nicht pittoresker 🙂

  2. Das ist tatsächlich bitter für die Krämerin, gleichwohl Sie sicher nie einsehen wird, dass Sie mit ihrem Verhalten und ihren Äußerungen selbst dafür gesorgt hat, dass es kein Portrait von ihr geben wird. Die Gute scheint eine Menge vorgefertigte Wahrheiten parat zu haben und Selbstzweifel sind ihr scheinbar völlig fremd. Kein seltenes Phänomen, leider. Es ist ja auch einfach und bequem, wenn immer die anderen Schuld haben.
    Gut, dass der Künstler weiß, wie man mit Krämersgattinnen umgehen muss 😉

  3. Uaaaah – ich sehe sie direkt vor mir, diese bittere Frau mit scharfen Falten in den Mundwinkeln und noch schärferen Drahthaaren auf der Zunge, für die jeder einzelne Tag, jede Minute, jede Sekunde eine einzige persönliche Beleidigung zu sein deucht. In meiner Phantasie sieht sie aus wie die Meerhexe Ursula und die wiederum wie die kettenrauchende Bürovorsteherin in den viel zu engen Lochmaschenoberteilen, deren Existenz ich zum Glück schon vor vielen Jahren hinter mir lassen konnte.
    Kälbchen ist ohne Zweifel nicht nur malerisch eine sehr viel bessere Muse!

    • Die Frau des Krämers ist eine Frau mit vielen Seiten und besonders gefällt mir ihre Assoziation mit der Meerhexe Ursula. Chrchrchr…Ob Kälbchen als Muse taugt wird sich wohl bald herausstellen….

    • So es denn etwas wird, will ich es bestimmt hier zeigen. Ich kann mir allerdings noch nicht recht vorstellen, wie Kälbchen zum Porträt sitzen überredet werden kann.

  4. Bleibt zu hoffen, dass der englische Künstler, wenn er schon keine Ideen hat, zumindest etwas Maltechnik beherrscht. Nicht, dass das Potrait von Kälbchen am Ende viel mehr der Frau des Krämers ähnelt.

  5. Tja, das Leiden der Krämerin, welches da heißt: Schuld sind immer die anderen, besonders natürlich
    das Fräulein. Schenken Sie doch der Frau des Krämers ein Pillendöschen mit genau dieser Aufschrift und wer weiß, vielleicht können Sie uns dann vom Wunder einer Spontanheilung berichten 🙂

    • Da bin ich mir noch nicht so sicher, Kälbchen ist ja nicht gerade für seine Kooperation bekannt und ich sehe schon den Künstler mit seiner Staffelei fliehen….

      • 🙂 Nunja, ich meinte eher das theoretische Kälbchen im Vergleich zur gegenerischen Partei. In diesem Fall könnte man sicher von Kälbchens einmaliger Kooperation geradzu verwirrt und entzückt sein!

  6. Ich finde es bewundernswert, dass Sie immer noch dort einkaufen. Was für eine böse Frau! Obwohl… für Nussschokolade und Stilton würde ich wohl auch einiges auf mich nehmen. 😉

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