Unter den Ärmeln

Am Dienstag Abend spät ist es da schon, im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Irland da erinnere ich mich wieder an jenen Satz den ich vor Jahren einmal auf einer Konferenz hörte: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Unsinnig kam mir der Satz damals vor, noch dazu auf jener Konferenz auf der es um nichts anders ging als die Offensichtlichkeit, dass Menschen vielerorts hungern und zwar so hungern, dass man nicht erst ihre Handgelenke besehen muss, um sich dessen gewahr zu werden. Menschen hungern. Punkt. Das dachte ich damals und ich verwarf den Satz als eine Überflüssigkeit. Ich war jung damals und hochnäsig wohl auch, denn mir schien der Satz pure Verschwendung.

Aber so viele Jahre später holt der Satz mich dann doch ein. Im Flugzeug nämlich sehe ich aus dem Fenster, unter mir verschwindet die Stadt Berlin und wir fliegen hoch und höher in die Dunkelheit hinein. Der Tierarzt neben mir schläft, tief fällt ihm das Haar and die Stirn und sein Kinn liegt dort wo mein Ohr beginnt. Der Tierarzt atmet ganz leise und ich zähle mit. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und wieder von vorn. Dann sehe ich auf seine Handgelenke. Seine Handgelenke sind dünn, aber das ist nicht neu, das weiß ich doch, aber dann fällt mir etwas auf, was ich nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte, dass ist ja oft ein und dasselbe. Seine Handgelenke sind so dünn, dass die Haut die Knochen nicht mehr hält und die Haut über den Handgelenken ist so dünn, so dünnes Pergamentpapier, dass sein Hemd sich durch die Haut scheuert und die Knochen sich durch die Haut drücken. Blutige Ringe hat der Tierarzt, wo andere Menschen und vielleicht auch Sie und ich Handgelenke haben. So kommt der Satz zu mir zurück in dem dunklen Flugzeug in dem zwei Frauen Gin trinken, ein Mann ein Buch von Idriss Aberkane liest und eine andere Frau den Verlust ihres linken Fingernagels beklagt. Sie sagt zu ihrer Freundin: „Ich habe ihn mir so lange heran gezüchtet und jetzt ist er einfach abgebrochen.“ Sie spricht über ihren Fingernagel wie über einen lange verlorenen Freund. Ihre Freundin will sie trösten, aber sie und ihr Verlust wollen nicht getröstet sein. Der Tierarzt schläft und ich starre auf seine Handgelenke und dann fällt er mir wieder ein jener Satz: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Man entkommt einem Satz nicht einfach so.

Kurz vor der Landung wacht der Tierarzt auf. „Alles gut?“, sagt er und ich nicke und packe mein Buch ein, suche mein Tuch, dann den Mantel, sehe nach ob der Hausschlüssel wirklich in der Tasche ist. „Komm“, sagt der Tierarzt und hält mir die Hand hin und wir gehen aus dem Flughafen heraus und suchen auf dem Parkplatz nach dem Volvo. „Fahr Du, sagt der Tierarzt, ich bin so müde.“ Das ist der Hunger, der Hunger lacht und der Hunger schläft nie. Ich fahre durch die dunklen Straßen, Wald, Kurven, dann das Meer, schließlich die Dörfer, endlich dann unser Dorf. Erst Unterland, dann vorbei am Kirchturm St Sylvester. Motor aus.

Das luggage holdall, ein Rucksack, meine Tasche. Die Katze liegt auf dem Fensterbrett, der Tierarzt umarmt den Hund, ich trinke ein Glas Wasser. „Es ist schon spät“, sagt der Tierarzt. „Ich habe Deine Handgelenke gesehen“, sage ich. Ich fange nicht an zu schreien. Ich schreie nie. Aber der Hunger hörte ohnehin nicht zu. Ich sage nicht mehr: „Warum muss das so sein?“ Denn es ist ja schon vier Jahrzehnte so. Der Tierarzt sagt: „Es tut mir leid.“ „Du solltest das nicht sehen.“ Ich hole den Verbandskasten und der Tierarzt nickt. Dann trägt der Hunger Mullbinden um die Handgelenke und ich gehe ins Bad. Es ist ja schon spät. Vor dem Fenster da rauscht das Meer und manchmal dachte ich, das Meer wäre lauter als der Hunger, aber ich hätte besser zuhören müssen auf jener Konferenz damals als mir der Hunger zu offensichtlich schien, als das ich auf Handgelenke geachtet hätte. Der Hunger zieht einen hinein, der Hunger macht einen, macht auch mich zum Komplizen, der Hunger schläft nie, er ist wach, er frisst sich durch die Knochen, die Haut, durch die Vorhänge, die dunkle Nacht im Zimmer.

Der Tierarzt wickelt eine Hand in mein Haar. Aber der Hunger tobt auch unter meinen Haaren und seinen Händen weiter. Ich denke an die all Jahre, in denen ich in Indien mit dem Hunger rang, nur um neben dem Hunger im Bett zu liegen, die Ironie des Hungers ist grenzenlos. „Du kannst gehen Mädchen“, sagt der Tierarzt mit den Händen in meinem Haar.“ „Nein Tierarzt“, sage ich und drehe mich zu ihm um, „der Hunger allein ist nicht genug.“ Ganz still liegt der Tierarzt und wer weiß vielleicht gibt für eine Nacht, der Hunger noch einmal nach. „Lassen Sie sich vom Hunger nicht täuschen“, sagte der Dozent damals auf jener Konferenz, den Kopf habe ich geschüttelt damals und dann hat der Hunger mich doch getäuscht, gut versteckt unter den Hemdsärmeln, Manschettenknöpfen an den Handgelenken, Wollpullovern und Leinenhemden.

Den Hunger sieht man an den Handgelenken.

26 thoughts on “Unter den Ärmeln

  1. Das ist schwer auszuhalten. Ich hoffe, der Tierarzt findet bald eine Klinik, eine Therapie, eine Möglichkeit, sein Leben anders zu gestalten. Bevor noch mehr kaputt geht.

  2. Ja, mensch sieht den Hunger den Handgelenken, leider und wahr. Vor ein paar Tagen traf ich eine Frau im Zug, mit der ich einst befreundet war. Nicht nur die Handgelenke, die ich sah, auch ihr Gesicht ist gelblich Pergament. Sie saß im Daunemantel da, ich kutzärmlig. Ihnen beiden wünsche ich einen guten Weg.

  3. Ach, Sie zwei Liebenden, Leidenden. Ich umarme Sie in Gedanken an die Zähne, die ich vor meinem inneren Auge sehe, die vom Hunger sprachen. Einem Hunger, den all das feine Essen, die schönen Kleider, der Reichtum und die Welt, die ihnen offen standen, nicht stillen konnte.
    Ich wünsche so sehr, dass ein freidvolles Leben Sie beide voller Freude umarmen und festhalten möge.

  4. Sehr traurig, man spürt, wie stark ihr Dilemma ist. Ihm nicht helfen zu können und zu sehen wie er fast verhungert muss furchtbar sein. Und bei ihren Erfahrungen mit den Schwangeren in Indien, welche von einer Banana leben mussten grotesk.
    Aber so sind wir Menschen 😢

  5. Das Herz tut einem da weh, wenn man das liest. Ich wünsche Ihnen und dem Tierarzt alles Glück dieser Welt und dass der Hunger sich verzieht und der Tierarzt mit Freude zu essen beginnt.

    Herzliche Grüsse
    Clara

  6. Es ist kaum vorstellbar, das Leiden des Tierarztes. Und Sie, die ihn lieben, Sie leiden mit ihm. Welche Kraft Sie beide das kosten muss. Ich wünsche ihm, dass er professionelle Hilfe bekommt und diese auch annehmen kann (Sie lieben ihn, aber vielleicht schaffen Sie das nicht allein).
    Ich umarme Sie, über das Meer und alle Sorgen hinweg.

  7. Nachdem dem Tierarzt ja bewusst ist, dass er ein Problem hat – kann man ihn nicht zu einer Therapie/Rhea bewegen?
    Oder wurde das so und so längst versucht?

    Er soll nicht einfach verschwinden. Verschwinden ist sehr doof…

  8. Es macht mich so traurig zu lesen, wie sehr der Tierarzt leidet und sie mit. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und dem Tierarzt Heilung. Möge er sich dem Hunger nicht ausliefern.

  9. Hochtraurig den Hunger an den Handgelenken zu sehen und in Hungeraugen zu schauen.
    Ach, ach, welch ein Unglück, wenn Mensch hungert und nicht das findet, was satt macht.

  10. Oh, wie kann man Ihnen helfen? Ich habe 2 meiner Schüler jahrelang damit begleitet. Es ist ein nicht hoffnungsloser Weg, aber sehr, sehr schwer zu gehen…Ach! Im Moent einfach nur ACH!Sunni

  11. Sie sind doch jetzt schon einige Zeit mit dem Tierarzt zusammen und wenn ich allein die Köstlichkeiten zusammenrechne, die Sie vor hohen Feiertagen gekocht und gebacken haben, dann müsste der Tierarzt doch adipös sein, wenn er auch nur etwas probiert hat.
    Die Frau des Krämers zerreißt sich wahrscheinlich das Mundwerk, dass es bei Ihnen nicht ausreichend Essen gibt.
    Nicht falsch verstehen, aber manchmal sind Ihre Geschichten so traurig, dass nur schwarzer Humor hilft. Zumindest mir. Gute Besserung für den Tierarzt und alle anderen Betroffenen.

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