Ein Sommer am Anfang eines neuen Jahrhunderts am Starnberger See

Es gibt Bücher, nach denen man sucht, Bücher, die man nie findet und dann gibt es Bücher, die fallen einem zu, wenn man eilig nur auf einen Sprung in den Buchladen eilt und ohne langes Überlegen und Nachfragen nimmt man das Buch mit. Auf einer Bahnfahrt wohlmöglich durch lichte Wiesen und helle Wälder und einem schimmernden See nimmt man das Buch dann zur Hand. So jedenfalls geht es mir manchmal und so ging es mir mit diesem Buch, dessen Titel Keyserlings Geheimnis bestenfalls etwas andeutet, wie auch der Frühling ja manchmal schon etwas vom Sommer hat.

Das Buch beginnt weiter im Süden als meine Fahrt. Der Starnberger See spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Aber der einzige See ist es nicht, denn das Buch flirrt wie die Libellen über das Schilf zwischen Orten und Lebensabschnitten umher. Eduard von Keyserling nämlich ist Zeit seines Lebens nicht beständig an einem Ort verhaftet geblieben, sondern von den kurländischen Seen seiner Kindheit, über Dorpat und Wien, lebt er schließlich in München, um im Sommer 1901 mit Max Halbe, Lovis Corinth und dessen Freundin Charlotte Berend, einige Wochen in Bernried zu verleben. Eine Sommerfrische ganz am Anfang des neuen Jahrhunderts. Es ist ein Jahrhundert noch in den Kinderschuhen und bis Auf Eduard von Keyserling sind noch alle am Anfang. Klaus Modick gelingt die vielleicht schönste Spitze der Literaturgeschichte gegen Thomas Mann, Frank Wedekind ist noch kein Berliner Skandalautor und Lovis Corinth noch nicht Alma Mahler verfallen, Max Halbe glaubt noch ihm würde das neue Jahrhundert gehören, doch obwohl er 43 Jahre später von Adolf Hitler auf die Liste der g*tt
begnadeten Schriftsteller berufen wurde, vergaß ihn das Jahrhundert schon bald darauf. Aber in diesem Sommer da las Max Halbe lauter vor als alle anderen, Charlotte Berend schwamm im See,Frank Wedekind trank Champagner und man stritt und vertrug sich wieder und Lovis Corinth schließlich begann Eduard von Keyserling zu malen. In jenem Sommer war Keyserling wie so viele Männer seiner Generation schon von der Syphilis gezeichnet und sollte schließlich erblinden. Aber in diesem Sommer sind die Farben noch einmal hell und alles ist Glanz und Gold und die Welt ist rosa und flieder und der Sommer ist so lang als wolle er nie vergehen.

Ein leichtes Buch ist es, ein Buch mit Erinnerungen an die Jugend in Kurland, an eine große Affäre und eine mittlere Intrige, die sich vielleicht wirklich so zugetragen hat zwischen dem Studenten der Jurisprudenz und Ada von Cray, aber wer weiß vielleicht ist alles ganz anders gewesen. Geld verschwindet und taucht doch wieder auf, ein Dose mit Initialen ist nicht ganz ohne Bedeutung, ein Vater stirbt, ein Spazierstock erzählt eine ganz eigene Geschichte und wie alle Geschichten lässt die Vergangenheit den Dichter nicht los. Die Jahre in Wien haben Spuren hinterlassen, die auch der Wermut nicht mehr auslöschen kann und schließlich taucht die Vergangenheit selbst in Starnberg auf, wo am Ufer des Sees nicht nur Forellen geräuchert, sondern auch die Sommerfrischler unterhalten werden wollen und so spielt man erst Karten und trifft dann eine Sängerin wieder, die sich erst in der Garderobe offenbart. Gerächt wird niemand, der Sommer ist zu schön selbst für langgehegten Groll, das Leben ist so oder so weitergegangen und wie der Dichter weiß, für alles gibt es eine Korrektur nur für das Leben nicht und wieder geht man auseinander. Endlich ist auch das Bild des Dichters fertig. „So aussehen möchte man aber nicht“, findet von Keyserling und das Bild  kann man sich noch immer, noch heute in der Neuen Pinakothek in München besehen.

Etwas abrupt endet der Sommer, man hätte gern noch mehr über jenen Sommer am See gewusst und wundert sich auf der letzten Seite doch, ob nicht Frank Wedekind doch noch für ein paar Wochen in die Mansarde zog, von Keyserling Charlotte küsste und Max Halbe sein neues Drama wohl zu Ende brachte, aber das erfahren wir nicht und vielleicht ist das Wundern allein schon genug und alles andere wäre ohnehin zu indiskret für ein Sommerbuch wie dieses.

In München hat Eduard von Keyserling, der ab 1908 das Haus nicht mehr verließ bis zu seinem Tod in der Ainmillerstraße 19 in Schwabing gewohnt und wenn Sie vielleicht einmal auf einem Spaziergang dort vorbeikommen, so bleiben Sie doch einen Moment stehen oder noch besser besorgen sich in der nächsten Buchhandlung die wunderbar zarten Erzählungen in denen in großen Schlössern geliebt, verloren und viel geschwiegen wird.

Klaus Modick, Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer und Witsch, 2018, 20 Euro.

13 thoughts on “Ein Sommer am Anfang eines neuen Jahrhunderts am Starnberger See

  1. „Auf einer Bahnfahrt wohlmöglich durch lichte Wiesen und helle Wälder und einem schimmernden See nimmt man das Buch dann zur Hand.“
    Alles in allem ein Eintauchen in andere Welten und so manches Mal ein genussvolles kleines Abenteuer.

    • Leider nicht. Ich war an einem viel nördlicherem See unterwegs. Aber eines Tages, wird das bestimmt und vielleicht laufen wir gemeinsam einmal bis nach Bernried?

  2. Dritter Anlauf.
    Hab mich nicht getraut zu schreiben, weil ja Herr Modick schon kommentiert hat. Mehr geht nicht.
    Nun, an das Bild erinnere ich mich noch so genau aus derPinakothek. Und die Geschichte möchte ich nach deinen ausgelegten Fährten ganz genau wissen, danke Dir.

    • Ja, Wahnsinn oder? In meinem kleinen Blog. Ich muss mich auch erst einmal wieder sammeln. Die Geschichte lohnt sich wirklich sehr. Eine so zarte und helle Geschichte für einen langen Nachmittag.

  3. Vor vielen Jahren las ich im Urlaub Eduard von Keyserlings „Wellen“ und war sehr angetan. Nun hat mich ihr Text wieder daran erinnert und ich habe ein bisschen recherchiert. So wird im September diesen Jahres im Menasse – Verlag ein Band mit gesammelten Erzählungen (unter dem Titel „Landpartie“) erscheinen, den ich mir schon mal vorgemerkt habe.
    Und auf „Keyserlings Geheimnis“ bin ich dank Ihnen nun auch neugierig geworden.

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