Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.

Manchmal hat man zwischen zwei Terminen noch Zeit. Zu wenig Zeit, noch einmal in den Vorort im Berliner Südwesten zu fahren und zu viel Zeit um schon am verabredeten Ort zu sein. So ging es mir anderntags. Ich stand auf einmal unversehens auf einer fürchterlich öden Berliner Straße. Nagelstudios, eine Aral-Tankstelle, eine Anwaltskanzlei für Familienrecht mit verstaubten Teddybären im Fenster. Wohnhäuser, auf der Straße rauschender Autoverkehr. Eine Seniorenresidenz. Vor dem Eingang rauchen die Pfleger und die Bewohner. Kein Café, außer einer Bar, die ist geschlossen. An der Ecke aber ist ein türkischer Imbiss. Istanbul-Grill, geöffnet ab 9.30 Uhr. Es war elf Uhr.

„Ayran und einen Pfefferminztee, bitte“ sage ich. Der Mann hinter dem Tresen nickt. „Für hier?“. „Für hier“ sage ich und setze mich in eine Ecke, in die ein bisschen Sonne fällt. Ein Fernseher über der Theke. Die Sängerin singt von der Liebe. Bilder von Beirut. Der Mann, der Ayran und Tee bringt, seufzt. Beirut?, frage ich. „Ja“, sagt er. „Rabat?“, fragt er mich. „Fast“, sage ich. Aber die gleiche Sprache sprechen wir doch. „Istanbul-Grill?“, frage ich. „Vor zwei Jahren ist der Inhaber zurück in die Türkei. Izmir. Ruhestand. Istanbul liegt am Meer. Beirut liegt auch am Meer. Das passt schon. Ich lache. Er lacht. Ein offenes Lachen. „Schon lange in Berlin?“, fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. „Nur noch gelegenheitshalber.“ Der Mann nickt. Wir sprechen über Beirut, Berlin, Hundescheiße auf dem Gehweg, den langen Winter, den besten Wochenmarkt und er sagt: Karim. Ich sage: Read On.

Dann muss der Mann zurück hinter die Theke. Eine Gruppe von Bauarbeitern kommt in den Istanbul-Grill. Es sind Polen. Der älteste der Bauarbeiter hat schon graue Haare und einen Stopplebart, der jüngste sieht aus, als wäre er gestern noch in der Schule gewesen. Vielleicht ist das so. Fünf Döner-Teller mit allem. Das müssen sie nicht sagen. Sie setzen sich hin. Der Mann hinter der Theke begrüßt die Männer mit Namen. Schön dich zu sehen: Piotr, Pavel, Matheusz,Jakub,Radek.

Sie nicken und vor dem Döner-Teller kommt eine Suppe. Der Mann hinter der Theke, fragt nach der Baustelle und dem Rücken des ältesten Mannes der Runde. „Schwer heben, nicht gut“ sagt er. Die Bauarbeiter sagen: Ja, aber immer alles schnell, schnell.“ Alle seufzen und dann essen sie.

„Sie sind wie Familie“, sagt Karim hinter der Theke zu mir und bringt noch einen Tee.

Erst dann fällt mir auf, dass der Istanbul-Grill viel mehr Besucher hat als ich erst dachte.

Am Tisch mir gegenüber hält sich ein Mann an einem Bierglas fest. Er trägt eine speckige Lederweste und zu seinen Füßen stehen vier Plastiktüten. Ungekämmtes Haar, eine alte Baseballkappe vor ihm auf dem Tisch. Seine Turnschuhe haben keine Schnürsenkel mehr, sondern sind mit Paketklebeband zusammengehalten. Er bekommt auch eine Suppe wie die Bauarbeiter. Er sitzt tiefgebeugt über der Suppe und schlürft. Statt einer Serviette behilft er sich mit dem Ärmel. Der Mann wäre in keinem Restaurant, keinem Café willkommen, für Männer wie ihn, gibt es die Bahnhofsmission, wir wollen lieber nicht neben ihnen sitzen und dann gibt es denn Grill-Istanbul. Ein Bier, welches der Mann in 5 Cent Stücken bezahlt und eine Suppe, die auf keiner Rechnung auftaucht. Der Karim, der macht ne richtig gute Suppe wie bei Muttern ruft der Mann.

Hinter dem Mann mit der Suppe sitzt eine grell geschminkte Frau, sie trinkt Kaffee und liest in der Hörzu. Sie sieht immer wieder auf ein Telefon vor ihr auf dem Tisch. Aber das Telefon klingelt nicht. Schließlich wählt sie eine Nummer und dann ruft sie dreimal: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sie stopft die Hörzu in die Tasche und Karim sagt: „Stress zu Hause?“ Die Frau nickt. „Große Scheiße“ sagt sie. Der Bert ist mit den ganzen Möbeln einfach weg. Dann geht sie geschlagen nach draußen.

Karim räumt die Kaffeetasse ab.

Links von der Theke wo Börek mit Hack und Spinat und Käse und kleingeschnittenes Gemüse liegt, da sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 40. In einer Tasche hat er Hemden aus der Reinigung, 10 Hemde für 12 Euro oder so. Vielleicht hat er seinen Job verloren, dann die Frau, dann vielleicht das Haus, vielleicht hat er nur noch ein bedsit, keine richtige Wohnung mehr. Die Kinder schämen sich. Er ist einen Döner, hastig und hungrig, vielleicht ist das die warme Mahlzeit am Tag.

Dann kommen zwei Männer und zwei Frauen aus dem Seniorenheim in den Istanbul-Grill. Einen der Männer habe ich rauchen sehen vor der Tür. Er hat eine Sauerstoffflasche dabei, er hustet, ein angestrengtes Husten, ein Husten der schlimmer wird, aber der Mann strahlt. „Hallo Karim“. Karim kommt und sagt: Hallo Heinz.“ Die zwei Männer und zwei Frauen setzen sich an ihren Tisch. Karim bringt Bier, Kaffee und Saft. Prosit, ruft Heinz und dann bringt Karim ein Brettspiel: Mensch Ärgere Dich nicht und schon würfeln Heinz und seine Freunde und für einen Moment ist die Seniorenresidenz gegenüber ganz weit weg, ist der Istanbul-Grill ein Restaurant mit Meerblick und Zeitvertreib. Zwei Mädchen kommen herein. Mädchen, die Jacqueline und Tiffany heißen und eine Handvoll Kleingeld haben. „Reicht das für zwei Eis?“

Ihre Mutter raucht vor der Tür.

Die Mädchen bekommen Eiscreme, aber gleichzeitig Nachhilfe in Mathematik, Wertschätzung und dieses Strahlen, das Karim hat für die Menschen, die im Feuilleton gesellschaftliche Verlierer oder Transferempfänger heißen.

Der Istanbul-Grill ist ein Gemälde von Otto Dix. Hier setzen die Trinker, die Obdachlosen, die noch nicht ganz Obdachlosen, die Gelegenheitsarbeiter, die Zugehfrauen zwischen zwei Wohnungen, die Bauarbeiter, die Menschen, die nicht weiter wissen, denen die Tage zu lang sind, die aufgegeben haben, die Alten zu denen vielleicht an Weihnachten noch einmal Besuch kommt, aber sonst nicht mehr. Hier sitzen die Anderen. Der Istanbul-Grill und es gibt viele von ihnen, ist Sozialamt, erste Hilfe, Familienersatz, ist Wärme und nicht nur die wärmende Suppe. Der Istanbul-Grill holt Leute von der Straße, fragt nicht, verachtet nicht, schenkt Tee nach. Im Istanbul-Grill kann man anschreiben und man kann seine Plastiktüten später abholen und dann liegt ganz oben ein Döner mit allem in Silberpapier. Der Istanbul-Grill ist Heimat, Wohnzimmer, der letzte Anker und die stete Vergewisserung: „Hallo, gut dich zu sehen.“ Das hören die Gäste sonst wohl schon seit Jahren nicht mehr.

Dann aber muss ich gehen. „Danke, sage ich und Karim sagt: „Ich hoffe man sieht sich wieder.“ Ich nicke. Danke, sage ich noch einmal und ich denke, es wäre doch an der Zeit öfter Danke zu sagen, dafür, dass so viele, die wir vergessen im Grill Istanbul willkommen und aufgehoben sind. Ihre Geschichten, die von Karim aus Beirut, dem Inhaber des Istanbul-Grills werden nicht erzählt, oder nur sehr selten, wenn wir darüber sprechen, was Deutschland prägt, aber ohne sie, ohne ihre Fähigkeit den Menschen die es am nötigsten haben, die Hand hinzuhalten, wäre Deutschland ein viel, viel ärmeres Land.

Karim bringt mir Baklava.

Ich will Trinkgeld geben.

Aber Karim hat das Wort auf Deutsch noch nie gehört.

Wir streiten natürlich darum, ob er es annehmen will.

Für den nächsten Gast, sage ich schließlich.

Wir lachen.

Salam aleikum, Karim.

Der Karim ist ein Mensch, sagte der Mann mit dem Bierglas und der Suppe und den vielen Plastiktüten. Ein richtiger Mensch.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Windschatten

Der Tierarzt besucht seine Vergangenheit und L. sagt: „Komm wir sind am See.“ Ich komme spät, Freitag Nacht, eine Handvoll Schlaf, zu mehr reicht es nicht. Am Morgen mit dem Oldsmobile zu Herrn Yilmaz. Vier Kilo Orangen, eine Tüte voll Mispeln, Erdbeeren, Schafskäse, Ziegenkäse, warme Sesamkringel. Herr Yilmaz sagt: „Fräulein Read On, Sie sind ja noch eiliger als sonst. „Weintrauben“, sage ich brauche ich noch. Herr Yilmaz nickt: „Fräulein Read On, was machen wir nur mit Ihnen?“ Ich zucke mit den Schultern und Herr Yilmaz poliert einen Apfel an seiner Schürze. Ich winke und bevor ich wieder ins Oldsmobile steige, kaufe ich einen Arm voller Pfingstrosen. Die Ampel ist rot. Das Restaurant Dubrovnik hat während der Bauarbeiten geöffnet, lese ich. Dann durch die Stadt auf den Friedhof. Zwei irische Steine, ein Großmuttergrab.

Lange stehe ich dort und dann fahre ich weiter. Autobahn. Ein Polizeiauto, dann Stau. Motor aus. Ein Buch in der Tasche. Links eine Baustelle. Geröll und ein hellblaues Dixieklo. Patrick Melrose nimmt Drogen in New York. Ich rufe die L. an: „Mach langsam“, sagt sie. Aber wir stehen ohnehin. Der Verkehrsfunk sagt: „Das dauert länger.“ Neben mir legt ein LKW-Fahrer den Kopf auf das Lenkrad. Vor mir steht ein Wohnmobil. Der Mann und die Frau klappen Campingstühle auf, sitzen am Rand, sie pellt Eier, er beißt in eine Stulle. Sie hält das Gesicht in die Sonne. Die Eierschalen werfen sie an den Straßenrand. Ein Mann steigt aus dem Auto aus und zieht an seiner Krawatte. Er schreit in sein Telefon. „Ich nehm noch Käffchen“, ruft die Frau. Der Mann verschwindet im Wohnmobil. Der Mann mit dem Telefon, blafft das Ehepaar an: „Wie blöd kann man sein mitten auf der Autobahn.“ Der Mann aber mit der Butterstulle in der Hand sagt: „Hier bewegt sich nüscht, junger Mann.“ Der Mann reißt sich die Krawatte herunter und dreht sich um. Der Mann mit der Stulle hebt den Daumen. Eine Stunde später geht es weiter. Autobahn der Freiheit steht auf einem Schild. Kiefernwälder, ich nehme die Landstraße. Vor vielen Jahren, da fuhr meine Großmutter noch im Oldsmbile mit. „Komm, sagte sie, Kind ich zeige Dir Deutschland.“ Wir hatten Fontane im Rucksack. Kremmen steht auf einem Schild, ich biege links ab.

Einmal lagen wir auf einer Wiese, märkischer Sand, ich hatte eine Schwäche für Innstetten, aber sie habe ich geliebt. Ich halte nicht an am Schild. Ich wandere schon lange nicht mehr mit Fontane unter weißem Sand entlang. Aber ich sehe sie und mich noch immer dort liegen, mein Kopf auf ihrem Arm. Ihre Hände waren immer kühl. Meine Großmutter war ein Gebirgsbach.

„Tust du mir eine Liebe?“, fragt die L. „Immer“, sage ich. Die L. hat Butter vergessen. Der Supermarkt heißt Norma. Kerrygold heißt die Butter. Ein Mann schreit eine Frau an: „Scheiß Wessis- kaufen uns das ganze Grillfleisch weg.“ Die Frau starrt den Mann an und eilt zur Kasse. Auf dem Parkplatz fotografieren Touristen das Oldsmobile. Ein Mann erklärt mir etwas über ein Oldtimer-Museum, wo er einmal war und dann sagt er plötzlich und unvermittelt: „Seit zehn Jahren hatte ich keinen Sex mehr.“ Erst dann sehe ich das Bier in seiner Hand und die Pfeffi-Flaschen in der Jackentasche. „Alles Gute“, sage ich. Der Mann nickt. 1990er Party mit DJ Katze steht auf einem Schild. Ich fahre weiter. Die Straßen werden schmaler, Einfamilienhäuser neben Plattenbauten. Die, die es geschafft haben, sehen auf die, die zurückblieben. Die Grenze verläuft nicht zwischen West und Ost, sie verläuft zwischen Poetenweg und der Straße des Friedens. „Drauf geschissen“, neue Sonderausstellung steht auf einem Plakat und eine Burg ist auf dem Plakat abgebildet.

Noch fünf Kilometer bis Neu-Boston, ich fahre weiter. Links blühen die Akazien. Weiße Tränen als Blüten. Militärisches Übungsgelände steht auf dem Schild. Eine merkwürdige Vorstellung, dass den Soldaten Blüten in die Augen fallen, während sie durch den Sand rennen oder ein Panzer zerdrückt die Blüten. Die Bundeswehr übt im Kiefernwald. Eine Akazienarmee. Meine Großmutter hätte gelacht. „So, so, Kind“ und ich weiß noch wie ich vor den Fontanewanderungen, viele Jahre früher, als wir durch Deutschland fuhren und ich die Bäume zählte, sie immer fragen wollte, warum sie als man sie holte, sie sich nicht in dem dichten deutschen Wald versteckte. Aber ich habe die Frage heruntergeschluckt bis ganz zuletzt.

An der Ampel links abbiegen, hat die L. mir aufgeschrieben, fast hätte ich es verpasst. Das Oldsmobile aber, der treue Freund aber seufzt nur ein kleines bisschen. Das Tor ist offen. Schloss Hubertushöhe. Einmal ging hier der Kaiser jagen. In der DDR Lehranstalt für Binnenfischerei. Für ein paar Jahre Hotel. heute ist es leer. Die L. und der O. haben hier eine Ferienwohnung. Ich stelle das Oldsmbile in den Schatten. Die L. läuft mir entgegen. „Halt mich fest, bitte halt mich fest“, denke ich. Ich sage: „Schön Dich zu sehen“, sage ich. Die Einkäufe nach oben.

Mit bloßen Füßen auf den Steg. Schon immer Wasser. Kalt ist das Wasser. „Halt mich fest“, denke ich, „halt mich fest.“ Eine Kanufahrerin erschrickt sich vor mir im Wasser. „Nein“, sage ich, kein Krokodil. Auf dem Steg sitzen schließlich, Wassertropfen auf dem Rücken, in den Haaren, blaue Lippen. Am See werden Forellen geräuchert. Kaffee und Kuchen macht 4, 50 Euro. Die L. legt mir das Handtuch über den Rücken, die Sonne legt ihre Arme um mich. Von rechts dann ein Segelboot. Flatterndes Segeltuch, von fern schon winkt der F. Die Arca, das Boot meiner Mutter ist schon im Süden. Bald geht auf der F. auf große Fahrt. Heute legt er an. Why not, heißt sein Boot. „Why not, sage ich“, als er anlegt und mir die Hand hinhält. Der Wind steht gut.

Woanders ist es auch schön

Ein Wort.

Kikeriki.

Schlecht wird einem beim Lesen,unaufhaltbar kalt wird die Welt angesichts dieser Geschichte von Missbrauch und Gewalt.

Bauwerke haben ja heute immer oft größenwahnsinnige Preise und dann sind sie da und groß und fertig, aber das hier ist anders, leiser, schöner und wie ich glaube auch klüger .

Das klingt nach einem Buch, das ich unbedingt lesen will.

Ich muss zugeben, ich bin der letzte Mensch, de noch nie etwas von Stephen King gelesen hat, aber grusle mich mich sehr vor Büchern, in denen hinter der nächsten Tür immer schon einer mit dem Messer lauert. Ich bin aber überhaupt im 19. Jahrhundert stecken geblieben und manchmal fragen mich Studenten, ob ich nicht Benedict Cumberbatch super hot finden würde und ich muss dann ein intelligentes Gesicht machen und weiß doch nicht, ob der Mann singt oder schauspielt. Stephen King jedenfalls hat eine Geschichte geschrieben, die Ihnen nicht vorenthalten werden soll und vielleicht raten Sie mir in den Kommentaren, ob es ohne Messer ausgeht.

Oldie but Goldie, aber sowas von.

Magnus Hirschfeld war unbeirrt und bleibt ein großes Vorbild in Sachen Sexualaufklärung.

Tierarzt, wir brauchen noch Musik. Der Tierarzt nickt und und schon singt whenyoung in mein Ohr. Eines dieser Lieder bei denen man mitsingen muss.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.

 

Unter den Ärmeln

Am Dienstag Abend spät ist es da schon, im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Irland da erinnere ich mich wieder an jenen Satz den ich vor Jahren einmal auf einer Konferenz hörte: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Unsinnig kam mir der Satz damals vor, noch dazu auf jener Konferenz auf der es um nichts anders ging als die Offensichtlichkeit, dass Menschen vielerorts hungern und zwar so hungern, dass man nicht erst ihre Handgelenke besehen muss, um sich dessen gewahr zu werden. Menschen hungern. Punkt. Das dachte ich damals und ich verwarf den Satz als eine Überflüssigkeit. Ich war jung damals und hochnäsig wohl auch, denn mir schien der Satz pure Verschwendung.

Aber so viele Jahre später holt der Satz mich dann doch ein. Im Flugzeug nämlich sehe ich aus dem Fenster, unter mir verschwindet die Stadt Berlin und wir fliegen hoch und höher in die Dunkelheit hinein. Der Tierarzt neben mir schläft, tief fällt ihm das Haar and die Stirn und sein Kinn liegt dort wo mein Ohr beginnt. Der Tierarzt atmet ganz leise und ich zähle mit. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und wieder von vorn. Dann sehe ich auf seine Handgelenke. Seine Handgelenke sind dünn, aber das ist nicht neu, das weiß ich doch, aber dann fällt mir etwas auf, was ich nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte, dass ist ja oft ein und dasselbe. Seine Handgelenke sind so dünn, dass die Haut die Knochen nicht mehr hält und die Haut über den Handgelenken ist so dünn, so dünnes Pergamentpapier, dass sein Hemd sich durch die Haut scheuert und die Knochen sich durch die Haut drücken. Blutige Ringe hat der Tierarzt, wo andere Menschen und vielleicht auch Sie und ich Handgelenke haben. So kommt der Satz zu mir zurück in dem dunklen Flugzeug in dem zwei Frauen Gin trinken, ein Mann ein Buch von Idriss Aberkane liest und eine andere Frau den Verlust ihres linken Fingernagels beklagt. Sie sagt zu ihrer Freundin: „Ich habe ihn mir so lange heran gezüchtet und jetzt ist er einfach abgebrochen.“ Sie spricht über ihren Fingernagel wie über einen lange verlorenen Freund. Ihre Freundin will sie trösten, aber sie und ihr Verlust wollen nicht getröstet sein. Der Tierarzt schläft und ich starre auf seine Handgelenke und dann fällt er mir wieder ein jener Satz: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Man entkommt einem Satz nicht einfach so.

Kurz vor der Landung wacht der Tierarzt auf. „Alles gut?“, sagt er und ich nicke und packe mein Buch ein, suche mein Tuch, dann den Mantel, sehe nach ob der Hausschlüssel wirklich in der Tasche ist. „Komm“, sagt der Tierarzt und hält mir die Hand hin und wir gehen aus dem Flughafen heraus und suchen auf dem Parkplatz nach dem Volvo. „Fahr Du, sagt der Tierarzt, ich bin so müde.“ Das ist der Hunger, der Hunger lacht und der Hunger schläft nie. Ich fahre durch die dunklen Straßen, Wald, Kurven, dann das Meer, schließlich die Dörfer, endlich dann unser Dorf. Erst Unterland, dann vorbei am Kirchturm St Sylvester. Motor aus.

Das luggage holdall, ein Rucksack, meine Tasche. Die Katze liegt auf dem Fensterbrett, der Tierarzt umarmt den Hund, ich trinke ein Glas Wasser. „Es ist schon spät“, sagt der Tierarzt. „Ich habe Deine Handgelenke gesehen“, sage ich. Ich fange nicht an zu schreien. Ich schreie nie. Aber der Hunger hörte ohnehin nicht zu. Ich sage nicht mehr: „Warum muss das so sein?“ Denn es ist ja schon vier Jahrzehnte so. Der Tierarzt sagt: „Es tut mir leid.“ „Du solltest das nicht sehen.“ Ich hole den Verbandskasten und der Tierarzt nickt. Dann trägt der Hunger Mullbinden um die Handgelenke und ich gehe ins Bad. Es ist ja schon spät. Vor dem Fenster da rauscht das Meer und manchmal dachte ich, das Meer wäre lauter als der Hunger, aber ich hätte besser zuhören müssen auf jener Konferenz damals als mir der Hunger zu offensichtlich schien, als das ich auf Handgelenke geachtet hätte. Der Hunger zieht einen hinein, der Hunger macht einen, macht auch mich zum Komplizen, der Hunger schläft nie, er ist wach, er frisst sich durch die Knochen, die Haut, durch die Vorhänge, die dunkle Nacht im Zimmer.

Der Tierarzt wickelt eine Hand in mein Haar. Aber der Hunger tobt auch unter meinen Haaren und seinen Händen weiter. Ich denke an die all Jahre, in denen ich in Indien mit dem Hunger rang, nur um neben dem Hunger im Bett zu liegen, die Ironie des Hungers ist grenzenlos. „Du kannst gehen Mädchen“, sagt der Tierarzt mit den Händen in meinem Haar.“ „Nein Tierarzt“, sage ich und drehe mich zu ihm um, „der Hunger allein ist nicht genug.“ Ganz still liegt der Tierarzt und wer weiß vielleicht gibt für eine Nacht, der Hunger noch einmal nach. „Lassen Sie sich vom Hunger nicht täuschen“, sagte der Dozent damals auf jener Konferenz, den Kopf habe ich geschüttelt damals und dann hat der Hunger mich doch getäuscht, gut versteckt unter den Hemdsärmeln, Manschettenknöpfen an den Handgelenken, Wollpullovern und Leinenhemden.

Den Hunger sieht man an den Handgelenken.

Ein Sommer am Anfang eines neuen Jahrhunderts am Starnberger See

Es gibt Bücher, nach denen man sucht, Bücher, die man nie findet und dann gibt es Bücher, die fallen einem zu, wenn man eilig nur auf einen Sprung in den Buchladen eilt und ohne langes Überlegen und Nachfragen nimmt man das Buch mit. Auf einer Bahnfahrt wohlmöglich durch lichte Wiesen und helle Wälder und einem schimmernden See nimmt man das Buch dann zur Hand. So jedenfalls geht es mir manchmal und so ging es mir mit diesem Buch, dessen Titel Keyserlings Geheimnis bestenfalls etwas andeutet, wie auch der Frühling ja manchmal schon etwas vom Sommer hat.

Das Buch beginnt weiter im Süden als meine Fahrt. Der Starnberger See spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Aber der einzige See ist es nicht, denn das Buch flirrt wie die Libellen über das Schilf zwischen Orten und Lebensabschnitten umher. Eduard von Keyserling nämlich ist Zeit seines Lebens nicht beständig an einem Ort verhaftet geblieben, sondern von den kurländischen Seen seiner Kindheit, über Dorpat und Wien, lebt er schließlich in München, um im Sommer 1901 mit Max Halbe, Lovis Corinth und dessen Freundin Charlotte Berend, einige Wochen in Bernried zu verleben. Eine Sommerfrische ganz am Anfang des neuen Jahrhunderts. Es ist ein Jahrhundert noch in den Kinderschuhen und bis Auf Eduard von Keyserling sind noch alle am Anfang. Klaus Modick gelingt die vielleicht schönste Spitze der Literaturgeschichte gegen Thomas Mann, Frank Wedekind ist noch kein Berliner Skandalautor und Lovis Corinth noch nicht Alma Mahler verfallen, Max Halbe glaubt noch ihm würde das neue Jahrhundert gehören, doch obwohl er 43 Jahre später von Adolf Hitler auf die Liste der g*tt
begnadeten Schriftsteller berufen wurde, vergaß ihn das Jahrhundert schon bald darauf. Aber in diesem Sommer da las Max Halbe lauter vor als alle anderen, Charlotte Berend schwamm im See,Frank Wedekind trank Champagner und man stritt und vertrug sich wieder und Lovis Corinth schließlich begann Eduard von Keyserling zu malen. In jenem Sommer war Keyserling wie so viele Männer seiner Generation schon von der Syphilis gezeichnet und sollte schließlich erblinden. Aber in diesem Sommer sind die Farben noch einmal hell und alles ist Glanz und Gold und die Welt ist rosa und flieder und der Sommer ist so lang als wolle er nie vergehen.

Ein leichtes Buch ist es, ein Buch mit Erinnerungen an die Jugend in Kurland, an eine große Affäre und eine mittlere Intrige, die sich vielleicht wirklich so zugetragen hat zwischen dem Studenten der Jurisprudenz und Ada von Cray, aber wer weiß vielleicht ist alles ganz anders gewesen. Geld verschwindet und taucht doch wieder auf, ein Dose mit Initialen ist nicht ganz ohne Bedeutung, ein Vater stirbt, ein Spazierstock erzählt eine ganz eigene Geschichte und wie alle Geschichten lässt die Vergangenheit den Dichter nicht los. Die Jahre in Wien haben Spuren hinterlassen, die auch der Wermut nicht mehr auslöschen kann und schließlich taucht die Vergangenheit selbst in Starnberg auf, wo am Ufer des Sees nicht nur Forellen geräuchert, sondern auch die Sommerfrischler unterhalten werden wollen und so spielt man erst Karten und trifft dann eine Sängerin wieder, die sich erst in der Garderobe offenbart. Gerächt wird niemand, der Sommer ist zu schön selbst für langgehegten Groll, das Leben ist so oder so weitergegangen und wie der Dichter weiß, für alles gibt es eine Korrektur nur für das Leben nicht und wieder geht man auseinander. Endlich ist auch das Bild des Dichters fertig. „So aussehen möchte man aber nicht“, findet von Keyserling und das Bild  kann man sich noch immer, noch heute in der Neuen Pinakothek in München besehen.

Etwas abrupt endet der Sommer, man hätte gern noch mehr über jenen Sommer am See gewusst und wundert sich auf der letzten Seite doch, ob nicht Frank Wedekind doch noch für ein paar Wochen in die Mansarde zog, von Keyserling Charlotte küsste und Max Halbe sein neues Drama wohl zu Ende brachte, aber das erfahren wir nicht und vielleicht ist das Wundern allein schon genug und alles andere wäre ohnehin zu indiskret für ein Sommerbuch wie dieses.

In München hat Eduard von Keyserling, der ab 1908 das Haus nicht mehr verließ bis zu seinem Tod in der Ainmillerstraße 19 in Schwabing gewohnt und wenn Sie vielleicht einmal auf einem Spaziergang dort vorbeikommen, so bleiben Sie doch einen Moment stehen oder noch besser besorgen sich in der nächsten Buchhandlung die wunderbar zarten Erzählungen in denen in großen Schlössern geliebt, verloren und viel geschwiegen wird.

Klaus Modick, Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer und Witsch, 2018, 20 Euro.

Sonntag

Am Ende der Woche ist es endlich einmal still. Am Ende der Woche sitze ich mit dem Rücken zu einer richtigen Wand. Die Wand ist aus roten Backsteinen und gehört zum Garten meiner Großmutter. Irgendwo im Hau liegt mein Telefon, aber ich höre nicht hin, die liebe C. und der Tierarzt spazieren ohne mich los und mein Vater ist ohnehin aushäusig. Alles ist still und die Wand schweigt ohnehin. Nur der Flieder, der weiße, der blaue, der dunkellila Flieder rauscht über mir und irgendwo besprechen sich die Krähen. Einen Moment lang, denke ich über die Krähen nach und was Sie wohl wissen über uns und die Dinge der Welt, aber dann schlafe ich ein in der Stille unter dem blauen Himmel und gut verborgen in der Fliederhecke. So viel Flieder.

Irgendwann später wache ich auf, vielleicht weil Herr Zingarelli etwas über den Marktlatz ruft, vielleicht weil die Amsel ein Liebeslied singt, vielleicht weil der Wind mich hinter den Ohren kitzelt, vielleicht weil eine Katze durch den Garten schleicht, vielleicht auch einfach so. Noch immer ist alles himmelblau und ich bleibe liegen. Eine Hummel tanzt einen langsamen Walzer, die Schwalbenfamilie streitet wie ich vermute über Dekorationsfragen beim Nestbau unter dem Dachfirst, eine Schnecke kehrt vom Kirchgang zurück, auf einem alten Schornstein zwei Häuser weiter, zupft sich ein Storch sich sein Gefieder zurecht und unverändert krächzen die Krähen, wie ich glaube fordern sie ein Herrengedeck in der Schenke „Zum kühlen Grunde“, die betreibt Familie Kröte schon in dritter Generation. An mir dort hinten im Gras, hinter dem Fliederbusch stören sie sich nicht. Menschen im Fliederrausch sind keine Gegner, die Katze schon.

Später noch bückt sich die liebe C. unter dem Fliederbusch. Der Tierarzt dreht auf der Schaukel Kreise, die liebe C. aber singt mir vom „Weißen Flieder“ vor. „Den ganzen Winter über, vergesse ich wie schön Du singst“, sage ich ihr und die liebe C. lächelt verlegen. Im Winter singt die liebe C. nie, sie summt nur an Shabbat, aber wenn der Flieder blüht dann singt sie wieder, singt bis die Blätter im Herbst zu Boden fallen, aber jetzt sind die Blätter, jung und zart und wunderschön. Der Tierarzt schaukelt mit weiten Armen, die Schaukel knirscht und zerrt an den Seilen, hoch und höher und schwerelos. Vielleicht ist j selbst der Tierarzt an einem solchen himmelblauen Nachmittag für eine Sekunde wirklich frei.

Noch später, Tee im Gras und Erdbeerkuchen, dann die Zeitung, ein Buch, wieder ruft Herr Zingarelli, Reisegruppen wollen Eis und Frau Zingarelli schleppt die schweren Kübel von der Kühlung zu ihm herüber. Herr Zingarelli singt nun auch. Die Reisegruppe aber lehnt sich an die andere Seite der Gartenmauer, nichts ahnen die Besucher aus Baden oder Riesa, dass hinter dem Fliederbusch, dessen obere Zweige sie fotografieren, jemand liegt, mit geschlossenem Augen und Buch auf der Brust, dass hinter der Mauer Krähen trinken, Amseln träumen und die Hummeln Wiener Walzertanzen. Sie wissen nichts von zwei paar langen Tierarztfüßen, über die in 3,2, 1 Sekunden eine graue Katze stolpert und auch nichts von dem Krötenpaar, die gemächlich und gediegen Krüge zu den schwarzen Krähen schieben.

Auf der anderen Seite der Mauer, sagt ein Günther zu einer Erika: Na wir haben unseren Flieder ja vor vielen Jahren schon runtergeholzt.
War der Hella nichts mehr, sie wollte nen Zen-Garten. Alles Ton in Ton. Siebenmal hat der Laster Kies gefahren und dann nur noch die Koniferen und den ganzen Kies in so Kreisen, weißte wie ich meine, Erika? E
rika sagt: Die haben hier sogar Joghurt im Eis. Das ist ganz was Dolles.
Günther sagt: Joghurt ist auch weiß, das ist auch richtig für einen Zen-Garten.“ Erika findet: Du musst dir nen Bambus hinmachen in deinen Garten. Das ist auch so zen und so.
Günther weiß: So ein Bambus wächst wie Unkraut und dann die Blätter auf den Kieselsteinen, nee, das ist nichts.
Erika schweigt.
Günther seufzt: So viel Kies und der abgeholzte Flieder. Ist schon schade drum.
Erika sagt: Günther, Du musst jetzt abschließen mit der Sache mit Hella. Sind doch jetzt schon vier Jahre wo sie rübergemacht ist in Westen.
Günther aber ist in Gedanken: Sogar den Teich hat ich ihr gemacht wie im Zen. Nur Koi-Fische, teuer sind die gewesen. Auch weiß wie der Kies. Geharkt hab ich ihr den Kies und dann war sie doch weg. Ich sage dir Erika, das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.
Erika sagt: Mensch Günther, die Erika wollte schon in der Schule, was Bessres sein. Du musst jetzt mal nach vorne sehen. Wenigstens haste jetzt keine Arbeit mehr mit den blöden Garten.
Jeden Morgen, harke ich den Kies, sagt Günther. Sonst ist des auch nichts.
Erika sagt: Mensch Günther, was machen wir denn nun mit so nem Trauerkloß wie Dir?
Günther weiß es doch auch nichts.
Nicht ma Nummer hat se mir hinterlassen, die Hella. Ich kann se ja nicht ma mehr fragen ob sie es gut hat, bei ihrem Neuen und ob der auch so zen ist.
Erika sagt: Es ist schade mit dem Flieder, aber die Hella der würde ich keine Träne nachweinen.
Günther seufzt: Davon verstehste nichts Erika.
Aber dann ruft die Stadtführerin und Erika hat ihr Eis erst halb fertig und Günther hatte Stracciatella wie immer.

Dann bin ich wieder allein mit dem Flieder, dem Tierarzt, der lieben C. den Amseln und Schwalben, dem himmelblauen Flieder und dem stillen Nachmittag unten im Garten an der roten Backsteinmauer, am Rande des Marktplatzes einer kleinen Stadt.