Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

31 thoughts on “Verantwortungsvoll

  1. Alles das ist genau richtig – aber Ihr alle gehört genau so zu diesem, in dieses Land und eben weil ich aus einer Familie der Täter stamme, habe ich eben doch die verdammte oder heilige Verantwortung, Position zu beziehen und das schließt unser aller Leben mit ein. Deins, Meins, Unsere. Hier in diesem Land. Ich will und kann und mag solch einen schwachsinnigen Rassismus nicht erleben und erst recht nicht damit leben. Und nicht über diese Toten auf meiner Seite schweigen, weil sie tot sind und man doch über Tote nicht schlecht sprechen soll. So ein Bullshit! Doch, man muss über solche Leute reden und ihren verbohrten Wahn, mit dem sie unsäglich Leid über einen großen Teil der Gesellschaft brachten. Über den verrohten Hass, der sich wie ein roter Faden auch durch ihre eigenen Familien zog, über die Schläge, die Gewalt, die Menschenverachtung, die sie auch dort weiter austeilten, über die endlosen Lügen und „Helden“geschichten, die sie sich als Rechtfertigung angedeihen ließen. Über die Leben, die sie mordeten, weil sie sich anmaßten, überlegen, besser, Herren zu sein. Über die Seelen, die sie zerstörten, noch Jahrzehnte danach, weil zu viele nie zur Rechenschaft gezogen wurden und weil das so ist, weil die Verantwortlichen dieser Generation und die der danach, nicht darüber sprachen, keine Position bezogen, weil schon in meiner in den 1970er-Jahren in der Schule keine korrekte Aufklärung stattfand, sind wir, das ist meine persönliche Meinung, in dieser schrecklichen Situation, dass Menschen, die Eurem Glauben angehören, denn mehr ist es ja nicht, es ist ja nur der Glaube, der Christen, Juden, Moslems und mehr kennzeichnet, wieder in Angst leben müssen, in der Verantwortung, dazu mindestens nicht weiter zu schweigen wie unsere Eltern und Großeltern.
    Niemand hat so etwas verdient. NIEMAND!

    • Ich versuche mich gerne an den vier Fragen und vier Bechern Wein beim Seder und stolpere der Haggadah (read-Yeshiva-style) in einer oder zweien engl. Übersetzung(en) nach, trete auf den Balkon hinaus, wenn Shabbes ist, und teile dann wie durch Zauberhand die Ergebnisse der Six Nations der Familie mit nach dem Kiddush, rede mit Klassenkameraden über Sutzkever und Baudelaire und Heidegger und Celan und das Leben in Berlin und andernorts und sowieso, nehme Freunde mit zur Shul und sitze beim Nachbarn und höre seinem Zorn und seiner Verzweiflung zu ob der Dinge, die sich nicht ändern, und seiner Freude, wenn er von einer Reise nach Antwerp zurückkehrt ist, seinem Nachsinnen nach dem Aufwachsen in der Sowjetunion, oder seiner Nachsicht, wenn ich zum tausendsten Mal von troymen und nicht khaloymes spreche, weil mein Gedächtnis mich im Stich läßt, und erzähle Freunden von Sabih und wie unfaßbar gut Auberginen seither schmecken können und Frühstück bei Benedict’s sowieso und von der Mikwe in Görlitz und den Pogromen und Vertreibungen und mehr noch aber von dem Leben, das dem allem vorausging und -geht und fort- und vorangehen wird, hier, wie ich mir wünsche, oder dort, wie es manchmal angeraten scheint, denn die Deutschen, wir, vergessen allzuoft, über jüdisches Leben zu sprechen, wie wenn der Nachbar Chametz nachspürt oder auch nur den Wochenendfußballergebnissen und wie wenn ich davon träume, Babka auch in Berlin zu einem „Ding“ zu machen, auf das niemand und keiner nicht verzichten will. Ob ich einer Verantwortung damit gerecht werde? Wer weiß.

      • Danke. Genau das. Genau so. Und selten berührte mich ein Ort auf Anhieb so tief drinnen wie die alte Mikwe in Speyer mit ihren durch so viele Füße durchgetretenen Stufen. Ein wahrhaft spiritueller Ort.
        Auch wenn „wer weiß“ geschrieben steht – für mich liest sich das wie die Verantwortung, die auch zu gehen begonnen habe.
        Herzlichst,
        Ev

    • Ich finde das mit der Täterfamilie nicht korrekt. Also erst mal vorweg, das kann ja jeder für sich sehen wie er möchte und daraus folgern was er will.

      Ich persönlich bin deutlich nach dem ganzen geboren. Und so wie ich nicht akzeptiere dass wer anders mir eine Religion aufzwingt (obwohl das mit der Taufe passiert ist glaube ich nicht dran und werde auch aus der Kirche noch austreten), glaube ich an keine Erbschuld für meine Vorfahren.
      Haben „wir“ Deutschen noch eine besondere Verantwortung? Warum sollte ich eine haben als jemand der wie jeder andere später geborene Mensch auf die Welt kommt? Erbschuld gibt es bei den Katholiken, aber im Staat nicht.

      Haben wir eine Verantwortung? Ja! Und zwar für das was wir tun. Nicht mit besonderer Rücksicht auf die Vergangenheit, sondern mit allgemeiner Rücksicht auf die Lehren aus der Geschichte. Und zwar nicht als Deutscher, sondern als Mensch. Und wäre ich in Amerika geboren sollte ich genauso aus der Geschichte damals lernen wie in Deutschland.

      Darf man auf Deutschland stolz sein? Ich konnte lange nichts damit anfangen überhaupt diese Frage zu beantworten. Warum ist man auf ein Land stolz oder nicht?
      Ich denke inzwischen man sollte Teilaspekte ansehen. Wir sind eine gute Demokratie, da muss man nicht weit gucken und findet schon Diktaturen. Wir haben ein funktionierendes Sozialsystem und Gesundheitssystem das große Staaten nicht leisten können oder wollen. Das sind Dinge auf die kann man stolz sein.
      Es gibt hier Idioten. Von denen kann und sollte man sich distanzieren, aber man darf nicht den Fehler machen sich mit dem was die sind zu identifizieren. Fängt man an sich wegen Idioten für sein Land zu schämen gibt man den Idioten die Macht zu definieren was für einen das Land darstellt. Und für mich repräsentieren nicht die Rassisten das Land, sondern die guten Aspekte.
      Und mit den Rassisten gehen wir schon um, da habe ich Vertrauen in funktionierende Demokratie. Und das zu tun wenn es nötig ist, liegt wieder in Verantwortung die man hat. Als Mensch. Jeder. Betroffen oder nur Zeuge, Angehöriger der gleichen Nationalität oder Fremder.

      • Lieber Tim,
        Danke für Deinen Kommentar.
        Das mit der Täterfamilie mag für Dich nicht korrekt sein, für mich ist es das. Ich mag mir nicht anmaßen für jemand anderen als mich zu sprechen. Ich bin unter einem solchen Unmenschen aufgewachsen, und sein Einfluss auf die Familie (obwohl er nicht mehr lebt) kann und darf nicht ohne diesen Teil seines Lebens gesehen werden, war und ist partiell leider immer noch ein nur schrecklicher, dumpfer, grausamer, von Hass und Rassismus erfüllter.
        Dieser Hass und dieser Rassismus, der wird nicht nur offen ausgelegt, sondern auch im Heimlichen, Stillen, gut versteckt vor einer funktionierenden Demokratie. Gedeckt von sich selbst als gut und überlegen empfindenden Deutschen.
        Ich schäme mich nicht, dass ich Deutsch bin. Es gibt vieles, was hier gut ist, was aber nicht bedeutet, dass nicht auch das Gegenteil existent ist. Ich wuchs, gerade in der Schulzeit, in der Pubertät damit auf, dass Deutsch sein ein Grund zur Scham ist, Dass man nicht stolz darauf zu sein hat, Stolz war ich dann, wenn man mir im Ausland sagte „Ich hätte nie gedacht das du Deutsche bist“ – auch nicht richtig aus meiner heutigen Sicht.
        Du hast völlig Recht, Jeder hat in seinem eigenen Land Verantwortung.
        Aber ich bin nun einmal Deutsche und von meiner Geschichte her sehe ich mich in der Pflicht. So einfach ist das. Das bin ich.
        Aber ich mag hier auch nicht abschweifen, denn hier geht es gerade um wirklich schlimme Bedrohungen, etc., denen ich wegen meinem Glauben nie ausgesetzt war, Fräulein Read on aber schon und immer wieder und alleine diese Tatsache ist schon mehr als beschämend.

  2. Verantwortung übernehmen, für mich, für dich, für die Freiheit, so zu sein wie du oder ich es sein möchte. Für die Freiheit, die selbstverständlich scheint, aber nicht ist. Ein starker, guter Text.

  3. Dem kann ich nur zustimmen und hinzufügen möchte ich unbedingt noch, dass es zu den Grundwerten eines demokratischen dem Humanismus verpflichteten Staatswesen per se gehört, dass jede/r für jede/n bis zu einem gewissen Grad verantwortlich ist, ganz unabhängig von politischen Meinungen und religiösen Überzeugungen

  4. „Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.“
    Dieser Satz trifft es genau und lässt sich auf jede Thematik übertragen.
    Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach geschrieben, dass ich den Antisemitismus noch nie verstanden habe. Und es ist auch nicht möglich, weil mit Logik nicht zu erklären. Abgesehen von diesem ganzen Verantwortungsgerede finde ich es trotzdem ungeheuer wichtig, dass nie vergessen wird, wohin Antisemitismus in der Geschichte geführt hat. Ich fühle mich nicht verantwortlich für das, was passiert ist, es geschah lange vor meiner Geburt. Aber ich finde, wir alle sind verantwortlich dafür, dass dieses schreckliche Kapitel der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

    Manchmal überlege ich, wer ich eigentlich bin. Wenn es Moslems, Christen, Juden usw. gibt, wenn also die Religion das entscheidende Kriterium ist, dann bin ich ein Niemand. Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir alle in erster Linie nur Menschen wären und einander ohne Vorurteile begegnen könnten. Aber vielleicht bin ich auch zu naiv.

  5. Weil es so viel unbequemer, schmerzhafter ist für die Täter Verantwortung zu übernehmen… „Eltern haften für ihre Kinder.“ das fordert einen, da reichen keine leeren Worte.
    Vielen Dank für diesen Text. lg Maren

  6. Wenn ich darf, würde ich diesen Text gern beim Volkstrauertag im November vorlesen. Ich müsste wahrscheinlich nur noch eine „goldene Brücke“ für all die anderen Offiziellen bauen, die sich wegen der Floskeln angegriffen fühlen

  7. „Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist………..“
    Liebe Read on, Sie sprechen mir aus dem Herzen, und was Sie anmahnen erinnert mich an Adornos
    „Erziehung nach Auschwitz“.
    Wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, dann doch dafür, dass wir alle dafür Sorge zu tragen
    haben, dass diese Welt ein menschenfreundlicher Ort für ALLE werden kann.
    Danke, dass Sie mit Ihren Erzählungen und Geschichten immer wieder daran erinnern.

  8. Sie haben schon recht, My Dear. Aber aus einer Täterfamilie stammend – morgen würde der Großvater wieder salutieren und die Hacken zusammenschlagen – hat Hauptschulblues auch eine Verantwortung dafür, dass Sie für sich Verantwortung übernehmen können. Und müssen.

  9. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Ihre Argumente treffen aber größtenteils auch auf andere Gruppen zu.
    Also auf alle, die als „irgendwie anders“ beurteilt werden. Da stellt sich mir die Frage: wie muss man denn beschaffen sein, um unbehelligt sein Leben leben zu können?!
    Weiß, deutsch, heterosexuell, männlich, schlank, katholisch? Vergiss es! Das sind doch die meisten dieser engstirnigen Scheuklappenträger selber nicht!
    Der weiße Mann, der blöde Witze über „Neger“ (hier beliebiges Anderssein einsetzten) macht, aber seine eigene Homosexualität verschweigt, die Frau, die AFD wählt, aber es akzeptiert, dass ihr männlicher Kollege ein Drittel mehr verdient, der wiederum ein mit latent antisemitischen Sprüchen um sich werfender Dicker ist, der darunter leidet, auf dem Fußballplatz „Rolli“ genannt zu werden…suchen Sie sich was aus, all das befindet sich doch in unser nächsten Umgebung.
    Sie haben mit ihrem Text eine Kernforderung über Toleranz umschrieben, davon ist Deutschland weit entfernt!
    Unbehelligt ist also eigentlich kaum einer. Das lässt sich nicht von heute auf morgen abstellen.
    Ich verstehe, dass das manchmal ermüdet. Aber unbehelligt, das ist kaum einer, so geht es allen, die die oben genannten Kriterien (und noch ein paar andere, die mir jetzt nicht einfallen) nicht erfüllen.
    Ohne die tägliche Auseinandersetzung mit der ganz normalen Ignoranz, Borniertheit und Kurzsichtigkeit in diesem Land findet kein Umdenken statt.
    Und ich bin trotzdem froh, in diesem Land zu leben, weil es diese Auseinandersetzung überhaupt erst möglich macht. (Wenigstens prinzipiell) Aber einfach nur unbehelligt leben, das ist eben nicht.
    Nur das Aufzeigen dieser Sachverhalte, so wie Sie das in ihren Texten tun, das ändert etwas, davon bin ich überzeugt. Jeden immer höflich aber bestimmt darauf hinweisen, wenn einer was Unkorrektes vom Stapel gelassen hat. Das ändert was. (Ja, und erst mal macht man sich unbeliebt. Na und? Man bedenke: bei wem!!!)
    Aber vielleicht waren ja gerade diese Wiederworte das, was den Anstoß zum Nachdenken gegeben hat und sich bei ihm/ihr) etwas ändert. Damit sich insgesamt etwas ändert. Wenn auch wahrscheinlich nicht in einer annehmbaren Geschwindigkeit. Und ich fürchte, dass ein jegliches Nachlassen bei dieser anstrengenden Tätigkeit sofort einen Rückschritt einleitet.
    Ach ja, und genau das verstehe ich, unter Anderen, auch unter Demokratie.
    Daher: ich bitte Sie, lassen Sie nicht nach, ich tue es auch nicht, lassen Sie bitte alle nicht nach, nur Mut, es wird sich lohnen, unsere Ur-Enkel werden uns vielleicht dafür danken

  10. Ich kenne die hohle Redewendung, nehme sie micht in den Mund. Einer meiner Urgroßväter war Stationvorsteher auf einem Bahnhof, über den massenweise Menschen nach Ausschwitz warden gebracht, aus ihren normalen Leben.
    Ihn habe ich nie gesehen.
    Die blaue Nummer vom B Vater weiß ich auswendig., oft gesehen.
    Seit Sonntag ist wenig klar in meinem Hirn. B sagte mir von ihrem Urgroßvater, der sein Geld verdient in Auschwitz. Auch damit ward das Kind genährt, das später ihre Mutter ward.
    Geschichte ist und kompliziert. Sie tut auch weh.

  11. Danke, – und doch, wie so oft, ist es komplizierter.

    Ein Beispiel nur:
    Wie soll ich es nennen, was jene einst dazu bewegte, meine Großmutter und deren kleine Tochter, meine Mutter, nicht zu verraten, nicht zu denunzieren?

    War es nicht vielleicht doch so etwas wie Verantwortung, was diese Menschen, diese Deutschen, damals so handeln ließ, frage ich mich nach dem Lesen von ‚Verantwortungsvoll‘.

    „Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten“, fällt mir ein, schrieb Bonhoeffer.

    Und: „In konkreter Verantwortung handeln heißt in Freiheit handeln, ohne Rückendeckung durch Menschen oder Prinzipien selbst entscheiden, handeln und für die Folgen des Handelns einstehen.“

    Denn: „In dem Augenblick, in dem ein Mensch Verantwortung für andere Menschen auf sich nimmt, entsteht die echte ethische Situation, die sich von der Abstraktion, in der der Mensch sonst das Ethische zu bewältigen sucht, allerdings wesentlich unterscheidet.“

    Ja, sage ich mir, diese Menschen, diese Deutschen habe damals – „ohne Rückendeckung“ – Verantwortung übernommen. Verantwortung übernommen „für andere Menschen“.

    So wie es andere an anderen Orten für andere tun.

    Damals wie heute.

    Immer wieder neu und konkret.

  12. Wenn wir schon beim jüdischen Humor sind:
    Der Rebbe geht in eine Metzgerei und fragt die Verkäuferin: „Was kostet der Fisch?“
    Die Verkäuferin sagt: „Aber Rabbi, das ist ein Schweineschinken!“
    Der Rebbe darauf: „Noo, hab ich gefragt, wie de Fisch heisst?“

  13. Ich verstehe Sie, liebes Fräulein, verstehe Ihre Genervtheit ob der hohlen Phrasen, denen zu wenig bzw. keine Taten folgen. Doch glaube ich, dass gerade aus dem Bewusstsein der Schuld immer wieder die Verantwortung bemüht wird. Und das kann, das darf doch gar nicht anders sein. Ich denke an den Kniefall Willy Brandts, ein bewegendes Zeichen, Schuld einzugestehen und sich der Verantwortung zu stellen. Letztlich trägt jeder einzelne Verantwortung – für Aufklärung, Erziehung, Zivilcourage.

  14. Diesen Text sollten viel mehr Leute lesen. Danke dafür.

    Ich glaube, nicht alle verstehen die sich ständig wiederholenden Appelle als Wiederholung leerer Redensarten. Nur – was heißt es, Verantwortung zu übernehmen? Praktisch gesehen erhalten die wenigsten die Möglichkeit, Zivilcourage überhaupt zu zeigen. Und wenn doch, versagen manche (viele).

    Ich glaube trotz allem, dass ein Bewusstsein in Deutschland dafür existiert, jüdisches Leben zu schützen, obwohl es viele Gründe zum Zweifeln gibt. Ich stehe ein bisschen sprachlos, wütend aber vor allem ohnmächtig vor den Erzählungen und möchte nicht glauben, was sich vor unseren Augen abspielt.

  15. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

  16. Welch wunderbarer Text. Danke dafür.

    Ihre Worte haben mich ins Grübeln gebracht. Nachgedacht. Und Wiedergelesen.

    Und wie stimme ich Ihnen zu. Im Bezug auf all diese hohlen Phrasen, die doch eh nur geäußert werden zur egoistischen Selbstbestätigung und Selbstüberhöhung.

    Anderseits sehe ich gerade heute eine große Notwendigkeit, sich dessen bewußt zu werden, daß man jederzeit in eine Situation kommen kann, in der man Verantwortung übernehmen sollte statt wegzuschauen. Zum Beispiel wenn Juden mit Kippa unterwegs sind. Und sich ggfs. die Notwendigkeit ergibt, daß man sich neben, hinter oder auch vor diese stellen zu müssen, damit sie unbehelligt in Deutschland unterwegs sein können… Ich sehe es also in der Tat als meine Verantwortung als mündiger Bürger an, auch dafür zu sorgen, daß Juden unbehelligt ihrer Verantwortung für ihre eigenes Leben nachkommen können. Falls sich die Notwendigkeit ergäbe. Genauso, wie man sich einen Dieb in den Weg stellt. Einfach Zivielcourage üben. Also Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, deren selbstverständlicher Teil jüdisches Leben sein sollte.

  17. Sie finden also, anstatt von der bequemen Gemütlichkeit seines Plüschsessels aus von Zeit zu Zeit wohlfeile Sprüche über Verantwortung zu klopfen, sollte man aufstehen, hinausgehen, und etwas Konkretes tun, um die Welt besser zu machen (selbst auf die Gefahr hin, dabei schmutzige Hände zu bekommen)?!

    Read On, Sie haben wirklich ein seltenes Talent, sich unbeliebt zu machen …

  18. Pingback: Florilegium | Pressepfarrerin

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