Ein letzter Karton

Regen vor dem Fenster. Pfützen im Garten. Wind überall. Das Meer schlägt gegen die Felsen. Die Schafe haben missliche Gesichter. Tee und die Zeitung. Der Tierarzt sieht erst aus dem Fenster und dann zu mir. „Kannst Du allein fahren?“, fragt er, er fragt viel zu leise. Der Regen, der Wind, der Teekessel, Beethoven 7. Symphonie im Radio sind lauter. Aber ich höre ihn doch. „Ja“, sage ich und suche nach den Schlüsseln. Die Autoschlüssel liegen in der Schale aus Weinblättern im Flur, die Schlüssel zum Haus in dem der Tierarzt viele Jahre lang wohnte, liegen in seinem Wetterfleck. Der Wetterfleck hängt am Haken.

„Bis gleich“, sage ich und der Tierarzt sieht aus dem Fenster. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt ich nicke. Das Haus des Tierarztes ist verkauft, ausgeräumt ist es schon längst, nur ein paar Dinge gibt es noch zu holen, die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten, sagte ich zum Notar am Telefon. „Prima“, sagte der Notar. Ich fahre mit dem Auto vom Oberland ins Unterland, so viel Regen gegen die Scheiben, das Auto ist ein Ruderboot.

Drei Dörfer liegen zwischen dem Oberland und dem Haus des Tierarztes. Ich stelle das Auto vor dem Gartentor ab. Pfützen im Garten, das Tor knarrt, der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen, dann geht die Tür doch auf. Pfützen auf dem Boden. Das Haus ist dunkel und ich stehe am Fenster. Vor dem Fenster ist das Meer. Grau ist das Meer und es ist kalt. Noch einmal gehe ich durch das Haus. Behalten hat der Tierarzt nicht viel. „Ich brauche nichts mehr“, sagte er und seine Frau sagte dasselbe. Ich verkaufte die Möbel und überwies die Hälfte der Summe an seine Frau. Einmal habe ich sie danach noch angerufen. „Was mit ihren Sachen werden solle?“, fragte ich sie auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht saß sie in Ota neben dem Telefon, vielleicht war sie ausgegangen. Ich ließe das Telefon lange klingeln.

So viele Kleider, Hosen und Mäntel. Aber die Frau rief niemals zurück. Mit dem Tierarzt spricht sie schon lange nicht mehr. Ich habe die Kleider alle verschenkt. Noch einmal habe ich nicht auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Aber viele Wochen später noch habe ich davon geträumt, dass sie ihre Kleider und Mäntel zurückforderte, irgendwann hörten die Träume auf. Die Küche ist leer, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, im Arbeitszimmer steht ein Karton.

Hat der Karton schon immer dort gestanden? Ich erinnere mich nicht. Aber jetzt steht er da und ich mache den Karton auf. Im Karton ist ein vertrockneter Blumenstrauß, Ehreringe, Schleifenband und dann sehe ich die Bilder. Der Tierarzt ist jung auf den Bildern. So jung. „Du bist so jung“, denke ich und sehe den Tierarzt an. Die Bilder beginnen mit dem Haus. Der Tierarzt und seine Frau vor dem Haus. Der Tierarzt mit Nägeln zwischen den Zähnen, die Hände halten ein Regal. Das Regal habe ich auseinandergenommen fällt mir ein. Der Tierarzt hat nichts gesagt, als ich aus dem Regal viele Bretter machte, aber hier auf dem Bild baut der Tierarzt das Regal auf. Der Tierarzt mit einem Regenschirm in der Hand und dann ein zweites Bild: Der Tierarzt und seine Frau unter dem Schirm im Regen, sie lacht, ein helles Lachen, der Tierarzt und seine Frau auf einer Picknickdecke, der Tierarzt liest ein Buch auf dem Bild. Der Tierarzt und seine Frau schlafen auf einem Schaukelstuhl. Ein Bild und vielleicht ist es das schönste von allen, der Tierarzt mit viel längeren Haaren als heute und einer schwarzen Ente unter dem Am. Die Ente hieß Guiness und war eines der vielen Tiere, die der Tierarzt irgendwann unter seine Arme nahm, aber ich habe Guiness nicht mehr kennengelernt.

Irgendwann sind die Bilder nicht mehr in Irland, sondern in Japan und irgendwann hören die Bilder auf. Etwas war anders denke ich, und nehme noch einmal ein Bild in die Hand und erst dann fällt mir auf was anders ist. Der Tierarzt sitzt an einem Tisch und schält eine Birne und ein Bild weiter ißt seine Frau einen Birnenspalt und auf einem dritten Bild läuft dem Tierarzt Birnensaft aus dem Mundwinkel. Dann fällt mir auf was anders ist: die Bilder sind alle aus einer Zeit in der, der Tierarzt noch gegessen hat und ich sehe die Bilder noch einmal an. Ich sehe eine Butterdose, ein Brotmesser, Krümel auf der Picknickdecke, den Tierarzt mit einem Stück Kuchen in der Hand. Geburtstagskuchen. Der Tierarzt mit Sahne auf der Nasenspitze, der Tierarzt am Herd. Vielleicht Spaghetti Bolognese. Der Tierarzt schält eine Banane mit diesem Lächeln bei dem die Frau des Krämers und alle Frauen zwischen Dublin und Dingle just swoon, der Tierarzt beim Abwasch, Schaum an den Armen, der Tierarzt mit einem Paar Kirschen im Ohr. Der Kirschbaum im Garten ist immer noch kahl.

Aber dann lege ich die Bilder zurück in den Karton, ich trage den Karton ins Auto, nehme einen Wäschekorb mit Geschirr mit und dann schließe ich die Tür zum letzten Mal zu. Die Schlüssel in den Briefkasten wie versprochen. Am Meer halte ich an, Schuhe aus, Kleid aus, die Strickjacke auch, ich laufe ins Meer und schwimme viel zu lange in der kalten See und dem kalten Regen. Dem Meer ist es egal, ob man weint und ich denke an den jungen Mann und seine Frau auf den Bildern und dann schlägt eine Welle über mich hinweg. „Es hat einmal eine Zeit gegeben in der der Tierarzt gegessen hat“, sage ich ins Meer hinein und schwimme weiter. „Aber nicht mit Dir“, sagt das Meer und das Meer irrt sich nie.

Dann fahre ich zurück. Nasses Haar und sandige Füße. „Das ist der Rest“, sage ich und stelle den Karton auf den Tisch.

„Die Bilder, sage ich, die Bilder ich hätte dich vorher fragen sollen. „Nein“, sagt der Tierarzt und macht den Karton auf, „Du musst mich nicht fragen, ich hätte dich nicht bitten dürfen.“ Ich wasche das Meer und die Kälte ab und als ich zurückkomme, sieht der Tierarzt noch immer die Bilder an. „Ihr wart ein schönes Paar“, sage ich. „Ich sage nicht, warum willst Du das nicht mir mir?“  Auch nicht: „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“ Ich sage: „Hast Du etwas gegessen?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er. Vor dem Fenster der Regen, das Meer, der Wind, ich wasche ab. Im Radio spielt jemand Chopin.

26 thoughts on “Ein letzter Karton

  1. Mir fehlen die richtigen Worte… Nichts, was jemand jemals tut, hat etwas mit dir persönlich zu tun, immer nur mit demjenigen selbst. Sich das klar zu machen, kann einem viel Schmerz ersparen- frei nach Don Miguel Ruiz.
    Alles Liebe

  2. Ich will nicht, dass es schon aus ist. Die Geschichte. Und ich will wissen, was danach kommt. Und ich weiß jetzt schon, dass mich die kalte irische See, in der auch ich schon geschwommen bin, und die Birnenspalten und das WARUM noch lange begleiten werden. Danke, Fräulein Readon. Wie immer. Tausendmal. Dana13 aka Bella Chavela 🙂

  3. Ah, Mädchen, wie weh das tut.
    Und doch war es eine andere Zeit, er ein anderer Mensch.
    Sei nicht traurig, Du bist nicht Schuld an alledem.
    Du bringst nur Ordnung in die Dinge, und Liebe.

  4. Wenn man dem Tierarzt doch nur zurückgeben konnte, was er scheinbar verloren hat. Ich wünsche ihm sehr, dass es irgendwann den Punkt gibt, an dem er wieder isst und sich dem Leben zuwendet und die Wunden verheilen so gut es nur geht.
    Wir Frauen neigen oft dazu zu denken „mit mir hat er das nicht getan“, aber das ist nur ein Gedanke. Im Grunde geht es nicht um uns, es geht darum, dass jemand eine Geschichte schrieb und wir einfach mittendrin zu lesen begonnen haben, als sich die Dinge schon verändert haben und nichts davon hat etwas mit Ihnen zu tun.

    Alles Gute für Sie und Ihren Tierarzt!

  5. Es gibt nichts, was dazu sinnvoll wäre, zu schreiben. Nur auf ein Wunder hoffen. Aber das, was ich zwischen den Zeilen hier und da herauslese, lässt auch dafür keinen Spielraum. Ich danke für die Offenheit und das Teilhaben lassen und sende liebe Grüße und viel Sympathie.

  6. Ach, das ist so traurig. Sehr! Ich würde gern helfen, wenn es geht. Schauen Sie Ihre Mails an, vielleicht geht es, vielleicht kann man….Ich würde Sie gern in den Arm nehmen – mit dem Tierarzt! Meine Arme sind lang genug dafür. Nein, das darf nicht das Ende sein, wo alles aufhört. NEIN!

    • Ich kann mich nur anschließen. Es bricht mir jedes Mal das Herz zu lesen, wie der Tierarzt leidet. Und ich kann nur erahnen, wie kräftezehrend das alles auch für Sie sein muss. Es ist dennoch ganz wunderbar, dass Sie einander haben. Und wie Sunni schrieb, wenn es irgendwas gibt, was man für Sie tun kann – von Herzen gerne. Immer.

  7. Wie gut, dass das Meer die Wahrheit kennt und sie mir Dir teilt, liebste ReadOn.
    Ich glaube übrigens nicht, dass immer alles zuende geht, wenn Du ankommst. Jedenfalls hab ich noch viele Male Treffen mit Dir vor, (wenn Du auch willst), z.B. Kuchen, Konzerte, Kochen, Schwimmen, Reden, Lachen, Spazierengehen, Schreiben…

    sx

  8. Was soll das denn? Immer diese leidenden Männer (die auch noch Verständnis ernten) und die Frauen im Hintergrund, die alles richten. Der Tierarzt soll essen, er hat schließlich Sie!
    (Hauptschulblues ist nicht böse, wenn Sie diese polemische mail löschen.)

  9. Liebes Fräulein, es tut weh, denn Sie haben Kummer. Die Gründe dafür liegen offenbar weit zurück und nicht in Ihrer Verantwortung. Ich bin nicht sicher, ob ich alles richtig verstehe, möchte Ihnen aber ans Herz legen, Ihre eigenen Wünsche, Ihre Sehnsucht nicht minder wichtig zu nehmen.

  10. Liebes Fräulein Read on, Sie sind nicht Schuld und doch tut es so weh. Passen Sie bitte auf sich auf sie brauchen ihre Kraft auch für sich.

  11. Sehr, sehr schwieriges Krankheitsbild. Ich hatte lange beruflich damit zu tun. Ich wünsche Ihnen beiden sehr, dass Sie die Kraft haben, es auszuhalten.

  12. „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“
    Das wiegt schwer, auch weil es die Vermutung nährt, dass es mit dem Leben des Tierarztes
    bald zu Ende geht?

  13. Liebes Fräulein ReadOn,
    ich möchte dir gern einen kleinen Gruß und Dankeschön für die Empfindungen, Einsichten, Erlebnisse, Anregungen zukommen lassen, die das Lesen in deinen Episoden bewirkt hat. Manches hat mich regelrecht aufgerüttelt. Bitte lass mich wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, irgendwo in Berlin etwas für dich zu hinterlegen.
    Mögest du an den Klippen und Herausforderungen in deinem Leben nicht kaputtgehen und Trost, Geborgenheit und Zuversicht im Kreis deiner Lieben und aus Wörtern schöpfen!

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