Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

73 thoughts on “Verschwommene Sicht

  1. Oh, im Vergleich dazu fällt eine kaputte Brille wirklich unter Kinkerlitzchen. Aber von den betrunkenen Jugendlichen Freitagabend in Dublin werden auch viele schlagen und eine weitere Generation in diesem Sinne aufziehen. Eine Dose Bier ist nicht unbedingt ein harmloses Objekt….

    • Wirklich. Dinge gehen kaputt. So ist das. Ich weiß auch nicht, warum es keine anderen Modelle gibt für Freitag Abend und warum wir es als Gesellschaft völlig normal finden, dass die Innenstädte Freitag Abend Betrunkenen gehören.

      • warum wir es als Gesellschaft völlig normal finden, dass die Innenstädte Freitagabend Betrunkenen gehören.

        Eigenartig, dass so viele Leute „sich amüsieren“ mit „sich völlig betrinken“ gleichsetzen. Als könnte man keinen Spaß mit weniger oder gar keinem Alkohol haben.

  2. Ich hab zwei Kinder, die mich manchmal zur Weißglut treiben. Dennoch werde ich nie verstehen, wied man sein Kind schlagen kann. Und die Reaktion des Tierarzt wird sich tief in mein Gedächtnis einprägen.

    Eine Frage: wie konnten Sie den Text ohne Brille schreiben?

  3. Der arme Tierarzt, dass ausgerechnet ihm das Malheur passiert ist. Für ihn ist es ein halber Weltuntergang, was für Sie sehr lästig und ärgerlich ist und für die Mehrheit von uns Lesern halt ein Fall für die private Haftpflichtversicherung. Falls der Tierarzt auch eine haben sollte, wäre es besser, die Brille wieder aus dem Müll zu fischen, damit er es der Versicherung melden kann. Manchmal wollen die dann Fotos sehen oder sogar den kaputten Gegenstand, um zu beurteilen, ob der noch reparabel ist.

    Sollte er keine solche Versicherung haben und Sie sich wieder eine Brille zulegen, wäre es vielleicht gut, wenn Sie sich die vom Augenarzt verordnen lassen und die Rechnung für die Steuererklärung aufheben – zumindest in Deutschland kann man die Kosten unter „besondere Belastungen“ absetzen (ein gewisser, einkommensabhängiger Prozentsatz ist allerdings zumutbar).

  4. Oh, das tut weh! Mögen die alten Wunden durch Liebe heilen.

    Dass du dir dir Brille nicht schicken lässt, wundert mich. Aber nur insofern, dass du lieber halbblind hinfliegst, statt jemandem „Arbeit aufzuhalsen“. Oder gibts andere Gründe?

    • Ich brauche die Brille sehr dringend. Das ist der einzige und der entscheidende Grund und ich möchte es einfach nicht darauf ankommen lassen, dass die Brille verlorengeht…

  5. Mir fehlen die Worte. Der Tierarzt tut mir leid. Es ist viel Aufwand für eine Brille, aber kein Grund für Schläge oder sonstige Wutausbrüche. Wie gut, dass der Tierarzt Sie hat!

    Liebe Grüsse
    Clara

      • Es gibt Dinge, die kriegt man nie wieder raus. Und diese Angst, bestraft zu werden – ob mit oder ohne Anlaß, mit oder ohne Grund – die bleibt. Man kann vielleicht ein bißchen Vertrauen zu neuen Menschen aufbauen als Erwachsener, aber dieses Urvertrauen – wenn man das als Kind verlor, dann, so glaube ich, kann man es nie wieder aufbauen.
        Und das fällt einem dann selber auch immer wieder auf die Füße, vermutlich sogar mehr einem selber als den anderen Leuten, die diese Angst, dieses Zurückzucken, dieses plötzliche Auf-Distanz-gehen beim kleinsten Windhauch ertragen müssen…

  6. Ich hoffe, dass der Tierarzt irgendwann sein Trauma überwindet. Es braucht wohl noch etwas Zeit.
    Und irgend ein Fluch lag dieses Wochenende Brillentechnisch in der Luft. Ich habe mir auch das Glas der geschliffenen Sonnenbrille zerkratzt 😢

  7. (((Tierarzt)))

    Diese Traumata wird man ein Leben lang nie wirklich los. Man kann lernen, sie etwas besser in den Griff zu bekommen, aber ganz tief innen bleibt ein Furchtkern.

  8. Ach, mein Herz schmerzt mit und für den Tierarzt. Die Schläge der Kindheit reißen Narben, die mit der Zeit verkrusten. Zu schmerzen hören sie aber nie auf und dieses geschlagene Kind in dir drin, das verschwindet nie, auch wenn man nicht dran denkt, ist es in manchen Momenten schneller wieder da, als sich Angst buchstabieren lässt.

    • Ja, Gewalt in der Kindheit ist eine Erfahrung, die das ganze Selbstverständnis des in der Welt Seins in Frage stellt und so viel zerstört, so viel nicht mehr heilen lässt, das es zum Verzweifeln ist.

  9. Ich hatte ja schon befürchtet, dass dieses Unglück mit der Brille dem Tierarzt wieder zusetzt. Wie gut, dass er Sie hat! Ich wünsche ihm von Herzen, dass er die Vergangenheit eines Tages abschütteln kann.
    Und vielleicht fühlt er sich ein kleines bisschen besser, wenn er Ihnen eine Drittbrille spendiert, so dass künftig auf jedem Schreibtisch eine liegt?

    • Es ist schrecklich zu sehen, wie ungeheuer ihm das zusetzt, das ist viel schlimmer als die zerbrochene Brille. Ich werde wohl wirklich in eine Drittbrille investieren für den Fall der Fälle…

      • Eine Drittbrille ist eine gute Idee. Immer wenn ich bei einem Problem einen doppelten und dreifachen Boden einbaue, tritt es in der Form nicht wieder auf. Also flott eine Drittbrille besorgen, denn gibt es keine kaputten Brillen mehr. Hoffentlich….
        Und zum Tierarzt: mein Kind ist ganz anders und sehr jung (als Neugeborenes und im ersten Lebensjahr, bis es zu uns kam) traumatisert worden, sehr schwer. Als es dann zu uns kam und wir es adoptieren durften, hatte es schon ein dickes Päckchen zu tragen. Die Wunden heilen wohl nie ganz, aber eine spezielle Traumatherapie kann wirklich helfen, besser mit den Wunden zu leben, auch wenn selbst das noch schwer genug ist.
        Alles Gute!

      • Ich habe im Urlaub immer eine Handvoll Einmal-Kontaktlinsen dabei – bin aber auch in der glücklichen Lage, links und rechts ungefähr die gleiche Stärke zu brauchen. Das ist zwar weniger als suboptimal, weil ich dann noch ne Opa-Brille bräuchte, aber ich komm damit notfalls auch bis nach Hause und renne keine Autobusse um.

  10. Ganz sicher muss eine Drittbrille sein, und die 2. immer in Greifweite, also ohne gar fliegen zu müssen. Trösten Sie den Tierarzt, das sind DINGE!Wir hatten doch neulich erst die Feststellung, dass gerade das NICHT- Materielle unser Leben ausmacht. Die Liebe, die Verantwortung, die Empathie…Materielles kann man ersetzen, auch wenn es Mühe macht. Leider verschreibt in D auch kein Augenarzt mehr Brillen, die macht nur der Optiker und man zahlt sie ja auch dort. Vielleicht lohnt sich da echt eine private Versicherung. Gerade wenn man sie so dringend braucht. Und ja, ja und ja: Die Traumata der Kindheit vergehen nicht. Man kann sie eine Zeit lang in die 2. oder 3. reihe verbannen, aber irgendwann holen sie den menschen wieder ein. Machen Sie einen gemeinsamen Spaziergang am Meer. Das Meer hilft bei vielem. Herzlich, Sunni

  11. Als Maulwurfschwester im Geiste kann ich auch berichten, dass mein Trend mittlerweile zur 3. bzw. 4. Ersatzbrille geht.

    Letztes Jahr im Urlaub hab ich selbstverschuldet eine Brille verloren und bin 2 Tage blind durch die Gegend gestolpert.

    Schon 3 x beim Schwimmbadbesuch das Teil verschusselt und nur dank einer sehenden Freundin wiedergefunden.

    Ich bin jetzt Stammkundin eines Brillendiscounters in unserem Städtchen, der erstaunlich gute Brillen hinbekommt für meine schiefen Augen.

    Sie haben meine volle Empathie!

  12. Wohl dem, der eine liebevolle Kindheit hatte. Ich gedenke meiner lange verstorben Eltern deshalb immer wieder voll Dankbarkeit.
    Das ist unersetzlich, eine Brille hingegen….
    Beste Grüße an den Tierarzt.

  13. Da möchte ich Sie und den Tierarzt aus der Ferne umarmen ♥

    Was die trunkenen menschen angeht – da schüttelte ich eben heute Morgen um 9 Uhr den Kopf über zwei Jungs mit arger Schlagseite, die wohl noch von der Nacht übrig geblieben waren. Ich versteh’s nicht…

  14. Hm, der arme Tierarzt. Ich wurde auch von meinen Eltern geschlagen, meist begründet, manchmal auch unbegründet. Sie haben allerdings nie ihre Wut an mir ausgelassen, während ich in meiner Schulzeit beobachten musste, dass einige Lehrer an manchen Mitschülern ihre Wut ausließen. Schon damals habe ich gemerkt, dass das durchaus einen Unterschied macht. Und mit dem Ledergürtel, das geht ja gar nicht.

    Und wochenendliche Saufereien hielt ich auch mal in jungen Jahren für ganz normal, bis ich mir dachte, dass es doch blöd ist, wenn ich jeden Sonntag verkatert verbringe. Da bin ich einfach ausgestiegen. Ich denke, dass ist oft schlicht eine Kultur (das machen ja alle, und man will schließlich dazugehören), die man für normal und richtig hält. Und oft wenig hinterfragt.

    • @togibu: Es gibt keine begründeten Schläge. Niemals. Man darf das nicht schönreden, es ist Gewalt. Nach wie vor. Und wenn Sie rotzig frech gewesen wären oder die halbe Schule in Brand gesetzt hätten – es gibt keine Begründung für körperliche Gewalt. Und auch keine für seelische/emotionale Gewalt. Es darf keine geben, denn Gewalt ist Gewalt und bleibt Gewalt.

      Herzliche Grüsse
      Clara P.

      • @Clara P
        Ich bitte, mich recht zu verstehen: Ich bin keinesfalls für Gewalt gegen irgendjemanden. Und meinen 13-jährigen Sohn habe ich nie geschlagen. Dennoch muss ich anerkennen, dass ich manchmal nicht ganz unschuldig an der Reaktion meiner Erziehungsbeauftragten war. Und dass schlicht der damalige Zeitgeist ein anderer war. Und dass man heutige Einsichten nicht auf damaliges Verhalten projizieren sollte – so sehr man es auch nach heutiger Haltung missbilligt.

        Und unter diesem Gesichtspunkt rechne ich meinen Eltern durchaus hoch an, dass sie nie ihre (von mir erzeugte Wut) an mir ausgelassen haben. Was studierte Pädagogen damals an Mitschülern durchaus häufiger gemacht haben.

      • Danke für Ihre große Offenheit und Ihre Reflektierheit. Ich bin der sehr festen Überzeugung, dass es die große Herausforderung des Erwachsen-Seins ist, Konflikte gewaltfrei lösen zu können und das schließt viele Formen von Gewalt ein. Die Übergriffigkeit auf den Körper des Anderen ist immer eine Grenzüberschreitung mit vielen möglichen Nachwirkungen. Gerade diese Situation der doppelten Demütigung im Klassenzimmer ist in seiner ganzen Schrecklichkeit unerträglich.

  15. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich zwei Mal geschlagen worden.
    Das eine Mal war ich auf dem Dach, allerdings im dritten Stock. Das andere Mal habe ich auf dem Balkongeländer balanciert, ebenfalls im dritten Stock.
    Seither habe ich große Angst vor Tiefe.
    Ich habe ganz lange gebraucht, mich auf Brücken zu trauen. Leiter kann ich heute noch nicht.
    Ich kann das so gut verstehen, dass man das nie mehr richtig los wird. Aber ein bißchen geht schon.

    Eine Freundin ist Irin. Sie sagt, sie hätte nie nie nie einen Iren geheiratet. Der Grund ist der Alkohol. Sie sagt, dass es als normal angesehen wird zu trinken, und die ganzen Folgen werden toleriert, in der ganzen irischen Gesellschaft. Die Frauen machen die Arbeit und die Männer trinken, sagt sie. Anscheinend hat sich seit damals nicht viel verändert.

    Mit der Brille drücke ich sehr die Daumen. Mit meinen 8 Dioptrien, einem Satz Kontaktlinsen und einer Brille hab ich alle Kombinationen der Zerstörung schon erlebt, und erstaunlicherweise ist alles gut gegangen. Stoplern ist allerdings gefährlich.

    • Auch in Deutschland wird gesoffen, ich nenne es bewusst so. Vor allem bei uns auf dem Land. Schon von 13, 14, 15jährigen. Und mit dem Alkohol sinkt auch die Hemmschwelle gegenüber Gewalt…

  16. Der Beitrag bewegt mich. Die Schläge, körperlich oder seelisch, vergisst man nicht. Sie kommen immer wieder. Es ist so mühsam, damit zu leben.

  17. Manchmal braucht es nicht viel, um alte mentale Wunden wieder aufzubrechen. Ein dummer Zufall, eine unglückliche Konstellation, ein leichtes Wort, und bamm!! geht’s wieder los mit der psychischen Reaktion. Da kann man noch so lange Therapie oder sonstwas gemacht haben, manchmal steht die Tür zur Vergangenheit nur ein bisschen offen, aber der Wind pustet hinein und bringt Unordnung in die schön sortierten und sicher verwahrten Gedanken. Und dann ist man froh, wenn da einer ist, der die Dämonen wieder bannt.
    Wie gut, dass der Tierarzt Dich hat, liebe ReadOn. x

    Und es freut mich im stillen, dass sie auch nicht trinken. Ich hab das mit dem vertrunkenen Wochenenden in der Angelsächsischen Kultur noch nie richtig verstanden. Und werde dafür auch nicht verstanden.
    Es ist schade um die Leute.

  18. Ach ach ach. 🙁
    So viele guten Wünsche für den Tierarzt, Sie und überhaupt. Auch eine gute Reise! Ich mache mir ein wenig Sorgen – so zu reisen stelle ich mir sehr beschwerlich vor. Aber wahrscheinlich haben Sie diese Strecke schon so oft bereist, dass Sie es „blind“ schaffen.

  19. Vielen Dank dafür, dass Sie den beiden jungen Damen geholfen haben, aus einer unglaublich unangenehmen Situation reißaus zu nehmen. Es ist traurig, wenn Leute, sobald sie getrunken haben, so fies werden. Hier wird ja auch viel getrunken, aber nur sehr selten auf der Straße, und auch solche verbalen Endgleisungen sind hier nur sehr selten zu sehen.

    • Ich finde das auch immer wieder erschreckend, wie sehr Alkohol und Gruppensituationen sehr schnell, sehr unangenehm werden können und wie sehr es trotzdem gesellschaftlich akzeptiert ist, jedenfalls hier in Irland. Gut zu hören, dass das in Japan anders ist.

  20. Ich kann einfach nciht „Gefällt mir“ drücken.
    Dieser Text tut zu weh. Nicht aus eigener Erfahrung (zum Glück), aber aus miterlebten. Diese Urangst, weil sie das Urvertrauen ablöste, ist so erschreckend. Und damit umzugehen, ist für eine Außenstehende nicht einfach. Ihnen beiden ganz viel Kraft und noch mehr Liebe, der Angst den Schrecken zu nehmen.

    • Es ist furchtbar wie diese Angst niemals wieder kleiner wird. Körperliche Unversehrtheit ist ein so hohes Gut und es ist so schwer das mit anzusehen. Danke für Ihren so tröstenden Kommentar.

  21. Aufgewachsen in einem Landstrich, der als die Kornkammer Bayerns gilt und viele mittelständische Brauereien beheimatet, wird mir bei Heineken auch übel. Es gibt doch in der Gegend des Tierarztes sicherlich deutlich besseres Bier. Aber gut, der Rausch ist billiger und schneller erreicht, Bei uns würde man in dem Fall ein Bier trinken, das den selben Namen trägt wie ein EU-Kommissar.
    Für die Zukunft, einfach eine Zweitbrille beim Tierarzt hinterlegen, dann muss er sich nicht mehr fürchten.

  22. Am Ende der Geschichte hat es mir den Magen zusammengezogen. Wie schrecklich muss diese Angst sein, wenn sie selbst im Erwachsenenalter noch solch eine Reaktion hervorruft. Ich stamme aus einer Generation, in der körperliche Strafen noch selbstverständlich waren. Als Mädchen bin ich zum Glück immer verschont geblieben. Nehmen Sie den Tierarzt fest in den Arm und versuchen Sie seine Schreckgespenster zu vertreiben.

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