Der lange Weg aus Ägypten

Die liebe C sagt: “Süße, dein Vater kann seinen Pass nicht finden.

Mein Vater sagt: „Kind, ich habe den Schlüssel für die Wohnung in Jerusalem gefunden!

Die A. sagt: Ich kann mit vollem Stolz behaupten meine Wohnung ist kosher für Pessach. Wie schaut es denn bei Dir aus?

Ich denke: Angeberin! Und esse einen Keks, aber vorsichtig, so dass die A. mich am Telefon nicht hört!

Die Nachbarin zur Rechten sagt: „Read On, der Peter trägt nachher die Kisten mit den verbotenen Lebensmitteln zu uns herüber. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Schweigervater letztes Jahr so derart in deinen Vorräten geplündert hat. Kriegsteilnehmer, was soll man machen?“

Ich sage: Danke und drücke der Nachbarin zur Rechten einen Blumenstrauß in die Hand.

Der ehemalige geschätzte Gefährte F: sagt: Weißt Du, das ich als Kind immer heimlich ein Baguette im Nachtschrank versteckte, um G*tt herauszufordern?

Ich sage: Wärst Du mal beim Baguette geblieben.

Meine Schwester sagt: Die Kinder mögen keine Matzot. Wie erkläre ich das der A.?

Die liebe C. sagt: Süße, ich erkläre der A. alles, wenn Du nur Deinem Vater hilfst seinen Reisepass zu finden.

Mein Vater sagt: Ich habe eine Packung Kekse und Käsecracker in meiner Tasche verstaut. Die A. kocht erbärmlich schlecht.

Der Tierarzt sagt: Mädchen, war das Pessach wo ein goldenes Kälbchen geschlachtet werden sollt?

Ich sage schnaubend: Verfluchter Mist, ich habe den Meerettich vergessen.

Die A. sagt: Bodensteins essen Reis zu Pessach. Was sind das nur für Barbaren! Aber eine Hut mit Feder trägt Selima Bodenstein in der Shul. Was für Angeber.
Tsk Tsk Tsk

Meine Nichten heulen: Alle Kinder bekommen Goldhasen und wir dürfen nur Kaninchenfutter

Die liebe C. sagt: Süße, Dein Vater hat Marzipaneier im Handgepäck, sprich du doch noch einmal mit ihm. Die A. vergisst sich sonst wirklich.

Ich sage: Papa, lass das doch mit den Marzipaneiern sein.

Mein Vater sagt: „Ich lasse mich doch nicht von religiösen Hardlinern unterjochen. Ich bin ein freier Jude.

Der F. sagt: Hier war doch gestern noch ein halber Kuchen?

Die Mali-Tant sagt: Also geh Mädi, ich brauch meine Semmel am Morgen!

Mali-Tant sage ich, ist es nicht merkwürdig, dass Du ausgerechnet immer an Pessach deine Vorliebe für Weißgebäck entdeckst?

Die Mali-Tant sagt: Damit Du es nur weißt Champagner ist immer und grudsätzlich kosher.

Der Tierarzt sagt: Also ich verstehe das nicht, der Pharao hat ein Kälbchen gefordert und als ihr ihm kein Kälbchen gegeben habt, hat er euch mit Fröschen beworfen.

Mein Neffe sieht den Tierarzt zweifelnd an und sagt: „Weißt Du Tierarzt, das alles ist wirklich schon sehr lange her.

Der Tierarzt seufzt und murmelt etwas von Geheimnissen vor Kälbchen und allgemeinen Unwohlsein.

Die liebe C. sagt: Süße, Du musst uns wirklich nicht zum Flughafen fahren, wahrscheinlich bleiben wir ohnehin hier, wenn Dein Vater nicht endlich seinen Pass findet.

Die D: sagt: Wo seid ihr zu Pessach?

Der A. sagt: Ist bei noch Platz an Pessach?

Der F. sagt: Müssen wir in die Shul?

Die A. sagt: Wann seid ihr in der Shul?

Die G. sagt: Ich probiere dieses Jahr lauter, neue Rezepte aus. Pessach kommt ja nun wirklich nicht überraschend. Und Read On, was hast du denn für Meerrettich?

Ich schweige bedrückt.

Die Mali-Tant sagt: Meerrettich, wir sind doch keine Armenhäusler!

F. sagt: Das Date-Ale ist definitiv kosher for passover.

Ich sage: Urks!

Die A. sagt: Selena Bodenstein hat einen goldenen Pessach-Teller.

Nichten 1-3 heulen: WIR WOLLEN GOLDHASEN!

Ich sage: Himmel, in dem Schrank ist ja auch noch Mehl!

Der T. sagt: Wir backen unsere Matzot ja selbst! Der T. hält einen sehr langen Vortrag über die Verunreinigungen der Bäckerei aus der ich Matzot beziehe.

Ich funkle den T. böse an und sage: Papperlapp.

Die A. sagt: Keine der Töchter von Selina Bodenstein können grüßen! Ha, was Besseres, aber sie essen Reis zu Pessach.

Die liebe C. sagt: „Wenn Dein Vater seinen Pass nicht gleich findet, dann packe ich den Koffer wieder aus.“

Die Nichten 1-3 heulen: GOLDHASEN!

Der F. sagt: Mein Bruder hat einmal über Pessach Sarah Silbermann einen Frosch ins Bett gelegt.

Ich sage: Wie ist dein Bruder an das Bett von Sarah Silbermann gekommen?

Der F. sagt: Mein Bruder hat sich über sieben Balkone geangelt, ist durch das Badezimmerfenster der alten Tante Chana über eine Terrasse auf das Dach der Silbermanns geklettert, hat das angekippte Fenster von Sarah geöffnet und den Frosch unter ihr Kopfkissen getan als die gesamte Familie Silbermann bei Tische saß. Wusstest du, dass Sarah Silbermann einen schrecklich langweiligen Rabbi geheiratet hat und vier schrecklich,langweilige Töchter hat?

Vielleicht hatte sie von der Aufregung auch einfach genug für den Rest ihres Lebens, frage ich, aber der F. schwenkt sein Telefon vor meiner Nase herum. Hier die schöne Myra macht Macarons die Kosher für Pessach sind. Das ist schon etwas anderes als deine Matzo-Ball Suppe, die es Jahr für Jahr gibt.

„Du kannst gerne die schöne Myra mit deiner Anwesenheit beehren“, knurre ich finster.

„Vielleicht sollte ich auch noch einen Frosch fangen, lacht der F.

Mein Vater sagt: Kinder streitet euch nicht. Bei der A. müssen wir Rote Bete Salat essen.

Die liebe C. sagt: „HEUREKA!“ ICH HABE DEN PASS!

Mein Vater sieht so aus als wolle er, ähnlich wie die Nichten auch gleich anfangen zu schluchzen.

Die liebe C. sagt: Telefon, Pass, Schlüssel-Jerusalem, Geschenke. Alles da.

Nichte No. 3 heult: Und wo ist Kanzler Bär?

Schwesterchen sagt: Das Schönste an Feiertagen ist, wenn sie vorbei sind.

Die Mali-Tant sagt: Matzot. Ich verstehe das nicht, wenn ich Papier essen will, dann esse ich Papier.

Der Jean sagt: Liebes, ich finde deine Suppen wunderbar!

Ich sehe den Jean dankbar an.

Der Tierarzt murmelt: Mah nishtanah, ha-laylah ha-zeh,
mi-kol ha-leylot. Heißt das: Kälbchen sei dahingeschlachtet?

Nein, sage ich, Tierarzt niemand schlachtet ein Kälbchen.

Der Tierarzt atmet erleichtert aus.

Ich reiche dem Tierarzt die Kinder Haggadah.

Ich google: Macarons kosher passover.

Die liebe C. ruft: Himmel, wo sind die Autoschlüssel?

Der F. sagt: Sarah Silbermann hatte die längsten Beine im Stadtviertel.

Ich zähle langsam bis 29.

Süße, rufe ich, ich habe die Autoschlüssel!

Schwesterchen zählt die Kinder.

Mein Schwager zählt die Kinder.

Mein Vater zählt die Kinder.

Die liebe C., zählt die Kinder.

Die Mali-Tant sagt: Ich habe eine ganze Sachertorte im Koffer.

Der Tierarzt sagt: Der Pharao war ein wirklich unangenehmer Mensch.

Mein Vater sagt: Die A. hätten sie ruhig in Ägypten behalten können.

Der F. sagt: „Los jetzt, sonst verpasst ihr nur das Flugzeug. Ich fahre euch!“

Türenschlagen, Tumulte, noch mehr Tränen.

Dann Stille.

Ich sage: Endlich! Die Haus, Küche und Hof sind kosher für Pessach.

Dann fällt mir eine Packung Kekse auf den Kopf.

46 thoughts on “Der lange Weg aus Ägypten

  1. Habt ein friedliches und fröhliches Pesach und Ich hoffe doch sehr, Kanzler Bär hat sich rechtzeitig angefunden!
    (Ich feiere zwar kein Pesach, aber den gewünschten Goldhasen habe ich auch in 50 Jahren Ostern nie bekommen … vielleicht in diesem Jahr.)

  2. Aus welchen Schriften hat der Tierarzt bloß seine Kenntnisse vom ‚goldenen Kälbchen‘, um das er wahrlich
    einen Tanz aufführt. 😄

  3. Feiertage werden in Familien leicht zu Survivalaktionen. Alles soll perfekt sein.
    Wie es uns gelingen wird, Renovieren, einen dreizehnten Geburtstag, Ostern und Pessach unter einen Hut zu kriegen, wir werden sehen.
    Das Geburtstagskind hat B geschrieben, die ihm „normalerweise“ einen Geburtstagskuchen bäckt, Matze ist für ein Fest.
    Gespannt bin ich auf die alte Cousine meines Vaters am sonntäglichen Ententisch, wenn wir da sitzen werden in Baustellenklamotten.

    • Also, ich hoffe es wird wunderbar, meistens geht es ja doch gut und ich glaube das wichtigste ist das alle beisammen sind in dieser einen Nacht, die anders ist als alle anderen Nächte. Chag Pessach Sameach!

  4. Ist ja echt gemütlich bei Euch!
    (Ich lache immer noch Tränen ob der allgemeinen Aufgeregtheit)
    Hab ein schönes Pessachfest! xx

  5. Die Mali-Tant hat am rechtestens: Champagner ist immer kosher und mit einer Sacher-Torte in Reichweite ist das Böse undenkbar, besonders mit Schlagobers. Ich wünsche allgemein und rundum eine schöne post-Pessach Erholung!

    • Die Mali-Tant kann ja überhaupt nicht irren, nur isst sie keine Sahne, der Kleidergröße 34 wegen…Ich sende die besten Wünsche zurück und hoffe Sie haben heitere Ostertage!

  6. 😂 in der Feiertagsvorfreude sind sich doch alle Familien auffallend ähnlich. Aber wenn man fragt:“ Bist Du aufgeregt?“ erhält man die entrüstete Antwort:“ Naaiiin! Aufgeregt, ich?! Wiesodenn..?“ Schön, aber auch schön, wenns wieder vorbei ist!
    Ich wünsche allen geruhsame Festtage!

  7. Hihihi, ein Haufen rebellischer Juden (war das nicht auch schon vor dreitausend Jahren so?) macht einen fantastischen Dialog. Ein schönes Pessach Ihnen allen, die Goldhasen können die Nichten ja nächste Woche verputzen!

      • Allerherzlichsten Dank, die Umsicht Ihres Vaters ist bewundernswert, die Logistik bestimmt auch.
        Wir haben heute die Ostertage mit einem sehr einfühlsam gestalteten Kinderkreuzweg eingeleitet, dabei durften sich auch alle an eine Pessach-Tafel setzen, um zu begreifen, dass man sich ja damals nicht zum letzten Abendmahl zusammen fand, sondern alle dieses Fest feierten in Erinnerung an … Schade, dass man diese Gleichzeitigkeit nicht bewusster (mit)erleben kann.

  8. Als Anhänger einer jüdischen Sekte, die sich vor etwa 2000 Jahren gegründet und abgespalten hat (ja, ich weiß, es ist Blasphemie, sogar doppelt, aber was soll’s). Wo war ich? Ach ja: Pesach Sameach und herzlichste Grüsse an die Mali-Tant 😉

  9. Sie schlagen sich tapfer im Vorfeld von Pessach. Ihnen hätte ich mich eventuell anvertraut beim Auszug aus Ägypten. Kühler Kopf, Organisationstalent, Humor – das ist schon mal ein guter Anfang. Ich wünsche der ganzen Familie ein frohes Fest!

  10. Ein schönes Pessach-Fest wünsche ich Ihnen und der ganzen Familie. Solche Feste und Vorbereitungen kenne ich auch aus meiner Familie. Im engsten Kreis waren wir so ca 25 Personen und am liebsten fanden alle sich in der Küche meiner Mutter wieder. Als mein damals zukünftiger Mann so ein Fest zum ersten Mal miterlebte, stand er fassungslos im Türrahmen und murmelte: „Das darf doch nicht war sein.“ Später war er mittendrin.

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