Postscript im Nebel

Am Morgen als der Tierarzt mich von der Klinik abholt, dämmert der Tag schon. Aber über dem Tag liegt dichter Nebel. Alles ist grau. Der dunkelblaue Mantel des Tierarztes ist grau, der rote Volvo ist grau, grau bin auch ich. Aber das ist nicht nur der Nebel.An der Haltestelle vor der Klinik warten zwei Männer auf einen Bus.Sie ziehen die Schultern so hoch es geht, als versteckten sie sich vor dem Nebel. Der Nebel findet auch sie.
Der Nebel verschluckt die Bäume und die Straße vor uns ist grau. Auf den Bäumen sieht man die Krähen nicht, aber man kann sie hören, so früh am Morgen sind die Krähen trotzdem schon wach. Die Krähen sind lauter als sonst, aber vielleicht ist das auch nur das Echo, das sich durch den dichten Nebel schickt. Mit den Krähen kommt das Unheil, aber das sage ich nicht. Der Tierarzt und ich kennen uns aus mit dem Unheil. Wir schweigen über die Krähen, dort auf den Bäumen. Der Tierarzt riecht nach der Kühle der Nacht, nach dem Regen auf seinen Wangen und nach dem Hunger, der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald. Aber heute ist der Wald grau und wir fahren die lange Straße entlang. Es ist ein weiter Weg, am Morgen nach der Nachtschicht ist der Weg besonders lang.

Der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen, die meisten Menschen bohren mit ihren Fragen ungerührt in einem herum, der Tierarzt kann warten. In einem einzigen Haus in der Straße ist schon Licht. Ein gelber Fleck mitten im Nebel. Vielleicht steht dort eine Frau im Fenster und malt sich die Augen nach, vielleicht rasiert sich ein Mann, vielleicht trinkt ein anderer Mann durstig aus dem Wasserhahn, vielleicht sucht eine andere Frau nach einer Kopfschmerztablette. Aber schon verschluckt der Nebel das kleine, gelbe Licht.

„Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen“, sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Nein, sage ich.“ Ich sage nicht: Genickbruch. Das schreibe ich nur auf später, vielleicht schluckt der Nebel auch diesen Satz herunter.

Die Treppe war eine selbstgebaute Treppe.

Die Treppe hat dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe hat kein Geländer.

„Er ist die Treppe doch jede Nacht zwei oder dreimal hinuntergegangen“, sagt die Frau, die jetzt auch eine Witwe ist.

Jede Nacht.

Der Mann schlief auf dem Dachboden schon seit Jahren.

Die Treppe hat er selbst gebaut.

Wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute.

Die Frau hat gut geschlafen.

Der Mann fiel und die Frau schlief.

Der Mann hat geschnarcht.

Es war einfacher so.

Sie hat ferngesehen.

Der Mann saß in der Nacht lange am Computer.

Sei sei immer aufgewacht, kam er spät ins Bett.

So sei es besser gewesen.

Auf der Treppe stehen leere Flaschen.

Die Flaschen sind grün.

Die Flachen stehen noch alle. Oder schon wieder.

Es sind viele Flaschen auf der Treppe.

So sei es einfacher gewesen in der Nacht.

Sie seien schon lange verheiratet gewesen.

Der Mann hat die Treppe selbst gebaut.

Dann kommt die Polizei.

Es sind viele Stunden vergangen, nachdem der Mann fiel und die Frau den Notruf wählte.

Die Polizei hat Fragen.

Die Frau zeigt den Polizisten die Treppe.

Die Treppe hat noch immer dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe ist steil.

Auf dem Boden, das Blut, Haare, auf dem Boden liegt auch ein Pantoffel. Der Pantoffel ist kariert. Das ist ein Loch im Schuh denke ich. Warum sehe ich auf das Loch im Pantoffel?

Später sagt die Polizei etwas von Ungereimtheiten.

Es gibt viele Möglichkeiten die Treppe hinunterzufallen.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen.

Wir sind lange schon aus der Stadt herausgefahren, nach der nächsten Kurve sieht man das Meer, aber das Meer ist grau, der Nebel hat das Meer verschlungen und der Tierarzt hält nicht an und ich schwimme nicht in das Meer hinein und die Kälte behält die Nacht, sondern wir fahren weiter, im Radio spielt jemand Hammerklavier, die Mondscheinsonate, aber auch den Mond, der sonst am Morgen noch blass ist, hat der Nebel verschluckt. Die Häuser im Unterland sind grau, und grau ist auch der Weg hinauf ins Oberland, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein grauer Schatten, aber ich weiß auf den Bäumen im Kirchturm und auf den Bäumen vor dem Haus, da sitzen die Krähen, mit den Krähen kommt das Unheil immer nur näher. Dann sind wir zu Haus. Grau ist das Haus. Grau ist die schwere Gartentür. Ich ziehe mich aus, der Tierarzt macht Tee. Ich stelle die Waschmaschine an, vielleicht nimmt die Waschmaschine die Nacht mit. Ich esse ein Honigbrot. Der Tierarzt sieht mir zu. Ich gehe ins Bad und das Wasser ist warm. Danke, Tierarzt für das warme Wasser und das Schweigen. Der Tierarzt zieht sich aus und ich lege meinen Kopf an seinen Rücken. Wie lernt man das Leben, frage ich ihn, aber der Tierarzt und ich wir haben keine Antwort, nicht auf diese Frage und auch nicht auf viele andere Fragen.

Der Tierarzt bringt Tee und ich ziehe die Vorhänge zu. Die Vorhänge sind blau, auf den Vorhängen spazieren Pfauen umher und Mädchen in rosa Kleidern tanzen. Ich mag die Vorhänge, die Pfauen, die Mädchen, das Zimmer schimmert hellblau und nicht mehr Grau. Der Tee wird nur langsam kalt in den großen Tassen. Der Pullover des Tierarztes in den ich mich wickle ist blau, mein Pullover den der Tierarzt auf sein Kopfkissen legt ist grün, blau und grün schimmert das Zimmer. Die Tassen sind weiß. Draußen vor dem Fenster sitzen die Krähen noch immer in den Bäumen. Die Krähen werden niemals heiser. Wo ist nur die Nachtigall geblieben. Ich weiß nichts über Nachtigallen, über Krähen weiß ich immerhin, dass mit ihnen das Unglück kommt. Das ist schon etwas. Der Tierarzt und ich trinken Tee. Schlaf, sagt der Tierarzt. Meine Hände sind kalt, sage ich. Der Tierarzt nickt. Ich schlafe ein.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, fällt mir ein als ich aufwache später, der Tierarzt hängt die Wäsche auf, der Nebel lehnt sich an die Hauswand. Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, erinnere ich mich. Was ist das nur für ein Satz.

12 thoughts on “Postscript im Nebel

  1. Unter dem Grau die Farben der Pullover wie Poller im Meer. Farbtupfer, die es ein klein wenig erträglicher machen.
    Danke für diese Geschichte, die einmal mehr von Vergänglichkeit spricht. Und von Liebe. Ja, auch von Liebe. Vielleicht sogar vor allem. Von deiner. Zum Tierarzt. Zum Leben.

  2. „…der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen…“. Ich hoffe sehr, Sie beide bleiben einander erhalten?
    Und Sie haben Recht, wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute. Wir sehen immer nur das von Anderen, was uns gezeigt wird, meistens nur die Fassade. Und indem man mehr von sich zeigt, macht man sich angreifbar, verletzbar – und dennoch geht es nicht anders. Weil sonst auch niemand da ist, der mitfühlt, der trösten kann oder einfach nur einen Tee kocht.
    Fühlen Sie sich gedrückt, virtuell. Der Nebel geht wieder und bald kommt der Frühling.

  3. Liebes Fräulein.
    Ihre Worte machen mich an vielen Stellen sehr nachdenklich. Die Vorstellung, dass die Last, die Sie so häufig privat und im Beruf spüren, vielleicht nur im Meer ein wenig leichter wiegt, würde das Wind-und-Wetter-Schwimmen erklären.
    Passen Sie auf sich auf.

  4. Ja. Eigentlich wissen wir gar nichts vom anderen. Nichts. Nur die Liebe lässt dann und wann einen Schimmer davon aufblitzen, was wir wissen könnten. Denken Sie nicht an die Krähen!

  5. Liebes Fräulein Read on!
    Ich versuche Ihnen eine große Portion Licht zu senden, denn wo Helligkeit ist, verschwindet das Grau und die Farben werden wieder sichtbar. Und das Licht bringt auch gleich Wärme und Hoffnung ins Leben zurück. Hoffentlich.
    Und seien sie gnädig mit den Krähen. Es sind so überaus schlaue und soziale Tiere.
    Auf’s herzlichste,
    Ihre Bittersüßernachtschatten

  6. I dreamt I saw you walking up a hillside in the snow
    Casting shadows on the winter sky as you stood there
    counting crows
    One for sorrow
    Two for joy
    Three for girls and four for boys,
    Five for silver
    Six for gold,
    Seven for a secret, never to be told

    – Counting Crows: A Murder of One

    Im Original geht der Abzählreim ja noch weiter:

    Eight for a wish,
    Nine for a kiss,
    Ten for a bird,
    You must not miss.

    Man muss einfach nur weiterzählen, wenigstens bis acht oder neun.

  7. Manchmal sind Schweigen, Schlafen, warmes Wasser/ Haut und ein guter Tee einfach das beste, was man einer Seele zum Heilen antun kann.
    Und einmal virtuell Umarmen.
    x

  8. „….der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald.“
    Lese gerade ein Buch „Zum Werk von Roger Willemsen, in dem aus dem Gedicht „Moos“ von Siegfried von Vegesack folgende Zeilen zitiert werden:
    „Hast du schon jemals Moos gesehen?
    nicht bloß
    so im Vorübergehen,
    so nebenbei von obenher,
    so ungefähr –
    nein, dicht vor Augen, hingekniet,
    wie man sich eine Schrift besieht?
    O Wunderschrift! O Zauberzeichen!
    Da wächst ein Urwald ohnegleichen
    und wuchert wild und wunderbar
    im Tannendunkel Jahr für Jahr,
    mit krausen Fransen, spitzen Hütchen,
    mit silbernen Trompetentütchen,
    mit wirren Zweigen, krummen Stöckchen,
    mit Sammethärchen, Blütenglöckchen……“

    Das vollständige Gedicht habe ich dann hier gefunden:
    http://www.holzl.de/moos.htm ,

  9. Ich muss hier gerade zusehen, wie ein Mann seine Familie zerstört, seine Kinder verleugnet, Nahrung und Medizin verweigert.Nach 50 Jahren Ehe tun sich plötzlich Abgründe auf, kommen böse Geheimnisse ans Licht. Dieser Mensch ist mein Vater und meine Welt zerbricht.

  10. Jeden Morgen sehe ich auf meinen Hundewegen Dutzende von Krähen und denke mir nichts dabei. Ich bin eher nicht abergläubisch und mir tun die armen Vögel ob ihres Rufes eher leid. Aber Ihr Text macht mir das Herz schwer und ich wünsche, dass Ihnen der Tierarzt noch lange Zeit nicht fehlen muss.

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