Vom Wunsch einmal eine Dänin zu sein.

Die Wetterkapriolen über Irland aber haben dazu geführt, dass zwei Flüge gestrichen wurden, die Lufthansa ist lange schon überbucht und so bekniete ich eine SAS-Dame am Telefon, mir doch einen Platz in einer Maschine zu verschaffen, die via Kopenhagen nach Dublin fliegt. Die SAS-Dame knickte schließlich ein, in den nördlichen Ländern kennt man sich mit sturen Shetland Ponies aus und so verbrachte ich zwei Stunden auf dem dänischen Flughafen, besah mir die Mitreisenden und als ich dann endlich in Dublin eintraf und den Tierarzt erspähte, der sich hinter einer Palme versteckte, da war mir alles klar.

„Man müsste Däne sein, Tierarzt, sage ich also, als wir langsam und vorsichtig auf vereisten Wegen dem Dorf entgegenschaukeln. „Däne?“, fragt der Tierarzt und bremst an einer Ampel. „Däne“, sage ich. „Wäre ich Däne, dann lebte ich in einem blauen Holzhaus auf dem Land, aber vor allem hätte ich sommerblondes Haar, wie alle Frauen die mit mir in Terminal C auf einen Weiterflug warteten. Alle Frauen waren zu dem groß gewachsen und mit Abstand die Allerkleinste war ich, das kommt bestimmt weil die dänische Frau jeden Morgen ein Glas frischer schäumender Milch trinkt, direkt vom Euter ins Glas sozusagen, denn fahre ich fort im Garten hinter dem blauen Holzhaus stünde eine Ziege mit Namen Margarethe, die so lange Milch gäbe bis auch ich 1,86 m groß wäre.“

„Die Däninnen aber haben nicht nur herrlich blondes Haar, sondern auch große, feste Zähne und als neben mir eine Dänin in einen Apfel beißt kracht der Apfel, als fiele eine Tür ins Schloss. Solche Zähne hat man in Dänemark.“ Der Tierarzt erschauert, aber vielleicht ist ihm einfach auch nur kalt. Jedenfalls hätte auch ich gern dänische Zähne, seufze ich. Das kommt bestimmt von den guten Heringen, die man in Dänemark schon den kleinen Kindern gibt. Sieben Kinder hätte ich in dem blauen Holzhaus irgendwo in den Dünen. Sie hießen Lasse, Nisse, Tysse, Lotte, Totte, Jette und Mette und Sonntag Nachmittags sprängen sie vom Meer an den Tisch und tauchten einen Keks in ein Glas frische Milch, schlängen einen grünen Hering und einen Kanten Brot hinunter und wären schon wieder nach draußen verschwunden.“
Der Tierarzt schweigt betreten und krächzt: „Sieben Kinder?“ „Gewiss“, sage ich stell dir nur vor, wie sie alle im Kreis auf Kälbchen ritten, Kälbchen hieße natürlich nicht Kälbchen sondern Kølbchen.“ Der Tierarzt schweigt. „Weißt Du die dänischen Kinder scheinen mir ein sehr gelassenes Gemüt zu haben, denn auf dem Terminal C. da trat ein Mädchen ihrem Bruder mit seiner ganzen vierjährigen Gemeinheit auf den Fuß und der Bube zuckte nur mit der Wimper während die Mutter einmal scharf über den Rand ihrer Brille sah und schon entschuldigte sich das Mädchen. Wortlos, Tierarzt, kannst Du Dir das vorstellen?“

Der Tierarzt ächzt Undeutliches. „Überhaupt sage ich Tierarzt, wäre ich Däne, dann wäre auch ich ein gefestigter Mensch mit starken Prinzipien, Milch am Morgen und Hering am Abend, meine Zimtschnecken wären keine Monstrositäten, sondern schrien Hygge auf einem bunten Teller, der natürlich nirgendwo angeschlagen wäre. Überhaupt der Däne in seiner ganzen Weltfestigkeit ist nicht ständig mit Peinlichkeiten beladen, so wie ich es bin. Eine Dänin in einem hellblauen Leinenkleid nämlich, zog ein Kopfkissen ( auch jenes war hellblau ) aus ihrer Tasche heraus und legte sich in Ecke des Terminals schlafen. Es hatte etwas derartig natürlich-angemessenes, dass jeder sich fragte, wie man kein Kopfkissen dabeihaben könnte, um etwas zu ruhen. Da die Dänen anders als die Berliner auch nicht krakeelen sondern still sitzen und wispernd miteinander sprechen ( nur manchmal wird diese Stille von einem Kiefer, der einen Apfel zermahlt durchbrochen) kann man auch auf einem Flughafen himmlische Ruhe finden.“ Selbst Konflikte lösen die Dänen auf eine Art, wie es mir niemals gegeben wäre, denn als ich meinen Pass zeigen muss, steht vor mir ein Pärchen, in einem der typischen Pärchenzwistigkeiten um verlegte Schlüssel, eine verlorene Uhr oder etwas in der Art und eine zu späte Abfahrt, aber er klopft ihr auf die Schulter wie einem guten Wallach und so aufgerichtet, zieht sie einen Wollpullover über und Hand in Hand legen sie die Pässe vor. Ist das nicht erstaunlich, Tierarzt?“, sage ich. Der Tierarzt murmelt: „Immerhin habe ich niemals eine Frau wie einen tumben Haflinger behandelt.“ Aber das ignoriere ich geflissentlich. „Überhaupt Dänisch, sage ich ist eine ganz und gar formidable Sprache, wenn ich auch kein Wort verstehe, so hat das Dänische etwas als gurgle man auf Deutsch, ein frisch-gluckernder Gebirgsbach, so klänge Dänisch und der Däne an sich, sei auch nicht so schwatzhaft wie ich es leider bin, sondern wäge seine Worte, bevor er da bin ich mir sicher bedeutungsschwere Dinge zur Lage der Welt erkläre. Der Tierarzt aber ist nun deutlich empört. „Deutsch schönste Sprache, aber Hallöchen!“

Dann schaukeln wir durch das Unterland. „Was wäre eigentlich mit mir in deinem dänischen Leben?“, fragt der Tierarzt schließlich. „Ach, sage ich keine Sorge, Du wärst Birger Birgersson und Zahnarzt in Kopenhagen. Einen roten Volvo hättest du aber nicht mehr, sage ich, sondern die Dänen sind ja alle furchtbar gesund, ein Rad mit Solarpaneelen und strammen Wadeln vom Radfahren im dänischen Wind. Am Wochenende aber ruderten wir auf der See und einmal im Jahr käme die Lokalpresse vorbei um den großen Fisch zu fotografieren, den der ungeheuer geduldige Zahnarzt Birger Birgersson und seine sieben Kinder jedes Jahr auf ein Neues erangelte. Am Abend würdest Du Rentierfleisch salzen und tränkest einen kurzen Aquavit. „Du weißt nichts über Aquavit Mädchen, hustet der Tierarzt und sagt: Ich möchte dich erinnern, dass Du auf einer Gesellschaft einmal eine Eierlikörpraline ausgespuckt hast. Etwas indigniert sehe ich zu ihm herüber. „Ausgespuckt?“ Ich habe das widerliche Ding in ein Taschentuch getan und dir in die Hosentasche geschoben. Der Tierarzt nickt und dann habe ich den ganzen Abend mit einer geschmolzenen Eierlikörpraline in meiner Hosentasche verbracht und das weiße Kleid einer entzückenden Dame verschmutzt.“ Aber so schnell bin ich nicht bereit nachzugeben. „Birger Birgersson“ zische ich, hätte so etwas noch am selben Abend großzügig vergessen. Aber der Tierarzt grunzt böse: „Birgersson, wäre so blau gewesen, dass er die Namen seiner Kinder vergessen hätte.“ Dann schweigen wir beide sehr dänisch vor uns hin.

Der Tierarzt schließlich bremst scharf und hält vor dem kleinen, windschiefen Haus irgendwo in einen kleinen irischen Dorf. „Birger Birgersson würde ich es schon zeigen“, knurrt er und fügt finster hinzu: „Hygge, Hygge“, aber es klingt ganz und gar nicht so einladend, gemütlich oder nach warmen Blaubeerkuchen mit Schlagsahne wie ihn Birger Birgersson, seine Frau, die sieben Kinder und die Ziege Margarethe im blauen Haus in den Dünen Dänemarks am Sonntagnachmittag zu verzehren pflegen, um hernach mit Kølbchen in den Sonnenuntergang zu reiten.

44 thoughts on “Vom Wunsch einmal eine Dänin zu sein.

  1. Eine Heimkehrgeschichte, mit dem Tierarzt … Der ist offensichtlich nicht mit allem einverstanden, was Sie erzählen …
    7 Kinder – wissen Sie was das heißt? Hauptschulblues hatte eins und drei Niffen und das war mehr als genug.
    Die Dänen, damals hießen sie Wikinger, waren doch bis Irland gekommen! Kommt daher die Affinität?

    • Schwesterchen hat bald fünf….

      Ach, manchmal stelle ich mir gern vor, wie es wäre, lebte ich ein ganz anderes Leben. Andere gehen dafür ins Kino, ich sitze zwei Stunden auf dem Flughafen….

  2. Es ist schön zu lesen, was dabei herumkommt, wenn es keine Direktflüge nach Dublin mehr gibt. Ich werde die SAS bitten, Sie öfter zwischenzustoppen. Das ist so unterhaltsam. Ich wünsche eine schöne Woche, Maren

  3. Das stimmt alles, leider. Die Dänen machen sich aber genau dadurch verdächtig, finde ich. Ich fürchte, manche sind schlichtweg nicht echt, ausgestopft und mit Batterie.

  4. 7 Kinder? Ich glaube, der Tierarzt hat ein bisschen Angst, dass er bald siebenfach Windeln wechseln muss. Aber solange es keine Siebenlinge werden, sollte er sich beruhigen und einen Aquavit darauf trinken!

  5. Stimmt alles haargenau, so sind sie, die Dänen – jedenfalls alle, die ich persönlich kenne. Ich mag sie und ihr schönes kleines Land sehr gern. Die freundliche Gelassenheit, die Sie schildern, schien mir immer wesentliches Charaktermerkmal zu sein. Dennoch der Wermutstropfen – auch dort driftet die Politik nach rechts.

    Das erste Mal bin ich in den 1950er Jahren mit meinem Eltern nach Dänemark in die Ferien gefahren. Nie vergessen werde ich die Betroffenheit meines Vaters, als ein Däne vor unserem voll besetzten deutsch gekennzeichneten Auto, meinen Vater am Steuer dabei ansehend, seine Verachtung zeigte und kräftig ausspuckte. Er hat damit zwar wirklich den Falschen getroffen, mein Vater hat es uns Kindern aber mit Tränen in den Augen verständlich gemacht.

    • Danke liebe Trulla, dass Sie diese Geschichte mit uns Teilen, die ja wirklich markerschütternd ist. Man vergisst so schnell und ich glaube es täte gut daran zu erinnern, wie wenig selbstverständlich das ist, was heute ganz selbstverständlich ist, dass Deutschland fest zu Europa gehört. Danke, dass Sie das aufgeschrieben haben.

  6. Dass für den Tierarzt das „Hygge“ eher wie eine Art Kampfansage klingt, ist nachvollziehbar.
    Und über den *Siebenkinderwunsch* lässt er ja vielleicht mit sich reden – nur nicht auf dänisch. 🙂

  7. Ich wünschte, widrige Flugverbindungen würden Sie noch über viele andere Länder umleiten, damit wir, Ihre LeserInnen, noch in den Genuss vieler anderer Reise-Erlebnisberichte kommen. Selten den Tag am Schreibtisch so unterhaltsam gestartet, danke! Und was den Tierarzt angeht, den hab ich eh schon lange in mein Herz geschlossen.

  8. Oh, sie sind wirklich so, die Dänen! Wie oft waren wir dort, und es war wirklich immer so, auch ohne das Wort HYGGE. Sie haben einfach eine andere Lebensart. Unaufdringlich gelassen und naturverbunden. Dabei kenne ich nur die im weiten Norden, ganz oben und verstreut. Die machen Tongeschirr, während das 5. Kind im Kinderwagen daneben schläft und die Großmutter Apfelkuchen backt. Und wenn man seine dumme Telefonkarte gleich beim ersten Anruf so in den Automaten quetscht, dass sie nie wieder herauskommt, dann kommt der Mann aus dem Gammle Kobmansladen und sagt, man solle morgen wiederkommen, denn dann hat er den anderen Mann geholt,der sie herausbekommt, und das ist dann auch so. Und Kartoffler und Grönzeugs nimmt man an der Straße mit und steckt ein paar Kronen in eine Pappschachtel und keiner nimmt das Geld weg. Und es gibt wirklich das tollste Gebäck auf Erden und so viele Kerzen, dass man zuhause mit dem unüberblickbaren Vorrat Jahrzehnte Dunkelheit übersteht, auch die im Herzen. Hach, Dänemark…, aber liebste Read On…Irland ist ja fast genauso…:-)

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