Die Suche nach dem Korrektiv

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Als ich neunzehn Jahre alt war, da wusste ich das über Macht was man so weiß. Louis XIV im Schulbuch. Der Staat bin ich. Dass ich keine Macht hatte wusste ich auch, ich hätte aber auch viel lieber einen Zauberstab gehabt, für richtige Brüste, ein anderes Leben und das sich endlich der D. in mich verliebte. Er verliebte sich in jede Frau, nur nicht in mich. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich weg, so weit ich konnte und meinem besten Freund und ich fiel Indien ein ( natürlich war es komplizierter), aber dann kamen wir nach Neu-Delhi und die J. zeigte uns was irgendwann einmal eine Slumklinik gewesen war. Als ich neunzehn war, glaubte ich, die Welt würde sich von mir schon retten lassen. Ich war hochmütig damals als ich neunzehn Jahre alt war und schon damals klebte mir die Traurigkeit in den Haaren. Über Macht wusste ich nur, dass ich keine hatte, keine für ein anderes Leben, keine über andere Menschen, ich scheiterte wieder und wieder. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich vergessen. ( Das will ich noch immer, es gelingt mir nicht.)

Das erste Jahr in Indien war eine Überwältigung. Wir wussten nichts, wir verstanden nichts, wir begriffen nicht und unser vager Plan eine Klinik vor allem für Frauen zu machen, war so optimistisch wie hoffnungslos. Wir merkten es nicht. Wir glaubten damals, denn wir waren Kinder der Aufklärung, aber der aus den Romanen und langen Sommernächten, dass unsere Versuche die Welt nun wirklich einmal umzukrempeln schon gelängen. Es kam zum Glück alles ganz anders.

Irgendwann verstanden die Männer, worüber wir mit ihren Frauen zu sprechen versuchten, und das dass worüber wir sprachen kein Gesprächsthema war, sondern das nur Prostituierte über so etwas sprachen. Dann zündeten die Männer die Klinik an, nun muss man sich vorstellen, dass die Klinik damals eine bessere Wellblechhütte war und nicht die Charité, aber erst als ich da stand und versuchte zu retten, was zu retten war, da begriff ich, dass wir die Machtfrage gestellt hatten und das unsere Macht absolut war. Ich verstand, dass die Männer sich nicht vor uns fürchteten, denn wir waren verlorene Kinder, sondern vor dem Machtungleichgewicht, dass nun auch noch dort stattfand, wo sie lebten.

Machtungleichheit war das bestimmende Verhältnis der Männer und Frauen zur äußeren Welt.

Wer nicht lesen und schreiben kann, ist Betrügern und Behörden (in Indien ist das oft ein und dasselbe schutzlos ausgeliefert.)

Wer keine Papiere hat, ist der Willkür von Polizeibeamten ausgeliefert. Das heißt, dass die Polizei bei Bedarf die Hütte zertritt, die wenigen Dinge, die man besitzt beschlagnahmt, dass Widerspruch mit Schlägen und Fußtritten geahndet wird und das es keine Rechtssicherheit gibt, niemals, nirgendwo. Wenn ein Schuldoger gesucht wird, so wird er immer im Slum gefunden.

Wer in einer Hütte zwischen Bahngleisen und einer Müllhalde lebt, dessen Körper ist nicht selbstbestimmt und unantastbar, sondern wer dort lebt, wo die Frauen lebten, der war dem Zugriff von Männern ausgeliefert, für die ein Slum ein Abenteuerspielplatz ist, in dem man sich eine Frau greift, fickt und dann wegwirft. Die Männer waren nicht nur Inder.

Wer seine Rechte nicht kennt, kann sie nicht einfordern, nicht bei Arbeitgebern, nicht bei der Polizei, nirgendwo.

Die Menschen, die im Slum leben kommen von überall her: aus allen Teilen Indiens aber auch aus Bangladesh, Tibet, Nepal, Kathmandu, aus Sri Lanka, aus Afghanistan, jetzt kommen Menschen aus Myanmar, die Mehrheit spricht kein Hindi. Wer die Sprache nicht spricht, wer nicht versteht, was man ihn fragt, der ist immer im Nachteil.

Und dann waren da wir, die merkwürdigen Kinder, die in die Welt einbrachen, die die Menschen kannten und verstanden und als die Klinik brannte, verstand ich, dass sie aus Hilflosigekit brannte, darüber, dass wir alles in der Hand hielten und sie nichts.

Das verstand ich am anderen Morgen und ich verstand es noch mehr, als die Menschen im Slum zu uns kamen mit allen möglichen Problemen, die weit über
In ihrer Vorstellung waren wir mächtig, wir sprachen die Sprache der Behörden, wir hatten Papiere, wer mit uns sprach, gab uns die Hand und so fragten sie uns nach verschwundenen Kindern, nach ausstehenden Gehältern, nach bezahlbarem Strom und wir wussten nichts. Aber ich verstand in der Hilflosigkeit, die uns überfiel, dass wir diese Menschen in der Hand hatten, vollständig. Es war mir unheimlich.

Das ist das Problem in einem indischen Slum, im Sudan, auf Haiti, es gibt kein Korrektiv, sie sind die letzte Hoffnung und wo das Korrektiv fehlt, da ist die Macht eine große Versuchung, denn das was sie dort tun, auch wenn sie erst neunzehn Jahre alt sind, bleibt unkorrigiert, unangefragt, und vor allem bleibt es im Dunkeln. Die Menschen sind Ihnen ausgeliefert, so ist das und wir fürchteten uns. Vieles haben wir damals nicht verstanden, aber das wir mehr Macht hatten als Louis XIV haben wir begriffen, es gab keinen Mazarin und weil es keinen Mazarin gab, suchten wir uns ein Korrektiv.

Die erste die Arbeit im Slum kritisch begleitete war Frau Rajasthani, mit ihr eine Gruppe von Freundinnen und Frauen, die alle in Indien in irgendeiner Art engagiert waren. Fraunerechtlerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen, alle dreifach so alt wie wir. „Habt ein Auge darauf, was wir tun“, sagten wir und noch bevor die Klinik wieder ein festes Dach hatte, gab es ein Board wie Microsoft und direkte Kontrolle von außen. Ansprechpartner für uns und für die Einwohner, aber das viel wichtigere Korrektiv kam aus dem Slum selbst. Von dem Geld was wir hatten, bezahlten wir zwei Frauen eine Ausbildung, Sunita wurde Hebamme und Rani Krankenschwester, beide leiten heute nach zehn Jahren mit uns zusammen die Klinik. Das jährliche Budget was wir haben, diskutieren wir zusammen und die beiden haben das letzte Wort.

Einfach ist das nicht immer und genau so muss das sein. Zum ersten Mal habe ich gedacht, dass die Klinik eine Chance hat, als Sunita und ich stritten über die Notwendigkeit einen externen Zahnarzt zu beschäftigen. Damals sagte Sunita: Accha, ich habe dir zugehört, aber ich glaube du liegst falsch. Das war der Moment in dem das Machtungleichgewicht einfach kippte und sie entschied. Wir streiten uns immer noch um den Zahnarzt.

Das dritte Korrektiv aber, sind die Bewohner selbst. Sie entscheiden, was wir machen, was sie brauchen und nicht allein wir. Vor ein paar Monaten war Geld übrig und das ist Geld, über das wir nicht nach Gutsherrenart verfügen und deshalb lassen wir abstimmen. Jede Gruppe im Slum kann Vorschläge einbringen und dann gibt es Wahlen. Natürlich sind die Wahlen viel einfacher, als in der übrigen Welt. Es gibt große Kartons und die Stimmen werden ausgezählt. Es sind immer Piktogramme, denn nur weil man nicht lesen kann, heißt das noch lange nicht, dass man nicht entscheiden kann, Ideen hat und gehört werden muss. Mit einer Mehrheit die an SED Parteitage erinnerte, stimmten die Bewohner für das pflanzen von Bäumen und Sträuchern und für das Anlegen eines Nutzgartens im Klinikhof. Ich wäre niemals auf die Idee kommen, obwohl es doch so einleuchtend ist: alle Menschen haben Sehnsucht nach Grün. Jetzt pflanzen wir Bäume.
Das Gute daran ist nicht nur bessere Luft und Hummelgesumm, sondern Entscheidungsmöglichkeit und Macht darüber wie man leben will. Das hat übrigens größere Auswirkungen als wir dachten, denn als wir anfingen da waren die Raten häuslicher Gewalt sehr viel höher, wer selbst immer einstecken muss, teilt aus und das oft gegen die eigene Frau. Aber wer mitbestimmt, ist selbstbewusst und tritt nicht so fest zu. Weniger Macht für alle, ist wirklich gut und wenn Abstimmungen, Versammlungen, Streit und Neid auch mühsam sind, so machen sie am Ende alle stärker, selbstbewusster, aufmerksamer gegen Machtmissbrauch. Es hat anderthalb Jahre gedauert bis die ersten Bäume gepflanzt wurden, aber dafür sind es Bäume mit demokratischer Legitimation und kein Baum wir rausgerissen und zerstört.

Heute bin ich 30 und S. ist 42, es ist eine andere Klinik geworden als wir es uns damals vorstellten, es gibt keinen Chefarzt, dafür gibt Sunita, Rani, S. und mich, es gibt noch immer das Board von Frau Rajasthani, alle die in der Klinik arbeiten sind Frauen, alle die in der Klinik arbeiten entscheiden mit, alle die in die Klinik kommen, entscheiden mit und natürlich gibt es eine Beschwerdestelle, auch mit Piktogrammen, Rechte sind für alle da. Manchmal sitze ich vor einer Tür und höre mir an wer wen heiratet oder trinke einfach nur Tee, dann gehen Leute vorüber, sie sagen: „Das ist unsere Klinik“ Dann hüpft mein Herz doch noch einmal so, als wenn es noch immer 19 Jahre alt wäre.

Was schenken wir uns zum Jubiläum sagte der S. letztes Jahr. Wir tranken Tee in Paris. „Wir gründen eine Schule neben der Klinik“ sagte ich, „eine Schule ist noch ein Korrektiv und irgendwann müssen wir dann schrecklichen Notar nicht mehr bezahlen, der sich um die Dokumente der Einwohner kümmert.“ Der S. lachte, dann lass uns mal hören was Sunita und Rani sagen. Ich nickte und natürlich Frau Rajasthani. Mit der einstimmigen Zustimmung haben wir nicht gerechnet. Aber eins ist klar in das Klassenzimmer kommt ein Bild von Mazarin nicht vom Sonnenkönig.

Von den großen Entwicklungshilfsorganisationen haben wir uns immer fern gehalten. Leicht ist es uns nicht gefallen, manchmal war die Verantwortung trotz aller Korrektive zu groß, manchmal war das Geld einfach zu knapp, manchmal sind wir so müde, aber bereut haben wir es nie.

Für einen kurzen Moment dachte ich, es gäbe vielleicht wirklich endlich eine Debatte über die Machtstrukturen in der Entwicklungshilfe und Impulse für die Frage, die mich seit elf Jahren beschäftigt: wie schafft man sich selbst ein Korrektiv. Leider verläuft die Debatte wie so oft ganz woanders und wie so oft bleiben die Stimmen in Haiti ungehört, dafür tragen Wissenschaftlerinnen sehr weit weg von Port au Prince, Juba oder Delhi lautstarke Konflikte der westlichen Welt aus, die in Indien keine sind.

„Accha, sagte Sunita, wie schön, dass ihr an eine Schule denkt, aber was ist mit einem Kindergarten?“ „Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, aber es gibt Frauen, die arbeiten.“ „Accha, sagte ich, Sunita noch etwas Tee“ und dachte: „von wegen einstimmig.“

36 thoughts on “Die Suche nach dem Korrektiv

  1. Ein so kluger Artikel. Den würde ich gerne in einer Zeitung lesen. Das mit dem Korrektiv. Genau danach sollte man suchen, immer. Je mehr ich darüber nachdenken, desto mehr gefällt es mir. Ein Korrektiv zu finden, statt immer nur zu sich selbst. Ich werde es ver-suchen. Liebe Grüsse Maren

  2. So ist das Leben, ist Gesellschaft in all ihren Aspekten – nicht so wie in den Wörtern an polierten Tischen, gesprochen von übersättigten, gepflegten, notlosen Menschen.
    Ratlose, traurige, mutlose Grüße,
    Ev

    • Wir arbeiten dran. Trotz des kollektiven Korrektivs sind wir ein kleines Team und wir müssen den Verwaltungsaufwand der mit größerer Unterstützung einherginge auch leisten können…. Wir sind dabei und ich danke sehr

  3. Bitte verraten Sie uns doch, wie wir Ihre wunderbaren Projekte unterstützen können (ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass das viele Ihrer Leser hier gerne wüssten).

  4. Es ist viel einfacher, Alleinherrscher zu sein, wenn man die Macht hat. Sich selbst ein Korrektiv zu schaffen ist wichtig, und hilft letztendlich wirklich zu helfen. Das zu erkennen, erfordert große Weisheit. Bravo! 🙂

  5. Nur so geht es. Ich wollte, ich wäre mit 19 so klug und weitsichtig gewesen, wie Sie es waren. Vielen Dank für diesen wieder einmal zu Herzen gehenden und klugen Post.

  6. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

  7. Ein sehr interessanter Artikel! Der demokratische Ansatz, ein Korrektiv an die Seite der Macht zur Seite zu stellen, ist ein guter Versuch, ein böses Tier zu zähmen.
    Wer geht wie mit seiner Macht um? Diese Frage lässt Interaktionen in Familie/Arbeit/Verein auf einmal in einem ganz besonderen Licht erscheinen.
    Für so manchen Chef ein Armutszeugnis!

    • Danke. Ich glaube tatsächlich, dass es keinen Grund gibt, kein Korrektiv zu schaffen und am Ende profitieren alle. Die Idee ein mächtiger Chef würde es schon richten, halte ich wirklich für überholt und wünschte es gäbe an vielen Ort mehr Mut zu demokratischer Entscheidungsfindung

  8. Wie machen sie das nur alles, dieses Kaempfen an allen Fronten, der Humour, diese Klarsicht, sie Inspiration, double award winner?
    Ich schaffe es gerade einmal so durch den Alltag zu kommen. Wie in Baum, der im Herbst seine Blaetter abschuettelt, um den (imaginaeren) Winter zu ueberstehen.
    Sie lassen soviel wachsen, so viele Triebe, Blaetter und Blueten.

  9. Heute habe ich wieder viel gelernt : über Indien, über Macht, über Bescheidenheit, vor allem über menschenwürdigen Umgang miteinander und über noch mehr. Ihr Text geht mir nicht aus dem Kopf. Danke!

  10. Pingback: Sexueller Mißbrauch an Schulen | Hauptschulblues

  11. Manchmal fühlt es sich beim Mitlesen so an, als ob Sie schon so viele Leben in Ihren 30 Jahren gelebt hätten.Unvorstellbar, was Sie das an Kraft kosten muss. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie nie ausbrennen mögen – um Ihretwillen und der vielen Leute wegen, deren Leben Sie berühren.

  12. Pingback: Journal Freitag, 23.2.2018 – herrpaul_

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