Das Herz eines Bären

„Komm Mädchen, sagt der Tierarzt, Du sollst ein Erdbeertörtchen haben, es ist Valentinstag.“ Hmmmjaaaoh, sage ich, denn ich mag Erdbeertörtchen furchtbar gern- „Einen Anruf noch, ja?“ Der Tierarzt nickt und überreicht der J., der besten Chefin der Welt einen roten Tulpenstrauß. Die J. strahlt und der Tierarzt strahlt auch. „Er habe lange überlegt bei den Tulpen sagt er, aber er fände rot stünde ihr doch am Besten.“ Die J. strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Ich greife nach dem Wetterfleck und der Tierarzt überreicht der Auszubildenden Pralinen in Herzform. Die Auszubildende fällt fast in Ohnmacht.
„Gibt es irgendeine Frau, Tierarzt sage ich, der Du noch keine Valentinsgaben üebrreicht hast?“ „Ja, sagt der Tierarzt, Dich, deswegen sollst Du jetzt ein Erdbeertörtchen haben. Oder auch zwei oder drei.“
Die naturwissenschaftliche Logik ist unverkennbar.
Der Tierarzt trinkt Tee, ich esse- selig- ein Erdbeertörtchen. Neben uns am Tisch sitzt eine Frau mit einem riesigen, roten Plüschbären. Mit einer Hand hält sie den Bären fest mit der anderen Hand ihren Gefährten. Gemeinsam teilen sie sich ein Schokotörtchen.
„Habe ich Dir einmal die Geschichte erzählt, wie ich mich einmal wegen eines solchen Bären derartig blamiert habe, dass ich nicht nur das Gespött der Schule wurde, sondern auch meine erste große Liebe verlor?“ „Nein, sage ich Tierarzt, das hast Du noch nie erzählt.“ Der Tierarzt aber winkt den Kellner herbei und sagt: „Ein zweites Erdbeertörtchen für die Dame, bitte.“ Der Kellner sieht etwas verdattert auf das gefräßige Shetlandpony vor ihm herab, bringt dann aber doch ein zweites Törtchen an den Tisch. „Erzähl“, sage ich und der Tierarzt erzählt.

Damals vor vielen Jahren als ich einmal sehr jung war, so ungefähr, siebzehn Jahre alt, da war ich seit ungefähr 37 Tagen mit einem Mädchen zusammen, das Nora hieß. Nora war damals ein so ungewöhnlicher Name in der kleinen Stadt B. in der ich aufwuchs, dass ich mich allein schon ihres Namens wegen in sie verliebt hätte, denn damals hießen alle Mädchen Kate oder Meg oder Niamh. Aber Nora hieß Nora und hatte goldgelbe Ringellocken und trug einen echten Trenchcoat. Ich schrieb ihr einen Liebesbrief, steckte ihn ihr heimlich in eine ihrer Trenchcoattaschen und schlief drei Nächte lang nicht. Dann hatte auch ich einen Brief in der Schulmappe und zwei Tage später küsste ich sie hinter der Scheune des alten Paddy O’Toole. Dort küsste man sich damals in der kleinen Stadt B. Und oh dear, diese gelben Ringellocken. Eine Woche später war Valentinstag und der kleinen, aber etwas größeren Stadt D. war Kirmes. Ich beschloss mit Nora dort hinzufahren und ihr zum Valentinstag einen roten Plüschbären zu schießen, sie mit einem roten Liebesapfel zu füttern und vielleicht sogar mit ihr gemeinsam Kettenkarussell zu fahren- allein die Vorstellung wie ihre blonden Locken im Wind flogen. Oh dear.

Ich borgte mir das Moped meines älteren Bruders, damals hatte niemand in Irland auf dem Land einen Führerschein, sondern jeder fuhr halt irgendwann einfach mit einem alten Moped eines älteren Bruders los. Ich holte Nora ab und ich war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt als ich mit ihr auf dem Rücksitz der Stadt D. entgegenfuhr, allein ihr Kopf an meinen Rippen-oh Dear! Als wir die Stadt D. erreichten, war der Kirmes in vollem Gang und alle männlichen Besucher der Kirmes fielen fast in Ohnmacht vor Neid, alle Damen am Platze aber zischten Böses, über einen gewissen Trenchcoat und gelbe Schnittlauchlocken. Aber ich wurde noch ein bisschen mehr stolz und nahm Noras Hand. Dann kaufte ich ihr einen knallroten Liebesapfel und oh dear, die buttergelben Locken und das Apfelrot. „Komm sagte ich zu ihr, wie man so etwas sagt, wenn man 17 Jahre alt ist, ich schieße Dir jetzt den Bären den Du willst und dann zog ich sie herüber zur Schießbude. Dort saßen unendlich viele Bären, kleine, große, dicke, Bären mit Herzen und Bären mit einer Plastikrose im Arm. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Darling,ich werde dir immer die Sterne vom Himmel holen und mit dem Bären fange ich an.
Das einzige Problem war nur: Ich hatte noch nie auf irgendwas geschossen. Ich wusste nicht einmal richtig, was eigentlich ein Luftgewehr ist, aber ich war schwer verliebt und fest entschlossen. Sie zeigte auf den größten Bären mit einer Flasche Liebesperlen um den Hals. Der Bär war aus schweinchenrosa Plüsch.
Aber dann war ein Mädchen im Trenchcoat eben doch etwas Besonderes und alle männlichen Besucher der Kirmes der Stadt versammelten sich um die Schießbude, um zu sehen_ how the lad was doing. The lad war ich und der Schießbudenbesitzer überreichte mir das Gewehr. Ich nahm das Gewehr falsch herum in die Hand. Der Schießbudenbesitzer grinste, ich strahlte Nora an: Du wirst sehen. Die Bären fuhren auf einer Art Rollband langsam im Kreis herum. Der riesige Bär, mit dem Schild: ‚I love you’ in den Pfoten und den Liebesperlen um den Hals saß in der Mitte des Bandes und war so groß, dass er nicht zu übersehen war.

Ich bezahlte für sechs Schüsse, nur um nicht kleinlich auszusehen. Der erste Schuss schoss über die Ohren des Bären hinweg. Die Menge um die Schießbude grinste. Der zweite Schuss prallte an der Wand der Schießbude ab, die Menge lachte, der dritte Schuss streifte das Ohr des Bären, die Menge johlte, der vierte Schuss ging auf den Boden, die Menge grölte, der fünfte Schuss prallte am Rollband ab, die Menge schrie vor Vergnügen, der sechste Schuss schlug ein Loch in die Markise und als ich mich umsah, stand Nora nicht länger neben mir. Allein die johlende Menge, es kamen immer neue Leute dazu, umstanden die Schießbude und schlossen Wetten ab, wie viele Schüsse ich noch brauchen würde, um endlich den Bären zu bekommen. Am Ende waren es dreizehn Schüsse und das wohl auch nur, weil aus reinem Zufall der Bär endlich vom Rollband fiel. Die gesamte Kirmes brüllte, johlte und schrie vor Lachen über den Schießvogel an der Schießbude. Mit dem Bären im Arm suchte ich Nora. Sie fuhr Autoscooter mit einem Jungen in blauem Blouson. Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt und fütterte sie mit Zuckerwatte. Mich hat sie keines Blickes mehr gewürdigt. Ich stopfte den Bär in einen Mülleimer, aber die johlende Menge trug ihn mir nach. In der kleinen Stadt D. blieb nichts ungesehen. So klemmte ich mir schließlich den Bären auf den Rücksitz des Mofas und als ich auf der Straße zum Dorf zurück war, begann es in Strömen zu gießen. Irgendwann überholte mich ein weißer Passat, er hupte dreimal, aus dem Fenster streckte Nora mir die Zunge heraus. Am nächsten Tag wusste es die ganze Schule und Nora sprach nie wieder ein Wort mit mir.“

„Oy vey Tierarzt“ sage ich als der Tierarzt geendet hat, wie schrecklich, der arme Bär und Du.
„Ich wusste, dass Du das sagst“, lacht der Tierarzt, das Pärchen mit dem Bären am Nebentisch ist schon lange gegangen, und später dann als wir mit dem alten roten Volvo, zurück auf das kleine irische Dorf zurückschaukeln, da nickt er mir zu, „ich wünschte ich hätte dich damals gekannt Mädchen“, aber ich schüttle den Kopf. „Nein Tierarzt sage ich, ich war nicht mit 17 und auch nie danach ein Mädchen, mit dem man auf die Kirmes fährt.“
„Das meine ich nicht“, sagt der Tierarzt und wir fahren am Laden der Frau des Krämers vorbei. Happy Valentine’s Day steht auf einem Herz aus rotem Papier.

12 thoughts on “Das Herz eines Bären

  1. Manche Geschichten gehen gut aus! Und Nora…wer ist Nora? 🙂 Wer keine echte Bärenliebe hat, der soll eben gelbe Schnittlauchlocken tragen…

  2. Ich glaube zwar nicht an den Valentinstag, dafür aber umso mehr an die Liebe. Dass Sie und der Tierarzt einander begegnet sind, sollte wohl so sein und vielleicht hätten sie beide mit 17 nicht das sein können, was sie heute füreinander sind.

  3. Ach, auch der Tierarzt erzählt wunderbare Geschichten … und dass die meisten Jugendlieben peinlich enden, wer hätte das nicht selbst erlebt? 😉 Aber auch Ihr siebzehnjähriges Ich wäre niemals so herzlos gewesen, den Tierarzt derart abzuservieren wie das Goldlöckchen!
    Ich habe mich heute sehr über die langen Schlangen an den Blumenläden gewundert, bis mir aus den Schaufenstern das Datum entgegenblickte; und auch hier liefen plötzlich viele Damen mit überdimensionierten Bären durch den Wintersonnentag – allein, den Drang, heute Blumen oder Bären zu verehren, verstehe ich nicht. Über Schokolade hingegen würde ich mich jeden Tag freuen.

  4. Das waren wohl noch Zeiten, als der Tierarzt sich *bärenstark* ins Leben wagte. Zum Glück ist ihm etwas Wesentliches nicht abhanden gekommen. Ein großes ❤

  5. Und da habe ich, dem Vorbild der werten Blogschreiberin folgend, am Valentinstag!! wieder eine Karte an Deniz Yücel in den Briefkasten geworfen und jetzt brauch er sie gar nicht mehr! Yeah!!!

    Hier gab es zum Valentinstag eine supertollesuperLEDsuperzusammenklappbare Laptoplampe (für mich) und drei gelbe Freesien (für den Mann in meinem Leben).

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