Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

DVwePpOX0AARtwi

„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.

43 thoughts on “Sonntag

  1. Ach, wenn die Frau des Krämers wüsste, wie sehr die Deutschen bei solchen Dingen Anglizismen lieben…. In meinem Städchen (nahe der Grenze zu Frankreich mit einer nicht unerheblichen Menge an französische Besuchern) gibt es schon lange keinen Schlussverkauf mehr…. In allen Schaufenstern steht in großen Buchstaben SALE.

  2. „Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

    Sagt das der Tierarzt oder…?

  3. Meine Großmutter hätte nicht verstanden, was FINAL BLITZ sagen soll. Sie hat auch SALE nie verstanden, oder warum es überhaupt neuerer Begriffe statt WSV oder SSV braucht, um einen Ausverkauf anzukündigen.
    Ich denke oft daran, wie ich einen Pullover von ihr zu Weihnachten bekam, es wird rund zwanzig Jahre her sein, und sie stolz dazu erzählte, der sein aus dem teuren Laden im Einkaufszentrum, dem am Fuße der Rolltreppe, namens SALE. Sie sprach es deutsch aus, mit langem A, wie Saale. Ich zerbrach mir sichtlich den Kopf, welchen Laden sie gemeint haben könnte, meine Mutter und ich sahen uns über die Adventskerzen hinweg fragend an und auch sie zuckte nur unmerklich mit den Schultern. „Sale, Sale!“ rief meine Großmutter ungeduldig, „herrje, du weißt doch, welchen Laden ich meine!“ Ich versuchte, mir das Bild des Ladens am Fuße der Rolltreppe ins Gedächtnis zu rufen und mir einen Schriftzug zu Sale vorzustellen. Und dann klickte es und ich verstand und es brauchte meine gesamte Willenskraft und Selbstdiziplin, nicht in Tränen auszubrechen. Damals gelang es mir. Heute, bei der Erinnerung an jenen Heiligen Abend, nicht mehr.

  4. Ich schüttle jedes Jahr den Kopf, wenn in Italien der SALE in den Schaufenstern angekündigt wird, heißt sale doch im italienischen einfach nur Salz

    • Ich finde es schade, dass SALE auf Deutsch nichts bedeutet, denn auf Spanisch bedeutet es „er/sie geht raus“, auf Italienisch bedeutet es sowohl Salz wie auch „er/sie/es steigt“, auf Französisch „dreckig“ und auf Englisch „Verkauf“. Manchmal versuche ich mir mehrsprachige Sätze zusammenzustellen, so könnte SALE SALE SALE SALE SALE! zum Beispiel „Wir verkaufen das steigende dreckige Salz beim rausgehen!“ bedeuten. Theoretisch müsste es 120 Kombinationen geben, eine sinnloser als die andere; wenn es auf Deutsch auch etwas bedeuten würde, wären es 720.

  5. Die Frau Krämerin ist ja wirklich ziemlich taktlos, wenn ich das mal so sagen darf. Also wegen dem Heiratdings. Aber du hast gut reagiert.
    (Und sollte er doch noch jemanden heiraten wollen auf seine „alten Tage“, bestimmt er dann bitte selbst, wen. Und nicht die Frau Krämerin.)

    • Der zweite Vorname der Frau des Krämers wird immer Taktlosigkeit sein. Aber sie ist eben auch sehr besorgt, um die Geschöpfe des Dorfes, nicht nur möglicher Heiraten wegen.

  6. Liebste ReadOn,
    muss ich mir über den Tierarzt Sorgen machen? Das mit dem vielen Schlafen ist doch besorgniserregend.

    Und eine kleine Notiz an mich, über zwei Dinge, ganz unzusammenhängend, die ich hier aber noch nicht preisgeben kann. Du wirst schon sehen. *augenzwinker* Oder vielleicht hängen sie doch zusammen? Es hängt ja immer alles zusammen.

    Und während ich in der Küche vorhin die Zutaten für ein chickpea-butternut squash curry zusammenwürfelte, musste ich auch schon an Dich denken.
    Es hängt doch alles irgendwie zusammen.

    Und dann werden die Deutschen Touristen bestimmt auch den Finalen Blitzverkauf verstehen. Es hängt ja doch immer alles irgendwie zusammen. Und wenn sie nur ein Photo von der komischen Idee machen.

    Pass auf Euch auf, auf alle. xx

    • Um den Tierarzt muss man sich Sorgen machen. Das gehört dazu. Geheimnisse, oi! Immer hängt alles mit allem zusammen und ich hoffe wir kochen bald zusammen.

      Die Frau des Krämers ist mit dem Final Blitz hochzufrieden…..Immerhin etwas.

      • Jaaa! Zusammen kochen ist super super toll! Das klappt bestimmt bald.
        Und das mit dem Tierarzt versteh ich auch. Ich meine nur, noch mehr Sorgen als sonst.

  7. „…wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Als ob das so einfach wäre. Der Tierarzt hat großes Glück mit Ihnen, liebes Frl. Read On, und ich bin sicher, er weiß das; heiraten hin oder her. Ich wünsche Ihnen viele solche Sonntage mit Sonne, Muscheln und Sommerlachen.

      • Ich würde Sie gerade schrecklich gern umarmen. Das aushalten müssen von Dingen, ohne sie beeinflussen zu können, ist das Schlimmste überhaupt, wie ich finde. Fühlen Sie sich gedrückt, virtuell; ganz fest und von Herzen.

  8. Nur noch wenige Jahre und wir können auf 50 Ehejahre zurückblicken. Dazu wäre es sicher nicht gekommen, wenn ich “ihn“ nicht gefragt hätte. Das war nicht meine schlechteste Idee. Nur mal so – vielleicht als Anregung…

      • Ich danke Ihnen, liebes Fräulein Read On, und glaube, jetzt erst richtig verstanden zu haben.
        Meine guten Wünsche für den Tierarzt und Sie kommen von Herzen!

  9. Komisch, dass sich das Gerücht so hartnäckig hält, das verheiratet zu sein der Schlüssel zum Glück bedeutet und so erstrebenswert ist.
    Um das zu glauben, kenne ich zuviele, die sich prompt verhalten, als ob sie eine Besitzurkunde unterschrieben hätten. Die Krämersgattin klingt mir ganz danach…
    Und nach „Schaaatz“ kommt immer die Aufforderung zu einer Dienstleistung…..erster besitzanzeigender Imperativ… 🙂
    Dabei ist Freiwilligkeit ein hohes Gut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.