Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in einem kleinen, irischen Dorf. Ein Küchentisch ( Eichenholz ), auf dem Küchentisch die Irish Times, das TLS Supplement (die beste Frauenzeitschrift der Welt), eine große Tasse mit Milch und Kaffee, ein Strauß Narzissen, ein Teller mit einem Croissant und ein Schälchen Himbeermarmelade aus dem Ostseegarten. Am Tisch sitzt das Fräulein Read On, das Fräulein liest behaglich die Zeitung, an ihrer Oberlippe kleben Croissantkrümel, das Fräulein summt. Im Hintergrund: Wasserrauschen, der Tierarzt nimmt ein Bad. Dann verstummt das Plätschern aus dem Badezimmer, der Tierarzt betritt in des Fräuleins Bademantel und mehrere Handtücher gehüllt, die Küche. Es folgt nachstehender Dialog:

Tierarzt (= T ), Fräulein Read On ( R )

T: „Mädchen, kann ich dich kurz bei der Lektüre unterbrechen?“
( Der Tierarzt knetet nervös mit den Fingern.) Ich müsste einmal mit Dir reden.

R: „Hmmm, ja ( das Fräulein legt die Zeitung zur Seite ), hat sich eine schöne Tierärztin namens Monika aus Witten-Herdecke gemeldet und will mit Dir ein neues Leben beginnen und Du musst mir jetzt schonend beibringen, dass ihr mit dem 12 Uhr Boot das Land verlasst?“

T: „Mädchen, am Samstag fährt das 12 Uhr Boot,  doch um 13.30 Uhr, aber nein, keine Monika und wo ist Witten-Herdecke? Aber ich will etwas anderes mit Dir bereden.“

R: „So rede!“ Das Fräulein schielt zur Zeitung.

T: „Heute ist doch das Spiel.“

Das Fräulein legt die Stirn in Falten ( im Winter finden ihres Wissens keine Tennisturniere statt).

R: „Was für ein Spiel, Tierarzt?“

T: „Aber Mädchen, heute spielt doch Irland gegen Frankreich.“

R: „Hmm ( zögerlich ) ist schon wieder Fußball?“

T:“ Mädchen, RUGBY, RUGBY, SIX NATIONS.“

R: „Oh!“ (Das Fräulein Read On interessiert sich wirklich kein kleines bisschen für Sport.)

R: „Tierarzt, was kann ich um Himmels Willen mit diesem Spiel zu schaffen haben, von dem ich nichts weiß als das erwachsene Männer und Frauen vergnügt durch den Schlamm robben.“

T: „Also, ich wollte folgendes mit Dir besprechen, ( der Tierarzt knetet schon wieder nervös mit den Händen ), du weißt es kommen nachher Rory, Gary and Jerry für ein Pre-Match-Zusammensein hierher.“

R: „Ich weiß,,es steht ein Kuchen auf der Bank im Garten, es sind Häppchen im Kühlschrank, Getränke im Keller, und wenn die Herren von der Quiche nehmen mögen, so gilt es diese auf 200 Grad im Backofen zu erhitzen.“

T: „Das ist genau das Problem, die Quiche.“

R: „Die Quiche ist biologisch-organisch- handgemacht und hervorragend, selbst Du hast eine halbe Ecke verzehrt, dann wird sie ja wohl gut genug sein für den feinen Besuch.“

T: „Mädchen verstehst Du nicht, es geht um die Quiche als solche.“

R: „Die Quiche als solche?“

T: „Versteh doch, es spielt FRANKREICH gegen Irland.“

R: „Ja, das sagtest du bereits.“

T: „Die Quiche ist aber ein Symbol Frankreichs, sozusagen ein rotes Tuch in den Augen von Rory, Gary und Jerry, die eben äh etwas empfindsam sind, in solchen Fragen, an denen es um Irland um alles geht und dieses Haus ist eben sehr Französisch und da wollte ich Dich fragen, ob wir äh, dieses Haus nicht ähm entfranzösisieren könnten, nur für diesen Tag natürlich.“

Das Fräulein Read On starrt den Tierarzt entgeistert an.

R: „Dieses Haus ist aber sehr Französisch?“

T: „Sieh Dich doch mal um.“

Der Tierarzt zeigt auf den Stapel französischer Bücher auf dem Tisch neben dem alten, grünen Sessel.

Der Tierarzt hebt mit spitzen Fingern den Canard enchaîné auf, den die B. von einer Tagung in Paris mitgebracht hat.

Der Tierarzt zeigt auf die Eierwärmer in Form eines Hahns.

Der Tierarzt hebt die Augenbraue in Richtung Kupferstich, der den Ballhausschwur bebildert.

Der Tierarzt zeigt vorwurfsvoll auf das Poster, welches eine Ausstellung im Musée Picasso bewirbt.

Das Fräulein starrt den Tierarzt an.

R:“ Du willst das Haus einer stalinistischen Säuberung unterziehen und Gary, Jerry und Rory vorgauklen, ich hätte keine französische Mutter, ist das so?“

T: „Mädchen Du formulierst sehr scharf. Stalin, um Himmels Willen, ich will doch nur vermeiden, dass die Lads annähmen, ich sei nicht mit ganzem Herzen der irischen Sache zugetan, will ihnen an diesem speziellen Nachmittag kein französisches Salz in die Suppe streuen.“

R: „Aber mein französisches Herz bekümmert dich wenig, ja?“

T: „Mädchen, Dir ist Sport doch völlig gleichgültig. Es ist doch nur für diesen einen Nachmittag. Wir könnten einen Naturkalender über den Ballhausschwur hängen, die Bücher im Arbeitszimmer verstecken, das Plakat in der Küche verbergen und die Quiche als ähm Gemüsepie bezeichnen.“

R: „Picasso war Katalane, wir haben keinen Naturkalender, die Bücher haben niemanden etwas getan und dann- sehr langsam- das ist eine Quiche und kein Gemüsepie.“ Das Fräulein verschränkt die Arme vor der Brust.

T: „Aber das Rugbyherz ist eben auch sehr empfindlich, sogar die Katze schnarcht auf Französisch- die Katze, die bis dahin selig auf der Fensterbank schlief, erhebt sich und starrt den Tierarzt an, die Katze verg*ttert den Tierarzt, aber jetzt starrt die Katze den Tierarzt entsetzt an. Es ist unmöglich Rory, Gary und Jerry einen gallischen Hahn zuzumuten.“

Das Fräulein erhebt sich.

R: „Stalin.“

Tierarzt zuckt zusammen.

R: „Ich werde das Haus in zwanzig Minuten verlassen, um 18 Uhr bin ich zurück. Es liegt bei Dir, ob in diesem Haus dann ein Naturkalender hängt oder der Ballhausschwur. ( Leise, aber nicht ungefährlich ): Es ist eine Gemüsequiche.“

T: Mädchen, ich, äh, ich weiß nicht, ich wollte nicht, es ist nur…“

R: „Es ist alles gesagt.“

Die Katze begleitet das Fräulein nach oben, der Hund folgt dem Fräulein in Solidarität nach, das Fräulein verlässt zwanzig Minuten später das Haus, in der Handtasche liegen die Eierwärmer in Hühnerform, im Radio läuft Rameau, das Fräulein kauft auf dem Wochenmarkt Kartoffeln aus dem Roussillon und verschmäht den Stilton beim Käsehändler. Dann fährt das Fräulein in die Stadt, denn sie ist mit der K. zum Kammermusikonzert verabredet. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts.

Die K sagt: „Read On, Du bist ganz blass. Alles in Ordnung?“

R: „Alles gut, ich habe heute früh nur Stalin getroffen.“

K: „Stalin?“

R: „Ja, verrückt nicht wahr? Ausgerechnet bei mir Zuhause.“

K: „Bist Du Dir sicher?“

R: „Todsicher.“

Dann beginnt das Konzert.

38 thoughts on “Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

  1. Liebes Fräulein Readon,

    ich liege grade flach vor Lachen; genau sooooo ging es mir: am Tag nach einem Fußballspiel Deutschland gegen Italien (ich glaube, es war eine WM) hatte ich Vitello tonnato zubereitet, alles eigenhändig – also Kalbsnuss gekocht, in hauchdünne Scheibchen geschnitten, Sauce gerührt und liebevoll mit Zitronenschnitzen und Kapern drapiert und was passiert? Mein damals halbwüchsiger Sohn verweigert die Speise, weil Italien am Vortage gesiegt hatte. Da hatte ich wie Sie wohl auch einen Stalin im Haus 🙂

    Gritt

  2. Verehrtes Fräulein Read On,

    das sind die Momente, in denen ich sehr froh bin, dass der Freund sich für keinerlei Art von Mannschaftssport interessiert. Allerdings interessiert er sich sehr für Autos und hätte es so gerne wenn ich auf mein kleines, rotes, französisches (Ha!) Auto einen Aufkleber von seinem, recht japanisch klingenden Autoclub kleben würde. Aber ich möchte nicht, das hat aber nichts mit irgendeinem Land zu tun, sondern mit dem Umstand, dass ich finde, der Aufkleber im Allgemeinen würde mein Auto verschandeln. Und so diskutieren wir fröhlich regelmäßig darüber.

    Liebe Grüße,

    Frollein Polly

  3. Es mag Sie vielleicht ein bisschen trösten, dass Frankreich statistisch ganz gute Chancen hat, nachher das Spiel zu gewinnen:

    France and Ireland have contested a total of 96 rugby tests. France have won 56, Ireland 33 matches and there have been seven drawn

    Ein Sieg des französischen Teams wäre nur ausgleichende Gerechtigkeit.

  4. Ach ja, die Iren und die Franzosen, es ist schwierig. Es mag sein, wie auch immer, aber eine Quiche bleibt eine Quiche. Phhhh, Naturkalender…Et basta!

  5. Eine einzige kleine Anmerkung habe ich: Auch Frauen robben beim Rugby spielen durch den Schlamm (auch bei den Six Nations). Eine Rugbyspielende, treue Leserin.

  6. Oh je. Auch mir ist jegliche Begeisterung für Sport welcher Art auch immer völlig fremd und so sitze ich bei Übertragungen von Fussball, Handball, Radrennen, Biathlon, Skispringen oder was auch immer gleichermaßen ahnungs- wie teilnahmslos vorm TV, so ich denn überhaupt da sitze und nicht gleich in der Zeit etwas in meinen Augen sinnvolleres unternehme. Ihre Flucht vor dem Männernachmittag ist für mich also absolut nachvollziehbar.
    Und wenn der Tierarzt Zeit und Muße hat, extra die Wohnung umzudekorieren – soll er doch, oder? Solange er danach wieder alles in Ordnung bringt.
    Ich hoffe, der Vergleich mit Stalin hat ihn nicht allzu hart getroffen 🤔. Gerade habe ich ein bisschen Mitleid mit ihm…

    • Mir ist das Sport schauen völlig schleierhaft und ich habe nie mein Kurioses Staunen über jene überwinden können, die mit dem Bier in der Hand einen Bildschirm anschreien: Lauft’s ihr Burschen!

      Der Tierarzt, ich kann Sie beruhigen ist wie alle Bewohner dieses Hauses renitent und pfeift vor sich hin….

  7. Ich erinnere mich an einen guten Freund, S., mit dem ich in Strasbourg die Six Nations begleitete, zwei Iren mit einem Waliser als drittem im Bunde. Und natürlich blitzte da Rivalität und Banter zwischen den Pints auf, wenn wir im Irish Times saßen, aber alle drei waren wir uns einig, wie wunderbar es ist, im Herzen Europas und in Frankreich zumal dem besten Spiel der Welt beizuwohnen, die Liebe zu Frankreich (und unseren italienischen Begleiterinnen) war ungebrochen, nicht zuletzt, weil der Beitrag Italiens zu den Six Nations überschaubar blieb.

    Einige Jahre später, genauer 2009 bei den Spielen für die WM-Qualifikation 2010 in Südafrika, waren S. und ich wieder einmal in einem irischen Pub, wieder in Begleitung von einer wunderbaren Italienerin (die Freundin des S.), und wenn wir auch Schulter an Schulter auf der Seite Irlands standen, wieder voller Liebe zu Frankreich. Und das im Herzen Wiens. Der S. ist, nur nebenbei gesagt, charmant und voller Witz, mit klugem Verstand und Liebe zum Pint versehen wie kaum ein zweiter. Ich halte mich da ja eher an den Cider.

    / It all changed with the Hand of Henry. /

    Ich habe den gelehrten Juristen und gewitzten Friedensadvokaten und allem Nationalen postironisch abholden S. mit Müh und Not aus dem Pub bugsiert, in welchen sich auch eine geringe Schar Franzosen verirrt hatte. Die Freundin des S. hat ihr gesamtes Repertoire an Augenaufschlag, Zuredung, Verführung, Appell an Vernunft und europäische Prinzipien verwandt, und sie war wahrlich nicht die einzige, die ihren irischen Partner mit tausend Zungen und diplomatischen Geschick, komplexer als der Friedensprozeß im Norden, auf dem Pfad der pintseligen Tugend hielt.

    Und die kleine Franzosenschar damit vor dem Zorn des einen oder anderen Minstrel boys bewahrten.

    Um es kurz zu machen. J’aime la France. But I thoroughly get why Rory, Gary and Jerry might feel different as far as sports is concerned. 🙂

  8. Ich befürchte für den Tierarzt, dass, wenn Stalin den Naturkalender aufgehängt und eine Gemüsepie serviert, eine vorwitzige Fliege anfangen wird die Marseillaise zu summen. Liebe Grüsse Maren

  9. Hoffentlich krähen die Hähne im irischen Dorf nicht mit französischem Akzent! Und wahrscheinlich wäre der Tierarzt auch stark genug, das französische Erbe des Fräuleins zu erwähnen (so es den Sportsfreunden überhaupt aufgefallen wäre), aber ich glaube, der vorauseilende Gruppenzwang und das „Nationen“turnier waren in dem Moment stärker. Wobei, eigentlich müsste es den Fans doch eine Genugtuung gewesen sein, etwas Französisches zu verputzen, oder?
    ich glaube, ich habe zum ersten Mal von Ihrer Mutter gelesen, Danke dafür, und es macht Ihre Biographie noch um eine Facette reicher.

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