James Joyce und Sonnenschein

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Nach langen Tagen des Regens, findet dann doch die Sonne nach Irland zurück, sie kommt schon im leichten Mantel daher, klopft auch an meine Fensterscheibe, zeigt auf den blauen Himmel, lächelt und schon nehme ich Mantel, Tasche und Tuch und laufe ihr hinterher, sie schlendert mit mir durch Straßen, runzelt die Stirn als ich unseren Spaziergang noch einmal einer leidigen Angelegenheit wegen unterbreche, die Sonne streichelt so lange einen sandfarbenen Hund, der angebunden vor einem Café auf seine Besitzerin wartet, die Besitzerin trägt lila Stiefel, um die ich sie doch ein kleines bisschen beneide, aber die Sonne will das nicht gelten lassen und zieht mich lieber am Ärmel hinter sich her. Fast wäre ich wieder gestolpert, denn ein kleines Mädchen zieht ihre Barbiepuppen auf einem Skatebord hinter sich. Eine Puppe aber ist in den Rinnstein gepurzelt, abrupt bremst die kleine Madame und zusammen bergen wir vorsichtig die Seejungfraubarbie, die etwas erschreckt vom Ausflug in die große Welt ins Sonnenlicht blinzelt. Die kleine Madame zeigt mir 2,50 Euro in ihrer Hand, die sie mit Erlaubnis der Großmama in ein erstes Eis umsetzen darf und ich rate ihr energisch zu zwei Kugeln und wie durch ein Wunder hat die kleine Madame auf einmal 3,20 Euro in der Hand auf das es für eine Kugel Erdbeer und Schokoladeneis reiche, die Sonne blinzelt mir verschwörerisch zu.

Aber dann müssen wir wirklich weiter, denn bis Rathgar ist der Weg noch weit und die Sonne hat ja nun weiß G*tt auch andere Aufgaben als mit einem Fräulein eingehakt spazieren zu gehen, so also gehen wir geschwinden Schrittes die Straßen herunter, Vögel singen, eine Katze lauert, ein Postbote trägt Briefe aus, ein Mann gähnt hinter einem Fenster, eine Frau ruft: Christine, aber weder die Sonne noch ich werden bei diesem Namen gerufen und so wandern wir weiter, auf dem Kanal schwimmen die Schwäne. Familienausflug? Wochenmarkt? Die Sonne und ich sind unentschlossen, aber wir müssen ja schließlich auch weiter. Vorbei an einer letzten Ecke, ein Pub hängt Rugbyfahnen heraus, ein Lieferwagen bringt Milch, der Fahrer steigt aus, fummelt mit einer Liste, flucht schon blendet ihn das gleißende Sonnenlicht und die Sonne und ich kichern-gemeinerweise, dann aber sind wir da Brighton Square steht an einem Mäuerchen, ein bisschen zu weit laufen wir die Straße hinauf, um dann doch nach einer kleinen Kurve, vor dem richtigen Haus zu stehen zu kommen.

Nummer 41, Brighton Square, eine kleine bronzene Tafel erinnert daran, dass hier am 02. Februar des Jahres 1882 James Joyce geboren wurde. Ein rotes Backsteinhaus, neben vielen anderen, der Blick aus dem Oberstock fällt auf lange schon vernachlässigte Tennisplätze, die Straße liegt still im Sonnenlicht, die Sonne selbst wandert über den Tennisplatz und ich denke an James Joyce, den ich erst spät entdeckt habe, meine Großmuter durch deren Bibliothek ich mich las, hatte kein Verhältnis zu Joyce und zu wem meine Großmutter kein Verhältnis hatte, um den war es auch mir nicht schade, aber als ich einmal in Zürich auf jemanden wartete, der dann doch nicht kam, da kaufte ich für sieben Schweizer Franken in einer Buchhandlung der Heilsarmee Ulysses und als der Mann, der das Heilsarmeecafé betrieb sich schließlich räusperte, war es draußen dunkel und ich lief mit Leopold Bloom unter dem Arm zum Bahnhof zurück, denn der auf den ich wartete war ohnehin nicht gekommen. In Irland aber habe ich ihn nie wieder gelesen, vielleicht weil Joyce hier auf so vielen Kühlschrankmagneten, Kopfkissen und ausgekauten Zitaten sprang, das ich vergessen habe, wie gut man mit Joyce die Zeit vergisst, aber nun stehe ich doch vor dem Haus mit der grünen Tür und den weißen Ornamenten, den niedrigen Hecken, mitten im Sonnenschein, vielleicht haben die Eigentümer des Hauses ja heute Morgen Kuchen gefrühstückt ihm zu Ehren, aber vielleicht liegen unter den alten Dielen ja auch noch immer die Holzräder einer Giraffe zum Ziehen oder eine lange schon verschwundenes Taschentuch, denn hier in Rathgar da atmet die Welt gleichmäßig und gediegen, die Sonne schaut für mich zum Fenster hinein und nickt, noch immer sind die Fenster so dünn, dass man selbst an einem heißen Sommertag friert, die Gehwegplatten sind wunderbar uneben und bestimmt ist James mit blutigen Knien zurückgelaufen und hat die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien. Besonders hübsch, aber ist das dass Gartentor offensteht, eine vielleicht ganz unbeabsichtigt und dennoch so zarte Geste, dass heute auch Gratulanten, die nichts weiter als Sonnenschein mit sich tragen willkommen sind. Passiert ist in den fünfzehn Sonnenminuten fast nichts. Ein Mann bringt Einkäufe nach Haus, eine bunte Tüte fliegt davon und er holt sie sich mit schnellen Schritten wieder, ein Mann mit traurigen oder müden Augen, das ist ja niemals einfach zu sagen, läuft am Haus vorbei, auf dem Tennisplatz hat wohl schon lange niemand mehr: Satz, Spiel, Sieg gerufen, irgendwo klingelt ein Telefon, nur auf der anderen Straßenseite, da sitzt eine Frau mit strähnigen Haaren und leerem Blick auf den Stufen, in einer Hand eine Kaffeetasse, eine Zigarette, viele Zigarettenstummel vor ihr auf dem Boden. Die Sonne erreicht die Frau nicht dort auf den Stufen, wen das Unglück gepackt hat, den lässt es nicht so schnell gehen. Als ich noch einmal zu ihr herübersehe, steht sie auf geht schwankenden Schrittes nur mit einem Pyjama und einem fadenscheinigen Bademantel, die Straße hinunter, schon ist sie im Schatten der Tennisplätze verschwunden.

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Die Sonne aber legt mir noch einmal die Arme auf die Schultern und plötzlich läuft eine schwarze Katze durch den Garten in dem James Joyce vielleicht mit Murmeln spielte. „Morning James“, sage ich, aber die Katze sieht mich ein bisschen spöttisch an und ziemlich sicher, sagte sie: „Das wäre doch ein bisschen zu einfach, nicht?“, sprächen wir die gleiche Sprache, so aber sehe ich auf die Uhr, küsse die Sonne zweimal links und einmal rechts, ich muss zurück in östliche Richtung, während die Sonne sich langsam nach Westen richtet, ein Blick zurück, schon steigt sie über die Dächer, ich laufe weiter und als ich am Nachmittag wieder von neuen und anderen leidigen Dingen zurückkehre ins Institut ist der Himmel schon wieder bleiern, grau und schwer.

Das Geburtshaus von James Joyce findet man unter 41 Brighton Square in Rathgar, Dublin, Irland.

9 thoughts on “James Joyce und Sonnenschein

  1. Auf den ersten Blick scheint das Häuschen ja recht hübsch. Wenn man aber genauer und länger hinschaut sieht man, dass im Obergeschoss die Fenster nicht so recht passen. Schade. Aber sowas hat man ja oft gemacht, auch im Haus meiner Großeltern. Man war es halt leid, die kleinteiligen Scheiben zu putzen. Und günstiger war es wohl auch, modernere Fenster einzusetzen.

  2. Es ist, als wäre ich mitgelaufen, und ich hätte wirklich gern die Sonne von der anderen Seite her untergehakt. Doch, die Katze, ich bin sicher, es war ein Kater, und er kannte sich sehr gut aus in Haus und Garten. James, der Kater.

  3. Gerade bin ich ein Stück mit Ihnen mitspaziert. Und dann noch die Sonne, herrlich. Wenn es jetzt noch Kuchen gegeben hätte…
    Nun werde ich wohl auch noch Ulysses lesen müssen, irgendwann; als ob meine To-read- Liste nicht schon lang genug wäre. *seufzt*

  4. Sehr geschätztes Fräulein, jetzt haben Sie mir Neuleser mit Ihren hiesigen Worten ein wenig die Vormittagsplanung zerwürfelt. Danke dafür aber jetzt muss ich wirklich (erst mal) weg und falle daher mit der off topic Frage in James Haus, wie das mit dem Bananen-Spendenkonto den nun ist? Bis später!

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