Aus südlicher Richtung

Drei Tage schon kommt der Wind aus Süden, sagt der Tierarzt, er lehnt gegen den Volvo, der Wind fährt ihm durch das Haar und ich lege das luggage holdall in den Kofferraum. „Wirklich, schon seit drei Tagen?“ sage ich und der Tierarzt nickt. „Du hast dafür eine goldene Nasenspitze bekommen“, sagt er und ich stecke die Nase schnell so tief ich kann in den Schal. Der Tierarzt sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt Mädchen, im Dezember, erinnerst Du Dich kurz bevor wir nach Deutschland fuhren, da hatte Kälbchen auf einmal drei goldene Haare im Fell
(Ich erinnere mich nicht, wohl aber erinnere ich wie Kälbchen sich im Dezember in einer Matschpfütze suhlte und als großer grauer Wolf vor mir stand, einen Weidepflock umriss und noch hämisch blökte und es war auch ein milder Dezembermorgen an dem Kälbchen den Esel zu einem Ringkampf herausforderte, der dem Esel schlecht bekam. Aber der Tierarzt beharrt auf den drei goldenen Haaren und überhaupt dem guten Einfluss den Kälbchen auf Dorf, Land, Welt, Blog und überhaupt hätte. Ich schweige lieber in meinen Schal hinein und hoffe, dass die Esel sich niemals an die UN wenden werden, denn dann sind wir geliefert.

„Wind aus dem Süden also“, sage ich und der Tierarzt nickt und schon liegt der Flughafen hinter uns,“ schon seit drei Tagen. Im Dorf glaubt man, mit dem Wind aus dem Süden käme auch das Unheil zur Tür herein. „Der Wind aus dem Süden kommt auch aus der Fremde“, sagte die Frau des Krämers zu mir, als ich damals vor Jahr und Tag den Schlüssel zum windschiefen Haus von ihr abholte.

Kommt der Wind aus dem Süden überfällt die Frau des Krämers eine Migräne, die sie mit starkem Kaffee und Branntwein behandelt. „Weht der Wind aus dem Süden, sagt der Krämer dann träumt er des Nachts von fliegenden Katzen und einmal hat er den alten Hofhund und der Krämer schwört beim Leben seiner Frau Gemahlin dabei ertappt wie dieser mit gelb glühenden Augen vor dem Spiegel im Flur die Zähne fletschte. „Wenn der Wind aus Süden weht, dann liegen die Haare der Tochter der Frau des Krämers nicht, sondern stehen störrisch zu Berge und die Tochter, die wenn der Wind aus Norden, Osten oder Westen kommt, jedwedes Gemüse links liegen lässt, beißt wenn nur der Südwind gegen die Fenster drückt herzhaft in eine Tomate und ist zum Schrecken ihrer Mutter an jenen Tagen schon mit Bambussprossen in der Hand gesehen worden. Das macht der Südwind mit den Bewohnern des Dorfes und damit noch nicht genug, sagen die Leute im Unterland, wird man schon bei Krämers nervös, die doch Wohl und Wehe des Dorfes in den Händen halten, so sieht man selbst mit Sorge, wie der Südwind die Ordnung des Dorfes, wenn auch nur um wenige Millimeter verändert.

Ein Nachbar berichtet, seine Standuhr begönne seit drei Tagen exakt sechs Sekunden zu spät zu schlagen und ist die sechs nicht die südlichste Zahl des Ziffernblatts?

Eine Nachbarin wiederum, so erzählt der Tierarzt, habe am zweiten Tag der südlichen Winde geschworen, dass sämtliche Wellenspitzen der wogenden See in südliche Richtung wiesen.

Weitere Vorkommnisse, die das Dorf aufmerksam beobachtet habe und die die Frau des Krämers in einer Kladde festhielte, verzeichneten, so der Tierarzt, in den letzten Tagen: ungewöhnliche große Regentropfen, zwei Katzen auf der Quaimauer, die noch niemals im Dorf gesehen wurden, dafür aber über Stunden unentwegt auf die Strandpromenade starrten, nur um dann unauffindbar zu verschwinden. Ein Glas Milch sei vor den Augen der Frau des Krämers sauer geworden, die stille Helene, die den Krämersladen wischt und seit Jahren nicht mehr spricht, habe auf einmal angefangen von Dingen zu reden, über die aus gutem Grund niemals nicht einmal bei Südwind gesprochen werde, Dinge, über die für viele Jahre hat Gras wachsen müssen, Dinge von solcher Ungeheuerlichkeit, dass darüber niemals genug Gras wachsen könne und dann so etwas. Der Tierarzt sagt, die Frau des Krämers sei erschüttert gewesen und habe die stille Helene fortgeschickt. Das sei in all den Jahren noch niemals vorgekommen, aber auch der südliche Wind habe noch niemals so lange das Dorf fest im Griff gehabt.

Nur als die Frau des Krämers angefangen habe zu behaupten, dass auch Kälbchen schon ganz wirr im Kopf sei und irgendwie fremdländisch blöke, habe er sich gegen diesen Unsinn verwehrt, „Kälbchen sei schließlich hochbegabt und Hochbegabte Seelen seien per se erratisch, unabhängig und habe nicht auch die Renaissance im Süden begonnen?“ Die Frau des Krämers aber habe finstere Dinge gemurmelt von Versüdlichung, vom dahergelaufenen Fräulein mit den südlichen Augen, aber dann doch geschwiegen, ein Mann habe den Krämersladen betreten fremd auch er und noch dazu in gelben Hosen, verdächtig ähnlich jener Wüstenregionen mit ihren unheilvollen Winden. Der Tierarzt aber erklärt, er hätte die Ankunft des Fremden zur Flucht genutzt und auch wir biegen schon in die Dorfstraße ein und so flüstere ich lieber zum Tierarzt herüber, dass der Priester mir einmal eine Karte des Dorfes gezeigt habe, eine alte Karte schon fleckig und reichlich zerknittert, doch ganz deutlich sei zu erkennen gewesen, das ausgerechnet das Haus der Frau des Krämers am südlichsten Punkt des Dorfes stünde. Der Tierarzt aber kichert so wie der südliche Wind, der gegen die Fensterläden scheppert, kichert noch immer da sitze ich schon im alten grünen Sessel und sehe zum dunklen Pfarrhaus herüber. „Sie werden schon sehen Fräulein Read On“, sagte der Priester als wir zum letzten Mal im Garten standen, „ich will ihnen den Süden schon vor die Füße legen“ und dann lächelte der Priester ein anderes Lächeln, das Lächeln des Südens und seiner Winde.

21 thoughts on “Aus südlicher Richtung

  1. Danke, das hat ganz viele Erinnerungen und Gedanken an Winde bei mir in Gang gesetzt… Der Mistral in Südfrankreich, der das Rhône-Tal herunterfährt und so kalt und eisklar und gnadenlos ohne Unterbrechung ist, über „At the back of the Northwind“ von George MacDonald (könnte ich mal wieder lesen) bis hin zu Joanne Harris Roman „Chocolat“ und die Verfilmung mit Juliette Binoche, wo der Wind auch allerhand Sachen in Gang setzt…

  2. Die Gegend hier ist berühmt für den Wind aus allen Richtungen.
    Und worüber reden die Leute? Über den Vollmond, der ist Schuld an all den Merkwürdigkeiten und Übellaunigkeiten. Und an der Schlaflosigkeit sowieso.
    Die Geschichte der stillen Helena scheint sehr interessant zu sein.

    • Die Geschichte der stillen Helena ist wirklich nicht zu verachten und eines Tages, bei anderem Wind will ich sie einmal erzählen. Das ist sehr interessant, dass bei euch der Vollmond an allem Schuld hat und nicht der Wind aus dem Süden.

  3. Das ist so schön! Bücher kann ich gerade keine mehr lesen, und der letzte
    Band mit Essays, nach dem ich auf dem Weg irgendwohin schnell gegriffen habe, hat mich nicht berührt. Und bis hoffentlich irgendwann wieder bessere Zeiten (für Bücher) kommen, trösten mich ihre Texte sehr.

  4. Und zu den lieben Kommata fällt mir noch ein, da ich hier gerade von Berufs wegen Sachen lesen muss, da schlackern einem die Ohren, dass in sehr früheren Zeiten Kommata vor und hinter jedes Wort gesetzt werden durften, Accents auf die Wörter gerieselt wurden, je nach Belieben, und manchmal völlig sinnentstellend (jedenfalls für mich). Das ist mir hier noch nie passiert, dass ich zwischen den Wörtern und den Satzzeichen den Sinn suchen musste!

  5. Hui, die Südwinde haben’s in sich. Fragen Sie den Priester, der dem Fräulein sicherlich von einem Kirchenlehrer zu berichten weiß, dessen Theorie besagte, dass das weibliche Geschlecht durch feuchte Südwinde und andere schlechte Zutaten entstehen würde. 😉

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