Katz und Maus

Die beste Chefin der Welt liegt mit Grippe im Bett und so ziehe ich mit einem Stapel an Aktenordnern in ihr Büro um und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und den unvermeidlichen irischen Wind. Sonst ist es still. Die meisten Fellows des Instituts trudeln erst im Lauf der Woche wieder ein und die Auszubildende ist mit messerscharfen Anweisungen versehen im Kopierraum und schreddert alte Akten. So vergeht der Vormittag, ich gähne ein bisschen und gerade als ich darüber nachdenke, ob ich nicht doch Teewasser aufsetzen sollte, da fährt ein markerschütternder Schrei durch das Institut. Ein Schrei wie aus Horrorfilmen, ein Schrei, der wie ein Fingernagel über eine Tafel kratzt, und ich fahre derart zusammen, dass mir der Ordner aus den Fingern gleitet. Ich denke: Das ist ein bewaffneter Raubüberfall, dann springe ich auf schnappe mir einen Regenschirm und mein Telefon und überlege mir in wie vielen Sprachen ich sagen kann: „Hier ist kein Geld zu holen und die Polizei ist schon informiert. Ich hetze die Treppe nach oben und auf einem Tisch an dem die Fellows sich sonst über Kaffee und Keksen ihr Leid klagen, da steht die Auszubildende und schreit als seien die sieben Höllenhunde selbst hinter ihr her. Mir fällt der Regenschirm aus der Hand, denn ich erwarte ja noch immer einen Überfall, aber der Überfall kommt nicht, nur die Auszubildende schreit nach Kräften.

Auszubildende rufe ich also so laut ich kann: „Warum stehen Sie auf dem Tisch und schreien um ihr Leben?“

Die Auszubildende kreischt noch einmal so laut sie kann, bevor sie schluchzend herausbringt: „Fräulein Read On, ich habe ein Monster mit roten Augen gesehen.“

Auszubildende sage ich, ich schwöre ich bin schrecklicher als jedes rotäugige Monster, bitte kommen Sie runter vom Tisch.“ ( Mich stören weniger Monster mit einer Bindehautentzündung als die Erinnerung daran, dass die Auszubildende an ihrem zweiten Arbeitstag mit einem Tritt zwei Akten von einem Regal holen sollte, sich dabei vertrat, fiel und sich vier Wochen lang weigerte, die Halskrause, die ihre Mutter von einer Esoterik-Expertin empfohlen bekam, wieder abzulegen.

Die Auszubildende schüttelt den Kopf: „Nie wieder werde ich den Tisch verlassen“, sagt sie und schüttelt in großer, dramatischer Geste den Kopf.“

„Haben Sie etwas aufgehört zu rauchen, Auszubildende?, frage ich sie.

„Ich hasse sie, kreischt die Auszubildende.“

Aber das weiß ich schon und endlich nimmt die Auszubildende meine Hand und steigt vom Tisch herunter. Sie schnieft noch immer.

„Wo Auszubildende haben Sie das Monster zuletzt gesehen?“

Die Auszubildende starrt mich an und zeigt mit bebendem Finger auf den Kopierraum. Da drin hat es auf mich gelauert, sagt sie und ich gehe einmal nachsehen. Im Kopierraum liegen viele vollständige Aktenordner, halbherzig geschredderte Akten und dann sehe ich es auch: eine Reihe von Papieren ist angenagt und neben dem Papierkorb liegt Mäusekot. Im Papierkorb raschelt es und verängstigt blickt eine Maus zu mir herüber. „Tach, Maus“, sage ich und dann etwas leiser: „Moment, bitte.“

„Auszubildende“ sage ich und setze mein vertrauensbildenstes Lächeln aus, warum erholen Sie sich von dem Schrecken nicht einfach vor der Tür?“ Die Auszubildende starrt mich an. Mit klappernden Zähnen sagt sie: „Sie haben das Monster gefunden?“ Das Monster sage ich, ist eine kleine, graue Maus. Die Auszubildende sieht mich an und rast aus der Tür.“

Als ich in den Kopierraum zurückkehre, ist die Maus nicht länger im Papierkorb. „Ach Maus, sage ich“, das ist hier doch kein Leben. Aber dann denke ich, die Maus hat natürlich Recht, ich würde nach einem solchen Vormittag auch nicht ohne Käse gehen, natürlich liegt im Kühlschrank Käse, all meinen ewigen Mahnungen zum Trotz den Kühlschrank vor Ferien leer zu räumen. Ich richte Käse an und irgendwann kommt die Maus. „So sage ich Maus, jetzt gilt es und sehe die Maus etwartungsvoll an. Die Maus grinst und ist verschwunden. Ich lege eine Käsespur in einen schwarzen Müllsack und denke an die faule Katze auf dem Fensterbrett, den nichtsnutzigen Hund und an das verzogene Kälbchen in den Flegeljahren will ich gar nicht erst denken. Der Tierarzt nämlich, der sich bekanntlich nicht einmal vor zahnwehkranken Krokodilen fürchtet, bekommt beim Anblick einer Maus, Schüttelfrost vor Grausen und kann somit auch keine Fernhilfe anbieten. Mein Wissen über Mäuse beschränkt sich auf ein Kinderbuch namens Stadtmaus und Landmaus und so hoffe ich auf den Käse und den schwarzen Müllsack. Nach einer halben Stunde geht der Plan auf, die Maus trippelt dem Käse entgegen. Der Müllsack schnappt zu, ich renne mit der zappelnden Maus im Müllsack die Treppe hinunter, da raucht die Auszubildende und erzählt einem wachsenden Zuhörerkreis von ihrer Begegnung mit dem rotäugigen Monster.

Die Auszubildende sieht mich, den zuckenden Beutel in der Hand, neues Gekreisch, als ich über den Universitätshof laufe, lächle ich so unschuldig wie möglich, aber tun das nicht auch Leute, die ihre Schwiegermutter heimtückisch im Garten vergraben? Unter einer großen Magnolie öffne ich den Müllsack, die Maus nuschelt: Verräter und ist schon verschwunden. Zurück im Institut sagt die Auszubildende: „Fräulein Read On, ich bin jetzt voll traumatisiert.“ Auszubildende sage ich und halte zwei Cracker-Packungen hoch. Die Cracker Packungen hatte die Auszubildende zwar mit ihrem Namen beschriftet, aber nicht in den Schrank gestellt, sondern offen stehen lassen. „Was sage ich immer? „Schlüssel, Licht, Alarmanlage?“, fragt die Auszubildende. „Das auch.“ KEINE LEBENSMITTEL HERUMSTEHEN LASSEN.

Die Auszubildende schnaubt wütend und murrt: „Dabei machen das alle, nur immer ich bekomme geschimpft, aber ich sage: „Schreddern jetzt.“ Die Auszubildende will noch einmal eine posttraumatische Belastungsstörung anführen, aber ich sage ganz leise und sehr langsam: „Auszubildende Sie können auch neben mir im Büro schreddern und sich höchstselbst davon überzeugen, dass auch meine Augen rot glühen können, wenn ich nur will.“ Die Auszubildende verlässt sehr schnell den Raum, Stille senkt sich über das Institut, und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und dem unvermeidlichen irischen Wind, von fern surrt der Schredder und als ich wieder aufsehe, lehnt der Tierarzt im Türrahmen.

„Mädchen, ist alles in Ordnung mit der Auszubildenden? Sie ist heute gar nicht sie selbst und huscht umher wie ein schüchternes Mäuschen.

„Wie ein Mäuschen?, du musst Dich irren lieber Tierarzt“, sage ich und im Spiegelbild der dunklen Fenster, sehe ich für einen Moment nicht mich, sondern sehr deutlich, dass Bild der Grinsekatze mit auffallend rötlichen Augen, aber dann hält der Tierarzt die Tierarzt die Tür für mich auf und rufe der Auszubildenden zu: „Sie können Schluss machen, für heute.“

26 thoughts on “Katz und Maus

  1. Es lebte mehrere Jahre eine Maus in unserer alten Küche. Hereingetragen von einer der Katzen hat sie Quartier in der Isolation unter dem Gaskochfeld gemacht. Ihr „Bad“ war in der Isolation unter der Geschirrspülmaschinen-
    Abdeckung. Und wenn man die Tür unter Spüle hinter der der Abfalleimer war ganz schnell aufmachte, erwischte man sie manchmal auf dem Rand des Abfalleimers balancierend. Als dann die alte Küche ausgebaut wurde ist sie ausgezogen. Ich denke, es eine schöne Zeit für sie.

  2. Einst fand ich im Gartenhäuschen eine Maus in meinem Gummistiefel. Sie durfte dann in mein Zimmer umziehen, baute sich unter meinem Hochbett in einem Briefumschläge-Vorratskarton ein schönes Schlafplätzchen aus Briefumschlagsschnitzeln und fraß ein Loch in meinem neuen Anzug. Das war’s aber wert, denn manchmal konnte ich sie nachts herumwirtschaften hören in meinen/ihren Kartons, oder trippeltrappel den bereitgelegten Käse vom Schreibtisch holen. Manchmal schaute sie auch von einem der Bücher im großen Bücherregal herunter. Im Sommer dann wechselte sie wieder nach draußen. Eine gute Entscheidung, denn kurz danach zog eine Katze ein.

  3. Wunderbar! Vor einigen Jahren waren wir einmal zum Geburtstag eines Freundes eingeladen. Er hatte extra Räumlichkeiten für Feier und Übernachtung angemietet und wir reisten bereits am Tag vorher an, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Nachts, als wir uns noch kurz zusammensetzten, huschte plötzlich eine kleine Maus durch die Küche. Der Freund war entsetzt und meinte, in diesem Haus sei nur Platz für eine Maus oder seine Mutter. „Es wird ein Fiasko“, rief er unglücklich. Bewaffnet mit Besen, Zeitung und einem alten Pappkarton gingen wir auf die Jagd und könnten die Maus tatsächlich fangen. Wir trugen sie hinaus auf den Hof und setzten sie in der entfernteste Ecke ab. Die Maus rannte wie der Blitz zurück zum Haus und schlüpfte unter der Holztür des Nebeneingangs durch. Ich habe sie, so glaube ich, leise lachen hören.

  4. Unser erster Hund, eine langhaarige, sehr höfliche und engelsgeduldige Schäferhündin lebte auf ihrem Hof sozusagen Nase an Nase mit einem Mäuschen, das im neben dem Hundeschlafplatz unterm Garagenvordach gestapelten Kaminholz schlief. Das Essen teilten sich beide; die Maus fraß auf der einen Seite des Hundenapfes, unsere Hündin auf der anderen und dann kümmerte sich jede wieder um ihren eigenen Kram. Ich werde nie vergessen wie wir aus einem längeren Urlaub nach Hause kamen und unsere Hündin die tote Maus neben dem leeren Napf fand. Sie trauerte sehr lange um ihre verhungerte Gefährtin.

  5. Als Kind mit viel Fantasie auf dem Dorf lag ich abends im Bett und hörte den Mäusen beim Fußballspielen zu. Die Mäuse suchten sich einen neuen Spielplatz als Frau Eule unseren Hof als Domizil wählte.

  6. Zu WG-Zeiten schreckten mich im Hochsommer spätabends einmal laute Angstschreie meines brasilianischen Mitbewohners aus dem Bett hoch. Also bin ich aufgestanden, zu seinem Zimmer rüber gegangen und habe nach ihm gesehen, ob er Hilfe bräuchte. Das Zimmer war hell erleuchtet und ich fand meinen Mitbewohner auf seinem Bett in der Ecke stehend vor, „Eine Maus! Eine Maus!“ rufend und den Blick unbestimmt gegen die Decke gerichtet. Seltsam, dachte ich. Mäuse die Menschen angsterfüllt aufs Bett springen lassen, laufen normalerweise auf dem Boden herum… Es stellte sich heraus, das eine Fledermaus bei ihrer abendlichen Jagd um die Häuser der Innenstadt ihrer Beute wohl durch das sperrangelweit geöffnete Fenster meines Mitbewohners gefolgt war und etwas hilflos in der Gardine gelandet war. Ich befreite die „Maus“ vorsichtig aus der Gardine und meinen Mitbewohner vor dem Fledertier. In seiner Aufregung war ihm das „Fleder“ abhanden gekommen. Es ist schon viele Jahre her, aber wenn wir uns sehen, sorgt die Anekdote doch immer noch für viele Lacher…
    in diesem Sinne ein Dank an die unerschrockene Maus- und Auszubildenden-Retterin. Verirrte Mäuse – mit oder ohne „Fleder“ – sind doch meist sehr rettenswerte Tiere.
    Liebe Grüße von Mrs Go

  7. So schön deine Geschichten, vom und aus dem Leben. Ich freue mich immer etwas im Feedreader zu haben und hebe sie mir bis zum Schluß auf. Als süßen Nachtisch sozusagen.
    Diese hier war wieder ganz besonders toll. Ich kann mir alles richtig vorstellen. Auch den Tierarzt der Angst vor Mäusen hat. Hoffentlich muss er nie eine behandeln 😃 .

  8. Zu Zeiten meiner Promotion weilte ich in einem Büro im Parterre eines Instituts für theoretische Physik auf einer grünen Wiese und in einer Stadt, die lieber ungenannt bleibt. Neben einer Ameisenplage (selbstgemacht durch Missgeschick eines anderen Doktoranden, der Ameisenstraßen nicht nur theoretisch, sondern auch experimentell untersuchen wollte) hatten wir eine Mäuseplage, und eines Tages verirrte sich eine Maus in unser Büro, das ich mit zwei weiteren Doktoranden teilte. Mit rasch ausgeleertem Mülleimer rannte ich der Maus hinterher, um das arme Tier erst einzufangen und dann wieder in die Freiheit zu befördern. Die Maus lief in eine Ecke, und ich stülpte hastig den Mülleimer über das Tier… das sich in der Zwischenzeit leider schon wieder fortbewegt hatte, und zwar gerade so, dass… den Rest kann man sich denken, und ich hatte tagelang ein furchtbar schlechtes Gewissen, schließlich waren meine Absichten edel gewesen. Die Begebenheit schaffte es auch auf meinen Doktorhut. Aber wenigstens konnte ich daraus lernen. Die nächste Maus ließ ich aus ihrer Ecke in unserem Büro in den Mülleimer hineinrennen, um sie kurz darauf in die Freiheit zu entlassen!

  9. Zu Zeiten meiner Promotion weilte ich in einem Büro im Parterre eines Instituts für theoretische Physik auf einer grünen Wiese und in einer Stadt, die lieber ungenannt bleibt. Neben einer Ameisenplage (selbstgemacht durch Missgeschick eines anderen Doktoranden, der Ameisenstraßen nicht nur theoretisch, sondern auch experimentell untersuchen wollte) hatten wir eine Mäuseplage, und eines Tages verirrte sich eine Maus in unser Büro, das ich mit zwei weiteren Doktoranden teilte. Mit rasch ausgeleertem Mülleimer rannte ich der Maus hinterher, um das arme Tier erst einzufangen und dann wieder in die Freiheit zu befördern. Die Maus lief in eine Ecke, und ich stülpte hastig den Mülleimer über das Tier… das sich in der Zwischenzeit leider schon wieder fortbewegt hatte, und zwar gerade so, dass… den Rest kann man sich denken, und ich hatte tagelang ein furchtbar schlechtes Gewissen, schließlich waren meine Absichten edel gewesen. Die Begebenheit schaffte es auch auf meinen Doktorhut. Aber wenigstens konnte ich daraus lernen. Die nächste Maus ließ ich aus ihrer Ecke in unserem Büro in den Mülleimer hineinrennen, um sie kurz darauf in die Freiheit zu entlassen

  10. Meine Maus mochte am liebsten die Schokoladencouvertüre, ich habe Zahnspuren gesehen und ein Viertel war weg. Das war, nachdem der Gries alle war und die Haferflocken, die ich in der Tupperdose aufbewahrte. Der Deckel war kein HIndernis, und die selben Zahnnagespuren wurden auch dort gefunden.
    Ich habe sie dann doch überreden können, dass es bei mir nicht so schön ist wie anderswo.

  11. wir fanden einmal eine ganz ganz winzig kleine maus in einem toskanischen pool paddelnd, sichtbar schon am ende ihrer kräfte. mein mann hat sie herausgefischt und sie hat seine handfläche fast eine halbe stunde nicht verlassen. als sie sich von den strapazen erholt und ihr fell an der sonne getrocknet war hat sie sich dann wieder gereckt und gestreckt und wir haben sie weit weg vom pool in die freiheit entlassen. wobei sie die schützende hand nur sehr sehr zögerlich verlassen hat. große mäuseliebe hier.

  12. Pingback: Mausgeschichten – sturmpost

  13. Ach, was für herrliche Mäusegeschichten es doch gibt! Ihre finde ich allerdings besonder schön. Aber ich hab auch eine: Auf dem Campingplatz, wo ich als Kind immer über’s Wochenende mit meinen Eltern zeltete, gab es immer Mäuse, die auch gerne in die Zelte kamen und die Vorräte anknabberten. Eines Tages fand mein Vater auf „unserem“ Platz ein Mauseloch. Mit den Nachbarn wurde beratschlagt, was nun zu tun sei. Ein besonders mutiger kippte einen Eimer Wasser in das Loch, während die anderen Kerle mit Schaufeln bewaffnet darum herum standen und das Mäuschen erschlagen wollten, sobald es aus dem Loch kam. Nur, als es kam, hatte es ein winziges Mäusekindchen in der Schnauze! Ängstlich blickte es um sich. Und die Kerle? „Ach wie süüüüüß!“ „Niedlich!“ „Ohhhhh!“. Nein, keiner hat das Mäuschen erschlagen können, alle guckten fasziniert zu, wie die Mäusemutter nach und nach alle ihre Kindlein in Sicherheit brachte…

    Grüßles
    Ursel

  14. 1/6

    Mäuse und ich, wir haben ein schwieriges Verhältnis. Das mag daran liegen, dass ich früher tagein tagaus am Stall anzutreffen war, und wo Pferde und Pferdefutter sind, dort sind stets auch Mäuse. Oder Ratten. Selten beide. In der Sattelkammer eine Schabracke vom Halter angeln zu wollen, auf der schon eine große Rättin sitzt, ist eine ebenso widerliche Erinnerung wie ein ganzes Nest junger Ratten in den angefressenen Gamaschen zu finden. Was nicht zernagt wurde, stank fortan süßlich nach Mäusekot. Die Katze in mir wetzt die Krallen.

    Zur selben Zeit trug es sich aber zu, dass auf dem heimischen Balkon das grantige Karnickel, das sich doch mit keinem Artgenossen anfreunden wollte, eine Untermieterin aufnahm. Im Spätherbst, mit den ersten frostigen Tagen, zog im wetterfesten Hasenhaus eine Maus ein. Nicht eine Spitzmaus oder gar eine gewöhnliche Hausmaus im fahlen Hemd, sondern eine bildhübsche Dame im feinen hellbraunen Pelz, mit dunklen Knopfaugen und runden Öhrchen. Frau Haselmaus war es im Busch des Nachbarn zu unwirtlich geworden. Im Soutterain des Hasenhauses hingegen konnte man sich mit all dem Stroh, Heu und den Zeitungsschnipseln, mit dem das Karnickel im Parterre versorgt wurde, vorzüglich einrichten. Ein paar Mal am Tag kam sie auf zwei, drei Haferflocken, ein Schlückchen Wasser und einen Plausch vorbei. Dann huschte sie wieder davon. Als die Tage länger wurden und der Haselstrauch blühte, sah man sie immer seltener, bis sie schließlich in ihre Sommerresidenz zurückkehrte.

  15. 2/6

    So possierlich die Zeit mit Frau Haselmaus und der grantigen Karnickeldame war, so schauerlich waren sicher die Geschichten, die maus sich von unserem Kater erzählte. Der Herr Kater kam aus dritter Hand zu uns, nachdem er sich zwar nicht mit Windmühlen, aber mit einem Lastwagen angelegt und dabei mindestens siebeneinhalb Leben gelassen hatte. In Griesgrämigkeit stand er dem Karnickel kaum nach, so dass er mühelos drei große Hunde unter seiner Fuchtel halten konnte. Von seinem Unfall blieben ihm eine Metallplatte, diverse Schrauben und etwas Wetterfühligkeit. Fürs tägliche Kraxeln auf den schiefen Kirschbaum des Nachbarn und den anschließenden Kontrollgang über Garage und Dach war er dennoch genügend agil. Vögel erhaschte er dabei nicht. Als Mäusefänger war er aber gefürchtet, denn es bedarf dafür weniger Schnelligkeit als vielmehr Geduld. Auf dem unbebauten Grundstück hinterm Garten brauchte er mit gespitzten Pinselohren nur warten, bis ihm eine Maus vor die Pfoten trappelte und … zack. Es verging kaum eine Sommernacht, in der ich nicht von einem Hops (Fensterbank), Plopp (Kommode), Plumps (Boden) und Knurpselknurpselknarz (Ex-Maus) geweckt wurde.

    Der Herr Kater ist nun schon viele Jahre in die ewigen Jagdgründe eingegangen, aber wenn ich heute ab und an in meinem alten Kinderzimmer übernachte und leichter Regen auf knarzende Blätter tropft, murmele ich manchmal im Halbschlaf gen Fenster: „Kannst du deine Mäuse nicht einmal leise fressen?“

  16. 3/6

    Wenn der Herr Kater uns eine Maus auftischte, dann war sie stets zum Verzehr bereit: geköpft und gehäutet und ziemloich tot. Sein Vertrauen in die Fähigkeiten von Dosenöffnern war offenbar nicht sonderlich groß, da musste er schon für eine abwechslungsreiche Diät sorgen. Als er wieder einmal mit aufgeplustertem Fellkragen und vollem Maul ins Wohnzimmer schritt, warteten wir darauf, dass er uns seine Beute vor die Füße legte. „Na so was“, dachten wir, als wir uns die Maus näher besahen, „an der ist ja noch alles dran.“ Der Kater schaute uns erwartungsvoll an. „Na so was“, dachte die Maus, „noch alles dran“. Und flitzte los.

    Sie flitzte indes nicht zurück in den Garten, sondern hinter den nächstbesten Bücherschrank. Hinter diesem Schrank und jener Kommode oder auch unterm Sofa hörte man sie in den nächsten Wochen kruscheln. Des nachts tippselte sie übers Linoleum in der Küche und bediente sich am Trockenfutter des Katers. Am Tag weigerte sich der Kater, das übrige Futter anzurühren. Stattdessen schlich er mit neurotischem Blick an den Fußleisten der Schränke entlang. Die Maus zeigte sich nicht, doch ich bin mir sicher, er konnte ihr Kichern hören.

    Ihre Dreistigkeit stieg ihr schon bald zu Kopf. Nicht nur in den Nachtstunden hörte man ihre Trippelschritte, sondern immer häufiger auch während der Mittagsruhe. Mein Vater döste zu dieser Zeit nach dem Essen meist eine Weile auf dem Sofa, bevor er in seine Werkstatt nebenan zurückkehrte. Wer mich kennt, weiß: Vom Scheitel bis zur Sohle messe ich fast sechs Fuß. Mein Vater ist ein gutes Stück länger als ich und so lugten zwischen brauner Sofalehne und brauner Wolldecke stets ein Paar strumpfsockiger Füße hervor. Dieser Anblick – böse Zungen behaupten: der Geruch – weckte auch das Interesse der Maus und mein Vater schreckte zeternd vom Sofa hoch: Sie hatte ihn in den großen Zeh gebissen.

    (Fortsetzung folgt)

  17. 4/6

    Des Katers Maus richtete sich ungerührt auf einen längeren Aufenthalt ein: Hinter jedem Blumentopf und strategisch verteilt in zig anderen Ecken hatte sie kleine Lager mit Trockenfutter angelegt. Dennoch waren sich drei von drei Dosenöffnern einig: eine Schlagfalle kommt uns nicht ins Haus. Allein schon der Gefahr wegen, der trottelige Kater könnte mit der Pfote hineingeraten. So wurde im nächsten Raiffeisen-Markt eine Iglu-Falle gekauft.

    Eine Iglu-Falle ist ein halbkugelförmiger Drahtkäfig, dessen Einstieg oben an der Kuppel ist, so dass man zwar hinein, aber nicht mehr hinaus kommt. Wir platzierten ein Stück Käse in der Falle – Käsegeruch schien die Maus ja zu mögen – und warteten ab. Am nächsten Tag war der Käse weg und die Maus auch. Offenbar hatte niemand der Maus erklärt, dass der Einstieg gar nicht als Ausstieg geeignet ist. Die Falle wurde erneut bestückt, aber diesmal mit einem Köder, der nicht durch die Deckenöffnung passte. Wir warteten ab. Am nächsten Tag steckte der Köder im Einstieg fest. Von der Maus keine Spur.

    Die Iglu-Falle verschwand im Schuppen und es wurde eine Kipp-Falle besorgt, ein gekrümmtes Vierkantrohr aus Plastik. Sobald maus zum Köder am hinteren Ende gelangt, kippt die Falle wie eine Wippe um und die am vorderen Ende angebrachte Klappe fällt zu. Zumindest in der Theorie. In der Praxis trocknete der Käse in der Falle ein. Die Maus ließ sich nicht locken. Stattdessen versuchte sie eines Nachmittags, Nougatpralinen von der Anrichte zu stibitzen. Die ließen sich jedoch nicht aus den Förmchen lösen und so biss sie bloß von jeder Praline eine Ecke ab. Ein Glück für uns, denn wer einmal Nougat gekostet hat, der kann an nichts anderes mehr denken. So folgte die Maus denn auch dem Schokoladenduft in die Kipp-Falle hinein. Und flitzte mit einem Stück Praline wieder aus der Kipp-Falle heraus. Mit dem fünften und letzten Köder sollte ihr das allerdings nicht mehr gelingen: Zwischenzeitlich hatten wir die Klappe mit Münzen beschwert und die Maus blieb in der Falle sitzen. Auf dem Feld am Ende der Straße wurde sie ausgesetzt. Ob sie wohl fortan jede Nacht von Nougat träumte?

  18. 5/6

    Jahre später wohnte ich mit dem Finnen und seiner Schwester in einem kleinen windschiefen Fachwerkhäuschen in der Marburger Oberstadt. Als wir einzogen, waren Fenster und Heizung schon erneuert und die Dielen in unserem Schlafzimmer verlegt. Doch im Rest des Häuschens hatten wir noch den Lehmputz zu erneuern, mit Kalkkaseinfarbe zu streichen und tausend andere Dinge zu renovieren. Im Kabuff unter der Treppe ins zweite Obergeschoss fehlte nach dem Austausch einiger Wasserrohre gar ein halbes Gefache. Das Loch öffnete sich zwar nur zu einem schmalen Zwischenraum zum Nachbarshaus hin, so dass der Wind nicht hindurch pfiff, aber für die Mäuse kam das einer offenen Tür mit Neonschild gleich. Schon die erste Maus, die den Weg durchs Gefache fand, nagte ein Loch in die Hausschuhe des Finnen. Sogleich drückten uns die Nachbarn ein halbes Dutzend Fallen in die Hand. Schlagfallen aus schwarzem Kunststoff mit einem Duftköder. In den folgenden Wochen lockten sie ein Dutzend Mäuse an, schnappten mit einem harten Klacken zu und brachen den Tieren das Genick. Nicht schön, aber schnell. Ein Dauerzustand war das aber nicht, das Loch in der Wand musste weg. Wer weiß schon, wer oder was dadurch noch ins Haus kommen kann? Auf dem Dachboden hatten wir Marderkot gefunden. Und die Waschbären vom Edersee begannen schon, in Marburg sesshaft zu werden.

    So kamen mir gleich mehrere ungebetene Gäste in den Sinn, als ich eines Nachts von einem lauten metallischen Poltern aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich hatte die Füße noch nicht aus dem Bett geschwungen, da schrillte auch noch das Telefon: Eine Etage tiefer hatte sich des Finnen Schwesterlein in ihrem Zimmer verschanzt und flüsterte mit zittriger Stimme in den Hörer: „Da ist jemand im Haus! Du musst runterkommen und nachschauen!“ Ein Einbrecher kam mir wohl nicht in den Sinn, denn ich streifte nur eine Jeans über und stolperte unbewaffnet die Treppe hinunter. An ihrem Fuß fand ich eine Mausefalle nebst toter Maus. Die Falle war offenbar mit solchem Schwung zugeschnappt, dass sie sich um die eigene Achse gedreht und scheppernd gegen das Metallgeländer geschlagen war. Eine Maus mit artistischem Gespür. Salto Mortale, wer hätte das gedacht?

  19. 6/6

    Die kleine Uni, an der ich arbeite, liegt idyllisch im Stadtwald von S. Mauersegler kreisen im Frühsommer über dem Campus, Kaninchen aus dem nahegelegenen Wildpark hoppeln abends durchs Parkhaus und wenn nach Konferenzen die Müllsäcke nicht verräumt werden, haben bis zum nächsten Morgen die Wildschweine den Inhalt großflächig verteilt. Zu Zeiten meines Studiums war die Geographie zusammen mit dem Dekanat der Phil. Fak. in einem langen Zeilenbau am Waldrand untergebracht. Als Hiwi leerte ich mit meinem Chef, der kurz vor der Emeritierung stand, peu à peu die Bücherregale und hohen Einbauschränke in seinem Büro. „Sammeln Sie noch oder sortieren Sie schon aus?“ erkundigte er sich. Was für eine Frage! Die meisten ausgemusterten Bände wanderten aus den Schränken direkt in meine Tasche.

    So hockte ich am nächsten Nachmittag bei offenem Fenster allein im sonnenwarmen Büro, sichtete Bücherstapel und genoss den Blick aus dem siebten Stock auf das sich bunt färbende Laub des Stadtwalds. Als ich aufbrechen wollte, bemerkte ich ein rotbraunes Blatt auf dem Boden. Ich bückte mich, streckte die Hand danach aus und da wackelte das Blatt mit den Fühlern. Vor mir lag eine Kakerlake auf dem Buckel. Nicht eine kleine dunkle Küschenschabe, sondern ein Insekt von Samsa’schen Ausmaßen mit ebenso hilflos zuckenden Beinchen. Ich ging rückwärts aus dem Büro, schloss die Tür und eilte zur Institutssekretärin drei Räume weiter. Nachdem ich von meinem Fund berichtet hatte, wurde sie kalkweiß und wandte sich wiederum ein paar Räume weiter an die Dekanatssekretärin. Als Dekanatssekretärin ist man indes von einem anderen Schlag. Sie erwiderte nur: „Ach.“ Und setze dann mehr zu sich selbst hinzu: „Sind sie jetzt auch in Gebäude 11?“ Wir starrten sie entgeistert an, worauf sie erklärte, man wisse nicht genau, wo sie herkämen. Manche behaupten, die Kakerlaken wären den Biologen entfleucht, andere behaupten, sie hätten sich übers Fernwärmenetz verbreitet. Wie dem auch sei: Auf dem Campus seien sie jedenfalls keine Neuigkeit mehr. „Sie haben sie aber nicht zertreten, oder?“ fragte sie und klang nun doch etwas beunruhigt. Wir verneinten – immer noch recht entgeistert – und sie erklärte weiter und wieder sichtlich entspannt, das sei gut, da wir sonst die an unseren Schuhsohlen klebenden Eier überall verteilt hätten. Man solle sie besser verbrennen. Daraufhin schnappte sie sich ein Blatt Papier und ein Feuerzeug, stippte das immer noch auf dem Buckel liegende Insekt auf und ging runter in den Hof.

    Bevor ich die letzten Bände aus den Oberschränken räumte, kontrollierte ich, ob Gregor dort seine Vettern zurückgelassen hatte. Und die Moral von der Geschicht? Schimpfst du über Mäuse, kennst du Kakerlaken nicht.

  20. Zikaden, so bemerkte ich bei meinem Aupair-Aufenthalt in Südfrankreich, klingen, als ob ein Wellensittich mit einer Taschenmesser-Säge den Ast, auf dem er sitzt, absägt. Das seltsame Geräusch nächtens aus meiner unsanierten Altbau-Küche (des Winters, und in Berlin) konnte aber keine Zikade sein, und auch den Wellensittich mit Taschenmesser-Säge hielt ich für unwahrscheinlich. Das Geräusch war ganz schön gewaltig. Ich ging in die Küche, um die Ursache zu suchen, die ich schließlich in der Schublade unter dem Herd, wo die Backbleche aufbewahrt werden, fand: Eine Maus hatte sich dort eingerichtet und hatte – wie auch immer – eine Tüte Vollkornnudeln (in Hörnchenform) dorthin geschleppt, die sie dort voller Hingabe knabberte, das Knabbergeräusch ihrer Zähne akustisch bestens verstärkt durch metallene Herdschublade und Herd.
    Mit einer Lebendfalle habe ich sie dann ein paar Tage später erwischt (die Mäuseköttel in meiner Speisekammer fand ich einfach nicht so toll) und im Park ausgesetzt – allerdings erfuhr ich später, dass die Hausmaus sich im Park gar nicht so wohl fühlt und sich wahrscheinlich schnell ein anderes Quartier gesucht hat.
    Diverse andere Mäuse (aber keine in der Herdschublade) später kam ich schließlich auf die Idee, auf Ursachensuche zu gehen, und fand ein Loch in der Wand, dort wo der Wasserstrang und das Fallrohr von einem Stockwerk zum nächsten gehen. Eine Mischung aus Stahlschwamm (diese Teile zum Topfschrubben) und Gips war dann nach mehreren vergeblichen Versuchen der Abdichtung das richtige Material, um nicht immer wieder Mäusebesuch zu haben.

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