Berliner Geschichten

Der Morgen versteckt sich hinter einer Wand aus Regen. Meine alte Freundin die Wildtaube versteckt sich unter den dichten Tannenzweigen, da wohnt sie schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, an ein davor, immer war da schon der Baum, die große Tanne und in der Tanne lebte die Wildtaube, mit der ich mich befreundete. Heute aber überlegt sie trotz meiner Frühstücksofferten, auf dem Balkon liegen Rosinen, aber es ist auch nass auf dem Balkon. Die alte Freundin Wildtaube kommt. Sie weiß schon, was die Nachbarn mit später erzählen. Die Wildschweine sind in den Nachbarsgarten eingebrochen, haben zwei Kirschbäume umgerissen, den Geräteschuppen in einen Bretterhaufen verwandelt, den Rasenmäher verstümmelt und dabei so sagt die Nachbarin noch hämisch gelacht. Die alte Freundin Wildtaube aber gurrt. Der Mann der Nachbarin, nämlich ist Hobbyjäger und der Hausflur ist voller Geweihe und vor dem Kamin liegt ein Wildschweinfell. Die Wildtaube und ich, wir wissen beide, irgendwann im Leben da muss man bezahlen, so oder anders oder mit einem Rasenmäher. Meinen Garten aber habe die Wildschweine ausgelassen. Ich sammle die letzten, schon matschig-braunen Quitten ein und an einem anderen Tag wäre ich wohl in die Pfützen gesprungen, aber heute kehre ich an den Schreibtisch zurück, meine Freundin die Wildtaube ist längst schon wieder unter die dichten Tannenzweige zurückgekehrt.

Der Tag läuft zwischen Schreibtisch und Klavier hin und her. Am Schreibtisch erinnere ich mich, am Klavier fallen die Erinnerungsstücke zwischen die schwarzen und weißen Tasten. Das Klavier weiß alles von mir und vergisst es sogleich wieder. Manchmal verwirre ich das Klavier und lege eine falsche Spur, lenke ab und lege Bach, Beethoven und Chopin zwischen die Tasten. Das Klavier ist älter als meine Erinnerungen und damals als ich es kaufte, da hatte es Jahre schon auf einem Speicher verbracht und davor sagte der Mann, der es mir verkaufte, sei es lange in einem Nachtclub gewesen. Das gefiel mir. Ein Klavier mit Vergangenheit und leider auch ziemlich viel Zigarettenasche im Inneren. Aber die Vergangenheit zählte mehr und das Klavier schwieg für ein Jahr, immer wieder wurde es gereinigt und gestimmt und irgendwann spielte es wieder. Das Klavier hatte lange überlegt und wer weiß schon, vielleicht war das letzte Lied im Nachtclub, der vielleicht zur „Einsamen Trompete“ hieß, auch: Man sagt einer Dame nicht beim ersten Mal komm mit…“

Am Abend aber fahre ich in die Stadt, denn ich wohne ja im Wald und in der Stadt da wohnt die L. Die L. will mich küssen und dann einen Fisch beim Griechen essen und das in genau dieser Reihenfolge. Soll sein, liebe L. sage ich, bringe ihr Blumen, die L. küsst mich und die Dorade hat kleine, spitze Zähne. Der Grieche heißt Alexandrou. Er seufzt und sagt: „Ach, die Damen.“ Das Lokal ist leer, bis auf vier betrunkene Frauen. Aber das kennt Alexandrou schon. „Das sind vier Witwen“ sagt er, „die haben keine Freude mehr, nur noch den Wein. „Wir trinken Wasser und Alexandrou sagt: „Die Miete ist erhöht worden. Aber die Leute wollen trotzdem einen Gyros-Teller für 5, 80 Euro.“ Er zuckt mit den Schultern. Wir sehen stumm auf den Tisch. Eine halbe Zitronenscheibe zwischen den Zähnen. Tomatenscheiben und Salatblätter unter dem Rücken und es ist als seufzte auch die Dorade über die Ungerechtigkeit des eigenen Endes und der ganzen Welt. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Alexandrou. „Ich bin doch nur ein einfacher Mann.“ Was antwortet man. Bevor wir antworten müssen, rufen die vier Frauen nach einer neuen Flasche. Sie singen: Griechischer Wein.

„Erzähl mir von Dir“, sagt die L. Ich will sagen: „Ich fürchte mich vor allem.“ Ich sage: Es wird schon gehen.“ Ihre Hand liegt auf meiner und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt ihre Hände geworden sind. Ich wünschte, ihre Hände blieben bei mir. Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben redne. Sie lacht und wir reden über ihre Reise nach Hamburg. Über Michel Houllebecq im Thalia Theater, die Akustik der Elbphilharmonie, wir wollen gerade über die D. sprechen, da stößt eine der betrunkenen Witwen gegen unseren Tisch auf dem Weg zur Toilette, die Dorade rutscht grinsend vom Salatbett herunter, die Wassergläser fliegen über den Tisch tropfen auf Kleider und Tisch. Die Witwe ist schon schwankend im Bad verschwunden. Alexandrou entschuldigt sich, wir zahlen und küssen uns noch einmal im Regen, ich winke ihrem Regenschirm. Sie ruft mir etwas hinterher. Ich werfe Küsse zurück.

An einer Straßenecke sehe ich einen Briefkasten. Neben dem Briefkasten steht ein Leierkastenmann. Ich habe seit Jahr und Tag keinen Leierkastenmann mehr gesehen, aber hier steht er mit grünem Filzhut und einem Äffchen neben sich auf dem Leierkasten. Er spielt „Veronika, der Lenz ist da.“ Ich werfe Münzen in den grünen Filzhut. „Wem darf ick denn danken?“,sagt er einer Dame oder nem Frollein?“ Frollein, bitte, sage ich und winke ihm zu. Als ich auf die U-Bahn warte da wühlt ein Mann sich durch die Mülleimer, schließlich zieht er einen verbeulten Regenschirm mit gebrochenen Speichen aus dem orangen Eimer. „Heute ist mein Glückstag“, sagt er und strahlt, ihm fehlen zwei Zähne und ein Schuh ist fast. aufgelöst. Pfeifend geht er davon, ich kenne das Lied nicht, dann kommt die Bahn. Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen. Wer weiß das schon.

10 thoughts on “Berliner Geschichten

  1. Melancholie zwischen den Buchstaben und die Angst in den Ritzen. Vielleicht, so ahne ich, vielleicht kann Angst auch Kraft sein? Und Mut werden? Sie ist da und auch wieder nicht, weil sie die Sprache der Wildtaube verstehen kann. Und Wildschweinen zublinzeln.

    Danke für diesen berührenden, warmen Text.

  2. „Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen.“ – Allein für so wunderbare Sätze kehrte ich wieder und wieder zu Ihrem Blog zurück, liebes Frollein Read On, und dann bersten die Texte auch gleich noch vor Gelehrsamkeit, Humor, feiner Beobachtungsgabe und menschlicher Achtung. Jeder Text versammelt einen ganzen Reigen und Chor in einer Stimme. Ein frohes neues Jahr Ihnen – und herzlichen Dank.

  3. DAS BUCH, machen Sie ein Buch. Ich höre es rauschen, ganz still, mit Blättern der Erinnerung, sepia oder silbergrau, egal. Uhhh, jetzt muss ich atmen, sonst weine ich. Ja, Leben. Genau so.

  4. „Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben reden.“
    Das berührt mich sehr, auch dass Sie mit Ihrem Schreiben *die L.* in gewisser Weise unsterblich machen. 💞

  5. das ist ja eine richtige Entdeckung hier.. sehr schön. habe read on.. direkt in meine blogroll eingeschoben, zwischen p und s.
    die hämisch lachenden Wildschweine.. ihm fehlen zwei Zähne und der Schuh ist fast aufgelöst.. ja, das isses.

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