Es ist ein Fest vor dem Fest oder so.

Die letzte irische Nachtschicht in diesem Jahr. Der an 363 Tagen des Jahres schlecht gelaunte Oberarzt, trägt einen Christmas Jumper unter dem Kittel. Der Jumper ist rot und ein Elf hält eine Proseccoflasche: „Prosecco Ho-Ho-Ho-Ho steht auf dem Pullover. „Na Oberarzt“ sage ich, sind ja schon richtig frohgestimmt und in festäglicher Feierlaune. „Oh, Proseccccc-oooo!“ Ich wusste, dass Sie nicht ohne Bemerkung an diesem Pullover vorbeigehen konnten, Fräulein Read On. „Genau genommen, Oberarzt“, bin ich ja gar nicht an dem Pullover vorbeigegangen, dies ist ja kein Fachgeschäft für Herrenmode sage ich, sondern habe Sie auf dem Flur erblickt.“ „Ich weiß nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält!“, stöhnt der Oberarzt. „Ich habe trotzdem eine Tüte Kekse für Sie missgelauntester Oberarzt aller Zeiten.“ Der Oberarzt schüttelt die Kekstüte in einer Art und Weise, die sich schon als Drohgebärde auslegen ließe. Wollen wir also froh sein, dass die Feier- und Festtage schon vor der Tür stehen.

Nach der Nachtschicht rase ich zum Flughafen, denn ich halte einen Vortrag an dessen Zusage ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf dem Flughafen steht der Tierarzt mit dem luggage holdall und strahlt: „Mädchen, ich bin mir ganz sicher, Kälbchen hat heute ein Weihnachtslied geblökt.“ „Tierarzt“, sage ich, mag sein, mag sein, aber wo zur Hölle ist mein Vortrag. Ich wühle im luggage holdall und endlich sehe ich die blaue Mappe. Einatmen. Ausatmen. Der Tierarzt ist von meinem Beinahe-Infarkt entsetzlich ungerührt und führt die Gesangskünste Kälbchens weiter aus. Meine Shetlandponyhaare haben sich derweil im Stethoskop verheddeert. Ich bin kurz davor auch ein Lied zu singen, bloß kein Weihnachtslied. Im Flugzeug schlafe ich mit einem Snickers-Riegel in der Hand ein. Der Tierarzt hält eine verwackelte Videoaufnahme mit dem blökenden Flegel von einem Riesenkalb an mein Ohr und ich stoße mir den Kopf an der Lehne des Vordersitzes. „Wäre es nicht schade, Tierarzt, sage ich, wäre dies Kälbchens erstes und letztes Weihnachtsfest?“ Der Tierarzt schluckt und ich kühle meinen Kopf an der Fensterscheibe. Ein sehr stiller Tierarzt folgt einem Fräulein aus dem Flughafen der großen Stadt Berlin. Das Fräulein eilt zu einem BVG Automaten und füllt einen Beutel voll Kleindgeld in den Automaten. Der Automat gröhlt hämisch und speit das Kleingeld in einem wütenden Schwall wieder aus. „Da kannst du sehen, Tierarzt, wie es bestellt ist, um den deutschen Ingenieur.“

Der Tierarzt tritt lieber einen Schritt zurück.“ Ich fülle erneut das Kleindgeldsäckel in den Automaten, Hohohoho, röhrt der Automat, der Automat spuckt zwei Fahrkarten aus, wir rennen zum Bus, ich winke mit beiden Armen, der Busfahrer grinst, wir warten. Ich zische Böses. Im zweiten Bus telefoniert ein Mann mit einer Hannelore und Hannelore soll jetzt doch mal sagen, wie das Buch heißt mit dem Frank Elstner und den ausgestorbenen Tierarten. Hannelore, ja die AUSGESTORBENEN TIERARTEN. Die Nini, die mag doch die Tiere so. Und dann mit dem Frank Elstner. Ja. ALLE TIERE, DIE BALD AUSSTERBEN SIND DA DRIN IN DEM BUCH MIT DEN TIEREN. Hannelore nun sag doch mal wie das hieß. SO EIN SCHÖNES BUCH, JA AUCH ÜBER DIE TIERE, DIE SCHON AUSGESTORBEN SIND UND MIT DEM FRANK ELSTNER. Weihnachten, Tierarzt, sage ich dem verstörten Tierarzt ins Ohr ist in Deutschland das Fest der Liebe, des Lichts, der Familie und der AUSGESTORBENEN TIERE, JA HANNELORE, ICH HABE DAS AUFGESCHRIEBEN. JA, AUF EINEN ZETTEL HANNELORE, JA HANNELORE MIT DEM FRANK ELSTNER. EIN GANZES BUCH ÜBER DIE AUSGESTORBENEN TIERE FÜR NUR 19,90. Dann steigen wir aus, ich dränge zur Eile, denn der Tagungsveranstalter findet es sei doch schön mit meinem Vortrag zu beginnen. Ich eile, ich rase aufs Gleis, ich halte Ausschau nach dem Tierarzt, der Tierarzt ist nirgends zu sehen, ich renne die Treppen wieder herunter. Der Tierarzt streichelt einen völlig verfetteten Labrador. Der Labrador heißt Harry. Harrys Frauchen sagt sie heiße Corinna. „These lovely German names“, haucht der Tierarzt, Harry sabbert auf meine Schuh. Corinna trägt Dubarry-Stiefel und hat blonde Haare. Corinna hat aber keine Haare, sondern eine Frisur. Nur Frauen wie ich haben Haare und die stehen zur Berge und ich zische: Tierarzt, jetzt komm. Corinna winkt. Der Tierarzt winkt. Harry grunzt. Der Tierarzt schnalzt: Hallöchen. Corinna hat weiche Knie. Das Fräulein Read On eher nicht so. „Stell dir das vor Mädchen, die Corinna hat ein Outdoorwägelchen für den Harry.“ „Wie schön für die Corinna“, huste ich böse. Der Tierarzt ist verzückt. These Germans amzaing, simply amazing. Wir rennen zum Vortragsort. Ein Shetlandpony referiert. Der Tierarzt klatscht strahlend und sagt zu seinem Nachbarn: „Das ist Mädchen, fast so klug wie Kälbchen.“ Der Nachbar setzt sich lieber weg. Ich aber bin so hungrig wie ein junger Wolf, aber da wir so spät kamen, sind nur noch Schinkenbrote da. Das Karma ist eben so ausgestorben wie die Tiere in dem Buch mit dem Frank Elstner. Sehr hungrig verlassen wir die Tagung, ich kaufe Käse und Stollensterne, der Tierarzt atmet Berliner Luft, wir erstehen Bienenwachskerzen und allerlei Dinge. Die Mali-Tant hat indes 16 Mal angerufen und ist eingeschnappt als ich endlich zurückrufe.

 „Geh Mali sage ich, es war halt die Tagung und dann war der Hunger und dann mussten wir einkaufen und geh das Telefon war halt irgendwo in der Tasche.

„Geh Mädi“, du musst es mir nua eomal sogn wenn I dia lästig bin.

Aber Mali-Tant, säusle ich, Du mir lästig? Niemals.

Die Mali-Tant und das ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, denn die Mali-Tant ist fast so alt wie die Stadt Wien selbst, wechselt ins Hochdeutsche hinüber. Nur wen die Mali sehr verachtet oder wem sie gram ist, so wie gerade mir, den straft sie mit Hochdeutsch.

„Mädi, der Mau ( der Siamkater der Mali ) und der Jean ( der Geliebte der Mali ) kommen mit dem Zug ( die Mali, der Mau und der Jean kommen seit Jahr und Tag mit dem gleichen Zug ), aber wenn es Dir nicht passt, dann muss uns niemand abholen, dann kommen wir ganz allein, wir haben ja-Pause-längere Pause-Seufzen- kaum Gepäck.

„Geh Mali, natürlich holen wir euch ab.“

„Ach weißt Mädi, es ist bestimmt ohnehin mein letztes Weihnukka, einmal muss man ja doch sterben und dann kommt der Mau in ein Tierheim und der Jean, na der Jean ist ja immer noch recht fesch und Du hast eine Sorge weniger.“

Aber Mali-Tant sage ich, Du bist doch nicht alt.

Die Mali-Tant aber hat genug von mir, verlangt nach dem Tierarzt und soweit ich dem Gespräch aus Gurren, Luftküssen und Liebesschwüren folgen kann, stimmt die Mali mit dem Tierarzt überein: „Eine Corinna könne man sofort heiraten, bei einer Read On hingegen, müsse man sich die Sache wirklich gut überlegen.“

Chanukka Sameach und einen gesegneten 3.Advent Ihnen!

24 thoughts on “Es ist ein Fest vor dem Fest oder so.

    • Ich danke sehr. Es gilt nur noch die letzte Chaoswelle-der Baum muss vor der Ankunft Kater Maus aufgestellt sein, zu überstehen. Aber gute und gesegnete Tage, die wünsche ich Ihnen von Herzen.

  1. Die Verliebtheit des Tierarztes (in das Kälbchen, das Mädchen und in ganz Deutschland) rührt mich immer sehr. Ich wünsche ihm sehr, dass er auch sich selbst eines Tages ein bisschen mehr mögen kann.
    Ihnen allen wünsche ich frohe Weihnachten!

    • Mich rührt seine Begeisterung über deutsche Luft und deutsche Hunde auch immer sehr ( und natürlich Kälbchen, dieser Flegel ), seine Begeisterung für Corinna allerdings teile ich nicht ganz.

  2. Köstlich beschrieben, wie einem nur die liebsten Menschen so punktgenau auf die Nerven gehen können. Wer das nicht mehr hat, der hat kein Leben mehr. Ich wünsche Ihnen, mit Lachtränen in den Augen, ein wunderbares Weihnukka!

  3. Als deutscher Ingenieur muss ich hier mal zu unserer Ehrenrettung sagen: der Automat hat mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen in Deutschland entworfenen Münzakzeptor gehabt. Mit fällt gerade keine deutsche Firma ein, die solche noch herstellt.

    Davon ab: Münzen nicht wieder ausspucken ist total einfach. Falschgeld nicht anzunehmen ist die Kunst 😉

    • In Berlin frage ich mich, ob die Automaten nicht alle Schnaps trinken und nur das akzeptieren, was ihnen genehm ist. Es macht mich rasend. Danke für Ihre Erklärungen. Es geht doch nichts über einen Ingenieur! Danke.

  4. Ach, diese Frauen mit Frisuren. Hat man nur Haare, hat man keine Angst vor Regen und Wind. Man wackelt etwas mit dem Kopf und alles ist gut. Frauen mit Frisuren weinen, weil alles kaputt ist. So gesehen haben sie mehr Sorgen. Wenn sie sich allerdings an Männer ranwanzen, die nicht ihre sind, gibt es zusätzlich was auf die Frisur, äh Mütze.

  5. Was arbeiten sie eigentlich alles genau? Sind sie neben Soziologin (?) auch Ärztin oder wie geht das alles zusammen? Frag mich das immer wieder 🙂
    Ich habe übrigens nur Federn am Kopf. Die sind ein spezieller Graus!

    • Ich habe mehr als einen Beruf, aber beide finden hier aus guten Gründen nur in Andeutungen statt. Einer hat viel mit Wissenschaft und Organisation zu tun, der andere mit Medizin. Ich gäbe Ihnen sofort einen dicken Büschel Ponyhaar ab.

  6. Ich wiederum betrachte ja Leute mit kräftigen Shetlandponyhaaren mit großem Neid. Habe ich doch ein feines Gestrüpp das zu dieser Jahreszeit auch noch zu Berge steht und Funken sprüht…

  7. Ähem. Ja. Wenn es Sie tröstet: Ich habe weder Haare noch Frisur, dafür aber eine bretonische Wollmütze, die jedem Sturm trotzt. Für drinnen ist das natürlich nichts, dafür produziert mein Schädel in enger Zusammenarbeit mit Scheinwerfern oder Lampen bei Vorträgen interessante Spiegeleffekte. Ich wünschen Ihnen einen geruhsamen 6. Chanukka-Abend und dem Tierarzt einen schönen dritten Advent.

  8. Wow nach einer Nachtschicht noch einen Vortrag zu halten ist hart.
    Auf die Länge sind Frauen wie sie angenehmer als perfekte Frauen mit Frisur und ohne Lebensinhalt neben Hund und Haushalt.
    Das sagt die Frau mit Löwenmähne und vielen Haaren auf den Zähnen.

  9. So schön, herzliche Gratulation –
    Es ist irgendwie beruhigend das es jemanden gibt dem doch nicht alles egal ist und meine Tasse Kaffee schmeckt mir mit der neuesten Episode von Kälbchen gleich nochmal so gut.

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