Das Wagenrad der Assimilation

Es ist eine Katastrophe“, sagt die liebe C.

„Es ist ein Wagenrad“, sage ich.

Die liebe C. lacht. Sie sagt: „Deiner Großmutter wäre das nicht passiert.“

„Niemals im Leben“, sage ich und lache auch. Meine Großmutter verstand sich wie niemand sonst auf die Assimilation. Meine Großmutter gehörte ja schließlich, wie sie niemals müde wurde zu betonen, zur zweiten Generation der assimilierten Juden. Keine Ghettoluft, sondern erst österreich-ungarische, dann deutsche Bürger. Aber wir, was sind wir eigentlich, die Generation 1 und 2 nach Auschwitz? In jedem Fall machen wir Fehler, die meine Großmutter niemals gemacht hätte.

Meine Großmutter wusste ganz genau, wie groß der Adventskranz für das Wartezimmer sein musste, damit niemand sagte:

„Die Frau Doktor ist aber knausrig.“

Oder

„Die Juden protzen ja wieder mächtig.“

Letztes Jahr hatte die liebe C. den Adventskranz völlig vergessen.

Die Leute der Stadt sagten: „Bei der alten Frau Doktor hätte es das nicht gegeben und die Frau Doktor hat eben nur noch die Flüchtlinge im Kopf. Die liebe C. aber vertrat einen an Krebs erkrankten Kollegen, der die Dörfer versorgt an den Wochenenden. Aber gesagt hat die liebe C. nichts, denn „Es ist doch klar, dass die Juden bei jeder Gelegenheit noch mehr Geld scheffeln.“

Dieses Jahr aber ist der Adventskranz nichts weiter als eine Zumutung. Der Jude lernt es eben nicht.

Meine Großmutter wusste, dass man auch als Jud bei der Christmette zu erscheinen hatte, aber ging niemals zu der Christmette bei der die kleine Stadt unter sich sein wollte.

Meine Großmutter wusste, dass der Jude Karfreitag und auch an Ostern nichts in der Kirche zu suchen hat.

Nur mein Großvater hatte keine Wahl, er war der Kantor der Kirche und folgerichtig sagte Fräulein Patensky, die Diakonin, dass es eine Sünd sei, dass der Jud die heiligen Lieder spiele, aber die Zeiten waren eben so und Fräulein Patensky kniff die Lippen zusammen.

Meine Großmutter wusste, dass auch wenn man Schubert aus dem Kopf spielen konnte, immer die Noten auf dem Halter liegen ließ, damit man die Nicht-Juden nicht vorführte.

Meine Großmutter ließ mich die Aussprache aller deutschen Worte üben, das-h- das ich jahrelang nicht richtig sprechen konnte, üben bis mir die Ohren bluteten. Es gilt die Deutschen nicht mit dem schlechten Gebrauch ihrer Sprache zu reizen, sagte sie. Ihr Deutsch und unser Deutsch ist verschieden sagte sie und gab zu, dass auch sie niemals bis auf den Grund der deutschen Sprache vorgedrungen sein, denn wie konnte es sein, dass dieselben Nachbarn, die eben noch grüßten, schwiegen als die Familie nach Auschwitz fuhr?

Meine Großmutter hatte von ihrem Vater, der so stolz war, dass sie auf das Gymnasium kam, dass man als Jude am besten immer nur Klassendritter ist, um nicht dem Bild des vorwitzigen Juden zu entsprechen und so war meine Großmutter immer Klassendritte und dass meine Großmutter wirklich promoviert worden war und nicht nur aus Gewohnheit Frau Doktor gerufen wurde, verschwieg sie sogar vor sich selbst.

In einer und mag sie auch noch so freundschaftlich geführten Auseinandersetzung sagte meine Großmutter, hat der Jude niemals zu vorlaut zu widersprechen, immer gilt es im Gegenüber kein unangenehmes Gefühl hier mit einem Juden zu sitzen aufkommen zu lassen, im Zweifelsfall hat der Jude immer Unrecht, sagte meine Großmutter.

Eine Jude geht nicht bei Rot über die Ampeln.

Eine Jude lärmt nicht auf der Straße.

Eine Jude trennt den Müll vorbildlich.( Die Orientalen schmeißen ja den Dreck auf die Straße.)

Ein Jude erinnert die Nichtjuden nicht ständig daran, dass er Jude ist.

Ein Jude spricht niemals über Antisemitismus.

Wiederfährt einem Juden ein Unrecht, so beklage er sich nicht. Es gibt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, sagte meine Großmutter.

Nichts empört den Nicht-Juden so sehr, wie einen über Antisemitismus jammernden Juden. Erwarte niemals irgendeine Form der Unterstützung. Jude Sein, sagte meine Großmutter ist Einsamkeit als Lebensform. Sie hat Recht. Mag in Stockholm eine Synagoge angebrannt werden, mögen in Berlin Chöre rufen, stirb du Judenschwein, so ist auch das eine Sache der Juden und niemals eine Sache der Gesellschaft selbst.

Ein Jude hat seine Dinge stets griffbereit, packt den Nicht-Juden die Wut, so gilt es vorbereitet zu sein.

Diese Woche schrieb mir jemand eine Email. In der Email stand, finden Sie es nicht komisch, dass sie als Jude dem Muslim und Türken Deniz Yücel und Mesale Tolu ins Gefängnis schreiben? Das könnte doch sehr unangenehm sein, dass ihnen ein Jude schreibt.
Na dann wollen wir mal froh sein, dass die Karten wohl nicht ankommen. Im Gefängnis sein, ist ja schon schlimm genug, aber im Gefängnis zu sitzen und dann bekommt man Post vom Juden ist wirklich unaushaltbar schlimm.

Warum schämst Du Dich so Jude zu sein, schrie ich meine Großmutter an, da war ich achtzehn Jahre alt und wollte die Chanukkia ins Fenster stellen und meine Großmutter verweigerte sich und sagte: „Was ist nur in Dich gefahren Kind?“ Aber als ich nicht aufhörte zu schreien: „Warum schämst Du Dich so ein Jude zu sein, da hielt meine Großmutter erst meine Hände und dann mich so fest, bis ich glaubte, ich würde ersticken und sagte: „Ich halte das nicht aus, wenn Sie Dich auch noch erschlagen.“ Ich habe niemals aufgehört mich zu schämen.

Die Chanukkia steht auf dem Tisch und niemals am Fenster.

Meine Vater besorgte Marzipan und rote Schleifen. Geleesterne und solche mit Zuckerrand. Mein Vater kaufte dicke rote Kerzen und Tannenzapfen aus Schokolade. Mein Vater malte ein Schild: „Bitte greifen Sie zu.“ Wir wünschen Ihnen eine gesegnete und gesunde Adventszeit.“

Die Leute sagen: „Niederegger Marzipan- die Juden haben es eben.“

Die Leute sagen: „ Die glauben das doch gar nicht. Aber der Jude lügt ja gern.“

Die Leute sagen: Solche Angeber, die Juden.“ „Da kannste nichts machen.“

Die liebe C. am Telefon lächelt. „Immerhin originell“ sagt sie.

Ich sage: „Also hübsch ist er schon.“

Mein Vater sagt: „Er riecht nach Winter und Wald und Schnee.“

Der F. der ehemalige liebenswürdige Gefährte sagt: „Ich wette niemand traut sich den goldenen Tannenzapfen zu nehmen.“

Die liebe C. sagt zu mir am Telefon: Sie hat Dich geliebt Süße, sie hat Dich so geliebt.“

Ich nicke und schlucke.

Die Mali-Tant ruft an und sagt: Geh Mädi, hast gehört wie es den Juden ist ergangen in Göteborg? Geh Du musst mir halt scho versprechen, dass Du net gehst in a Shul fir a Tanz.

Es hat keine Juden in Irland, Mali-Tant, sage ich.

Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, ich bin a oide Frau, i will net sehen Dich verschossen.“

Geh Mali-Tant, es wird scho gut gehen, sage ich.

Meine Großmutter sagte: Der Erfolg eines Juden misst sich in seiner Unsichtbarkeit. Sie musste es wissen, sie war ja schließlich die Tochter eines assimilierten Juden der ersten Generation.

Die Leute sagten, wenn die Schlangen in der Poli-Klinik zu lange war: „Na geh halt zum Judendoktor, die nimmt dich dran.“

Die Juden das sind eben die Anderen.

 

56 thoughts on “Das Wagenrad der Assimilation

  1. Ihre Erzählungen, zusammen mit der politischen Großwetterlage, machen Angst und Trauer. Ich glaube, die kollektive Erinnerung und das Grauen vor dem letzten Weltkrieg und allen Gräueln dieser Zeit verblasst – etwas, das ich vor 10, 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Alternativ zur Erinnerung könnte man sich auch einfach anständig verhalten. Wenn trotz Wohlstand, Sicherheit, Kampf um gewaltfreie Erziehung dieses Verhalten das Ergebnis ist, lässt es mich ratlos zurück.

    • Ich möchte auch immer gern annehmen, dass das mit dem Anständig verhalten doch machbar sein müsste, aber ich habe meine Zweifel. Warum der Hass auf Juden oder auch die Abneigung gegen Juden auch nach dem Grauen des 20. Jahrhunderts so ungerührt blüht: sie sehen mich ratlos.

      • Vielleicht, weil so viele die Schuld für eigenes Versagen lieber bei anderen suchen. Da kommen alte Sündenböcke sehr gelegen. Das unsere Regierung so viele Unsäglichkeiten einfach ausgesessen hat, statt klar Stellung zu beziehen, hat sicher auch nicht zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beigetragen. Mir wird oft ganz mulmig, was da noch auf uns zukommt.

  2. Ich verstehe nicht, warum man mit dem Finger auf die Juden zeigt – bestenfalls. Alle Menschen sollen nach ihrem Glauben leben dürfen! Und wenn ein Türke oder ein Jude oder ein Schwuler eben besser ist, dann ist das so und es stört mich nicht. Toleranz und Akzeptanz – und die Welt würde eine viel bessere sein als sie ist.

  3. „…. Diesem zauberhaften Menschen in Dublin, der mir seit meiner Verhaftung mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit (und Zärtlichkeit) jeden Tag eine Postkarte schreibt, und dessen Namen ich leider nicht kenne, weil mir bislang noch keine einzige dieser Karten ausgehändigt wurde….“. Man schätzt Ihre Karten offensichtlich sehr, sogar ungelesen. Mir treiben sie regelmäßig Tränen in die Augen. Es tut mir sehr leid, dass Sie mit derartigen Scheußlichkeiten belastet werden. Hoffentlich ist Ihnen unsere Hochachtung für Sie und Ihr Handeln ein kleiner Trost.

    • Ich bin natürlich sehr ermutigt, durch ihrer aller Unterstützung. Ich registriere es eher unter den unendlichen, vielen Formen, die der Antisemitismus hat. Er macht nicht einmal vor Postkarten Halt. Das ist alles kurios.

  4. Ach mein liebes, liebes Fräulein. Bitte machen Sie sich nicht unsichtbar und das sage ich, die zweite Generation nach einem Nazi. Nach einem nur sich selbst liebenden, sadistischen, schlechten, nach einem bösen Menschen. Wenn wir unsichtbar werden und nicht drüber sprechen, was diese zwei Generationen vorher passierte, was man passieren ließ, was diese Generation uns mitgab, was sie mit uns machte, in ihrem Fall im guten, bei mir im schlechten, dann ertrinkt die Menschlichkeit aufs grässlichste.

  5. Du schaffst es einmal mehr, mich zugleich wütend und traurig zu machen, dazu hilflos, sprachlos.
    Wie viel Ignoranz und Dummheit doch ins uns Menschen steckt. Mich schaudert.

    Dennoch darf ich auch diesmal wieder ein herzliches Dankeschön und ein Kompliment zu deinem unvergleichen Schreibstil hier lassen. Ja, Danke, einmal mehr, dass du diese Gedanken teilst. Und dass du dich nicht dafür schämst, Jüdin zu sein.

    In erster Linie bist du aber einfach ein wertvoller Mensch. Alles andere spielt nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle.

  6. Ein Grossteil der Beschreibungen, die Sie oder Ihre Familie sind schlimm und Göteborg oder Berlin darf nicht passieren.
    Ich hatte bereits geschrieben, das die Leute immer meckern, dass der Adventskranz zu protzig oder zu knauserig ist und das dies an der Art der Deutschen liegt. Die Sprüche habe ich gehört und die Ärzte waren Christen.
    Aber wahrscheinlich hat man als Nicht-Jude keine Ahnung wie so ein Spruch klingt. Es tut mir leid, wenn Sie oder Ihre Familie sich nicht mehr sicher fühlen. Ich kann nur hoffen, dass Sie bleiben (zumindest die Zeit, die Sie in Deutschland verbringen) und sich auch so wohl fühlen, dass Sie ein normales Leben führen können.

    • Danke Ihnen, da kommt viel zusammen glaube ich, aber Sie haben schon recht, wir hören es als Juden und verstehen als Juden, und die Leute sagen es Juden. Man muss damit leben, denn es hört nicht auf.

  7. Ich wünschte, es gäbe das Egal-sein-lassen als Tropfen zum Einnehmen. Aber die Pflichtsprüche sitzen im Rückenmark und wollen dominieren, da kann man ihnen noch so oft vorhalten, dass man doch gleich einfach machen kann, wenn’s eh nie recht ist.
    (Mal ganz abgesehen von Lebensbedrohlichem, das ist nun wirklich eine ganz andere Hausnummer und weißglühende Wut erzeugend.)

  8. Gut, dass Sie das alles aufschreiben, liebes Fräulein Read On, denn in meiner wohl grenzenlosen Naivität hätte ich sonst weder von den unterschwelligen Bedeutungen eines Adventskranzes erfahren, noch von dem ständig anwesenden, unterschwelligen und offenen Antisemitismus in Deutschland und anderswo.
    Ich bin wütend, ich schäme mich und ich kann es beinahe nicht glauben… wo lebe ich nur??
    Ich bitte Sie: verschwinden Sie nur ja nicht! Ihr Zeugnis ist wichtig!
    Ich fürchte, es gibt viele so Ahnungslose wie mich!
    Herzliche Grüße von Kari

  9. Pauschalurteile sind dumm, abwertende Pauschalurteile sind unverschämt, abwertende Pauschalurteile an einer Religion, Nationalität, politischen Einstellung oder sexuellen Orientierung festzumachen sind der erste Schritt in den Totalitarismus.

    Was Sie beschreiben und wie Sie es beschreiben, macht mich wütend, fassungslos und verzweifelt, umso mehr da ich antisemitische Sprüche aus meiner eigenen Familie kenne. Meine Großmutter weigerte sich im Krieg, das obligatorische Führer-Porträt in ihrer Gaststätte aufzuhängen und riskierte dafür Ärger mit der Besatzungsmacht, war sich aber 30 Jahre nach dem Krieg nicht zu dämlich, mir zu erklären, „beim Judd keeft een nët“ (beim Juden kauft man nicht).

    Der braune Ungeist geht weiterhin umher, er macht vor keiner Grenze halt, und derzeit scheint er wieder viele Anhänger zu haben. Es ist beschämend und eine Mahnung, täglich auf der Hut zu sein und eben diesem Ungeist entgegenzutreten. Es ist an uns, unsere Mitbürger, Miteuropäer, Mitmenschen vor dem Ungeist und seinen nur allzu deutlich absehbaren Folgen zu schützen.

    • Danke für Ihre Geschichte und Ihre Offenheit. Das macht es ja oft sehr schwer, die persönliche Verbindung zu Menschen, die man liebt und die trotzdem nicht beim Juden kaufen. Ich finde Solidarität auch wichtig, aber erst einmal ist es auch eine staatliche Aufgabe seine Bürger zu schützen und ich frage mich da doch, ob da das ungestörte Aufrufen zur Mordbrennerei und das Brandsätze Schleudern da nicht doch etwas sehr Achselzuckend hingenommen wird.

      • Das ist sicher richtig und ein ernstes Problem. Ich vermute, dass manche Behördenleiter sich lieber erst einmal wegducken nach dem Motto „keine Eskalation der Lage“ statt sich solchen Pöbel entgegenzustellen. Nach den Ausschreitungen während des G-20-Gipfels gab es heftige Kritik am Polizei-Einsatz, und ich könnte mir vorstellen, dass bei manchem die Frage der Angemessenheit eines Polizei-Einsatzes tiefe Unsicherheit auslöst. Dass ein Mob ungestraft öffentlich gegen Juden hetzt, ist trotzdem ein Skandal. Diese Art von Protest scheint es jedoch in Berlin schon länger zu geben, umso mehr muss man sich Sorgen machen. Nachstehend ein Link zu einem Artikel von 2016:

        http://www.tagesspiegel.de/berlin/muslime-und-antisemitismus-in-berlin-am-al-quds-tag-ist-hetze-gegen-juden-normal/13819166.html

  10. Wieder sitze ich vor einem Ihrer Texte, muss leer schlucken, der bittere Geschmack im Mund bleibt. Solche widerlichen E-Mails erhalten Sie? Das tut mir sehr leid. Ich bewundere Ihre Hartnäckigkeit, all die viele Mühe und Geduld, die Sie in diese wunderbaren Postkarten legen, sehr. Wie schön, dass Sie nicht unsichtbar sind, dass Sie uns Leser teilhaben lassen an Ihrem Engagement und an Ihren Kämpfen. In Ihren Texten finde ich eine so wunderbar aufrechte Form hinzusehen, hinzustehen für das, was Ihnen wichtig ist. Dafür möchte ich Ihnen sehr danken.

    • Wir leben in Zeiten in der ein jeder findet, wenn er nicht genug Hässliches hinaus posaunt ist es kein guter Tag gewesen. Interessant an diesen Emails ist aber die Formenvielfalt des Antisemitismus.

  11. Ihre Geschichte macht mir einen dicken Kloß im Hals. Ich habe nie verstanden, woher der Hass gegen die Juden kommt. Glücklicherweise habe ich damit selbst keine Erfahrungen machen müssen, aber ihre Schilderungen sind unheimlich und beängstigend. Und ich wünschte mir, dass sich niemand unsichtbar machen muss; dass ein friedliches Zusammenleben ohne Hass möglich ist.

    Liebes Frl. Read on, ich hatte Ihnen vor einiger Zeit eine Mail geschickt und würde mich über ihre Antwort sehr freuen; das kleine Päckchen liegt noch immer bei mir.

  12. Ich zitiere Sie: „Kein Wort ist jemals umsonst.“ Es wird immer auch die nachdenklichen Leser*innen geben, die eigenes Verhalten/Denken neu justieren und auf Verhalten Dritter künftig anders reagieren. Und ich gehöre dazu.

  13. Ich habe keine Lösung in der Hosentasche. Mir deucht, unverarbeitete Verletzungen, Traumen, sind Ursache für all den Hass in dieser Welt.
    Hier in diesem Zimmer leuchtet noch mein herrenhuther Stern. Darunter vor dem großen Fenster der Chanukkaleuchter. B hat ihn mitgebracht, ihr ist er wichtig, sie zündet ihn an. Jetzt schnarcht sie nebenan.
    Samstag in der queeren Sprachlerngruppe war große Aufregung und ganz viel Hass, ob der Worte eines Präsidenten, von Seiten junger Arabisch sprechender Männer auf Juden. Geh mal um den Block, sagte M, der auch in seinen Schulbüchern gelesen hat, dass Juden Feinde sind. Ich tat was er mir riet und platzte nicht, schmiss keinen raus, der eben noch gesagt, Auschwitz wäre viel zu klein gewesen. Vorurteile stürmerreif…
    Nach einer halben Stunde kam ich wieder, voll mit Fragen.
    Kein Bruder, keine Mutter weiß, eine Schwester ahnt, dass sie Männer lieben … Unaussprechlich auch in der eigenen Community, aus Angst.
    Seid ihr schon mal jüdischen Menschen begegnet? Marsmenschen wären wahrscheinlicher, Vorurteile aller Art.
    Nächste Woche treffen wir uns ausnahmsweise am Donnerstag. Dann sitzt eine lesbische Rabbinerin, die auch Arabisch kann mit am Tisch.

    • der eben noch gesagt, Auschwitz wäre viel zu klein gewesen

      Vielleicht wäre eine Lerneinheit zum Thema Rosa Winkel und ein Besuch einer KZ-Gedenkstätte hilfreich? Dass auch Muslime – allerdings nicht wegen ihrer Religionszugehörigkeit – in deutschen Lagern waren, wissen sie meist auch nicht, öffnet ihnen mitunter aber etwas die Augen.

  14. Für mein Empfinden am erschreckendsten sind die missgünstigen und hässlichen Kommentare deutscher Mitbürger a la „Niederegger Marzipan – die Juden haben es eben“. Aus dem Jahr 2016 oder 2017, wenn ich den Text richtig verstanden habe. Trotz all der Betondenkmäler und Reden und der ganzen staatlichen, kirchlichen und auch zivilgesellschaftlichen „Nie wieder!“ Aussagen. Ist das alles nur Rhetorik? „Virtue signalling“ von Menschen die nachträglich auf der „richtigen Seite der Geschichte“ stehen wollen? Oder ist es ehrlich, bildet aber nur einen Teil der Deutschen ab, vielleicht eine Art Elite? Während eine bedeutende Minderheit oder sogar Mehrheit weiterhin antisemitische Vorurteile hegt und pflegt, nur vielleicht etwas verdruckster als früher?

    • Während eine bedeutende Minderheit oder sogar Mehrheit weiterhin antisemitische Vorurteile hegt und pflegt, nur vielleicht etwas verdruckster als früher?

      Mein Eindruck ist, der latente Antisemitismus war nie weg, aber inzwischen machen viele Leute keinen Hehl mehr daraus, sie trauen sich wieder, solche Dinge auch laut zu sagen.

      Das Bundesinnenministerium stellt übrigens den zweiten Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) zum Herunterladen zur Verfügung:

      Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen.

      Darin heißt es einleitend:

      In einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2013 waren 77 Prozent der Deutschen der Auffassung, nur eine geringe Zahl der Bundesbürger bzw. kaum jemand in Deutschland sei negativ gegenüber Juden eingestellt. Während nur 19 Prozent den Antisemitismus als weitverbreitet einschätzen, zeigt die Befragung von Juden in Deutschland 2016 eine völlig andere Einschätzung: hier halten 76 Prozent den Antisemitismus in Deutschland für ein eher bzw. sehr großes Problem, von dem zudem 78 Prozent meinen, er habe in den letzten fünf Jahren etwas bzw. stark zugenommen. Während Antisemitismus also von weiten Teilen der deutschen Bevölkerung in der Regel weit von sich gewiesen wird, beklagen gleichzeitig 77 Prozent: »In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer und Juden sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden.«

    • Und hier noch ein Forschungsbericht von Wolfgang Frindte, Friedrich Funke und Susanne Jacob, die im Sommer und Winter 1996 – also vor mehr als 20 Jahren – für eine Studie 2.133 deutsche Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren in vier deutschen Bundesländern (Bayern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Thüringen) befragten:

      Neu-alte Mythen über Juden. Daten zum Antisemitismus in Deutschland

      Er ist deutlich kürzer als der Bericht des UEA und sehr lesenswert.

    • Ich glaube der Antisemitismus, auch der über das Marzipan und den Kranz waren immer wieder da und immer auch so artikuliert. Ich bin damit aufgewachsen und lebe damit. Gerne tue ich es nicht. Die Vereinahmung der Toten Juden für politische Belange in Deutschland behagt mir nicht, aber niemand will auf seine staatstragenden Reden verzichten.

  15. @Arboretum: Vielen Dank! Die Zusammenfassung der Studie von Frindte, Funke und Jacob über Jugendliche in den 90ern fand ich interessant: 30% Schlussstrichler und knapp 10% „manifeste“/offene Antisemiten wobei wahrscheinlich letztere wahrscheinlich fast alle in ersteren enthalten sind. Außerdem höhere Werte Ost>West und Jungen>Mädchen.

    • Diese Jugendlichen von damals sind heute zwischen 36 und 40 – im besten Pegida- und AfD-Alter, also.

      Nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen wählten satte 16 Prozent der 30- bis 44-Jährigen und immer noch 15 Prozent der 45- bis 59-Jährigen in Deutschland die AfD.

      Besonders viele Stimmen sammelte die AfD durch die Bank bei der männlichen Bevölkerung. 26 Prozent der ostdeutschen Männer votierten für die AfD, hingegen nur 17 Prozent der ostdeutschen Frauen. In den alten Bundesländern zeigt sich das gleiche Phänomen: Hier stimmten 13 Prozent der Männer für die Partei – verglichen mit 8 Prozent der Frauen wiederum ein frappierender Unterschied. (Quelle)

      Die Geschlechterverteilung passt ebenfalls. Und in Bayern schnitt diese Partei auch besser ab als in anderen westlichen Bundesländern.

  16. @ arbotreum

    Ich wusste längst, dass auch Muslime Häftlinge waren im KZ Die nächste Gedenkstätte wäre Neuengamme. Ich habe auch daran gedacht. Mal sehen, wie sich was entwickelt. Die Rabbinerin besucht mich privat, dem Netz sei dank, es liess sich einrichten. Ich habe bislang antwortlos gemailt an Imane in der Marzipanstadt; evangelisch habe ich ganz ungetauft, bessere Kontakte, mal schauen, was wird. Immerhin, die Hassenden wollen kommen. Die Studie von 96 ist mir nicht unbekannt.

    Eben rief mich meine unangeheiratetete Schwiegermutter an, einst Pastorin. Sie bringt einen Iman mit, mit dem sie heute nur noch ehrenamtlich und seit vielen Jahren zusammen arbeitet.
    Was geschehen wird? Ich weiss es nicht. Ich hoffe, das an einem Tisch drei Ringe wachsen.

    • Ich meinte nicht Sie, sondern die Teilnehmer der queeren Sprachlerngruppe. Dem „Auschwitz war nicht groß genug“-Brüller scheint ja nicht einmal klar zu sein, was ihm selbst vor 75 Jahren in Deutschland widerfahren wäre.

      In Neuengamme waren meines Wissens auch zwischen 200 und 300 Handschar-Angehörige – eine muslimische SS-Einheit der Freiwilligen Division – interniert, nachdem sie gemeutert hatten.

      • Ich fühlte mich nicht angesprochen. Dem Brüller, er ist 23 Jahre jung, ist das, was ihm hier wiederfahren wäre vor 75 Jahren nicht klar. Er fühlt sich als Palästinenser (Seine Eltern, jünger, als ich sind in Syrien geboren, leben jetzt in Jordanien in einem Camp.) argumentiert mit dem Koran und hat von Geschichte keinen Schimmer.

        Neuengamme habe ich im Hinterkopf, das mit den dort internierten Handschar-Angehörigen ist mir bekannt.

        Hoffnung gibt es auch. M ist einer, der wissen will, fragen stellt, obwohl er aus einem Land kommt, in dem Judenfeindschaft Staatsdoktrin. Er ist älter, gebildeter, interessiert sich für Politik und Geschichte, dafür wie andere denken, glauben, war auch mit B im G*ttesdienst, mit seinem Freund und mir bei der Exodus-Ausstellung in Rendsburg.

      • M. wird auch aus der Begegnung mit Ihrer befreundeten Rabbinerin etwas mitnehmen – bei dem 23-jährigen Brüller bin ich hingegen nicht unbedingt optimistisch.

        Was hätte er eigentlich gemacht, wenn er es nicht geschafft hätte, nach Deutschland zu flüchten? Andere schwule Palästinenser fliehen vor Gewalt und Todesdrohungen seitens ihrer Familien, Nachbarn und der restlichen palästinensischen Gesellschaft nach Israel.

        Allahs verlorene Söhne

        Hamas und andere islamistische Gruppen versuchen auch, schwule Palästinenser als Selbstmordattentäter anzuwerben, sie könnten so die Ehre ihrer Familie wieder herstellen. Und mancher angebliche Kollaborateur, der mehr oder weniger öffentlich ermordet wwurde, war wohl in Wahrheit schwul.

      • Was der „Brüller“ gemacht, wenn ihm der Weg nach Deutschland nicht gelungen? Ich weiss es nicht. Was Sie von „Allahs verlorenen Söhnen“ schreiben, ist mir nicht ungebekannt. Seine Worte zu entschuldigen liegt mir fern. Ich sehe ihn auch als einen Menschen, dessen Deutschlandträume, zu denen, wie er mir gesagt, auch gehört hat, er könne , sobald er hier, die ganze Familie, nachholen und sei reich, geplatzt sind . Bei ihm hoffe ich auf den Iman. Er weiss nicht, das letzterer ein Freund meines jüdischen „Schwiegervaters“ war.
        Auch andere mit Fragen sind in der Gruppe. Ich bin gespannt auf das, was geschieht.

      • Ja, es gibt viele, deren Träume zwangsläufig platzen. Ich muss auch häufiger bundesdeutsche Realitäten erläutern und musste dabei auch schon den ein oder anderen mal sachte einnorden (nein, das Sozialamt bezahlt kein Hartz 4 während des Studiums, auch Deutschen nicht; auch arme Deutsche bekommen diese Summe an Hartz 4-Leistungen und etliche, die arbeiten, haben auch nicht mehr zum Leben; die 3+2-Regelung gilt nur für eine Ausbildung, nicht für ein Studium, das schützt nicht vor Abschiebung, wenn man nur eine Duldung hat usw. usf.)

        Ich finde es bewundernswert, dass Sie das Treffen organisieren und es auch noch so schnell klappt. Hoffentlich kommen auch alle „außer der Reihe“ am Donnerstag. Vielleicht berichten Sie hinterher mal davon, es würde mich interessieren.

  17. Liebes Fräulein Read on, niemals aufhören, nicht unsichtbar werden, bitte!!!! Ich bewundere Sie dafür, dass Sie sich trotz aller anderer Aufgaben jeden Tag die Zeit nehmen, Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücsel zu schreiben und zwar von Mensch zu Mensch. Wer das in Frage stellt hat nichts, aber auch überhaupt nichts verstanden. Ich setze alles daran, dass meine Schüler/innen und auch meine eigenen Kinder lernen, dass wir alle, gleich welcher Hautfarbe, Herkunft, Religion oder was auch immer, Menschen sind und wir einander mit Menschlichkeit begegnen sollen!! Ich denke fest an Sie und nehme mir heute vor, Ihnen viel mehr positives Feedback zu schicken, um Zeichen zu setzen gegen die, die meinen Sie und Ihr Tun diffamieren zu müssen!

    • Ich finde es vor allem sehr großartig, dass Sie sich in der Schule so engagieren. In den Kindern ein Bewusstsein für die Gleichwertigkeit des Anderen zu wecken, ist eine große Herausforderung. Meine ganze Hochachtung ist Ihnen sicher.

  18. Sehr geehrte Read-On,
    die Worte Ihrer Großmutter wiegen schwer – wie könnte es anders sein! Dennoch: Zeiten und Umstände ändern sich, und – obwohl die Fragen sich gleichen – müssen ihre Antworten nicht notwendigerweise auch die Ihren sein.

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