Das Glück ist eine Suppenschüssel

Es gibt missliche Tage und besonders missliche Tage. An besonders misslichen Tagen, da versuchen sie in aller Früh die Katze davon abzuhalten ihre Schnürsenkel zu zerbeißen und sogleich vergräbt die Katze ihre Zähne tief in ihren Arm. Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen. An besonders misslichen Tagen ruft ihr Vater sie an und sagt: „Süße, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich habe alle Chanukkah-Kerzen auf die Geburtstagstorte deiner Schwester getan und wie soll ich es sagen, die Torte war sehr gut und deine Schwester hat alle Kerzen auf einmal ausgeblasen, aber jedenfalls sind die Kerzen jetzt alle weg.“ An besonders misslichen Tagen ist es auf dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, eisig kalt, in Dublin aber schwül und warm und noch dazu lacht die Stadt höhnisch und gießt Sprühregen über unseren Köpfen aus, jedenfalls schwitzen sie in den dicken Wollstrumpfhosen und hangeln sich gerade in Feinstrumphosen, da klopft es und sie schreien: „Nein jetzt nicht“, aber die Auszubildende reißt natürlich unbekümmert die Tür auf und vor ihnen steht der Chef eines verfeindeten Instituts und sie stehen in Snoopy-Unterhosen, Bluse und einem Bein in der Strumpfhose da. Oh, diese Auszubildende!

An derart misslichen Tagen, empfiehlt es sich dringend zur mittäglichen Stunde das Aobaba aufzusuchen. Das Aobaba ist nämlich auch an besonders misslichen Tagen eine so derart wohlgeordnete Welt, dass man auf der Stelle ruhiger wird, tritt man an den Tresen und alles was es zu entscheiden gilt, ist ob man die Pho, eine vietnamesische Nudelsuppe mit Rind, Huhn oder Tofu haben will und während man seinen Wunsch über den Tresen ruft, so tönt es gleich hinterher: „Small oder large.“ Hier gilt es auf jeden Fall large zu rufen, dann erhält man ein weißes Papierzettelchen mit einer Nummer und setzt sich an ein Tischen und wenn die Damen sich mit dampfenden Schüsseln nähern, gilt es zu winken und zu rufen, denn das Aobaba ist eng und verwinkelt, die Tische sind dicht besetzt und die Schüsseln groß wie heiß. Das Aobaba wird allein von Frauen geführt- in den drei Jahren in denen ich im Aobaba Suppe schlürfe, habe ich noch niemals einen Mann im Aobaba walten sehen, umsichtig sind die Frauen, niemals verlieren sie ein Wort über unnütze Dinge. Oft ist es im Aobaba voll und man muss einen Moment anstehen, bevor man zu Tisch und Suppe kommt, einmal da begann ein Mann ungeduldig zu werden und plärrte über die Schlange hinweg etwas was verdächtig nach: „Dalli, Dalli“ klang. Eine der Aobaba Damen rief zu ihm herüber: „Soup or no soup“ und damit war alles geklärt, alles gesagt und lammfromm stand der Mann in der Schlange bis er an der Reihe war und so ist die Welt im Aobaba eine vortrefflich geordnete und deutlich unterschieden von der misslichen Außenwelt.Sollte das Matriarchat eines Tages Wirklichkeit werden, so hoffe ich sehr, dass den Damen des Aobaba dort eine Führungsrolle zukommt, denn sie haben lange schon verstanden, dass sich die Übel der Welt nicht ohne einen Teller Suppe lösen lassen.

Die Suppen kommen in großen, weißen Schüsseln, und immer gibt es Zitrone und frisches Chili dazu. ( Auf den Tischen steht zudem sriracha Soja Bohnen Paste, Fischsauce und Töpfe mit minced chilli.) Die Brühe ist so stark wie heiß, dabei niemals ölig, das Huhn ist nicht zäh und auch nicht pappweich, der Koriander ist niemals zu stark, dass alles im Koriander ertrinkt, der Bambus ist knackig und die Nudeln sind ein einziges, langes Glück, die Nudeln sind perfekt zum zuzeln und niemand im Aobaba nimmt Anstoß am schlürfenden Suppengenuss. Aber nicht nur für die Suppen lohnt sich ein Besuch: die vietnamesischen Pfannkuchen sind exzellent und die Frühlingsrollen unübertroffen. Hat man die Suppe ausgeschlürft, so kehrt man gestärkt in die Welt zurück, versöhnter noch mit den misslichsten Tagen und versehen mit der Pho der Damen Aobaba greift man sogar zum Telefon um bei der A. in Jerusalem der Channukka-Kerzen vorzusprechen und auch ihr schroffes und höhnisches Lachen: „Diaspora-Juden“, kann mich nicht weiter schrecken. Auch an misslichen oder schönen Tagen übrigens lohnt sich ein Besuch im Aobaba sehr.

Aobaba,6A Capel St, North City, Dublin 1, Täglich von 12 Uhr- 10 Abends geöffnet.Eine große Schüssel Pho Bo und alle anderen Pho Variationen, wie man mich zu Recht berichtigt, kosten 7,80 Euro.

Wie immer gilt: selbstgeschrieben, selbstgeknipst und selbstbezahlt ist es auch.Das Aobaba spricht für sich.

36 thoughts on “Das Glück ist eine Suppenschüssel

  1. In einer ganz anderen Stadt habe ich gestern auch eine Pho-Suppe geloeffelt. Eine grosse dampfende Schuessel auf einem kleinen Tisch am Fenster durch das die Wintersonne schien. Und vorher eine Fruehlingsrolle. Wohlfuehlessen!

  2. Pho bo ist Rindfleischsuppe, die Hühnersuppe heißt Pho ga (und Tofu ist dau phu, alles ohne die Kringelchen, Punkte, Accents aigus, – graves, – circonflexes, Ober- und Unterstriche geschrieben, die ich mir nienienie merken kann). Es ist kein Hexenwerk, Pho selbst zu kochen (bo und ga), wobei es natürlich ein besonderer Luxus ist, Suppe hingestellt zu bekommen – die in guten Pho-Shops auch nie ganz alle, geschweige denn, weggeschüttet wird, sodaß Sie dort Moleküle der allerersten Ursuppe mitessen.

    • Danke für den Hinweis, ist korrigiert. Die Suppen dort sind wunderbar, aber es ist nicht nur die Suppe, es sind die Frauen, doe dort kochen und die Menschen, die dort essen und ich würde Sie sofort mitnehmen und sie verrieten mir, ob es sich um die Reste der Ursuppe handelt.

  3. Wenn nur der Koriander nicht wäre … (schmeckt nach Seife, bäh!)

    Wie unterscheiden sich Chanukka-Kerzen denn von herkömmlichen Kerzen? Ich fand online weiße, blau-weiße, bunte, glatt oder spiralig, bin jedoch nicht so ganz schlau daraus geworden. Auf dem Geburtstagskuchen für Schwesterchen sahen sie aber bestimmt gut aus und ich hoffe, es war eine schöne Feier..

      • Ob Koriander für einen nach Seife schmeckt, ist genetisch bestimmt, und ich habe das Korianderhasser-Gen. Ich mag mich auch nicht dazu zwingen, mich an den Geschmack zu gewöhnen, so gesund dieses „Wanzenkraut“ auch sein mag.

      • Im zweiten verlinkten Text heißt es:

        So gut „Koriander“ klingt, so anrüchig ist die Herkunft des Namens. Koriander kommt aus dem Griechischen, und in dem Wort steckt „koris“, was auf Griechisch so viel wie „Wanze“ heißt und zeigt, dass der Duft von frisch geerntetem Koriander auch schon im Altertum als unangenehm empfunden wurde. Die unreifen Früchte am frischen Kraut riechen wahrlich nicht angenehm, sondern ähnlich penetrant wie das Wehrsekret von Wanzen. „Kein Wanz kann nit so übel stincken als der grün Coriander„, mokierte sich schon 1543 der Tübinger Botaniker und Mediziner Leonart Fuchs. Die kleinen, kugeligen Koriander-Früchte, die in unreifem Zustand so entsetzlich stinken, entfalten in der Reife jedoch das beliebte würzig-holzige Aroma, das ein wenig an eine Mischung aus Orangen, Ingwer und Salbei erinnert.

        Über die Feststellung von Leonart Fuchs habe ich laut gelacht. Bei Frau Novemberregen gab es vor ein paar Jahren schon einmal eine Diskussion über Koriander – und einen Link zu I Hate Cilandro, wo Korianderhasser dem Kraut und ihrer Abneigung dagegen sogar Haikus widmen. Nun mag ich das Zeugs auch nicht, aber so weit wie jener Mensch, dessen „I hate coriander“ auf der gleichnamigen Facebook-Seite gezeigt wird, würde ich niemals gehen. Tattoos mag ich nämlich ebenso wenig.

    • Die Chanukka-Kerzen sind gar nicht so besonders nur passen sie eben ganz genau in den störrischen Leuchter. Niemanden aber gönnte ich sie mehr auf der Torte als Schwesterchen

  4. Was würde ich dafür geben, in diesen misslichen Tagen gerade so eine Pho-Suppe löffeln zu können/dürfen. Allein, hier gibt es sowas weit und breit nicht. Muss ich mich also weiter alleine durchschlagen. Selbstkochen würde ich in der Not ja auch probieren, aber nicht mal an die Zutaten komme ich hier. Was mich geradezu noch misslicher stimmt.

  5. Oh ja, heute wäre definitiv auch hier ein Tag für eine Pho-Suppe gewesen. Und wie so oft haben Sie Recht, ein Teller Suppe kann noch manchen fiesen Tag retten.
    Falls ich jemals nach Dublin kommen sollte, ein Besuch im Aobaba ist vorgemerkt.

  6. „Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen.“
    So schade, dass der Tierarzt sich das Glück einer Suppenschüssel nicht zu eigen machen kann.
    Das traurige Gedicht vom ‚Suppenkaspar‘ kommt mir in den Sinn.

  7. Da bin ich doch glatt genau an dem Tag dort um diese Ecke gehopst (im Seitgalopp). Leider wusste ich da noch nix von der guten Suppe. Aber zum Glück war eh kein misslicher Tag und ich war erfüllt von der Vielfältigkeit der Geschäfte und Schaufenster dort in der Gegend.

  8. Pingback: Links with Love: November – Chestnut & Sage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.