Sonntag

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Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

64 thoughts on “Sonntag

  1. Ich kann verstehen, dass man vor all dem kapituliert. Aber ist es nicht falsch? Dann haben doch die Störer ihr Ziel erreicht. Man sollte versuchen weiterzumachen, egal ob es Hygiene Kits, Postkarten oder vertonte Gedichte sind. Es wird jemanden geben, den das alles berührt, positiv berührt.

    • Ja, mag sein, dass es nicht gut ist aufzugeben, aber das Problem fängt beim kleinen Wörtchen man an, es ist nämlich nicht man, sondern ziemlich ich selbst, die dem Dauergekläff und den Dauerunterstellungen und Dauerbeleidigungen und Verleumdungen ausgesetzt ist und so toll geht einem damit nicht.

  2. Saßen da keine Lehrer bei den Schülern? Keine Eltern?
    Keiner hatte den Mut, die Störer rauszuschmeißen?
    Wenn das Grundrauschen zu stark wird und man nicht mehr kann,
    dann muss man sich zurückziehen und erholen.
    Und wenn das erledigt ist, mit neuer Strategie und neuem Wumms wieder loslegen.
    Sonst haben ja die anderen gewonnen.
    Ein anderes Mittel gegen Hass und Häme weiß ich auch nicht.
    Das Grundrauschen ist so stark geworden in letzter Zeit, dass es doch einer Koalition der Anständigen bedarf.

    • Na ja es war halt ein Schülerkonzert und was sollen vier Lehrer gegen vierzig oder fünfzig Störer ausrichten? Ich sehe keine Koalition der Anständigen, sondern von sehr vielen Seiten immer neue Häme.

      • Als Lehrer hat man einen Blick dafür, wo gleich eine Unruhe entsteht. Und man kennt seine Pappenheimer. Wenn man gleich zu Anfang die entsprechenden Kandidaten aus dem Vekehr zieht, hat man Ruhe, wenn man will. Und das ist es: wenn man will.
        Die Koalition der Anständigen sehe ich auch nicht, leider.
        Habe heute morgen mit eine englischen Freundin gefühstückt. Und sie sagte, dass sie alles zur Zeit an die Weimarer Republik erinnert. Die Häme der Rechten, die Gutgläubigkeiten der normalen Bürger, die vorhandene und hereingeredet Schwäche der Demokratie. Vielleicht sollten wir uns wirklich fürchten.

  3. Ich bewundere immer wieder Ihre Kraft, dass Sie nicht aufgeben und dass Sie immer wieder weiter machen. Und es tut mir leid für jeden der kapituliert. Vor allem auf die Konzerte bezogen fahre ich mich doch, warum da keiner der anderen Besucher eingegriffen hat.

    • Das wäre schön. Mal sehen, vielleicht muss es aber auch einfach nichts mehr geben, und fällt vielleicht einmal auf, was Menschen alles so auf die Beine stellen, nur um sich dafür beständig anpöbeln zu lassen.

  4. Bei den vertonten Gedichten haben wirklich die Lehrer oder anderen Aufsichtspersonen versagt! Jugendlichen darf man schon noch Grenzen setzen.
    Ich hoffe, dass sie bei ihrer wertvollen Arbeit von irgendwoher, z. bsp. von hier genug Zuspruch und Dank erhalten! Jeder Mensch, welcher sich für schwächere Menschen einsetzt muss ermutigt werden! Vielen Dank für das was sie tun. In einem anderen Leben könnte es für mich, für meine Tochter sein!

    • Ich glaube vor allem haben die Jugendlichen selbst versagt oder vielleicht sind die Verschiebungen auch längst schon so groß, dass das als normales Verhalten gesehen wird. Ich weiß es nicht. Mich hat dieses Jahr nur sehr, nur unendlich müde gemacht.

  5. Liebes Fräulein Readon,

    bitte, bitte verzweifeln Sie nicht! Es gibt offensichtlich eine Art Mensch, die ihr einziges Vergnügen im Pöbeln findet. Die sind zwar schrecklich laut, aber immer noch die Minderheit! Nichts desto trotz sind Ihre Aktionen richtig.
    Ich verfolge mit Begeisterung Ihren wunderbar geschriebenen Blog. Hiermit applaudiere ich lautstark und hoffentlich öffentlich genug!
    Ihre Aktionen leisten einen wertvollen Beitrag gegen die allgemeine Gleichgültigkeit, und ich bin sicher, die Empfänger der Karten (oder auch Nicht-Empfänger in diesem Fall) und Hygiene-Kits sind dankbar!
    Bitte lassen Sie sich nicht entmutigen!
    Bei mir hilft immer der alte Spruch: Einer muss es schließlich machen!

    Alles Liebe und weiter so!
    Maggie

  6. Liebstes, feinstes, feinsliebstes Fräulein Readon. Danke für Ihren wundervollen Einblick ins Leben. Oder auf das Leben. So zart. Solch berührende Wort Zusammenstellungen. Solch schöne Sätze. Ich empfehle stets und stetig das Lesen ihrer Texte allem und jedem. Auch wenn ich selber bisher nur Bruchteilhaft Ihre Texte erlesen habe. Es ist eine tiefe, wahre, herzerreissende und gleichzeitig echte Freude. Halten Sie durch. Bleiben Sie golden.
    (Bei einem erneuten Berlin Besuch empfehle ich gerne seelenerfreuende Cafés und ähnliches und biete gerne auch Gesellschaft an.) Mit den allerherzlichsten Grüßen.

  7. Auch ich versuche jetzt, dem Hass und der Häme mein Lob und meine Bewunderung entgegen zu halten: Es ist gut, es ist wunder-voll, was Sie tun, immer und immer wieder. Sie sind die Gute. Die Hasser und Hämerinnen sind die Bösen.
    (Dabei weiß ich zu gut, wie eine einzige böse Ohrfeige vieles Leuchten auslöschen kann.)
    Gleichzeitig haben Sie sehr das Recht auf Phasen der Mutlosigkeit und des Verletztseins. Ich hoffe sehr, dass dennoch neuer Schwung Sie mitreißt.

    • Danke. Natürlich erfreut mich und rührt mich aller Zuspruch, und natürlich laufe ich brav weiter, denn so ist das mit den Enkeln der preußischen Juden, man läuft und läuft und irgendwo hat man den Mut verloren und die Freude eh schon lang, und wer weiß vielleicht findet sie ein anderer einmal und macht weiter und man selbst bleibt endlich still.

  8. Wenn Sie wieder Hygienekits verteilen, oder Karten ins Gefängnis schreiben, oder keine Papierkügelchen auf Kunstmachende schmeißen, dann drehen Sie sich den Blick doch einfach mal kurz über die Schulter. Da sind viele hinter ihnen, inklusive mir, die für sie grimmig auf die Anfeinder gucken, und ermutigend auf ihre Handlungen. Wir sind da und hinter Ihnen, mit den relevanten Plakaten und Energie.
    Und dann werden wir hoffentlich auch mal solch Gutes tun, wie Sie es tun!

  9. Liebes Frl. Readon, bitte lassen Sie nicht nach! Sie sind ein Leuchtturm und gerade in diesen Zeiten so wichtig. Gerade in diesen Zeiten in denen der unerzogene Pöbel, egal welchen Alters sich mit Gegröle meint die Überhand gewinnen zu können. Bitte machen Sie weiter. Und bitte lassen Sie es uns wissen wenn wir Ihnen auch was Gutes tun können.

  10. Die Intensität der Häme steht umgekehrt proportional zum Selbstwertgefühl desjenigen, von dem sie ausgeht. Diese Form von Gewalt ist die Einfachste, und es gehört Standhaftigkeit dazu, sie immer wieder auszuhalten. Das ist wohl der Preis dafür, diesen Planeten und die Gesellschaft ein wenig gerechter, freundlicher, offener und menschlicher zu machen. Ich wünsche Ihnen viel Gleichmut und Beharrlichkeit, sowie Zuspruch und Trost durch Ihre nächsten, wenn es mal wieder zuviel wird.

  11. Liebes Fräulein ReadOn,
    Bitte verlieren Sie nicht den Mut und die Zuversicht. Sie sind ein Vorbild, ein Hoffnungsschimmer, ein Leuchtturm. Ich verstehe nur zu gut, dass man kaum noch Kraft aufbringt und hinschmeißen möchte, nach solchen abscheulichen Reaktionen. Aber aufgeben – das sind nicht Sie! Sie machen die Welt zu einem besseren Ort. Sie zeigen mit ihrem Einsatz, ihrer Arbeit, was Menschlichkeit bedeutet und machen das Leben so vieler Menschen besser! Ihr wundervoll geschriebener Blog ist pure Inspiration, auch für mich.
    Leider sind es häufiger die frustrierten, hasserfüllten, anonymen Hetzer, die Kommentare schreiben, und nicht die vielen, vielen stillen Bewunderer Ihrer Arbeit und Ihrer Leistungen, sodass ein falsches Bild entsteht. Ich bin sicher, die Zahl Ihrer Bewunderer, Unterstützer und Nacheiferer überwiegt bei weitem. Diese Mehrheit sollte viel öfter schreiben und sie ermutigen und ihnen Kraft schicken, weiter zu machen. Das will ich hiermit tun!
    Alles Liebe,
    Julista

  12. Ihre Häme, ihre Verachtung, ihre Zoten sollen ihnen im Hals stecken bleiben und wenn sie am Boden liegen soll ihnen keiner zur Hilfe eilen. Das ist meine Haltung an schlechten Tagen. Die Gehässigkeit, das Verunglimpfen, das Beschimpfen sind salonfähig geworden und das macht mich sehr wütend. Sie, liebe Readon sind großartig, Sie sind ansteckend, Sie machen nachdenklich, Sie unterhalten, Sie verbreiten Leichtigkeit, Sie haben Humor, Sie sind klug, kurz: Sie sind fabelhaft. Gönnen Sie sich eine Pause oder machen Sie stur und unverdrossen weiter.

    • Ja, diese Häme, diese unendliche Häme überall. Schwierig, ich habe leider auch keine Antwort darauf, nur diese elende Müdigkeit und ohne Ihre Unermüdlichkeit der Kartenunterstützung wäre alles noch viel schwerer. Nicht nur dafür von Herzen: Danke.

  13. Es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die kämpfen, und es wäre so schön, wenn immer mal wieder eine andere Person vorne steht und das meiste abbekommt.
    Mir bleibt nur, Danke zu sagen, und einen virtuellen Keks zu schicken, und ein paar Blumen, und eine Tasse Tee vielleicht?
    Und ich habe Postkarten gefunden und suche gerade jemanden in meiner Umgebung, der für mich Text auf türkisch übersetzen kann. Wäre ich ohne Sie nicht drauf gekommen. Der Kampf lohnt sich.

  14. Liebes Fräulein Readon, ich liebe und bewundere, was Sie tun und lese mit Begeisterung Ihren Blog. Ich wünsche Ihnen Mut und Energie, um weiter zu machen mit dem was Sie tun! SIE machen alles richtig!! Ab und an beschleicht einen ob der Dummheit mancher Menschen eine gewisse Mutlosigkeit. Ich kann Sie so gut verstehen und schicke Ihnen viele gute Gedanken übers Meer!!

  15. Das ist der Grund, warum es die meisten Menschen nicht ohne Alkohol aushalten – manchmal schreit alles nach Betäubung. Die Realität ist so ein hartes Pflaster. Um sie ganz auszuhalten braucht es ein warmes, gutes Zuhause. Um ihr etwas entgegen zu halten das Don Quichote-Gen. Oder das Festhalten an die schönste aller Utopien: *Alle Menschen werden Brüder*. Oder es braucht…?

  16. Fräulein Readon, kennen Sie das Lied „Ermutigung“ von Wolf Biermann? Es ist in einer anderen Zeit geschrieben worden als der heutigen, aber es erscheint mir universell und ist mir beim Lesen Ihres Berichts wieder eingefallen.

  17. Liebes Fräulein, es schockiert, das zu lesen. Schon vor kurzem die Sache mit den Jugendlichen im Bus … aber das war noch zu weit weg. Okay, Dresden ist von mir immer noch räumlich und leider ab und zu auch innerlich sehr weit entfernt … aber doch, es rückt näher an mich heran, und leider reicht es nicht, diese Kids und ihre, sorry, nichtsnutzigen erwachsenen Begleiter einfach nur dumm, doof und schrecklich zu finden. Sie sind nämlich unsere Zukunft. Wer macht sie bitte zu Menschen, auf deren Menschlichkeit wir doch angewiesen sind? Man könnte verrückt werden. Auch mir fiel ‚Ermutigung‘ ein …

    Als kleine Ermutigung meinerseits möchte ich dir schreiben: ich lebe in einer dt. Großstadt mit viel Armut, Prekariat und einem hohen Migrantenanteil. Ich habe hier mit sehr vielen Jugendlichen zu tun und erlebe sie ganz anders: freundlich , kameradschaftlich, fair. Nicht immer höflich, seltenst bescheiden, oft nicht sichtbar gut erzogen. Aber es sind faire, ‚gute‘ Kinder. Würde man sie zwingen, zu einem Literaturvortrag zu gehen (denn freiwillig täten das wohl die meisten nicht), würden sie sich dort schon aus Respekt vor den Altersgenossen zusammenreißen und einige fänden es hinterher sogar ganz krass 😉

    Bitte liebes Fräulein, verlieren Sie nicht den Mut. Wenn wir alle dran glauben und dran mitarbeiten, werden wir viele Orte schaffen, von denen das Glück ausstrahlt, denn Glück schenken macht so viel mehr Spaß als gemein sein. Da bin ich mir sicher!

      • Hinter jedem hasserfüllten oder hämischen Kommentar steht ein Mensch mit den gleichen Bedürfnissen (Liebe, Freundschaft, Zuneigung, Anerkennung, Sex …) und Gefühlen (Angst, Trauer, Freude, Wut …), die wir alle haben. Der hasserfüllte Kommentar ist ein tragischer Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses, verbunden mit der impliziten Bitte an Sie, etwas zur Erfüllung des Bedürfnisses beizutragen. Tragisch deshalb, weil die Art und Weise, wie das Bedürfnis und die Bitte ausgedrückt werden, garantiert, dass Sie der Bitte nicht nachkommen werden.
        Warum kommen diese Menschen damit gerade zu Ihnen? Weil sie anhand Ihrer Handlungen (Hygienekits, Aufklärungssprechstunde, Postkarten …) erkennen können, dass Sie genau das haben/tun, was sie brauchen. Nur dass Sie es eben für Andere tun. Daher die Wut.
        Alles das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun, sondern mit den Gefühlen und Wünschen, die Andere auf Sie projizieren.
        Und vergessen Sie nie: Bitten darf man grundsätzlich immer ablehnen.

  18. Es macht mich immer traurig, so etwas zu lesen. Warum müssen den Menschen, die Gutes tun, die helfen wollen und nicht die Augen verschließen, warum müssen gerade diesen Menschen immer Steine in den Weg gelegt werden? Auch ich kann Sie nur ermutigen, nicht aufzugeben. Auch wenn ich weiß, dass es sicher nicht leicht ist. Sie tun Gutes, das ist so wichtig. Nehmen Sie sich eine Pause, wann immer Sie eine brauchen, aber bitte geben Sie nicht auf. Denn neben all dem Hass, dem Gegröle und den fiesen Sprüchen gibt es auch Dankbarkeit, es ist nicht umsonst.
    Und der Tierarzt hat natürlich Recht, Sachsen German is sweet. Und nebenbei bemerkt: wir sind hier auch nicht alle Pegida. Dass muss ich nochmal betonen, denn manchmal schäme ich mich fremd.

    • Sachsen German is very sweet und vielleicht kommen ja auch wieder andere Zeiten und der Tierarzt und ich kutschieren im Wauziwägelchen auf den Brühler Terrassen umher. Nein, man muss sich nicht schöne für etwas was man nicht ist.

      • Liebes Frl. Read on, nur zu gerne würde ich Ihnen etwas Gutes zuteil werden lassen – kein Hygiene-Kit, vielleicht eher ein Seelenstreichler-Kit. Wenn ich nur wüsste, wie es zu Ihnen gelangt…

  19. Auch ich möchte, abgesehen von meiner großen Bewunderung für Sie, einen kleinen Lichtstrahl aus Franken senden: ich habe beruflich viel mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun und erlebe die große Mehrheit von ihnen als erreichbar und durchaus positiv der Welt zugewandt. Zwar im kleinen Bereich der klassischen Musik und damit sicher nicht repräsentativ, aber dennoch vorhanden und ist es nicht das, was am Wichtigsten ist? Dass das Menschliche hörbar und sichtbar bleibt? Allerbeste Grüße von einer, die Kafka, Indien, Musik, Ihren Blog und die Gedanken junger Menschen liebt!

  20. Liebes Fräulein Read on,
    durch Sie, durch das Lesen Ihres Blogs bin ich überhaupt erst auf viele Möglichkeiten gekommen, was wir alles machen können, um etwas Licht ins Dunkle zu tragen. Dafür danke ich Ihnen sehr.
    Wenn Sie jetzt eine Pause brauchen von ständigen Angriffen und Pöbeleien, kann ich das gut verstehen und ich wünsche Ihnen, dass Ihre Seele wieder etwas Frieden findet.
    Dann möchte ich noch ergänzen, dass mir sehr gefällt, wie Sie gegen den Gebrauch des Wörtchens „man“ aufstehen. Wer ist denn „man“? „Man“ bin ich oder bist du.

  21. Sevgili Read on,
    su an Türkiye’deyim, yazdiginiz kartlarin hepimiz icin ne kadar degerli oldugunu bir bilseniz. Umut veren, yorulmadan hep iyilige inanan ve aktif olarak günümüzdeki kötülüklere karsi cikan durusunuzu cok önemsiyorum.
    Sevgiyle kucakliyor selamlar gönderiyorum.
    Sara

  22. Liebe Read on,
    „Ich bin fürchte ich ein Leuchtturm mit Wackelkontakt und Moos am Sockel und dann und wann fliegt ein Stein ins Meer.“ Das Bild berührt mich sehr – und ich denke: sind wir das nicht alle? Manche schaffen es, eine größere Leuchtkraft zu entfalten als andere, einige stehen nur so rum (und wenn ich hier lese, wird mir immer deutlich, dass ich eher zu denjenigen gehöre und will das ändern) aber die, deren Steine andere treffen (sollen): die können sich selber nicht als Leuchttum sehen, haben Angst, dass nur andere leuchten dürfen, dass niemand die Leuchtkraft in ihnen sehen kann – sie können sie ja selber nicht sehen. Dann werden Steine geworfen, im Wortsinne oder im übertragenen.

    Wenn ein bisher kraftvoll licht-aussendender Leuchttum mehr und mehr Wackelkontakte bekommt, stärker bröckelt: dann ist es Zeit für Renovierung, Zeit, dass die Leuchtturmwärterin sich selber den Weg leuchtet? Das Außen eine Weile sich selbst überlassen, auch wenn das ungewohnt ist und sich erstmal nicht richtig anfühlt? Das preußische Pflichbewusstsein, das zu so viel Einsatz für andere führt und so viel Licht ausstrahlt (Danke.), eine Weile in den Hintergrund treten lassen (und gucken, was das mit einem macht… ).

    Liebe Read on, wenn ich ein Allheilmittel für bemooste-bröckelnde Leuchttürme mit Wackelkontakt kennen würde, ich ließe es Sie wissen. Was ich weiß ist nur das: Sie selber brauchen genausoviel Fürsorge, wie Sie den Menschen um Sie herum zuteil werden lassen (und ich finde Sie sind ein enormes Vorbild darin, das auf so vielfältige Weise zu tun). Wenn Sie eine Weile – auch eine längere – Pause machen, von dem, was Sie zwar von Herzen gerne tun, was aber Kraft kostet, weil es die zumindest verbalen Steinewerfer auf den Plan ruft, dann ist das ein Verlust für den Moment. Wenn Sie aber das Licht in sich wiederfinden und irgendwann wieder umso kräftiger leuchten können, dann ist der Nutzen für alle größer.
    Selbst wenn Sie sich eine Weile auf Ihr Privatleben und ihren Beruf konzentrieren, tragen Sie, einfach weil Sie Sie sind, und das Privatleben und den Beruf (die Berufe), das/den/ die Sie haben, haben, schon viel dazu bei, dass die Welt ein bisschen „besser“ (heller, verständnis-voller, fürsorglicher) wird.

    Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.
    Martje

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