Ein Sonntag im Dezember

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch. Glücklich sieht er nicht aus. Der Tierarzt schreibt an einem Aufsatz zum Thema: Der Einsatz von Antibiotika in der Schweinezucht und dann folgt eine lange Reihe sehr komplizierter Fachtermini. Das Notebook vor dem der Tierarzt sitzt, zeigt eine leere, weiße Seite. Der Tierarzt seufzt. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Fachbücher und turmhoch sind die Notizen durch die der Tierarzt sich wühlt. Ich sitze in Decken gehüllt auf dem alten, grünen Sofa, denn mir ist kalt. Passend zu meiner roten Nasenspitze, höre ich Schuberts „Winterreise“  und schlürfe sehr, sehr heißen Earl Grey Tee. Auf meinem Schoß liegt ein belangloses, aber mich über die Maßen erheiterndes Buch aus dem 19. Jahrhundert. Dann und wann esse ich ein Stück Nussschokolade und sehe hinüber in die Küche. Dort tigert der Tierarzt inzwischen zwischen Herd und Spüle hin- und her und murmelt unverständliche Sätze und rauft sich die Haare, bevor er erneut den Küchentisch umkreist. Caged animals pace. Children fidget. A gentlemen sits quietly lese ich dem Tierarzt vor. Der Tierarzt grunzt nicht unähnlich seinen Studienobjekten und faucht: „Sehr hilfreich Read On“. „Das dachte ich mir Tierarzt“, sage ich milde lächelnd, wenn auch sehr, sehr fröstelnd. Der Tierarzt setzt sich erneut an den Tisch und jammert: Die Abgabefrist sei von unmenschlicher Kürze, das Thema von epischer Breite, die anderen Tierärzte viel klüger und überhaupt hätte er im August beginnen müssen, die Notizen der letzten zwei Jahre zu ordnen. The perfect gentleman rufe ich vom Sofa herüber keeps his affairs in order at all times. Der Tierarzt wirft das Plumb’s Veterinary Handbook nach mir. Das Buch landet einen halben Meter vor dem Sofa. The perfect gentleman verlese ich never looses sight of his goals. Der Tierarzt kommt ins Wohnzimmer und vorsorglich bewaffne ich mit einem Quastenkissen, aber der Tierarzt knurrt nur misssmutig und selbst die Katze, die den Tierarzt abgöttisch als sei er Anubis selbst verehrt, wird nur kurz getätschelt und der Tierarzt kehrt zurück an den Küchentisch. Dann ist es still. Der Tierarzt hackt frenetisch in die Tastatur und ich wechsle von der Winterreise zu Schuberts Vertonung von „Auf dem Wasser zu singen“ Eines jener Lieder über die ich mich nie habe beruhigen können, immer ist mir als zöge das Lied mich mit hinaus aufs Wasser und von dort aus immer nur weiter und weiter in die Unendlichkeit: Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel/ Wieder wie gestern und heute die Zeit. Darüber schlafe ich ein und als ich erwache, sitzt der Tierarzt neben mir auf dem Sofa. Eine Zumutung von Text sei es klagt er, noch nie sei Dümmeres und schlimmer noch Banaleres geschrieben wurden als von ihm in diesem Aufsatz, der eine Schande für die ganze Zunft sei und wahrscheinlich drohe ihm der baldige Entzug der Approbation. Seinen Namen müsse er ändern, das Land verlassen, die Praxis aufgeben und am besten als Schafscherer in Neuseeland anheuern. Ich schlage das Buch auf und richte mich auf: Life is not theatre, ballet or opera. Scenes belong on the stage. Der Tierarzt sieht mich entsetzt an. Du bist, beginnt er und schnappt nach Luft wirklich, aber bevor er noch unmöglich rufen kann, falle ich ihm ins Wort: Curiosity about womenfolk is a luxury a perfect gentleman can not afford. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich so mag.” A perfect gentleman has a clear conscience at all times, erwidere ich und schäle mich seufzend aus dem Deckenberg, schütte den kalten Tee in den Ausguss, bedauere nicht mehr Nussschokolade gekauft zu haben, stoppe den Plattenspieler und suche nach einem Lesezeichen für das so erquickliche Buch. „Dann lass uns deine Notizen mal besehen“, sage ich zum Tierarzt und schon sitzen der Tierarzt und ich am Küchentisch und sortieren Notizen und Aufzeichnungen, der Tierarzt seufzt und isst aus Verzweiflung mehr Kekse und Kuchen als er sonst je täte und immerhin das ist ein Lichtblick an diesem ansonsten recht trüben, und nasskalten Sonntag, der ganz unter dem Zeichen des Schweins und der Wissenschaft steht.

Feierliches Beisammensein zum Jahresausklang

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich der Jude bei uns im Kolleg seit Jahr und Tag für die Weihnachtsfeier zuständig bin. Die Weihnachtsfeier aber kann nicht länger Weihnachtsfeier heißen. Das Wort Weihnachtsfeier sei ein Begriff, der Anstoß errege und Gefühle missachte, sagte man mir. Anonyme Briefe seien eingegangen und es habe Beschwerden gegeben. Mir ist nicht klar, warum nun eine Weihnachtsfeier verletzender sein solle, als ein falsch adressierter Liebesbrief, aber andere mögen mehr Gefühle haben als ich. Ich spreche also mit dem Hausmeister, der die Dekorationselemente ( eine mäßig funktionierende Lichterkette und einen Karton mit unbrauchbarem Klimbim vor das Büro hievt. Ich seufze. „Hausmeister, sage ich kommen Sie denn auch?“ Der Hausmeister bellt schwer Verständliches. Ich mache mein freundlichstes Schafsgesicht und der Hausmeister bellt noch einmal: „Ob es mulled wine ( eine eigentümliche Spezialität dieses Landstriches, nicht unähnlich eines Punsches gebe.) Ich nicke und sage aber gewiss, mulled wine gehört doch zu den traditionellen Spezialitäten eines feierlich, festlichen Jahresendumtrunks. Der Hausmeister starrt mich entsetzt an, dann schlurft er nach draußen und steckt sich eine Zigarette an.

Ich schicke eine Einladung umher, die höflich-freundlich und alles Weihnachtliche vermeidend, die lieben Kollegen zum zahlreichen Erscheinen bittet. Elf Minuten später, stürmt die B. aus dem Iran gebürtig in mein Büro. „Äh, Du Read On, die Einladung da, das ist die Weihnachtsfeier, ja?“ Ich seufze und nicke und murmele etwas von verletzten Gefühlen. Die B. sieht mich sehr irritiert an. „Heißt das es gibt dieses Jahr keinen Weihnachtsbaumschmuckwettbewerb?“ Ich schüttle den Kopf. Die B. flucht. „Sag doch nicht immer Weihnachtsbaum B.“ sage ich, besser ist: „Immergrünes Jahresendgewächs.“ Die B. zeigt mir einen Vogel. „Aber „mince pies“ gibt es schon noch, fragt sie und ich nicke. Am Abend gehe ich in den einzigen Lebensmittelladen des kleinen Dorfes. „Frau des Krämers“ sage ich, „wir brauchen Mince Pies für das festliche Beisammensein zum Jahresschluss.“ „Fräulein Read On sagt die Frau des Krämers haben Sie Fieber?“ Ich mache doch jedes Jahr Mince pies für die Weihnachtsfeier.“ Ich zucke zusammen. Die Frau des Krämers will meinen Erklärungen nichts wissen. „Stadtmenschen“ knurrt sie wie der alte Hofhund und schüttelt den Kopf. Ich nicke besänftigend. Dann gehe ich herüber zum Metzger. Das Dorf hat zwei einen für Geflügel und einen für Schwein und Rind. Letzteren betrete ich fast nie. Deswegen ruft die Verkäuferin auch gleich nach hinten: „Cheeeeef, das Fräulein Read On!“ Der Chef kommt und strahlt: „Ach Fräulein Read On, Sie kommen wegen der Bestellungen für die Weihnachtsfeier! „Ach Metzger sage ich, es ist heuer Besinnliches Beisammensein im Schein warmer Lichter.“ Der Metzger schaut verdutzt. „Wenn Sie das meinen Fräulein Read On!“ Ich seufze wieder und bestelle: Würstel im Schlafrock, Pasteten und vielerlei andere Dinge. Zuhaus jage ich den Tierarzt los einen Mistelzweig zu besorgen und der Tierarzt schnauft. „Das ist sooo überholt“. Niemand hat doch mehr einen Mistelzweig über dem Türrahmen hängen. Noch dazu auf einer Weihnachtsfeier.““Papperlapapp“ erwidere ich: „Der Mistelzweig kommt in eine Vase, und zweitens ist der Mistelzweig ein frohes Symbol frischen Lebens, symbolisiert Neunanfänge und lässt die Liebe hochleben. Keineswegs repräsentiert der Mistelzweig vorrangig Weihnachtliches.“ Der Tierarzt starrt mich entsetzt an. „Manchmal glaube ich der Priester hat Recht sagt er und du warst bestimmt einmal im Jesuitenseminar.“ Tierarzt sage ich: Mistelzweig. Ich übersetze einen Stapel Fragen aus Max Frischs Questionnaire. Wenn sich schon nicht geküsst werden soll, dann muss man wenigstens Gesprächsbedarf schaffen. „Gibt es kein Weihnachtsrätsel dieses Jahr?“ fragt mich der  W. und ich seufze. Doch sage ich es gibt ein Rätsel, welches sich dem Thema: Das Jahr neigt sich dem Ende zu zum Thema hat. W. zieht die Stirn in Falten. „Du meinst das Weihnachtsrätsel ja?“ Ich knurre. „Wirst du wohl aufhören das W- Wort ständig im Mund zu führen?“ Der W. weicht rückwärts aus dem Raum. Ich öffne die Kiste mit dem Dekorationsklimbim und setzte schnarrend und schnaufend das immergrüne Ungetüm zusammen. Dann behänge ich es mit genug Klimbim, dass man es keineswegs für einen Weihnachtsbaum, sondern nur für einen Pfingstochsen halten kann.

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Pfingstochse in Aktion

Ich überlege noch, ob ein Zettel mit der Aufschrift: DIES IST KEIN WEIHNACHTSBAUM!!! hilfreich wäre. Am Abend der Feier dann bin ich die einzige die keinen mulled wine schlürft, unter keinen Umständen auch nur ein Würstchen im Schlafrock anrührt, von Jingle Bells nicht einmal die erste Strophe kennt und in der Küche natürlich Handschuhe trägt zum Einwicklen des Schinkens in die Melonenscheiben. Die Gäste sind heiter und lustig und haben augenscheinlich Freude mit Max Frisch. In der Dunkelheit spiegelt sich die kunterbunte Plastiktanne. Ich denke wie so oft an meine Großmutter, die kopfschüttelnd zu mir sagte, dass die DDR glaubte man könne aus Engeln, Jahresendflügelfiguren machen und noch mehr als das es mich wundert, dass ich der einzige Jude des Kollegs die Weihnachtsfeier organisiert, erstaunt mich, dass sich ausgerechnet Universitäten in jene Reihe der Verbiegungen und Wortbrechereien einreihen, für die die DDR zu Recht so traurige Berühmtheit erlangte.

Kaffee im Wartesaal

Ein Treffen mit einem mir zutiefst unsympathischen Kollegen in einem Coffeeshop. Natürlich ist er noch nicht da. Ein scheußlicher Ort. Eine Mischung aus Raststätte und Altenheimcafeteria. Das Mobiliar aus schwarzem, quietschenden Kunstleder, eine traurige Palme an der Wand repräsentiert wohl das Konzept Wohlfühloase. An den Wänden großflächige Fotografien an denen Menschen jauchzend vor Kaffeetassen sitzen. An der Kasse eine lange Schlange von Menschen, die versuchen die absurden Namen der Getränke herbeizubuchstabieren. Die Mitarbeiter ausnahmelos aus Osteuropa versuchen verzweifelt, die absurden Namen an den Barista, so steht es auf einem grauen T-Shirt gedruckt, weiterzugeben. Ein aussichtloses Unterfangen, denn keiner derjenigen in der Schlange entsinnt sich mehr ob sein Kaffee nun „Super-Festive-Almond-Mocha-Frappucino-Mint-Cherry“ heißt oder Mint-Cherry-Super-Almond-Festive-Mocha. Mit versteinerten Mienen balancieren die Wartenden ihre Tassen zu den Tischen. Alles wird in abstrus großen Tassen oder Gläsern serviert. Es hat etwas von einer Gesellschaft von Riesen, die hier verköstigt werden soll. In der Wirklichkeit aber sitzen nur erschlaffte Menschen vor den Tassen und starren in die sahnebehäufte See vor ihnen auf dem Tisch. Eine Gruppe von Chinesen, wohl auf dem Weg zum Flughafen legt ihre Köpfe auf die Tischplatte und ist auch nicht durch die lauthals plärrende Musik („Driving home for Christmas“ – immerhin passend zur Raststättenatmosphäre), die aus den Lautsprechern kreischt, zu stören.

Vielleicht sind diese Orte ja die neuen Bahnhofcafés, gedacht nur für Durchreisende und keinesfalls zum Bleiben einladend. Mit den Cafés des alten Europas hat dieser Ort nichts mehr zu tun. Es hängen keine Zeitungen mehr aus und die alten Ober, die Gäste so gekonnt zu ignorieren wussten und in einem Winkel Tarock spielten, mag es noch in einer vergessenen Straße Budapests geben, aber nicht mehr hier. Hier gibt es nur noch Servicekräfte, die in einer unendlichen Reihe verschlissen werden und immer warten schon die Nächsten, die noch länger für noch weniger Lohn bereit sind zu arbeiten. Niemand sagt hier „Guten Morgen, gnä Frau“ und auch die Kellner, die in diesen Cafés dann und wann an der Bar ein Schlückchen Wermut tranken sind lange schon wegrationalisiert.

Am Tisch neben mir setzen sich derweil Mutter-Vater-Kind. Der Buggy ist schwer beladen mit Tüten voller Geschenke. Der Vater reiht sich in die lange Schlange ein und die Mutter schiebt ihr Telefon zum Kind herüber, dass obwohl noch klein dort sofort Geräusch erzeugen kann. „Peppa Pig“ kreischt es begeistert und die Mutter nickt erschöpft. Der Vater schließlich kommt zurück, schwer beladen mit einem Tablett und man sieht all das kommen, was dann auch so kommt. Die schweren Tassen geraten ins Rutschen, kleine Kinderhände greifen nach der monströsen Kakaotasse, die Tasse ist zu schwer für eine kleine Kinderhand und zerschellt auf dem Boden. Kakao überall, Geheul. Die Eltern sind versteinert, eine der jungen Frauen kommt mit blauen Zellstofftüchern und wischt beharrlich Kind und Tisch ab. Dann kehrt sie die Scherben zusammen und rennt zurück hinter den Tresen. Die Familie schließlich verlässt geschlagen von zu großen Mächten das Café. Don Quixote und Sancho Pansa hätten nicht trauriger durch Kastilien ziehen können, als dieses traurige Gespann mit der schwer beladenen Rosinante. Indes fällt die Tür die den Abfallbehälter verdecken soll mit lautem Scheppern auf den Boden. Die Angestellten aber haben kein Werkzeug und die junge blonde Frau lehnt die Tür resigniert gegen den Mülleimerschrank. Dann endlich kommt der Kollege, auch er reiht sich in die lange Schlange ein und als er mit Kaffee zum Tisch zurückkehrt, reibt er sich die Hände: „ Ganz schön hier nicht wahr? Schon richtig weihnachtlich.“

Telefonat mit Wien

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

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Symbolbild: Das Spinnenorakel ist noch unschlüssig.

Ich lehne in einem alten Polstersessel, auf meinen Knien ein wollenes Plaid, in der Hand die liebe blaue Teetasse und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Guten Abend, Mali-Tant, hier ist Read On.

Mali-Tant: Servus Mädi. Geht’s dir wohl?

Ich: Ah geh Mali-Tant, es geht sich schon aus. Und bei dir? Ist das Ziehen im Kreuz besser geworden?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, irgendein Ungemach hat man immer. Es geht sich schon aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann sage ich:

Ich: Sag Mali-Tant, wie wird die Wahl morgen gehen?

Mali-Tant ( schnauft empört): Ah geh, eine Schand ist es diese Wahl. Am Donnerstag auf dem Weg zum Greißler hat mir so ein Hofer-Burschi einen Apfel hingehalten und irgendwas von der ganzen Süße Österreichs schwadroniert. No, hab i zu dem Burschi gesagt, im Dezember hat es wohl kaum süße Äpfel in Österreich. Richtig schiach is da der Burschi worden und hat eine Keiferei angefangen. Dass er satt habe mit den ganzen Vernaderern, die ihm sein schönes Österreich madig machten. So a Zwiderwurzn! Nur weil ich ihm hab sagen müssen, dass sein Hofer-Apfel aus Argentinien ist und net aus dem Tirol.

Gestern dann, auf dem Weg zum Friseur stand scho wieder so ein Gelackter auf der Straße und hielt mir ein Zuckerl hin. Für van der Bellen! Ah geh, hab i dem Lackafferl gesagt, ich bin doch kein Zirkuspferd, dem man ein Zuckerl gibt. Ganz geschnappig war der Gelackte da gleich und hat angefangen auf die alten Leut zu schimpfen, die die Faschisten groß machen. Geh, habe ich dem gesagt, was wissen Sie denn scho von den Faschisten? Dann bin ich gegangen.

Ich: Ach Mali-Tant, dass ist nicht Recht.

Mali-Tant: Kannst nix machen gegen die Großkopferten. Heut in der Früh bin ich nochmal beim Greißler gewesen. Wegen der Eier. Sollst doch halt auch Vanillekipferl und Makronen kriegen, wenn i dir schon zur Last fall zu Weihnachten.

Ich: Mali-Tant, jetzt lass aber gut sein, noch nie bist du mir lästig geworden.

Mali-Tant: Wir oiden Leut sind immer lästig. Scho recht. Jedenfalls bin i nunter zum Greißler der Eier wegen und da hat der Greißler, i kenn den schon, da ist der noch a Lehrbub gewesen, getönt, dass jetzt wieder Ordnung einzieht in Österreich und dabei ist der selbst Jahr und Tag schwarz hackeln gegangen. War eh klar, dass dann auch die Prokol in die Greißlerei geschlichen kam mit ihrem Gered vom mit dem Besen das Land einmal richtig auszukehren. So a Blunzen! Den andern Tag hat sie noch bei der Marktfrau getönt, dass ihre Eltern scho immer Antifaschisten waren und jeden Tag in der Woch’ hatten sie einen anderen Juden unter dem Bett versteckt. Die Mali-Tant seufzt.

Ich: Ach, Mali-Tant.

Mali-Tant: Weißt Mädi, ich würd so gern in der Zeitung mal wieder was über die Oper lesen.

Dann sprechen die Mali-Tant und ich über den Quarkstollen den meine Großmutter in der kühlen Speisekammer lagerte und immer erst am Weihnachtsabend anschnitt, ihren Vater der wie sie die Oper liebte, über die Zugreservierungen Wien-Berlin, denn das alte Österreich in dem die Mali-Tant und mein Urgroßvater geboren wurden gibt es schon lange nicht mehr, auch nicht wenn die einen es beschwören und die anderen nicht mehr wissen, was sie eigentlich verdammen.

Alles ganz natürlich!

Was man weiß ( schon immer ): Ärzte sind alle Halsabschneider ( besonders Orthopäden)- Diagnosen googelt man am besten selbst ( Der Doktor will ja doch nur verdienen)- Was der hat dir kein Rezept geschrieben?-Scharlatan!!!!- Geh doch zur X. die macht Naturheilkunde- alles ganz natürlich- (Was wegen so etwas gleich ein Rezept?)-Der will ja nur verdienen!- Chirurgen sind alles Alkoholiker- der Arzt vom Y. hat auch gesagt: Impfen ist gefährlich!- Ärzten darf man gar nichts glauben- Die Osteopathin fühlt sich immer so ein, da habe ich 100% Vertrauen- die Ärzte stecken ja alle (!!!!) mit der Pharmaindustrie unter einer Decke- „dagegen gibt es auch etwas auf Schlangenöl-Lakritzwurzel-Basis-da-schwören-auch-die-Inka-drauf-(das Rezept hab ich gleich weggeworfen)-Ärzte wollen alle nur verdienen ( besonders Internisten )- Kardiologen sind öfter auf dem Tennisplatz als im OP- Ärzte wollen alle nur verdienen ( am schlimmsten sind die Radiologen)- Kreuzbandriss?-Ach was, deine Muskeln sind nur nicht im chi, ich gehe seit Jahren schon zu einer Frau, die hat wirklich heilende Hände- ( Haben sie überhaupt studiert?)- in Grey’s Anatomy sind die Ärzte irgendwie attraktiver- ( da geht niiiiie jemand ans Telefon- die machen wirklich immer Kaffeepause)- der Doktor hat den Opa totgespritzt- 99,9% aller Operationen sind vollkommen überflüssig-( die wollen nur die Betten vollkriegen )- im Krankenhaus holt man sich den Tod-( bei der Visite hat der Arzt überhaupt nicht zugehört, als ich ihm erzählte, dass meine Mutter an einer Fischgräte erstickt und mein Uropa mit sieben den Keuchhusten hatte, dabei sagen alle, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft )- alle Ärzte wollen nur verdienen- alle wissenschaftlichen Studien sind gekauft ( die Z. sagt, dass die K. also die Freundin der D. sagt, dass die Ärzte pro verschriebenem Medikament eine fette Provision einstreichen)-Ärzte wollen alle nur verdienen- Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit beim Segeln- ( da will ich aber eine zweite Meinung hören)- Die Ärztin von der G. hat auch gesagt, dass die alten Hausmittel doch die besten sind. Ärzte wollen alle nur verdienen.

Alles kann man über Ärzte sagen, nur man kann nicht sagen, dass nicht alles über Ärzte gesagt wird und sich über Ärzte zu beschweren ist längst schon ein Breitensport geworden. Es gibt vielfache und in vielen Fällen berechtigte Kontrollinstanzen, es gibt Bewertungsportale und es gibt eine Vielzahl an berechtigten Richtlinien, die nicht nur für Ärzte, sondern vor allem auch für die Pharmaindustrie gelten. Ein Arzt ist schon längst kein Halbgott mehr, sondern nur eines von vielen Angeboten, das Menschen wahrnehmen. Das Misstrauen aber gegen ärztliche Empfehlungen ist um es freundlich zu formulieren nicht gerade klein, gerade deswegen bin ich gelinde gesagt doch erstaunt, werben medizinische Laien für Hustensaft, dem sie im besten assoziativen Verfahren allesamt enorme Wirkkraft unterstellen, dessen  Wirkstoff ( und dessen Verträglichkeit ) jedoch umstritten sind. Besieht man sich die Inhaltsstoffe taucht dort auch Sorbitol auf, ein mehrwertiger Alkohol, der nicht für Taumelei auf der Gasse sorgt, sondern dafür sehr häufig Durchfall verursacht und in pädiatrischen Zusammenhängen keineswegs als natürliches Helferlein gilt. Dass dies nun auf Elternblogs  die Runde  macht , finde ich doch nachhaltig irritierend.

Wenn auch Heilpraktiker kein geschützter Begriff ist, erstaunt mich, dass Medikamente inzwischen auf Blogs empfohlen werden wie Lindtschokolade oder Hallenturnschuhe, ohne auch nur erkennbare, medizinische oder pharmazeutische Kompetenz nachweisen zu wollen oder zu müssen. Ob da wieder das Zauberwort ( ist doch alles ganz natürlich) oder die lange Kette :“aber bei Pia-Marie-Luca-Charlotte“ hilft es doch auch, die Versicherung bietet, weiß ich nicht. Warum sich aber die sonst so allgegenwärtige Kritik so vornehm zurück hält, die doch im Arzt und Apotheker stets das Dunkle und Böse vermutet, kann ich kaum begreifen. Vielleicht ist das auch nur ein Beispiel dafür, dass längst wahr ist,was Michael Gove so verächtlich ausspie: „people in this country have had enough of experts”, dafür übernehmen dann die, die es nicht wissen können, aber es dafür fühlen.

( Frau Doktor, es ist Krebs! Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen )-Alle Ärzte wollen nur verdienen-Ich hör da lieber auf meine Intuition- ( Ärzte sind auch nur Menschen.)